Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 28 (8.4.1938)
- Date
- 1938-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28, 8. IV. 1938 jüdische Rundschau Seife 3 Die Juden in Teheran Von Dr. Walter Fische 1, Jerusalem Wir sftzrn heule die Aufsatzreihe Ober die orientalisch• jüdischen Gemeinschaften fort. Die früheren Artikel erschienen in den Nr. 87, 95 (192()), 2, 21:25, 72, 74/75 und 76/77 (1937). (Red.) Als im Jahre 1786 die , ..... sehen Thron bestieg, wurde das damals unbedeutende und i Norden ■des persischen Reiches gelegene Städtchen T e h e - ran wegen seiner Nähe zu den Domänen der Dynastie zur Hauptstadt erwählt und blieb die Residenz der persischen Schahs bis heute. Gründung; der Gemeinde Damals zählte Teheran nur wenige Tausend Einwohner, unter denen es wohl ganz wenige Juden gab. Heute hat Teheran eine Gesamtbevolkeruug von 4M 000, unter der sich etwa 10 000 Juden befinden. Die j, lisclic Gemeinde in Teheran ist!111 Verlauf von 150 Jahren zahlenmäßig die stärkste in ganz Iran geworden; sie entbehrt aber als eine der j ii n g s ten j ii d i - sehen S i c d I u 11 g s p u n k t e jeder jüdischhistorischen Bedeutung. Was sich an jüdisch relevanten historischen Statten im Norden und Osten Irans befindet, liegt außerhalb Teherans, in Rav, dem Raglics des Buches Tobit, dessen Ruinen jetzt von einer amerikanischen Expedition freigeiegt werden und in dem Dorf Demaweud, von dessen alter jüdischer Siedlung noch beute sichtbare Grabsteine und auch viele Legenden zeugen, z. B. über eine alte unterirdische Ver- Bindung zwischen diesem alten Friedhof und Jerusalem. Im Gegensatz zu Teheran ist I s f a 11 a 11, im Süden des Reiches gelegen, die ei!1str׳;e Hauptstadt der Sefewiden-Dvnästic, nicht nur eine der schönsten Städte, sondern auch eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Persien. Von keiner anderen jüdischen Siedlung Persiens läßt sieh eine solch kontinuierliche Cieschichte nachweisen wie von Isfahan. Der Ursprüngliche Name des alten Isfahan, nämlieh Jahudijja, Judenstadt, hat schon früh altpersische, arabische und armenische Chronisten bewogen, dem Grund für diese so auffallende Benennung nachztigehe». Diese Quellen haben eine Legende, wonach der Ursprung Jahudijjas und der jüdischen Gemeinde aut' [esdegerd, auf Shapur oder auf Alexander den Grollen zurückge'führt wird. Jedoch die meistverbreitetste Legende über den Ursprung von Jahudijja will diese ״Judenstadt־' mit Nehukaclnezar verknüpfen. Ihren literarisclien Niederschlag fand diese Legende (im 9. Jahrhundert) in folgender arabischer Form: ״Als die Juden von Jerusalem auswaiiderten, vor Nebukadnezar fliehend, nahmen sie Proben von den! Wasser Jerusalems und seinem Boden mit sieh. Sic ließen sich au keinem Lagerplatz und keiner Stadt nieder, ohne Wasser und Boden zu prüfen. So verfuhren sie, bis sie in die Stadt Isfahan gelangten. Sic stiegen an einem Ort bei Isfahan ab, .... prüften das Wasser und den Boden und fanden, daß beides wie das Wasser und der Boden Jerusalems war. Darauf ließen sie sich dort nieder, begannen mit dem Bebauen, zeugten Kinder und Enkel, und heute heißt ihre Siedlung Jahudijja.“ Wenn auch die Verknüpfung Isfahans mit Nebukadnczar historisch nicht nachgewiesen werden kann, so ist doch sicher, daß Isfahan neben Hamadan, dem alten Achmathea, Ekbatana der Bibel, d i e historische jüdische Gemeinde Persiens darstellt. Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung; In Teheran hingegen ist die jüdische Gemeinde nicht nur neueren Datums, sondern auch 1m höchsten Grade traditionslos uneinheitlich und zusammengewürfelt. Schon die Namen der Teheraner Juden lassen erkennen, daß sich hier Juden aus Jesd, Kascha, Schiras, Gulpaigatt u. a. Orten zusammengefundeu haben, die bis heute nicht einmal ihre lokaldialcktischen Verschiedenheiten überwunden und sieh auch gesellschaftlich noch nicht zu einem Organismus zusammen־ geschlossen haben. Als die Hauptstadt des Reiches zog Teheran naturgemäß im Laufe ihres Bestehens die verschiedensten Elemente aus dem Westen und dem Norden an und immer wieder kamen jüdische Linwamleningswellcn nach Teheran. Neben der hauptsächlichste!! Gruppe, den persischen hohen Feiertagen jüdische Bettler in den Synagogen um Geld zu bitten pflegen. Aberglaube und praktische Kabbala spielen eine beträchtliche Rolfe. Es ist für sie ein durch die islamische Umgebung wohl nur noch verstärkter Brauch geworden, zu gewissen Zeiten an alte Grabstätten von Ch.ichamim, Gelehrten und Propheten zu pilgern. Unter diesen Wallfahrtsorten stellt die vermeintliche Grabstätte von Mordechai und Ester in Hamadan, dem Schushan habira der jüdischen Tradition, das größte Heiligtum der persischen Juden dar. Daneben spielen die vermeintlichen Gräber von Sarach bath Ascher bei Isfahan, von Daniel in Tustar, von Habakuk (Tuiserkan), Zippora (in Qum), der Friedhof Jüdische Teppichweber und -fürher Juden, finden wir dort Jud< (Marranen aus Meschhed), russische Juden (Flüchtlinge vor dem Bolschewismus), bucharischc Juden, französische Juden seit der Gründung der Schulen der Alliance Israelit e Universelle und schließlich seit dem Jahre 1933 Juden aus Deutschland. Jede dieser fünf Schichten lebt fast völlig isoliert, und die gegenseitige Fremdheit ist überraschend. Da es keine Gemeindcorganisation gibt, auch keine Wohlfahrtscinrichtungcn, wird die jüdische Bevölkerung überhaupt nicht erfaßt und die großen Unterschiede, die nicht nur geograpliisehe sind, sondern auch solche des geistigen Niveaus, des Charakters, der sozi- Djeil ul-lslam י Gelehrte 1 s Deutschland bleiben weiter erhalin der l’rnjesserentruchl der Uniten. Nur diejenigen, versiliit in Teheran die im ״Mahal! ״!-Jahud“ wohnen, im ״< jlietto“ (und nicht in Hasanabad oder anderen Stadtvierteln), bilden eine Einheit, aber meist im Negativen, in der Gemeinsamkeit der Krankheiten, der unhygienischen Wolinweise, des sozialen Elends, in den primitiven Eß-Sitten und in dem religiösen Kult und Aberglauben. Teppiche ersetzen Stuhl und Tisch, so wie Finger und Hände Ciahet und Messer überflüssig machen. Ihre Synagogen entbehren jedes Prunks, und der Gottesdienst in scfardischem Ritus, nach West c 11 gerichtet, hat nichts Anziehendes. Bezeichnend für den Nietiergang ihres religiösen Lebens ist cs, daß selbst am Schabbat und in Gilad u. a. und die von Esra, Jecheskel, Nahum 11. a. aut irakischem Gebiet eine besondere Rolle. Abbildungen dieser Grabstätten, wie auch der palästinensischen heiligen Stätten (Klagemauer, Rachels Grab, Grab von R. Meir Baal Hanes uswl) findet man häufig in Teppichcn und Wandbehängen von persischen luden eingewirkt. Es war ein überraschender Anblick, auf der Lalesar,der Haupt- Straße Teherans, solche jüdischen Teppiche mit hebräischen Bibelversen in den Läden hängen zu sehen. Berufsschichtung Von einem besonderen Einfluß der persischen Juden auf das Wirtschaftsleben kann nicht gesprochen werden. Was Lord Curzon im Jahre 1892 sagte, daß die persisehen Juden selten ״a leading mcrcantile position“ einnehmen, w׳ar und ist noch heute riätfig; vielleicht konnten sie ihre wirtschaftlichen Fähigkeiten wegen der Konkurrenz, der Armenier nie richtig zur Entfaltung bringen. Für die ökonomische Lage der persischen Juden könnten ihre ärmlichen Wohnverhältnisse ein deutlicher Maßstab sein. Die Enge, die Ueberfülle an Menschen auf kleinem Raum, der Mangel an Luft, an Himmel ist geradezu erschreckend. Ihre Hauptbeschäftigung ist der Handel mit Teppichen, mit Textilien, Antiquitäten, Luxusartikeln in all seinen Abzweigungen, vom festen Stand im Bazar bis zu dem Althändler und wandernden Krämer, der mit seinem Bündel Ware über Land gebt und nach Wochen erst wieder heimkehit. In Teheran ist die ökonomische Lage der Juden dank der Nähe des Hofes, der Regierung und der Konsulate etwas besser als in anderen Gemeinden. Die Lalesar — die Hauptgcschäftsstraßc Teherans — weist sehr