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Jüdische Rundschau · 1938-03-18 · Heft 22 (18.3.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 22 (18.3.1938)
Date
1938-03-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 22, 18. III. 1938 Erster Ueberblick Die Philosophie des ״Du“ Von Rabb. Dr. Max Nußbaum Van unserem Wiener Korrespondenten J.R., Wien, 16. März Die ganze österreichische Bevölkerung erlebt jetzt Tage und Stunden weltgeschichtlichen Geschehens. Die Einverleibung Oesterreichs in das Deutsche Reich, die Proklamierung der Einheit von Reich, Volk und Führung ist unter ungeheuerer Begeisterung vor sich gegangen. Dem jüdischen Berichterstatt er obliegt es, zu dieser historischen Umwälzung nur insofern Stellung zu nehmen, als mit ihr das Schicksal des jüdischen Bcvölkerungstcilcs dieses Landes verbunden ist. Die Juden Oesterreichs können an diesem Erlebnis des Landes, das sie als ihre Heimat Heben, nur als passive Gruppe teilnehmen. Noch steht die gesamte Oeffentlichkeit im Banne der Ereignisse, die das, was jahrhundertelang umstritten und umkämpft war, in der unfaßbar kurzen Spanne Zeit von wenigen Stunden und Lagen zur historischen Realität werden ließen. Und dieser gewaltige Umbruch ist unter Aufrechter h a 11 u n g vollster Ruhe und Ordnung und in eiserner Disziplin vor sich gegangen. Einer der ersten Appelle des minmehrigen österreichischen Reichsstatthalters 'Dr. S e v ß - l n q 11 a r 1, die er in seiner Eigenschaft als Innenminister und Minister für Sicherheitswesen in den kritischen Stunden des Freitag-Abend erließ, galt diesem Ziele. Dieser Mahnung, die in der Freitag-Nacht mehrere Male wiederholt wurde, ist denn auch unbedingt Folge geleistet worden. Die Tatsache der Aufrcchtcrhaltung von Ruhe und Ordnung ist gerade bei Beurteilung der Situation der Juden von Ungeheuerer Bedeutung. Es g,!h auch in diesen Tagen keine Kundgebungen oder I)emon-tratiotKn, die antijüdisdien Charakter getragen Innen. (;egen l Übergriffe von unverantwortliehen Elenietiten, die sich die Zeit des Umbruches zunutze zu machen suchen, wird. w׳,e durch eine offizielle Verlautbarung^lcr f iihnmg der NVGnippe Wien mitgeteilt wird, Die ersten Maßnahmen, die auf Ausschaltung des jüdischen Elements gerichtet sie I, umfassen nach den amt- IkIr■! WB iu m 1 1 < i ז י׳ h 1 h 1 1 g *Iler Richter und Schaft oder im Notariat. I enter wurden jüdische Aerzte der Wiener Retnmr-m.-UMdutt durch ariwiu• e!setzt. Die Ausgliedernng erstreckt mc!i mich auf bisherige jüdische Funktionäre der allgemeinen S ק o r t b e w e g tt n g. Ebenso ist die Eliminierung von jüdischen!.eifern in Wiener Theaterbetrieben im Gange. Es ist selbstverständlich, daß die Neuentwicklung der Dinge die Wiener Judenschaft vor eine gänzlich neue Situation stellt. Ls ist zunächst die rein seelische Reaktion zu registrieren. Will man diese auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so muß man sagen, daß die Wiener Judenschaft den Ereignissen mit F a s s 11 n g und W ü r d e gegenüberstellt. Von den jüdischen Zeitungen ist keine einzige erschienen. ״Die Neue Welt“, das Organ der Judcnstaatspartcl, ist ebenso wie das Organ der ״Union österreichischer Juden“, ״Die Wahrheit“, eingestellt worden. Das Organ des zionistischen Landesverbandes ״Die Stimme“ ist ebenfalls nicht erschienen. Die