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Jüdische Rundschau · 1938-04-01 · Heft 26 (1.4.1938) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 26 (1.4.1938)
Date
1938-04-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nr. 26 / Jahrgang 49 Preis 25 EpS. JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion, Verlag and Anzeigenvarwallung! Berlin W15, Malnekentr. 10 Farnrafi 019031, Telegramm-Adr•■•• 1 Orghlp. — In Fällen höherer Gewalt besteht kein Awtpruch auf Nachlieferung oder Entfettung etwa schon gezahlter Betugsgeböhren. Bezugspreis eimcblieöHch Bestellgeld je Monat RM 2,—, j* Vierteljahr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 53 (eimchliefilich Post7eiU1n**- gebühr von 10,72 Rpf je Monat), — Postscheck - Konten der Vertriebs• Abteilung für Groß-Berlin־ Berlin 7157S, für das übrige Reich: Berlin 17392 BERLIN כ״ט אדר ב׳ תרצ״ח FREITAG, 1. APRIL 1938 Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Gültig ist die Anreigenprelsllata Nr. 5 vom 1. April 1936. Die zwölfgespaltene mm - Zeile 20 Rpf, für Familien Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen, Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck ־ Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr, Mittwoch 15 Uhr. Familien Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt IQr das jüdische Volk die Schäftung einer öttentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Auf dem Schwarzen Meer Notizen von einer Palästina - Fahrt RW, An Bord der ״P 0 10 n i a“, 26. März Au! dem großen Platz in der rumänischen Hafenstadt Konstanza steht ein Denkmal des Ovid, der aus der weltstädtischen Atmosphäre Roms nach diesem damals entlegenen und kulturfernen Gebiet verbannt worden war und von hier seine sehnsuchtsvollen Briefe ״Ex Ponto“ schrieb, vom Strand des Pontus, des Schwarzen Meeres, nach dem Zentrum der damaligen Weit, — eines der ersten literarischen Dokumente des Seelenzustandes eines Emigranten, freilich anderer Art als der des Sängers des 137. Psalms, der mehr als ein halbes Jahrtausend zuvor an Babels Wassern Zions gedachte. Unwillkürlich denkt man der Jugendzeit, halbvergessene Verse tauchen aus dem Gedächtnis empor: ״Aurea prima sata est altas quae vindice nullo ... poena metusque aherant ... erant sine vindice tuti ...“ Dichter des Goldenen Zeitalters, des ״ersten“ der Menschheit, wo die Menschen ohne Strafe und Furcht lebten, das Rechte taten und ohne schützenden Richter sicher waren! Die mcssianischc Zeit, die der Jude an das Ende setzt, steht hier, bei dem Römer, am Anfang; beide aber, der Römer wie der Jude, sind darin einig, daß unsere Mcnschenwelt von diesen seligen Visionen weit entfeint ist. Der Menschheit unseres Zeitalters wird nichts geschenkt, sondern unendliches Mühen und Streben ist ihr Los. ״Unser“ Zeitalter, es umfaßt den Ovid und uns Heutige, durch alle die Jahrhunderte des Abendlandes hindurch. Wie viele tausende wandernde Juden mögen in diesen letzten Jahren an dem Denkmal .Ovids vorübergezogen sein! Sie freilich ziehen ^Kfiuicreilt RlXHLUHC VOIV C^urn cA'tUBEKQ beginnt in unserer heutigen Nummer. Die Verfasserin schildert aus eigenem Erlehen das Milieu einer (taläst inensischen Kwuzah und die Probleme, die eine neu aus Deutschland cingcwanderter Chaltizah in der ersten '/.eit ihrer Arbeit in der Gemeinschaft rorfindet. Die Schilderung dürfte deshalb besonderes Interesse erwecken, iveil sie das wieder gibt, was s e h r viele j u n g c E i n w a