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Jüdische Rundschau · 1938-03-29 · Heft 25 (29.3.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 25 (29.3.1938)
Date
1938-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 25, 29. MÄRZ 193« Die vierte Front Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 19. März 1938 Der große Kampf um die Behebung der Depression, der heute in Palästina vor sich geht, umfaßt alle Lebensgebiete. Da kein Teil der öffentlichen Arbeit von der gegenwärtigen ökonomischen Depression unberührt bleibt, muß sich ׳ Aufmerksamkeit der leitenden Institutionen zu gleicher Zeit nach allen Seiten Wenden. Die Fronten teilen sich in vier Abschnitte. Der erste umfaßt die ihren Arbeitsgebieten der öffentlichen Sicherheit, des Kampfes uni die Rechte der Juden im Lande, der täglichen Kleinarbeit bei den Jerusalemer Behörden und der Einflußnahme auf die Entwicklungen in London. In diesem Kampfe ist gerade in der letzten Woche eine Etappe abgeschlossen worden, nachdem der Kolonialminister in einem ausführlichen Briefe an den High Commissioner die neue Einwanderungspolitik fcstgelcgt hat. Die Entscheidung in der Immigratioiisfrage ist im Lande mit großer Spannung erwartet worden. Die Kampagne für die Aufhebung der ״politischen Höchstgrenze‘' der Einwanderung, die von der Jewish Agency geführt wurde, hat das öffentliche Interesse auf diesen Punkt konzentriert. Außerdem sieht das Publikum hier einen der entscheidenden Hebel für die wirtschaftliche Entwicklung (Möglichkeit der Ein- Wanderung von Kapitalisten!). Die zweite Front ist die wirtschaftliche, die zwar mit der politischen ■eng verbunden ist, jedoch eigene Probleme in Fülle bietet. Hier konzentriert sich in den Zeiten, wenn die politischen Entwicklungen sich langsamer abspielen, alle Energie. Das Ziel jeder Wirtschaftspolitik ist heute, die bestehenden Positionen zu halten, in Landwirtschaft und Industrie Schrumpfungen zu verhindern und den inneren Markt nach Möglichkeit zu kräftigen. Eng im Zusammenhang mit diesen Bemühungen stellt die dritte Front, auf der um die Herabsetzung der Arbeitslosigkeit und die soziale Hilfe für die Bediirft i g e n gekämpft wird. An dieser Stelle stößt man mehr als an irgendeiner anderen auf den Mangel an Mitteln, der eine stoßkräftige Aktion vereitelt. Man ist sich allgemein darüber einig, daß mir eine neue Immigrationswclle dem Lande die Energien Zufuhren kann, die die Depression überwinden und eine neue Konjunktur einleitcn. Während nun die Depression zu einem bedeutenden Teile aus politischen Gründen hervorging und durch die politische Unsicherheit verlängert und vertieft wurde, hat sie sich jetzt bereits ökonomisch so stark eingewurzelt, daß die bloße Ocffnung der Tore des Landes nicht genügt, um alle Ucbel zu heilen. Bevor ein neuer Expansionsprozeß cinsetzen kann, muß die Wirtschaft die Arbeitslosen aufnehmen und neue Invcstitionsmöglichkeiten eröffnen. Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist die Kon- Zentrierung größerer öffentlicher Mittel entscheidend für die baldige Sanierung des gegenwärtigen Zustandes. Hätten wir genügend Geld, so würden wir trotz aller wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten sehr bald wieder auf der aufsteigenden Linie sein. Diese drei Frontabschnitte stehen heute im Mittelpunkte der öffentlichen Diskussion. Der vierte, von dem hier gesprochen werden soll, liegt weniger im Scheinwerferlicht, ist jedoch genau wie die anderen von der Zusammenarbeit d£s Publikums mit den öffentlichen Stellen abhängig: er umfaßt die Bodenoolitik. Wir haben in Palästina in der Regel nach dem ״System des armen (Mannes‘׳ wirtschaften müssen, der sich nicht die Zeit für die Befriedigung seiner Bedürfnisse aussuchen kann und von der Hand in den Mund lebt. Nirgends war eine in Ruhe geplante, großzügig angelegte Taktik wichtiger als auf dem Gebiet der