zionistischen Büros, in denen sich der Sitz des Landeskomitces, ferner der Keren Kajemeth, sowie der Keren Hajcssod und das Palästina-Amt befinden, arbeiten nicht. Dem Palästina-A rn t ist von der Behörcfe die Durchführung des für Dienstag abend fülligen Transportes Von Chain7im nach Palästina bewilligt worden. Es hat sich hier um Olim gehandelt, die im Besitz der letzten Zertifikate waren. Ihre Abfahrt vom Wiener Südbahnhof Die Wiener K 11 Hu s g e m e i n d c ist in allen ihren Funktionen, die die internen Angelegenheiten der Gemeinde betreffen, vollkommen intakt, in allen Aenitern der jüdischen Gemeinde, vom Präsidium angefangen über die Amtsdirektion bis zu den einzelnen Ressortabteihmgeii wird, wie sich Ihr Korrespondent durch einen Besuch im Hause der jüdischen Gemeinde überzeugen konnte, der Dienst normal aufrechterhalten. In der sozialen Eürsorge werden über Auftrag der Form von Speisern :!rktn, an Hilfsbedürftige gewährt. Das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde hat bisher keinerlei Mitteilungen oder Erklärungen an die Judenschaft ergehen doch der g r o ß c 11!1 i s fori s c h e n A u f g'a b e bewußt, die ihrer liarrt. ׳Sw weiß sich mit der Wiener Judenschaft alle Teileder jüdi-ehen Bevölkerung uinfiiISt, jene seelischen und physischen Kraft!.• und Energien aufzubringen imstande sein wird, deren die Stunde bedarf. Die österreichischen Zionisten, die seit sechs Jahren die Wiener jüdische Oemeittdc führen und durch Neuschaffung, resp. Ausbau zahlreicher gemeinnütziger jüdischer Institutionen eine ganze Reihe wertvoller Keime jüdischen Eigenlebens gelegt haben, die nunmehr unter den gelinderten Verhältnissen mit um so größerer Energie ausgebaut werden müssen, haben in der jüngsten Zeit bereits kräftige Zeichen von Vereinheitlichung und Zusammenfassung der zionistischen Reihen unter Hintanstellung von Gruppen- und Sonderinteressen erkennen lassen. Sic werden nunmehr auch die gemeinsame organisatorische Form finden müssen, damit die Zionisten Wiens, der Geburtsstätle des Zionismus, in einer geeinigten Arbeitsgemeinschaff die für die Gesamtheit der österreichischen Judenschaft unerläßliche Arbeit zu leisten imstande sein sollen. In dieser für die österreichische Judenschaft geschichtlichen Wendestunde erleben die Juden dieses Landes die ewige jüdische Schieksakgemeinsehaft aufs neue, im besonderen aber die tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft des Deutschen Reiches, eine Verbundenheit, die nunmehr durch die Ereignisse der letzten Tage eine auch nach außen hin vollzogene geworden ist. Kleine Nachrichten Dr. Weizmann fährt am 22. März mit dem Dampfer ״Champollion“ der ״Messageries Maritimes“ nach Palästina. Juden sind bei der Volksabstimmung in Oesterreich am 10. April nicht stimmberechtigt. Die jüdischen Beamten werden im Wege einer vorläufigen Regelung beurlaubt. Bei den Wiener Zeitungen wurden die jüdischen Redakteure mit sofortiger Wirkung bcuilaubt oder entlassen. Wenn man für eine Stunde den Alltag, der uns umgibt, vergißt und einen offenen Blick für ״Geschichte“ hat, wird man eines Tages erkennen, daß sich die Geschichte unserer Weit gar nicht in Gleichmäßigkeiten bewegt, sondern — im Gegenteil — zu allen Zeiten aus Gegensätzen besteht und gerade durch das Aufeinanderstoßen dieser Antithesen ihre