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Jüdische Rundschau · 1938-04-01 · Heft 26 (1.4.1938) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 26 (1.4.1938)
Date
1938-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JomscHF PiiNinsrHAn Nr. 26, 1■ IV. 1938 Frankreich legalisiert Immigranten Vob unserem Berichterstatter die moldauischen Fürsten, die unter türkischer Oberhoheit dieses Bauernland beherrschten, vor 150 Jahren die Juden ins Land riefen, war das alte Deutsche Reich eng benachbart: in dem östlichsten Ausläufer Oesterreichs, der Bukowina, war ein vorgeschobener Posten Mitteleuropas, westlicher Kultur und Verwaltung. Die Juden konnten damals eine unschätzbare wirtschaftliche Funktion erfüllen; sie waren Kaiiflcute und Spediteure, die ihre Handelsverbindungen iin Ausland hatten und die Waren vom Schwarzen Meer bis Hamburg brachten. (Noch heute spricht man in manchen Gebieten von den Juden als ,,Spediteuren“.) Diese Juden des alten Stils lebten dabei in ihrer frommen Weise nach den Gesetzen der Religion und lernten Thora. Seit damals ist viel Wasser den Pruth lierahgeflossen, die Juden haben, wie einmal gesagt wurde, die ״Lücken“ der Ökonomischen Struktur immer wieder zu füllen gehabt. HranKen-tfarsichsrung Philipp IleHo Auch beute noch kann man es beobachten. Aber die alten Handclswegc wurden durch die politischen Ent- Wicklungen zerrissen, neue Grenzen entstehen, die überschüssige Bauernbevölkerung strömt in ehe Städte, der Nationalismus des 1(). Jahrhunderts schafft neue Bedürfnisse und eine neue Mentalität. Die eigenständige Intelligenz und Mittelschicht übernimmt die städtischen Positionen. Das Ende des Weltkrieges bedeutet hierin eine besonders merkbare Etappe, und der!נחיzeß, der 191S eiiigdcitet wurde, ist noch lange nicht zu Ende. In diesem weiten Gebiet, über das Völker- und Kulturwclien binweggegaugen sind und ihre Spuren hintcrlassct! haben, bildet sich eine neue Welt. Auf den ersten Blick winde cs scheinen, daß auch hierbei die Juden ein kon-aruktivcs Element der Mitarbeit sein konnten, und man sicht an manchen Plätzen deutlich die Ergebnisse jüdischer Aktivität und jüdischen L’nternehnnirigsgeiatcs. Die spe/kmclum Fähigkeiten, die gerade viele Juden infolge ihrer früheren Zugehörigkeit zu andern Kulturkreisen mitbringen, könnten sich hier fruchtbar;umwirken, in der Tat sieht man auch solche Tendenzen. Auf der anderen Seite aber muß man hedenken, daß eine ungeheuer verarmte jüdische Mrose vorhanden ist, die kaum eine Zukunft vor sich sieht, da die Einord!mng-ummjichkeit in die Wirtschaft für die Juden immer geringer wird. Alle (Etlichen Städte von Krakau und Warschau bis Oernowitz und Bukarest haben ihre jüdischen Armenviertel und Luftexistenzen, ln Czernowitz, wo es eine jüdische Bevölkerungsmehrheit und einen (heute sich recht armselig präsentierenden) Theodor Her/l-Plafz gab, beobachtete ich jüdische Kinder, die, statt in die Schule zu gehen, alte Fetzen von Müllhaufen sammeln, während die Mütter durch Fußbodcnwaschen die notdürftigen Mittel zum Leben verdient; die Abfälle werden für 2 Lei das Kilo (= 5 Pfennige) verkauft. Aehnliehe erschreckende Verfallserscheinungen gibt es überall, und man fragt sich, was aus diesen ohne Erziehung und ohne Aufsicht aufwach senden Menschen werden soll. Anderswo w ieder sicht man jüdische Typen, wie man sie nicht wünscht, levantinisicrte Elemente, losgelöst von der alten Bildungstradition, ganz eingetaucht in ein materialistisches Dasein, das freilich mci-t auch keine Früchte trägt. Und auch v11״ den wohlhabenden Juden sind viele recht weit cmfernt von jüdischem (iemeinsehaftsgeist und Venintwnrtungsgcfiihl. (legen all diese negativen Tendenzen des jüdischen I ebens führt der 7. ion i s in 11 s einen heroischen Kampf. Der indische Reisende findet sieh zu Hanse im zionistischen Kreise, und tiimi bewundert die Bemühungen dieser Freunde (besonders rühmend seien die Frauen der Wi/o genarsnt), ein neues ()!