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Jüdische Rundschau · 1938-03-18 · Heft 22 (18.3.1938) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 22 (18.3.1938)
Date
1938-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JODISTHF BllMn<;f hau Nr. 22 18. III. 1938 Die neue Schedule / Ormsby Gores Brie! Palästina geführt wurden; diese Juden waren blind und unzugänglich, für sie ״gab es keine Judenfrage“, weil sie ja erst an der ein paar Bahnstunden entfernten Grenze begann. Für Palästinazwecke gab es zugeknöpfte Taschen. Es gibt gewiß auch Gegenbeispiele: Juden, die wenigstens einigermaßen Verständnis zeigten, aber ihrer waren gerade in der Oberschicht zu wenige. Die beste Erkenntnis und größte Ucberredungskunst bleiben machtlos gegenüber Menschen, die nur die unmittelbarste Gegenwart und nicht den nächsten Tag sehen und sich ihren Pflichten gegen die Gemeinschaft leichtfertig entziehen. Wie anders könnte die Judenfrage heute aussehen, wenn nur ein Teil der reichen Juden, die in den letzten Jahren in irgendeinem Teile der Welt (man denke dabei u. a. auch an die Börsenstürze in New York) ihr Vermögen verloren haben, auch nur einen Teil dieses Vermögens rechtzeitig dazu bestimmt hätten, neue Lebensvoraus- Setzungen für das jüdische Volk zu schaffen. Welche Tragik des jüdischen Schicksals, daß die Einsicht bei den Juden meist erst dann kommt, wenn cs zu spät ist! Wahrscheinlich werden jetzt auch solche österreichische Juden Anforderungen an Palästina und dessen Aufnahmefähigkeit stellen, die selbst, obwohl sie dazu in der Lage gewesen wären, nichts getan haben, um diese Aufnahmefähigkeit zu vergrößern. Wir könnten, wenn gerade die reichen Juden nicht 40 Jahre stumpf gewesen wären, vor einer ganz anderen Situation stehen. Palästina könnte zwar nicht alle auswanderungsbedürftigen Juden, aber einen wesentlichen Teil auf nehmen, vor allem die Jugend, die nicht nur eine 111aterielle Existenz sucht, sondern auch eine ideelle Verankerung, ein echtes Heimatland, eine Sache, für die — wenn schon gelitten sein soll — es w e r t ist zu leiden. Der Jugend konnte noch heute geholfen werden! Die eben veröffentlichte neue Einwanderer-Schedule für Palästina bestimmt, daß Studierende, deren Aufnahme in eine palästinensische Erziehungsanstalt und deren Unterhalt bis zu ihrer Fähigkeit, sich selbst zu erhalten, gesichert ist, ohne jede 11 u m c r i s c!1 e B e s c h r ä n - kung in das Land hincingclassen werden sollen. Dies gibt eine beispiellose Möglichkeit, die Jugend des jüdischen Volkes nach Palästina zu retten! Die jungen Menschen können dort in einer Atmosphäre, die sie seelisch nicht bedrückt, in unmittelbarer Verbindüng mit dem Boden und mit der Natur zu einem Leben der Arbeit ausgcbilijet und zugleich mit den elementaren Aufgaben ihres Volkstums verbunden werden. Zum Teil geschieht das durch die Jugcnd-Alijah, aber darüber hinaus ist dieser Weg auch für Jugendliche gangbar, die schon eine höhere Altersstufe erreicht haben, aber noch ausbildungsbedürftig sind. Der entscheidende Punkt aber ist: das Geld für diese Ausbildung muß vorhanden sein. Es ergeht ein Appell an die Juden der ganzen Welt und besonders in solchen Ländern, wo keine Devisenwirtschaft besteht, hier beizutragen. Man denke, um nur ein Beispiel zu erwähnen, mit Beschämung daran, wie wenig die f r a nzösi sehen Juden — mit Ausnahme des einen verstorbenen Baron Edniond bisher für Palästina geleistet haben. Auch sie ,.kennen keine Judenfrage“ und entziehen sich ihren Pflichten. Ware Geld vorhanden, man könnte die beste jüdische Jugend ohne numerische Beschränkung aus der Hoffnungslosigkeit in ein neues Leben überführen. Ist nicht dieser