Fortentwicklung nimmt. Hat man einmal die Muße, einen Blick in die Historie der Menschheit zu tun, so wird rnan eines Tages gewähr werden, daß sich unsere Welt etwa so entwickelt: Es kommt eine Generation und verkündet eine alleinige und ausschließliehe Wahrheit mit allen Einseitigkeiten, die eine solche Vcrki'mdtmg in sich trägt. Dann folgt eine zweite Generation, der die Idee der vorangegangenen zu viel oder zu wenig besagte und stellt eine Gegenmeinung auf. All das, was ein Jahrhundert geschaffen hat, wird niedergetreten, und eine neue Wahrheit steht auf. Nachdem mm Beides ge ,!rochen hat, das ״Ja“ und das ״Nein“, das ״Für“ und das ״Wider“, schenkt die Natur gewöhnlich den glücklicheren Völkern einen Mensehen, der die Welt ein klein wenig zurechtrückt und sie daran erinnert, daß sich das Leben überhaupt nicht aus extremen Konturen zusammensetzt. Er bildet dann eine dritte, neue Wahrheit, genommen aus den beiden früheren Welten, und schenkt dem Leben seine Harmonie wieder. fch möchte an einem konkreten Fall verdeutlichen, worum es geht und warum uns Juden dieses Problem interessiert. I. Im allgemeinen kann man sagen, daß jedes Jahrhundert eine große Idee verkündet. Man nehme rin Beispiel aus der neueren Geschichte. Das 10. Jahrhundert etwa schuf die Idee des Individualismus und stellte in ihren Mittelpunld einen Begriff, der damals neu war und sich in einem einsilbigen Wort ausdrücken läßt: ״Ich“. Diese neue Wahrheit besagte: ich, das Individuum, ich, der einzelne Mensch, bin der letzte Sinn der Schöpfung. All das, was in der Welt geschieht, was Menschen tun und leisten, hat nur das Ziel, mein persönliches Leben besser zu gestalten und mein Glück zu erhöhen. Es war das große Jahrhundert in der westeuroplüschen Kultur, gekennzeichnet durch die Namen Stimcr und Nietzsche, Tolstoi und Kierkegaard. All diese Menschen proklamierten die Philosoohie, daß das Individuum der Anfang und das Ende der großen Schöpfung der Welt und der Sinn jeder göttlichen Offenbarung sei. Das 20. Jahrhundert versetzt dem 10. den Gegenstoß. Das 20. Jahrhundert, in dem wir leben, wird wahrscheinlich einmal die große Oegenidee verkünden und sagen: Im Mittelpurikt der Welt steht gar nicht das ״Ich“. Denn was ist schon ein Mensch, und was ist sein persönliches Glück? Im Mittelpunkt der Weit steht — ebenfalls ein einsilbiges Wort — der Begriff ״W i r“ — ״wir“ als Kollektivum, ״wir“ als Gemein- Schaft. Wahrscheinlich wird das 20. Jahrhundert das 19. widerlegen und die neue Lehre verkünden, daß im Mittelpunkt der Schöpfung das ״Wir“, nicht das ״Ich“ Steht. Und ich kann mir ein 21. Jahrhundert denken, welches — nach den unerforschten Gesetzen der Geschichte — seine Welt aus den Materialien des 19. und 20. Jahrhunderts 7us,חזוmenttägt, ein Jahrhundert, das den Menschen eine neue Auffassung vom Dasein und dem Leben eine neue Art von Harmonie schenken wird... n. Wir Juden, ein so altes Volk mit alten Augen, wir Juden waren schon Zeugen so mancher These, mancher Antithese und abschließenden Synthese. Wir haben schon in allen großen Epochen da« ״Für“ und ״Wider“ und das Abrunden von beiden erlebt. Wir hätten eigentlich die Klugheit besitzen müssen, uns nie auf Einseitigkeiten einzulassen. Aber scheinhar führt das Schicksal eines jeden Volkes über den Weg des ״Für“ und ״Wider“ zur Harmonie. Ich