n d r rer aus Deutsch la n d in der ersten Zeit ihrer Einordnung in das Land und die Arbeit empfunden haben. HmiiiiiiMiiiiiiimimiiiiimiiiiiiiiiimiiiiiiiiiniiiiiiiiMiiiiHiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiniiiiiiiiiiiiniiiimimiiiiiiiiiiiniiiiiimiiiiiiiiiiiii nicht in die Verbannung, sondern heim in das alte Judenland, mit der Sehnsucht nach Heimat und Ruhe, nach der Scholle, die sie wieder bearbeiten und urbar machen können und aus der nicht nur die Frucht des Landes wachsen, sondern einmal auch wieder die echten Lieder Zions aufklingen sollen, die auf fremdem Boden nicht ertönen können. Heute ist hier nicht mehr Barbarenland, wie zur Zeit Ovids. Die gewaltigen Kulturen von West und Ost, von Rom und Byzanz, begegneten einander hier. In unseren Tagen ist Konstanza wieder in höherem Maße als früher ein Tor nach dem Osten geworden, in enger Verbindung mit dem werdenden Palästina, ln dieser Hinsicht hat Konstanza ein weit ausgedehntes Hinterland, das bis zur Ostsee reicht, die große Ebene östlich und nördlich der Karpathen, in der seit vielen Jahrhunderten Juden wohnen und wo so manches jüdische Gruppen - Schicksal abgerollt ist. Wie ein Symbol dieses räumlichen Zusammenhanges ist es, wenn man im Hafen das stattliche Schiff liegen sieht, dessen Heimathafen eigentlich an der Ostsee liegt, in Gdvnia, der Basis der ״Gdynia-Amcrika-Linie“, die seit September 1933 auch eine Palästina-Linie betreibt. Die ״Polonia“, die ausschließlich diese Strecke fährt, ist heute festlich geschmückt: sie macht ihre hundertste Fahrt von Konstanza über Stambul nach Haifa und zurück über Athen—Stambul wieder nach Konstanza (auf der Rückfahrt ist Gelegenheit zur Besichtigung dieser beiden Städte). Mit Bändern und Girlanden und bunten Wimpeln wird dieses Ereignis gefeiert, und die Ziffer 100 ist überall zu sehen, auf allen Wänden und Türen. Auch vom jüdischen Standpunkt ist dieses Jubiläuin genug bemerkenswert. Denn von den 85 000 Passagieren, die seit Eröffnung der Verbindung befördert wurden, war wohl die große Mehrheit jüdisch, darunter auch viele Touristen und Informationsreisende, Der neue Jude Neuer Menschentyp in der Geschichte — 20 Jahre ״Hechaluz“ Kampf und Aufbau — Zwischen Terror und Politik Wenn wir auf die großen Bewegungen blicken, die das Gesicht Europas und der Welt in unseren Lagen Umformer,, so spüren wir, daß nicht allein neue Vorstellungen und neue Ziele in den Völkern um iIrre Durchsetzung ringen, sondern daß ein neuartiger M c n s c 11 e ת t v p 11 s Träger dieser Ideen ist. Hs war sicher in allen Epochen der menschlichen Geschichte, die eine Zeitenwende bedeuteten, der f׳'all, daß auch die Gestalt des Menschen sich erneuerte, der aktiver Träger der Entwicklung war. Die neue Zeit, die sich in Stürmen 11111' Wellen andeutet, wird auch von einem neuen M e 11 s c 11 r u geformt, wie auf der anderen Seite die Zeit ihrerseits ihre Eindrücke in Gestalt und Seele der mitlebenden Generation hinterläßt. Es kann nicht übersehen werden, daß es unter uns Juden eine große Zahl von Menschen gibt, die diese Zeit nicht nur als eine schwere Erschütterung ihrer eigenen bisherigen Lebensbasis empfinden, sondern die trotz allen Sorgen und Nöten des Tages den Hauch der Geschichte spüren, der aus den Ereignissen weht. Und manchen beschleicht vielleicht einmal ein Gefühl der Sehnsucht nach etwas Neuem, Großem, Umwälzendem im jüdischen Leben, wenn er sieht, wie die Völker Geschichte machen, und er ist