Gedanke jür jeden Juden tief erschütternd, ist es nicht erbitternd, wenn man ohnmächtig zusehen muß, wie gering die finanziellen Möglichkeiten unserer Palästina-Institutionen sind, wahrend anderswo jüdisches Geld verloren geht! * Die Judenfrage Europas hat sich verwandelt in eine Wanderniigsfrage, cl. heine Suche nach Wanderzielen. Wir bewerten hoch, wenn in irgendeinem Lande eine Möglichkeit erschlossen wird. Alles muß getan werden, um ein M ax i m u in 711 sichern, und jedem Land, das Briefmarken Fritz Lewin LUtzowstr 91A Juden aufnimmt, ist der jüdische Dank sicher. Aber Palästina bleibt der ruhende Pol in der wechselnden Erscheinungen Flucht der anderen Länder. Wir stehen nun vor der lange erwarteten Schedule für das neue Sommerhalbjahr. Wir haben genau zu prüfen, was sie uns gibt und was sie uns vorenthält. Auf den ersten Blick scheinen die Ziffern ungünstig gegenüber dem früheren Halbjahr. Es ist in der Tat zu bedauern, daß die Regierung nicht mehr als 1000 Zertifikate der Kategorie C (Arbeiter) ausgibt. In ganz Europa warten viele Tausende von Menschen auf solche Zertifikate, und wieder wird die große Mehrheit enttäuscht; nur ein kleiner Prozentsatz kann berücksichtigt werden. Das ist ein schwerer Schlag. Braucht es noch vieler Worte, um der Palästina- (Fortsetzung von Seite 1) Angesichts dieser Ueberlegungen und mit dem Ziel, das Element der Willkürlichkcit, das in der augenblicklichen zeitweiligen Regelung enthalten ist, zu vermindern, und zugleich jede beträchtliche Aendcrung in der Gesamtcinwanderungs- Ziffer in der unmittelbaren Interimsperiode zu vermeiden, hat sich S. M. Regierung dahin entschieden, das folgende Verfahren für die sechs Monate von April bis September 1938 einzuschlagen: A) Finanziell unabhängige Personen. Kategorie AI (Ka• pital von 1000 Pfund). S. M. Regierung hat entschieden, daß 2000 Einwanderer dieser Kategorie als Höchstzahl festgesetzt werden. Es bestehen jedoch, wenn Sie dies für richtig halten, keine Einwendungen gegen die Zulassung (innerhalb dieser Quote) von P e n s i o n s e m p f ä 11 g e r n (Kategorie A4) und 20 landwirtschaftliche Siedler mit einem Kapital von nicht weniger als £ 500 (Kategorie A 5), deren Zulassung von Ihrem Vorgänger empfohlen wurde. Die Kategorien A2 (Angehörige freier Berufe mit £ 500 Kapital) und A3 (Handwerker mit £ 250 Kapital) bleiben geschlossen. Kategorie B. Studenten, wie sie in der Kategorie B3 definiert sind, d. h. ,jeder Student, dessen Zulassung zu einem Erzichungsinstitut in Palästina und dessen Lebensunterhalt bis zu dem Zeitpunkt gesichert ist, wo er in der Lage ist, sich selbst zu ernähren־, werden ohne numerische Beschränkung zugelasscn, gemäß den in den Einwanderungsverordnungen festgesetzten Bedingungen. Regierung und der Mandatarmacht heute klarzumachen, wie akut und drängend die Auswanderung gerade der unbemittelten Menschen der Arbeiterkategorie ist? Es müssen alle Anstrengungen gemacht werden, um die Zahl der Zertifikate zu erhöhe n, womöglich noch in der Laufzeit der Schedule. Die Zahl der Arbeiter-Zertifikate wird ausschließlich mit Argumenten begründet, die zu dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Aufn a 11 in e f ä h i g k e i t des Landes gehören; daher wird man bei Besserung der Wirtschaftslage auf eine zusät/.