glaube, es gäbe sonst auch gar keine Kultur. Denn Literatur, Musik, bildende Kunst — alle setzen sich ja ebenfalls aus solchen Gegensätzen zusammen. Eine Zeit schafft, die andere lehnt ab und die dritte schöpft aus beiden. Wir Juden verfiele« also dem gleichen Prozeß. Wir haben im 19. Jahrhundert die große Bewegung des Indiviclualismus mitgemacht, lind dies fiel uns auch nicht schwer, denn in unserer Tradition wird immer wieder die Wichtigkeit der Person und des Individuums im Leben betont. Man braucht nur i!1 den tiefen Quell jüdischer Lehre einzutauchen, und man wird viele Stellen finden, mit denen man die Be- Häuptling belegen kann, der einzelne Mensch sei der wichtigste Akt göttlicher Schöpfung gewesen. Als das 19. Jahrhundert zu Ende ging, entstand Innerhalb des Judentums — fast gleichzeitig mit dem Tode Nietzsches —■ eine Bewegung, die wir heute unter dem Namen ״Renalssance“ kennen. Sie bestritt die große Rolle des einzelnen Menschen im Judentum und erklärte die Abhängigkeit des individuellen Glücks von dem der Gesamtheit. In dieser Zeit wurden die alten Begriffe ״Am Jisrael, Urnah, Leon!“ — jüdisches Volk, jüdische Nation — wieder aufgenommen und so im Judentum die anti-individualistische Gegenlehre verkündet. Nachdem nun auch im Judentum das ״Ich״ und von seiten der jüdischen Renaissance das Wort ״Wir“ gesprochen war, schenkte uns die Geschichte einen Mann, der auch die Harmonie unseres Lebens zurechtrücken sollte. Zu Beginn dieses Jahrhunderts entdeckte dieser Mensch ein drittes, ebenfalls einsilbiges Wort und baute auf diesem seine große Lehre auf. In den beiden Buchstaben dieses Wortes sind viertausend Jahre Judentum konzentriert. Das Wort heißt ״Du“, und der Schöpfer dieses Wortes war Martin Buber, dessen 60, Oeburtstag die jüdische Welt in diesen Tagen feierte. Mit dem Im Warteraum Ein Auswanderungs-Kandidat aus Süddeutschland schreibt uns: ״In Hamburg waren zwei Ameisen, die wollten nach Australien reisen. Bei Altona, auf der Chaussee, da taten ihnen die Beine weh, und da verrichteten sie weise auE den letzten Teil der Reise.“ Die armen Dinger! Unternehmungslust und Bereitschaft zum Abenteuer — daran hat es ihnen nicht gefehlt. Und doch — manche Reisen und Hoffnungen enden etwas vorzeitig. Der Warteraum der Jüdischen Ausw׳anden1ngsberatungsstelle ist überfüllt. Eine Menge junger und jüngerer Menschen warten dort, Menschen verschiedenster Art, hergekommen von den verschiedensten Städten. Sie alle wollen — nach Australien reisen. Sie sind Kandidaten für eine Fahrt, die, wenn sie wirklich angetreten wird, ins Ungewisse führt. Immerhin: sie sind nun da, zugelassen für die Vorprüfung: die ״erste Reiseetappe“ liegt hinter ihnen. In den nächsten Minuten entscheidet sich vielleicht ihr Schicksal. Das Schicksal junger jüdischer Menschen aus Deutschland, die auswandern müssen und auswandern wollen. Die Stimmung im Raum ist vorzüglich. Kd- Wort ״Du“ wird ein zukünftiger Historiker die Geschichte des modernen Judentums schreiben. Das erste Kapitel wird die Ucberschrift ״ich“, das zweite ״Wir“, das letzte den Titel ״Du“ tragen.. Für dieses Wort ״Du“ gibt es nur noch einen einzigen Begriff als Parallele. Man gebraucht ihn jeden Tag, ja sogar mehrere Male in der Stunde. Vielleicht ist man sieh gerade deswegen seiner Bedeutung nicht mehr