•«.chleclit für Palästina vorzubereiten und \״!morgend auf eine geregelte Auswanderung hinztiarbeiten. Ls mag erwähnt sein, daß für viele ganz Renten- Altersversorgung u. and. Versicherungen Victor Sand, Berlin c'2, Neue Promenade 4. Tel. 42 60 35, weit von Berlin abgelegene Gebiete die ,,,Jüdische Rundschau“ cs ist, die die Verbindung mit Paliistitia und der jüdN J1cn (h-samt-Vcrantwortung 11erstellt; man ist fast beschämt (und doch auch erfreut) von den vielen freundlichen Worten, die bei solchen Begegnungen unserer Zeitung gewidmet werden. Die Juden heit dieses großen Ostens steht aber noch am Anfang ihrer Aufgabe. Die jüdische Masse, zwischen der immer mehr schwindenden Macht der Religion und der zersetzenden Wirkung einer nur halb verdauten, oberflächlich angeflogcncn Moderne stehend, ist mach unervveckt, ist in Gefahr, haltlos zu werden, ist der Notwendigkeit völliger Umgestaltung ihrer Lebensform nicht gewachsen. Es müssen Männer kommen, die dieses Volk erziehen, aufrütteln, ihm ein großes Ideal geben, die es lehren, für etwas Höheres zu leben und das große Erbe ihres Volkes wieder auf/unehmen. Die Botschaft eines neuen, menschenwürdigen Daseins ist K. Pari s, im März Die Lage der aus Deutschland nach Frankreich eingewanderten Juden hat sich in den letzten Monaten wesentlieh gebessert. Die Lösung des kcfugieproblcms ist allerdings Frankreich wesentlich durch die Abwanderung des größten Feiles der Einwanderer erleichtert worden. Von ca. 00 000 Einwanderern, die in den Jahren 1933 — 1037 nach Frankreich aus Deutschland kamen, sind nur ca. 10 000 bis 15 000 in Frankreich geblieben. Unter diesen gibt es eine Anzahl von vermögenden Leuten, die in Frankreich neue Industrien gegründet haben oder sich an bestehenden beteiiigten. Auch den übrigen ist es in den letzten Jahren, die für die Mehrzahl der Einwanderer Jahre des schwersten Kampfes mit wirtschaftlichen und administrativen Schwierigkeiten waren, gelungen, sich — teilweise mit Unterstützung der Hilfsorganisationen — bescheidene Existenzen zu gründen und mehr oder weniger festen Full zu fassen. Nach den letzten Angaben des Pariser Refugieeoinites hat dieses in der Periode 1936 37 noch 6300 Besucher empfangen und hat 4700 Personen hei der Exisfen/gnindung behilflich sein können. Auch die administrative Lage der meisten Einwanderer ist in der Zwischenzeit reguliert worden oder befindet sich auf dem Wege zu einer Legalisierung. Nachdem bereits seit mehreren .Monaten die administrativen Maßnahmen gegen Flüchtlinge nicht mehr mit der früheren, teilweise sehr großen Schärfe angewandt wurden, hat sich Frankreich durch seinen Beitritt zum Genfer R e 111 g i c ־ abkomm en bereit erklärt, den meisten in Frankreich lebenden Emigranten einen gültigen Personalausweis, den sögenannten R e f u g i e p a B, zur Verfügung 711 stellen, der ihnen die Aufenthaltserlaubnis sichert und gleichzeitig auch eine gewisse Freizügigkeit hei Reisen gewährt. Mit der Ver-!cilung dieser Rehigicpässe ist von den französischen Behörden bereits begonnen worden. Das bedeutet natürlich nicht, daß Frankreich bereit ist, allen illegalen Einwanderern nunmehr eine Aufenthaltserlaubnis zu gewähren. Jeder einzelne Fall wird sorgfältig gepriift werden, doch ist von französischer Seite eine woTihvollende Prüfung der Anträge auf Erteilung von Refugie-Pässen /!!gesagt worden. Die nach verschiedenen Vorfällen, an denen Ausländer beteiligt waren, angekündigte verschärfte Fremdengesetzgebung ist bisher nicht durchgetiihrt worden. Wenn aber Frankreich seine Bereitschaft zur definitiven Regelung der