bedrückt von dem Bewußtsein, daß die jüdische Gemeinschaft nicht jenen Aufschwung, jene Zusammenfassung zu großen Zielen und einem verpflichtenden Ideal findet, deren sie bedürfte, um in schwerer Zeit zu bestehen. An diesem Gefühl ist sicher etwas Echtes und Begründetes, wissen wir doch selbst am besten, wie groß der Teil des jüdischen Volkes ist, der auch heute noch ein Leben fast ohne Geschichtsbewußtsein führt, weil er nicht erkannt hat, daß die Stunde der Entscheidung über die Zukunft der Judenheit gekonunen ist, und weil er noch nicht merkt, daß das Leben des einzelnen Juden unauflöslich mit dem Geschick des jüdischen Volkes verbunden ist. Unkenntnis der eigenen Lage und Trägheit der Seele sind die beiden Mächte, die auch heute noch das jüdische Volk nicht zu jenem Zusammenschluß seiner Energien kommen lassen, deren es so sehr bedarf, um sein Recht auf Leben zu sichern, liegt doch in diesem Zusammenschluß die einzige Gewähr dafür, daß es trotz Zerstreuung und äußerer Machtlosigkeit Herr seines Schicksals bleibt. Dennoch wäre es verfehlt, sich zu der Annahme verleiten zu lassen, es gäbe im jüdischen kolke unserer Tage nicht jene Kräfte der Erneuerung, die einen neuen Mmseilen typ als ihren Träger erfordern. Ein Blick nach auf die Jugend des jüdische״ Volkes in den . Ländern Wochen zw: 111/ig (,ihre vergangen, seitdem in Rußland die Pionierbewegung des C h a I u z gegründet wurde, damals, als zusammenfaiid in dem heißen Wunsch, ein neues Leben auf eigenem C j r 11 n d zu beginnen, Wurzel zu schlagen in der Erde der alt-neuen Heimat um! wieder ganz selbst 711 werden. Gewiß waren die Eormen neu, in denen diese Zionsjugend zsisammemrat, aber der Gedanke, der sie leitete, der ersten und zweiten Alijaii, die Bi'uim nicht weniger als die palästinensischen Arbeiter in der Vo! kriegs/rit, waren echte Pioniere, die unter unsäglich schwierigen Bedingungen die ersten Steine zum Bau der neuen Heimat /!mainmentrugett. Was nach dein Weltkriege Erbe ihrer Ideen wurde, war gew’iß in vieler Hinsicht von ihnen unterschieden, war es doch eine Jugend, die durch die Schrecken der Kriegszeit, des Burgerkrieges und der Pogrome gegangen war, und erfaßte ja die Bewegung in den Ländern ites Ostens (und zu einem kleinen Teile auch des westlichen Europa) weit größere Kreise. Diese Jugend wollte die Formen des Ghettos abstreifen, ohne sich in der Welt Europas zu verlieren, ein neues Judentum schaffen, das die Güter der Menschheit in sich uufnimmt, ohne in ihnen unterzutauclien, zugleich aber menschlich reinere Be- Ziehungen hersteilen, ohne die ein erneuertes Volksleben nicht gedacht werden kann. Ein neues Menschenideal wurde damit ausgestellt, und Hunderte, Tausende, ja Zehntaimemle bildeten sich nach ihm und versuchten, in einem Leben der Arbeit dieses Ideal zu verwirklichen. Einer von ihnen, dm zentrale Gestalt der Chaluzbewegnng in ihren Anfänge-!, lo-wph Tnimpcldor, dessen Todestag am II. Adar sich vor einiger Zeit wiederum jährte, war einer der ersten, Veiiu-Ur d,׳. m יי Glaubens a!1 durch unsere eigene Arbeit geschaffen werde!