- liehe Bewilligung hinarbeiten müssen. Besonders ist zu hoffen, daß bei Bereitstellung (seitens des Londoner Council for German Jewry oder seitens anderer Hilfsverbände) von zusätzlichen Mitteln für Auswanderer aus Deutschland (einschließlich Oesterreich) auch neue Zertifikate hierfür zu erlangen sein werden, wie dies schon früher gelegentlich geschah. Andererseits ist es von größter Bedeutung, daß die Regierung verschiedene Vorstellungen der Jewish Agency als begründet anerkannt und berücksichtigt hat. Vor allem ist die Ziffer für die Kapitalisten-Ein wänder u n g stark erhöht worden. Es wird das Bestreben der Auswanderungsstellen sein müssen, dafür zu sorgen, daß diese Zertifikate voll ausgenutzt werden, was ja ohne weiteres sofort der Fall wäre, wenn nicht so viele technische Schwierigkeiten entgegenstünden, über die der Wille der Auswanderer keine Macht hat, vor allem das Transferproblem aus Mitteleuropa. Die Ausnützung der Kapitalistcn-Zertifikate wird zweifellos der ganzen palästinensischen Wirtschaft eine Belebung bringen und dadurch auch Menschen Arbeit und Brot geben, die Zirkulation des Geldes anregen, vielleicht sogar die künftige Arbeiter-Einwanderung erleichtern. Eine weitere Verbesserung gegenüber dem vorigen Halbjahr besteht in der Bestimmung, daß jeder Inhaber eines Zertifikates seine Familie, d. h. Frau und Kinder, mitbringen oder auch nach kommen lassen kann, ohne daß diese Familienangehörigen in die festgesetzte Höchst/iffer eingerechnet würden. Wenn wir alle diese Besonderheiten sowie die angedeutete Möglichkeit von Sonderzertifikaten für Deutschland in Betracht ziehen, können wir die Einwanderung des nächsten Halbjahres auf mutmaßüch etwa 10000 Köpfe beziffern, was einem Jahresdurchschnitt von 20000 entsprechen würde. Gewiß eine kleine Ziffer, viel zu gering für die drängende Not, aber in diesem Jahre des Ueberganges und der Krise in Palästina ist es, von Palästina aus gesehen, nicht so schlecht, wie man befürchten konnte. Um die gegebenen Möglichkeiten voll auszunütz.en, dazu bedarf es der Bereitstellung der notwendigen Mittel und der Sorge dafür, daß die palästinensische Wirtschaft durch energische Maßnahmen in Gang gehalten wird. Die Wirtschaft zu halten und die Einwanderung?u sichern, das sind die praktischen Hauptaufgaben der Palästina-Politik der nächsten Zeit, auf die auch das Zionistische Aktions-Comitd in seiner eben beendeten Londoner Sitzung hingewiesen hat. Will man sich aus dem vorliegenden Bericht ein Bild dieser Sitzung machen, so hat man den Eindruck, daß der Widerstand gegen die von Dr. Weizmann geführte Politik schwächer gc- Die Kategorien Bl (Waisen) und B2 (religiöse Berufe) bleiben geschlossen. Kategorie C (Arbeiter). Ich höre, daß gemäß den von der Palästina-Regierung vorbereiteten Schätzungen die arabisehe Arbeitslosigkeit in sieben ausgewählten Städten 4 1 000 beträgt und die jüdische Arbeitslosigkeit (Arbeitslose und Teilbeschäftigte) am 31. Dezember 12 000 betrug. Unter diesen Umständen ist es klar, daß zur Zelt die Zulassung zusätzlicher Einwanderer der Arbeiterklasse nicht gerechtfertigt ist. S. M. Regierung hat jedoch zugestimmt, daß Sie eine Quote von 1000 für diese Kategorie festsetzen unter der Bedingung, daß es Ihnen überlassen bleibt, auf Grund der wirtschaftlichen Lage zu entscheiden, ob irgendeine Arbeitereinwanderung während des sechsmonatliehen Zeitraums zugeiassen werden soll und wenn ja, wann und in welchem Ausmaß. Kategorie D (Angehörige). Nahe Angehörige, wie sie in Absatz 2 des Einwanderlingsgesetzes definiert sind, d. h. Frauen und Kinder sowohl neuer Einwanderer als auch von Einwanderern, die bereits gesetzlich ins Land gekommen sind, werden ohne numerische Beschränkung nach entspreehender Prüfung und Untersuchung zugelasscn. Hinsichtlich anderer Verwandter (Eltern usw.) wird eine Zahl von 20 0 festgesetzt, um Einzelfällen von besonderer Härte Rechnung zu tragen. Ich werde Ihnen verpflichtet sein, wenn Sie die gesetzliehen Maßnahmen unternehmen, die nötig sind, diese Ent- Scheidungen in die Wirklichkeit umzusetzen. Sie können die Jewish Agency mit einer Abschrift dieser Anweisung versehen, die auch im Regierungsblatt veröffentlicht werden soll.