administrativen und wirtschaftlichen Lage der zur Zeit auf französischem Boden lebenden Einwanderer zu erkennen gegeben hat, so hat es auf der anderen Seite nicht den Anschein, daß es bereit ist, einen Beitrag zur Unterbringung eines Teiles der aus .Mitteleuropa neu zu erwartenden Einwanderer zu liefern. Die schwierige innerbisher nur zu einem kleinen Teil gedrungen. Unser nationales Unglück ist, daß wir keine Führer haben, weil unsere Intellektuellen sich meist vom Volke abwenden und anderswo ihre Betätigung suchen. Man kann beobachten, daß jüdische Gemeinschaftsarbeit, sei sie auch rein auf Wohltätigkeit und gegenseitige Hilfe Briefmarken Fritz Lewin LUtzowstr.SIA gestellt, hier im äußersten Osten eher von Kleinbürgern getragen wird, von schwer arbeitenden Handwerkern und kleinen Kaufleuten, die nach ihrer Tagesarheit sich jüdischen Dingen widmen. Die gehobenen Schichten sind ״assimiliert“ und stehen abseits, und auch so manches Wetterleuchten vermag die Köpfe und Herzen nicht zu erhellen. Dies ist es, was aus der verwirrenden Fülle der Eindrücke dieses laut und heftig fluktuierenden Lebens der jüdischen Massen vor allem übrigbleibt: das Bewußtsein, daß hier eine Aufgabe noch für Gene rationen von Juden vor uns steht, diesen Menschen zu helfen, ihr instinktliafies Volksgefühl in ein bewußtes, auf Höheres gerichtetes, idealistisch beseeltes nationales Streben zu verwandeln. Die Jugend vor allem muß gerettet werden. Und wieder schweift der Blick zu den dicht gedrängten Menschenknäucln der singenden Jugendlichen auf der ״Polonia“. Sie fahren einem neuen Leben entgegen. Werden sie es schaffen? Sind sie ein Vortrupp jener unübersehbaren, dumpfen Masse, die noch der Erlösung harrt? Hat eine neue Epoche für unser Volk begonnen? Die jüdische Existenz ist von Gefahren bedroht. Wird aus den Trümmern neues Leben wachsen, für uns alle, aus West und Ost? Das alles sind keine Fragen. Es sind Imperative. * ... Auf dem Schwarzen Meer liegt dichter Nebel. Während auf dem ganzen Kontinent von Berlin bis Bukarest die Frühlingssonne in fast sommerlicher Wärme strahlte, muß die ״Polonia“ sich durch eine undurchsichtige Wand mühsam und ständig pfeifend den Weg bahnen. Nur tninutenweise sehen wir die Ufer des Bosporus. Asien und Europa schauen einander an, alte geschichtliche Plätze, ewige Straße von Ost nach West, vor, West nach Ost. Wir liegen vor Ko ns tantinopel, einst die umkämpfte Hauptstadt der mittelalterlichen Welt. Nichts ist von ihr zu sehen, der Nebel hüllt alles ein. Nur der Gedanke reicht hinüber, er umpolitische und innerwirtschaftliche Lage verbieten es der französischen Regierung, eine Initiative in dieser Richtung zu ergreifen. Einige hundert neue Emigranten sind bereits in Paris eingetroffen und bisher von den französischen Behörden unbehelligt gelassen worden. Es ist anzunehmen, daß die französische Regierung erst, wenn sich der Einwandererstrom verstärken sollte, zu den neuen Problemen grundsätzlich Stellung nehmen wird. Jüdische Ansiedlung Sn Frankreich? Nach Meldungen aus Paris hat der Unterstaatssekretär im französischen Innen 111 iriisterium, Philip Serre, einer jüdischeu Delegation Mitteilungen darüber gemacht, daß die französische Regierung beabsichtige, unter Erwägung der l äge der Juden in Mittel- und Osteuropa einer, Anzahl von illegal nach 1 •'rankreich eingewanderten Juden die Möglichkeit zur A!1 s i e d 1 u 11 g auf dem L;1 n d e zu geben. Diejcnigen, die diese!Möglichkeit akzeptieren, sollen in Frankreich bleiben können. Die Zahl der illegal in Frankreich befindliehen Juden wird auf 3 0 0 0 geschätzt. Um die Mittel zu ihrer Ansiedlmig aufzubringen, sollen die Kräfte der jüdisehen Organisationen herangezogen werden. Der Plan ist, wie Staatssekretär Serre iiiitteiite, noch nicht