bewußt. Eines Tages wird man diesen Begriff neu entdecken, oder — soll ich sagen — erfinden müssen. Es geht 11m das einfache — ebenfalls einsilbige — Wort ״H erz“. In allen Büchern steht etwas darüber, in allen Reden behandeln wir es, und doch können wir nur hoffen, daß eines Tages — in der prämessianischen Zeit — das Wort ״Herz“ von den Menschen wieder entdeckt oder neu erfunden werden wird. Aber dann befinden wir uns schon mitten in dem Prozeß der Erlösung... Mit dem Wort ״Du“ gab Buber den Juden — sowohl denen in Deutschland, wie denen in der Welt — eine zusammengefaßte jüdische Lehre. Noch in der individualistischen Welt des 19. Jahrhunderts sagte er zu den Juden: Wie du als einzelner Jude auch dein Leben gestaltest, du trägst in dir das Blut deines Volkes und kannst ihm nicht entrinnen. Du mußt — im Gegenteil — die Möglichkeit haben, die Wirklichkeit des ganzen Volkes in dir zu tragen und zum ganzen jüdischen Volk in der Welt ״Du“ zu sagen. So deutete er dem westeuropäischen Judentum den Zionismus. Und als die jüdische Jugend diese Lehre aufgegriffen hatte, national und parteigebunden wurde, ein neues Programm besaß, dieses aber immer mehr vernachlässigte, erschien Buber nochmals, versenkte sich in die Bewegung des Chassidismus und sagte zu den bereits kollektivistisch eingestellten Juden: Mit einem bloßen Programm, mit dem Worte ״Wir“, ist nichts getan. Du als einzelner Mensch, du als I n d i v i d u u m trägst die Verantwortung der ganzen Gemeinschaft. Sie ist nur so viel oder so wenig wert, wie du als einzelner Mensch, der du der Träger dieser Gemeinschaft bist, Wert hast und wert bist. Nach der Lehre des ״Wir“, der Lehre des Zionismus, bekam durch die Bewegung des Chassidismus das Wort ״Du“ eine doppelte Bedeutung: Du mußt als Jude zu allen Juden, die eine Einheit in der Welt bilden, ״Du“ sagen können. Und ebenso muß das jüdische Volk mit dir reden können, weil es nämlich im Judentum die Tren• nung dieser beiden Begriffe ״Individuu m“ und ״Volk“ gar nicht gibt. Das Volk ist die Gemeinschaff, der du als einzelner Mensch angehörst, ob du willst oder nicht. Das Volk verkörpert deine Werte und du die seinen. Und als das ״Du* schon Im Sinne von ״Ich“ und im Sinne von ״Wir“ verkündet war und man im Westen Europas die Bewegung der jüdischen Renaissance mit dieser Idee neu zu beleben begann, trat Buber zum dritten Maie auf den Plan und verlieh dem Dreieck mit dem Worte ״Du“ die oberste Spitze. Wenn du als Jude dein Volk mit ״Du“ ansprichst, ihr beide aber nicht die Möglichkeit habt, nach oben ״Du“ zu sagen und die Geschichte als eine Zwie- Sprache zwischen Mensch und Gott, als eine Zeichenspräche des Himmels anzusehen, dann ist das totale Judentum noch nicht erfüllt. Und er schenkte unserer Jugend die Bibel. — Am Anfang seines Weges stand der Zionismus. Als die jüdische Jugend diese Lehre aufgegriffen hatte gab Buber ihr die individualisierende Lehre des Chassidismus. Erst als beides vorhanden war, schenkte er ihr die Bibel, womit er sagen wollte: ״Ich“ und ״Du“ haben nur einen Sinn, wenn untereinander und nach oben ״Du“ gesagt wird. Diese Lehre ist die konzentrierteste Quintessenz jüdischen Denkens. HI. Es gibt in unserer Tradition ein Wort, das abschließend hier stehen möge. Mose errichtete das Stiftszclt (oder Salomo den Tempel, der Midrasch besteht in zwei Variationen) und Gott sagte zu ihm: ״Ich habe euch eine große Welt gebaut, baut ihr mir einen kleinen Tempel.