Bodenkäufe. Sowohl vom kolonisatorischen wie vom finanziellen Standpunkte aus ist die Erwerbung zusammenhängender größerer Bodenfläcben in Zeiten, in denen die Preise erschwinglich sind, das Gegebene. Da der Keren Kajcmcth, wie unsere Fonds überhaupt, jedoch von dem Verständnis des Publikums abhängt, das Publikum in seiner Gebefreudigkeit stark durch die im jeweiligen Moment herrschenden Zustände beeinflußt wird, standen niemals ausreichende Mittel zur Verfügung, um weitblickenden großzügigen Plänen nachzugehen. In den Zeiten der Konjunktur stand der Keren Kajcmcth vor dem großen Hindernis der Bodenspekulation und der immensen Bodennachfrage, wodurch die Preise auf phantastische Höhen hinaufgeschraubt wurden. Jetzt in der Depression hat sich die Lage vollkommen geändert. Da die Nachfrage ausgesetzt hat, sind die Preise rapide gefallen, und es wäre jetzt die Zeit, entsprechende Käufe vorzunehmen. Im Publikum besteht in der Regel die Meinung, daß diese niedrigen Preise nichts helfen, denn kein Araber werde jetzt Böden zum Verkauf stellen. Diese Ansicht ist ohne jedc_ Grundlage. Man kann zur Zeit so ziemlich in allen Gegenden, in Galiläa, in Samaria, in Judäa und im Süden Boden kaufen. Manche Araber neigen dazu, jetzt Verkäufe abzuschlicßen, weil sie fürchten, daß bald ein Gesetz herauskommen wird, das solche Transaktionen völlig unterbindet; andere wieder fürchten, daß die Juden später in bestimmten Gebieten (Teilungsplan!) kein Interesse am Bodenerwerb haben werden; und schließlich wirkt sich bei (len Arabern die ökonomische Depression in starkem Maße aus, und sie sind bereit, Teile ihres Besitzes ab/ugeben, um sich auf diese Weise zu sanieren. Die technischen Schwierigkeiten der Käufe, die schon immer bedeutend waren, sind heute natürlich besonders groß, da der Terror und die herrschende arabische Propaganda ihren Einfluß ausüben. Trotz allem bestehen jedoch in den verschiedensten Gegenden große Möglichkeiten, und es existieren auch Plan c, wie sic ausgenutzt werden können. Das Hindernis jedoch, das dem Keren Kajcmcth nur ein sehr langsames und mühseliges Vorgehen in diesen dringlichen Angelegenheiten gestattet, ist der Mangel an Geld. Im letzten Jahre ist zu den bekannten Argumenten für die Notwendigkeit der Bodenkäufe noch ein neues dazugekommen: das politische. Dieselben Ucberlegungen — abgesehen von dem ökonomischen Druck —, die die Araber zum Verkaufe bewegen, drängen die Juden zu größerer Aktivität im Bodenkauf. Bestimmte Landesbezirke haben in letzter Zeit die besondere Aufmerksamkeit der leitenden Instanzen auf sich gezogen, und es liegen fertige Pläne vor, die auch bereits in der Ausführung begriffen sind. Wie weit sie Wirklichkeit werden, hängt zu einem guten Teil von der Zusammenarbeit mit den Juden im Lande und in der Golah ab. ר .־*•.״׳ ־׳־■ ■ י ׳י* •* .*לדר־- Vt* %v׳׳ In den Bergen des Gal'il Die Blumen zeigen sich im Lande, die Zeit ist gekommen, den Weinstock zu beschneiden, und der Turteltaube Ruf läßt sich in unserem Lande hören. Foto: KM und kkl Hohes Lied 2,12 Purim in lei Aviv Die Tel-Aviver Stadtverwaltung hatte (wie bereits kurz berichtet — Red.) in diesem Jahr von jeglicher Ausschmückung von Straßen oder Gebäuden wie auch von der Veranstaltung öffentlicher Feierlichkeiten zu Purim abgesehen, ln den Wochen vor Purim deutete nichts auf das Nahen des Festes hin außer den Ankündigungen einiger Bälle, deren Einnahmen fast ausschließlich sozialen Fonds zufließen sollen. Der dem Purimtag vorangehende ״T a a n i t h Esther“ dürfte in diesem Jahr von weiteren Kreisen als sonst heachtet worden sein. Die traditionelle Vorlesung der Megillah am Vorabend fand in den größeren und kleineren Bethäuserii der Stadt in Gegenwart vieler Tausende statt. Aus der Großen Synagoge wie auch aus der neuen Synagoge ״Schiwath Zion“ wurde die Vorlesung durch Lautsprecher auf die Straße übertragen. Der Verkehr