von! französischen Kabinett angenommen worden, aber habe gute Aussichten, vom Kabinett gebilligt zu werden. Staats- Sekretär Serre hat die Vertreter einer Reihe zentraler jüdisclier Organisationen, darunter des Joint, der Ica und des Ort zu einer Konferenz, eiiigeladen, um mit ihnen das Projekt zu besprechen. Die Organisationen sollen eine Summe von 20 Millionen Francs für die Ausführung des Plans garantieren. _ Roosevclis Aktion Sür Emigranten Die italienische Regierung, an die sich die amerikanische Regierung gleichfalls mit ihrem Vorschlag auf Bildung eines internationalen Ausschusses zur Erleichterung der Einwanderung von Emigranten gewandt hatte, hat nach einer amtlichen italienischen Mitteilung diesen Vorschlag z u r ii c k g e w i e s e n. Der amerikanische Staatssekretär des Acußercn, Cordell FI u I I, teilte mit, daß er bereits eine Anzahl von Anworten aut seinen Vorschlag erhalten habe. Er beabsichtige, eine Erklärung lierauszngebcn, sobald alle Antworten cingelaufen sind. Günstige Stellungnahmen seien cingelaufen von Belgien, Frankreich, Brasilien, Santo Domingo, El Salvadore, Haiti, Mexiko, Peru und Uruguay. faßt Räume und Zeiten. Hier verhandelte Theodor Herzl mit dem Sultan, um Palästina für die Juden zu gewinnen. Dieser Jude hatte intuitiv die Furchtbarkeit und Größe dieser Judenfrage erfaßt, die wir — 40 Jahre später — so deutlich vor Augen haben. Er gab sich ganz hin, um das Volk zu retten. Dann brach sein Herz. Und heute fahren Chaluzim, fährt diese ״Polonia“ mit ihrer Judenladung von Stambul nach Erez Israel. Einigung im italienischen Judentum Zwischen den beiden Gruppen, die bei den Wahlen zum Rat des jüdischen Gemeindcverbamles in Italien -uftraten, wurde in letzter Stunde ein Kompromiß abgeschlossen, so daß dem Kongreß des Verbandes nur eine Liste vorgelegt wurde. Einige Mitglieder der assimilatorischen Gruppe werden in den neuen Rat des Verbandes ein/iehtn. Der Präsident des Verbandes, Federigo J a r a c h, wurde wiedergewiihlt, zum Vizepräsidenten wurde Advokat Bruno Ascoli in Rom gewählt. Prof. Davido Prato, der Oberrabbiner von Rom, wurde zum Ratsmitglied gewählt. Seiner Wahl kommt infolge der vorangegangenen Differenzen besondere Bedeutung A. Hartbiodt, Berlin (. 2, Königstr.19 I Uhren / Goldu. Silberwaren | zu; sie wird als ein Zeichen der großen Schätzung angesehen, der er sich auch bei den Nieht/ionisten erfreut. Der Kongreß sandte Ergebenheitsadressen an König Viktor Ernannel, den Vizekönig von Abessinien Herzog von Aosta, Mussolini und den Generalsekretär der Faschistischen Partei Achille Starace. Schechita-Verbot in Polen tritt noch nicht in Kraft Der Marschall des polnischen Senats teilte mit, daß der Senat nicht beabsichtige, das Gesetz, das die Schechita vollkommen verbietet, in seiner gegenwärtigen Sitzung zu beraten. Es ist daher zu erwarten, daß das Gesetz vorerst nicht in Kraft tritt. Die Rabbiner in Polen proklamierten den Donnerstag dieser Woche als Fasttag wegen der Einführung der Schechita in Polen. Verantwortlicher Redakteur: l)r Robert W c 1 1 s c 11, Berlin-CharL 8 (auch verantwortlich für die Aulnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loew enstein, Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Finit, Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vorn 1. April 1936. Verlag und Anaeigenverwallung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Mcinekestr. 10. D.A. iV/1937 26800, — Drin k: Siiglried Srholem, Bcrlin-Schöneberg. DAS SPEZIALHAUS FÜR STOFFE ■ KLEIDUNG WASCHE ■ MÖBEL TEPPICHE GARDINEN AUSRÜSTUNG FÜR PALÄSTINA UND ÜBERSEE Schriftliche Bestellungen an die Übersee-Abteilung Telephon-Bestelldienst $2 OO ii ■J BERLIN Ci SPAN DAUER STRASSE KÖNIGSTRASSE GEGRÜNDET i8t§

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