“ worden ist. Man muß annehmen, daß sehr viele Gegner des Peel-Planes selbst nicht mehr an die Möglichkeit glauben, das Mandat im alten Sinne und gar mit einer für die Juden günstigeren Auslegung wieder zu beleben. Schwindet aber diese Möglichkeit, dann haben die Neins a g e r überhaupt nichts vorzuschlagcn, es sei denn jene kleine Gruppe der hauptsächlich unter den amerikanischen Nichtzionisten der Agency vertretenen Neinsager, die eine arabisch-jüdische Verständigung an Stelle des Teilungsplanes befürworten. Die überwiegende Mehrheit der Agency, sowohl Zionisten als auch Nichtzionisten, haben zum jüdisch-arabischen Problem zunächst nur die eine Feststellung zu machen, daß die Juden den Status einer permanenten Minderheit in einem arabischen Staat a b 1 c h n c n. Da also alle Alternativen wegfallen, bleibt als einzige Lösung der Teilungsplan übrig. Das scheint auch die Meinung der englischen Regierung zu sein, wie sie in Ormsby-Gores Anordnung über die Schedule neuerlich ausgesprochen wird. Wenn dem aber so ist, dann gibt es für die vereinigten Kräfte aller an Palästina interessierten Juden nur die eine brennende Aufgabe: mit aller Kraft Dr. Weizmann zu unterstützen in seiner Bemühung, die Gründung des Judenstaates auf Grund des Teilungsplanes mit möglichster Beschleunigung und unter Durchsetzung der von den Juden formulierten Verbesserungsvorschläge zu bewerkstelligen. ln Anbetracht des immer deutlicher zutage tretenden Zustandes der Welt und in Anbetracht der Unmöglichkeit, sich mit der jüdischen Situation abzufinden, wird gewiß die Notwendigkeit einer beschleunigten Lösung dieser Art allgemein anerkannt werden, auch von Nichtjuden, auch von den Mächten, und unabhängig davon, wie der Einzelne zum Judentum stehen mag. Ein Volk, das einen klaren und unerschütterlichen Wiilen hat, und an dem Ziel, sich seine unentbehrlichen Lebensgrundlagen zu erarbeiten, festhält, wird schließlich trotz allen Schwierigkeiten sein Schicksal selbst gestalten. Ein Hachscharah-Roman ״Wir bereiten uns vor. Roman aus dem Hachscharah-Leben“ von Mordechai Halter ist in Warschau, Verlag Awoda, jiddisch erschienen. Ein wenig kunstvoll, aber mit fast protokollarischer Sachlichkeit geschriebener Roman: Zwei junge Leute, Channa und Mendel, kommen in ein polnisches Judenstädtchen, sammeln an dreißig andere׳ junge Menschen um sich, mieten zusammen einen Raum, leben aus gemeinsamer Kasse und schaffen gewissermaßen eine Kwuzah. Tagüber arbeitet jeder in Fabriken oder Werk- Stätten, abends arbeitet man gemeinsam an sich selbst und bildet sich jüdisch, moralisch, allgemein für das Leben in Palästina. Die verschiedenen Gefahren eines solchen, nur auf hohem moralischem und sozialem Niveau möglichen und fruchtbaren Gemeinschaftsdaseins treten auf, Konflikte des Egoismus, Differenzen mit der Außenwelt, ein nicht hincinpassendes Individuum, — und den Schluß des Romans bildet das Zertifikat für die beiden Gründer. Aber trotz allen Gefährdungen lebt und wirkt, auch über das Roman- Ende hinaus, die Gemeinschaft und ihr Ideal. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Robert Welt sch, Berlin-CharL 8 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 15. Anreigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Berlin W 15. Gültig Anzeigen Preisliste 5 vom 1. April 1938. Verlag und Anzeigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15. Meinekestr. 10. D.A. IV/1937 26800. — Druck: Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg. 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