/ will. aber auch viele tausende Einwanderer aller Kategorien. Auf unserer, der 100. Fahrt, sind von den etwa 670 Reisenden 320 Palästina-Einwanderer, darunter auch eine ganze Reihe von Juden aus Deutschland. Die mehreren hundert Chaluzim sind zum größten Teil aus Polen, dazu kommt eine Gruppe Jugend- Alijah aus Danzig. Es ist das typische Bild der Auswandererschiffe, mit den singenden Gruppen, mit gehobener Stimmung der Jugend, die einer neuen Zukunft entgegenfährt, die so ganz anders sein wird als ihr bisheriges Leben. Das Schiff wirkt wie ein schwimmendes Judenland, und Offizier wie Bemannung beuchmen sich sehr freundlich und zuvorkommend. Besonders stark vertreten sind die Zionisten aus Polen, darunter der Oberrabbiner von Warschau Dr. S c 11 o r r, Mitglied des polnischen Senats, so bekannte Figuren wie Dr. Br au de, Direktor des Mädchengymnasiums in Lodz, oder Leon L c v i t e, eine populäre Kongreßgestalt. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung Danzig ist mit seiner ganzen Familie auf seiner Alijah. Rückkehrende Palästinenser, Besucher, Geschäftsreisende. Die Jugend ist mit ihrer Unterbringung und Verköstigung in der Touristenklasse sehr zufrieden. Das Essen in der Touristenklasse ist koscher (in der I. Klasse gibt es beides nach Wahl); christliche Reisende, die keine koschere Verpflegung wünschen, bekommen auf Wunsch die Möglichkeit, anderswo zu essen. Alles spielt sich sehr nett und freundlich ab. Am Schabbat gibt es natürlich einen Gottesdienst, der diesmal einen besonderen Anstrich hatte: ein Knabe wurde Bar Mi/.wa und zum erstenmal zur Thora gerufen, und Oberrahbiuer Schon־ hielt ihm eine Ans! rache. Fis ist gewiß ein unvergeßliches Erlebnis, auf der Reise nach Erez Israel in die Gemeinschaft der jüdischen Männer aufgenommen zu werden. Die Verbindung mit Palästina spürt man hier an Bord in vielen Einzelheiten. Nicht nur weil so viel hebräisch gesprochen wird, sondern auch weil das Schiff palästinensische Lande Produkte, Tozerct haarez, führt, viele Lebensmittel, Früchte usw. sind palästinensisch, und eine speziell ausgehängte Zeitschrift des palästinensischen Industriellem erblindein hebra melier Sprache, iititerseki ieben von vielen Fi.cn. bestätigt diesen erfreulichen Brauch. Aber die gemütliche Atmosphäre der Schiffsreise täuscht nicht darüber, daß die Men-clum -> hwero S 0 rgen haben. Ein offizieller Vertreter der Zioni■• tischen Organisation Rumäniens ist auf dem Schiff, der der Delegation angehört, die namens der riimänisciieu Zionisten die Möglichkeiten der E i u w;1 n d e r 1! 11 g für rumänische Juden prüfen und bei den ztiständigen Stellen wegen Berücksichtigung bei der Zertifikats-Zutcihmg vorstellig werden soll. Denn dieses gewaltige Gebiet, das Hinterland von Konstanza, mit seinen Judenniassen, schreit nach Auswanderung. Man beobachtet hier, wie große geschichtliche Prozesse, die auch die Landkarte verändern, das Schicksal der Juden gestalten, Denn die Staaten hier sind ganz, oder in der heutigen Form neu, alle Verhältnisse wandeln sich, die drängenden Probleme erzeugen Zuckungen aller Art, und die Existenzbasis der Juden gerät ins Wanken. Als Ue&eMUk Dr. Weizmann traf in Palästina ein und besuchte die neugegriindelc Siedlung Chanutah. In den letzten Tagen lebte in Palästina der arabische I error wieder sehr stark auf, und cs kam zu einer großen Heike von Cehcrfällen, bei denen auch eine Anzahl Juden gelötet wurde. Die französische Regierung plant angeblich die .-ln- Siedlung in Frankreich lebender fiididi sch er Emigranten auf dem Lande. Das Schechita verbot in Polen tritt vorerst noch nicht in Kraft, da der Senat das Gesetz n berät. Die j ii d i s c h e n G e m e inde n in Deut schien d besitzen ab 1. April nicht mehr den Charakter öffentlich-rechtlicher Körperschaften.

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