viel jüdische Läden großen Formats auf. Die Juden sind auch in allen Hand - werken vertreten, als Kupferschmiede, Schuster, Schreiner, doch arbeiten sie meist nur für die jüdische Bevölkerung im Ghetto. Auch Weinlicrstelier, Musiker und Professoren sind sie vielfach. Einfluß bei den höheren Schichten erlangten die Juden nicht durch finanzielle Hilfeleistungen, Gcldlcihe tisw., sondern durch den Beruf des Schneiders, in dem sie eine große Vollkommenheit erlangt hatten, so daß sie mit Armeniern und Indern, ihren stärksten Konkurrenten, wetteifern konnten. Der jüdische Hofschneider in Persien ersetzte den Hofbankier in andern Ländern. Auch im Buchdruck wesen sind die iuden stark vertreten. Wo Juden in Persien wirtschaftlich edcufendere Positionen einnehmen, wie z. B. im Transportwesen, als Agenten von Autofinnen, Besitzer von Garagen «sw., da sind es fast ausschließlich Bagdader Juden und keine persischen. Und sollte es wirklich wohlhabende persische Juden geben, dann leben diese nicht in Persien, sondern in Paris! Von den freien Berufen stand den Juden nur die ärztliche Tätigkeit offen, und manche Familien haben darin eine gewisse Bedeutung erlangt. Der Schah Nasr ad-Din (vgl. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 74/75 vom September 1937), hatte persische Juden als Leibärzte, bevor er einen osterrcichischen Juden, Dr. Pollak, als Leibarzt und Professor nach Teheran holte. Der Beruf des Rechtsanwaltes ist den Juden völlig verschlossen, und es gibt keinen einzigen Juden in dieser Tätigkeit. Kulturelle Anteilnahme Es gab einmal Zeiten, in denen Juden Träger persischer Kultur waren und den Ruhm Persiens bis an die äußersten Grenzen verbreiteten. Es sei nur an die berühmte dreisprachige Sieges-lnschrift von Darius erinnert, an jenes Relief an der Felswand von ßehistun, aus dem 6. Jahrhundert v. Chr, (51b v. Chr.), dessen Entzifferung erst im 19. Jahrhundert (1893) durch Rawlinson gelang. Von dieser welthistorischen Inschrift des Darius — in drei Sprachen (altpersisch, damisch, assyrisch) — wurde vor kurzem eine aramäische Ueberselzung gefunden, angefertigt von einer jüdisch-persischen Militärtruppe vor ihrem Abmarsen nach Elephantine in Oberägypten (um 458 v. Chr.) zum Schutze der persischen Grenze. Im Jahre 1912 hat man auf Papyrusblättern unter den berühmt gewordenen Elephantine-Papvri auch Bruchstücke jener Siegesinschrift in aramäischer Üebcrsctzung (aramäischer Sprache und Schrift) entdeckt und damit erkannt, wie diese persische Juden bemüht waren, die Ruhmestaten des großen Darius, jenes Herrschers, durch dessen Förderung der Raunt im Land Erez Israel hat die Eigenschaft, sich auszudehnen, wenn die Kinder Israel aut seinem Boden leben — sich aber zu verengen, wenn die Kinder Israel nicht auf seinem Boden leben. TalmudtrakM GHtin Tempelbau in Jerusalem vollendet werden konnte (Esra 6, 25), auch in ihre Diaspora hmauszunefimen. Juden waren auch früh Träger der persischen Sprache. Es sei nur erwähnt, daß das älteste Dokument der neupersischen Sprache ein aus dem 8. Jahrhundert (712) stammender persischer Handelsbrief, mit hebräischen Leiten! geschrieben, ist, den Sir Aurel Stein in CI1i!1esiscl1-Turkestan (in Clmtart) gefunden hat und der uns beweist, daß Juden halfen, die persische Kultur auch nach dem Osten zu verpflanzen. Es sei auch daran erinnert, daß der erste und älteste Druck in persischer Sprache die persische Pentatcuch-Uebcr- Setzung des Juden Jakob b. Josef Taus in Konstantiiiopcl ist (1542), seit der Erfindung der Buchdruckerkimst das erste persische Schriftwerk überhaupt. Wer heute als Jude aufmerksam die Schätze der persischeu Museen, Moscheen und Bibliotheken prüft, wer durch die Paläste und Bauten des Schah Abbas in Isfahan schreitet, wird mit Stolz, feststell!.