war an den Brennpunkten der Stadt gegen 10 Uhr abends kaum stärker als an einem Schabbat- Ausgang, während es in früheren Jahren um diese Stunde fast unmöglich war, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Auch in den frühen und späteren Nachtstunden waren die Straßen auffallend ruhig. Die Cafes schlossen, obwohl die Polizeistunde außer Kraft gesetzt war, teilweise sehr früh. Die ״Jung-Wizo“ versammelte sich wie alljährlich im San Remo-Hotei. Ins Restaurant des Messegeländes hatte der Synagogenverein ״Schiwath Zion“ geladen; mit der Wahl einer ״Königin Esther“ erreichte die gut besuchte Veranstalt׳• Shcpunkt. Besondere Anziehungskraft übte ein Ball der Hitachduth Olej Germania aus (zugunsten der Arbeitslosenfürsorge der H.O. G.), der unter der Devise ״Toliu Wabohu“ und unter künstlerischer Leitung von Sammy üronemann und Martin Rost stand, die auch teilweise das Material für ein sehr witziges Kabarett-Programm lieferten, das von den Damen Rose L 1 c h t e n s t e i ״ und Schindler (״Matate“), der akrobatischen Tänzerin Ulli S a n <1 b c r g, der Klavier-Humoristiu Nelly Jaeobo witz und den Herren lierstniann, Lebiusch und Sarnow best cn wurde. — Die Matate. Künstler, unterstützt von inrem ausgezeichneten Bühnenbildner Luftglas, verstanden es and! in diesem Jahre wieder, aut ihren traditionellen Festen eine wirkliche Purim- Atmosphäre herzustellen. Das ganze Ensemble, wirkungsvoll ergänzt durch die Tänzerin Paula Pa da ui und die Sängerin Nadja L u b o w s k a j a, assistierte der Kapelle uriermüdlich mit heiteren und pnrodistischen Darbietungen. Ein dem Ball vorangehendes Kabarett-Programm des Matate- Ensembles, das im ,.Mograbi“ vor einem Publikum von Arbeitslosen zur Aufführung gelangte, wurde vom Jerusalemer Rundfunk übernommen und war nicht mir die beste Purim- Sendung, sondern unter Elieser Lubranis Leitung eine der lebendigsten ״ml ״fiiiikgcrcchtestcn“ Veranstaltungen überhaupt, die wir bis jetzt hörten. Ferner brachte das Jerusalemer Studio orie,Kaltsehe Purim-Melodien, Teile der Mcgileth Esther sowie heitere Mono- und Dialoge. Von weiteren künstlerischen Veranstaltungen der Woche seien erwähnt: eine Wiederholung der bereits in früheren Jahren mit Erfolg ge c :1 An;.!;innig der Purim-Geschichte durch das Ohel-iiK-a . :. . ־ ci:1 inle! essaufes Schüler-Konzert des Konservatoriums Tel Aviv (Leitung: Harry B 1 u m b e r g und Dr. Else Lewertoff). Am zweiten Purim-Abend fand in den schönen Räumen des Museums, die für Kammermusik- Aufführungen einen unvergleichlichen Rahmen abgeben, das achte Konzert dieser Saison statt. Das Programm brachte das Streichquartett in Es-D11r von Dittersdorf, ein Quintett von Dvorak und Mozarts parodistisches ״Dorfmnsikantcn-Scxtett“. Die Ausführenden waren das Galimir-Quartett (F. Galimir, H alte I, R. G a I i m i r, v a n d e ri B e r g) sowie die Herren Breier (Kontrabaß), S a I o in o n und Schulz (Horn), sämtlich Mitglieder des Palästina-Orchesters. Am Vormittag des Scluisdian-Purim, dem Geburtstag Dizcngofls, wohnten im Museum einige hundert Gäste dem feierlichen Akt bei, der der Eröffnung des Erweiterungsbaues — der ehemaligen Privatwohnung des verstorbenen Bürgermeisters — voranging. Manfred Geis Vorträge in Jerusalem. Dr. Kurt Wilhelm sprach in der Vereinigung ״Emeth Wecmunah“ über Purim in der hebräischen I olklore. Vor einem Kreis geladener Gäste referierte der Psychologe Dr. Bernd Götz (Tel Aviv) über ״Das Purim- und Pcßachfest im Lichte der Völkerpsychologie‘‘. — Die neue Jerusalemer Kleinkunstbühne ״Hilulah“ stellte sich dem Jerusalemer Publikum mit einem heiteren Purim- Programm vor. Heft 11 der Zeitschrift "״סיני bringt neben Fortsetzungen schon früher begonnener Arbeiten einen Artikel des Herausgebers (Raw J. L. Eisdimanu) über die Sitte des Verkleidens an Purim und des sog. Purim-Rabbiners.

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