“ Darauf Mose: ״Herr der Welt, die Himmel und die Himmel der Himmel fassen Deine Herrlichkeit nicht. Sollte es dieses kleine Haus vermögen?“ Darauf Gott: ״Es gibt keine vollkommene Welt ohne das kleine Gebäude des Tempels. Wenige Bretter rechts — wenige Bretter links, und mein Segen steigt auf das Händewerk von Juden herab.“ Juden bauen in der Welt neue Zelte. Ein paar Zelte hier, ein paar Zelte dort — zu Hause oder draußen — wo sie vielleicht eines Tages frei sein werden. Werden diese Zelte all unsere Menschen fassen können? Wird der kleine Juden- Staat alle Leiden der jüdischen Welt miflösen? Jede Arbeit von Juden in der Welt ist die Arbeit eines ״heiligen Weges“, wenn das!.eben ein jüdisches ist. Aber von diesem kleinen Ort des Judenstaates, den wir mühsam seit Jahren erbauen, wird der Welt gegenüber noch einmal das Wort ״Du“ erklingen können, nicht nur das ״Du“ von |ude zu Jude, sondern vielleicht auch das große ״Du“ an die Welt. Und von dort aus werden wir warten können, bis die Welt eines Tages auch das Wort ״Herz.“ wieder entdeckt. Heute sagt die Welt noch ״Sie“ zu uns. Vielleicht können wir morgen schon ״Du“ *agen, und vielleicht schlägt das Herz der Welt dann ein paar wenige Takte auch für uns. Wenn aber aut unser ״Du“ von der Welt 11er die Antwort des Herzens kommt, dann ist die Weit vollkommen, und unsere Generation, die so viel gelitten hat, war ein Pate bei der Schöpfung einer neuen Epoche. Wir Juden, die wir an das Leben glauben, werden unter allen Umständen die Nerven behalten, bis wir ״Du“ sagen können, und bis das Herz der Welt wärmer geworden ist — auch für uns. neriei ״Examensangst“; sie wissen, daß nur wenige zugelassen werden können, und sie wissen, wie unwahrscheinlich cs ist, daß sie selbst zu den wenigen gehören werden. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie schwatzen vergnügt in allen Dialekten unserer Gegend über ihren Beruf, über das, was sie Besonderes leisten können oder — könnten, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen. Und vor allem: sie lernen Englisch. Mehr al6 aus ihren Büchern und in ihren Unterrichtsstunden zu Hause lernen sie in dieser Viertelstunde voneinander: Was heißt auf englisch: Schlosser? Wie sagt man da: ״Ich danke Ihnen vielmals“ und: ״Das habe ich selber gemacht“ und: ״Das habe ich sowieso schon gewußt!“ Ein richtiges Durcheinander. Aber sie lachen und versuchen sich zu helfen, sich gegenseitig zu ergänzen. Dazwischen hinein kommen diejenigen m den Raum zurück, die es ״schon hinter sich haben“, die ״beguckt“ wurden und jetzt zu Hause wohl noch eine Zeitlang auf Bescheid werden warten müssen. Auch sie sind aufgeräumt, aber zugleich ein wenig verlegen. Sie haben es etwas eilig, den Raum zu verlassen. Niemand fragt sie; niemand will den anderen entmutigen. Keiner will selbst entmutigt werden. Probieren wir’s einmal. Vielleicht glückt es uns. Und wenn nicht — so wird eben etwas anderes kommen. ״Bei Altona auf der Chaussee?“ Wir geben nicht so leicht auf. Reicht’s noch nicht ganz zu dieser Reise — wir verzichten nicht so schnell. Wir haben Kraft in uns und werden nicht vor der Zeit müde. E. K. (München)

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