׳!! können, wie stark die persische Kunst in jeder Art von der Bibel beeiltflußt worden ist. Aus den Wandmalereien, aus den Motiven in der Teppichweberei, in den Silberarbeiten, in der großartigen Miniaturkunst und in Poesie und Prosa ihr persischen Klassisprechen zu uns’ jüdisch-biblische Elemente und Motive, biblische Erzählungen und biblische Gestalten, ln Kunst, Malerei und Literatur hat die Bibel durch das Medium des Koran -. ihre deutlichen Spuren hülteriassett. Man denke möglich gewesen P '"''1 ״״‘‘־ ' ״ Der Einfluß der Juda: in Persien isf in den letzten Jahrdem Gebiete des Kulturml er Wirtsdta ft-lcbens ui du mehr Siehe steht ein junger Teheraner lüde. S u 1,1 i m a!1 <S a 1 oman) C b a j i m, Absolvent th> Aiheiican College in Teheran. Er ist wohl der einzige Jude, der Werke in persischer Sprache und sogar in persischer Schrift geschrieben und verötfentlicht hat. Gegenwart, Azizullah Naim, za nenne», dessen ausgezeichnete Beherrschung des literarischen Persisch ihm Zutritt zu dem persisch-literarischen Klub versdiaift hat. Mit den Dichtern und Schriftstellern des neuen Iran steht er in regstem Gedankenaustausch, und als ich in diesen Kreis eingeführt wurde, konnte er es wagen, mich in klassischem Hebräisch zu begrüßen — eine Neuheit für diesen Kreis kulturellschöpferischer Perser. Dieser Azizullah bereitet ein h e b r ä i s c h - p e rs isch es Wörterbuch vor, das für die kulturelle Hebung der persischen Judenhcit von größtem Einfluß werden kann. Er war der Herausgeber der im Jahre 1920 vorübergehend erschienenen hebräisch-persischen Zeitung ״Chajim“, verötfent- Uchte eine kurze Geschichte des Zionismus in Persisch mit hebräischen Lettern und übersetzte Gedichte von Bialik ins Persische. Ein Kulturfaktor von nicht geringer Bedeutung stellt auch die Verlagstätigkeit der Brüder B e r 11 k h i in, Juden aus Teheran, dar. Sie gaben im Aufträge vier Regierung die Jubiiäumsausgabe von Eirdusi’s Schah!!,anie heraus und bereiten andere Auflagen von persischen Klassikern vor. Die Brüder Berukhim sind aber auch zugleich aktivste Förderer einer modernen jüdischen Erziehung. Mit diesen wenigen N.inum erschöpft sich schon die Auf- Zahlung führender Juden in: persische» kiiinirellei! Lehen von י׳ : Grab des persischen Königs Cents in Persepolts bei Schiras heute. Die jüdischen Gelehrten (Aer/ie, Techniker und lngenienre) aus Deutschland, die heute an der IJniversität in Teheran und anderswo wirken, sind viel zu kurze Zeit im Lande, als daß sie schon als ein fester Bestand des persiselten Lehens betrachtet werden könnten. Immerhin haben sie in Teheran schon etwas aus eigener! Kräften geschaffen, was erwähnt zu werden verdien!, nämlich ein Kammer- Orchester, das regelmäßig Konzerte abbält. Inneres Leben Man müßte erwarten, daß in Anbetracht der Nidifbetciligttng der Juden am öffentlichen Leben Persiens sieh all ihre geistigen Energien der Pflege der eigenen jüdischen Kultur, Sprache, Literatur zugewandt hätten. Das ist nicht der Fall. Seit Jahrhunderten ist jede jüdisch-kulturelle Tätigkeit der persischen Juden gelähmt gewesen, und als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Schulen der ״Alliance lsraelite Universelle“ gegründet wurden, waren es die tränzösi sehen Direktoren dieser Schulen, die die gegebenen Führer wurden und nicht persische Juden. Erst nach dem Weltkrieg zeigten sich deutliche Ansätzc einer beginnenden jüdischen Regeneration — dank der PaUistinabewegung, die gewisse Schichten der persischen Juden erfaßt hatte. Ein kleiner Kreis bewußter Juden gründete 1917, und zwar als Auswirkung vier Ralfoar-Deklaration und im Zeichen der jüdischen Renaissance, in Teheran eine ״Ge- Seilschaft zur Verbreitung der hebräischen Sprache“, deren Tätigkeit ihren deutlichsten Ausdruck fand in der Verötfentlichung des ersten hebräischen Lehrbuchs in persischer Sprache und in der Herausgabe einer jüdisch-persischen Zeitung und jüdisch - historischer Werke. Durch diese hebräixche Bewegung wurde I eherait Sitz des hebräischen Druckes, während bisher alle literarischen Bedürfnisse der persischen Juden von Jerusalem aus befriedigt worden ,waren.