Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1938)
- Date
- 1938-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 22 / Jahrgang 4S Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion, Verlag nndAnxeigenverwalliuigt Berlin W15,Meineke*tT. 10 Fernruf I 919031, Telegramm-Adreeio 1 Orghlp. — In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugs gebühren. Bezugspreis einschlieBlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Viertel■ jahr RM 5,75! bei Abholung RM 1,88 biw. RM 5,39 (einschlieBlich Postzeitungsgebühr von 10,72 Rpf je Monat). - Postscheck . Konten der Vertriebs-Abteilung fOr Groll.Berlin, Berlin 71573, für das übrige Reich: Berlin 17392 BERLIN י״ח אדר ב׳ תרצ״ח FREITAG, 18. MÄRZ 1938 Eradielnt jeden Dienstag und Freitag. Gültig ist die Anztilgenprelsllste Nr. 5 vom 1. April 1936, Die zwölfgespaltene mm - Zeile 20 Rpf, für Familien- Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe: Montag 10 Uhr, für die Freitag. Ausgabe: Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt (Or das |0dlsche Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Die Einwanderung April bis September Schedule für Palästina: 2000 Kapitalisten-, 1000 Arbeiter - Zertifikate, keine numerische Beschränkung für direkte Angehörige und für auszubüdende Jugend In einer Mitteilung des Kolonialministeriums werden die Einwanderungsbestimmungen (Schedule) für das nächste Halbjahr bis 1. Oktober 1938 bekanntgegeben. Die Regierung hält an einer Sonderregelung fest, doch sind gegenüber dem vorigen Halbjahr wichtige Aenderungcn zu verzeichnen. Der Erlaß besagt, daß ״aus Wirtschaftliehen Gründen“ eine Vergrößerung der Einwanderung der sogenannten ״Kapitalistenklasse“ beschlossen wurde und ״aus humanitären Gründen“ eine unbeschränkte Mitnahme von Frau und Kindern sowohl bei neuen Immigranten als auch von Immigranten, die bereits früher legal eingewandert sind, gestattet wird. Ferner wird bestimmt, daß Studierende palästinensischer Erzichungs- und Ausbildungsanstalten, für deren Unterhalt gesorgt ist, gleichfalls unbeschränkt zugelassen werden. Diesen günstigen Entscheidungen steht als ungünstiges Moment die geringe Zahl der Arbeiter-Zertifikate (1000) gegenüber, die durch die gegenwärtige Arbeitslage begründet wird. Wir geben nachstehend in einem Londoner Bericht die Verordnung im Wortlaut wieder und veröffentlichen eine Würdigung des Sachverhalts an anderer Stelle. Auf eine Anfrage über die Regelung der Einwanderung- Verhältnisse in Palästina, die im Unterhaus vom Abgrordneten Ralph Beaumont gestellt wurde, gab Kolonienminister Ormsby-Gore folgende schriftliche Antwort: ״Die Entscheidungen, die von S. M. Regierung getroffen worden sind, sind enthalten i!1 einer Mitteilung an den High Commissioner von Palästina, Sir Harold MacMichacl. Die Zuschrift an den High Commissioner lautet: Eine Anweisung Ormsby-Gores .Ich beehre mich, Ihnen mitzutcilen, daß S. M. Regierung soeben die Frage des für die Regelung der jüdischen Einwanderung nach Palästina anzuwendenden Verfahrens geprüft hat, nachdem die Sonderbeschränkungen, die für die acht Monate von August 1937 bis März 1938 erlassen wurden, erloschen sind. In Uebereinstiinmung mit den Bestimmungen des § 6 der Regierungserklärung vom letzten Juli möchte ich in erster Linie die Gründe auseinanderset7.en; aus denen S. M. Regierung es für notwendig hielt, in jener Regierungserklärung vorzuschlagen, daß die jüdische Einwanderung während der acht Monate von August 1937 bis März 1938 einem Maximum von 8000 unterworfen werden sollte. Warum im vorigen Halbjahr die ״politische Höchstgrenze“ galt Sie werden aus Teil II, Kap. X des Berichts der Königliehen Kommission ersehen haben, daß eine politische ,Höchstgrenze‘ für die jüdische Einwanderung der Regierung vorgeschlagen wird, und daß diese Höchstgrenze für die nächsten fünf Jahre auf 12 000 pro Jahr begrenzt sein soll. Aber Teil II des Berichts setzte die Fortdauer des bestehenden Mandats voraus, und seine Hauptempfehlungen (die sogenannten ,Palliative‘ — Anm. d. ,Jüdischen Rundschau‘) sind von S. M. Regierung noch nicht angenommen worden, die zu dem Schluß gekommen ist, daß die beste und hoffnungsvollste Lösung in einem T e i - lungspian auf den in teil III des Berichts vorgeschlagenen Grundlagen bestehe. Es war klar, daß die Entscheidung S. M. Regierung zugunsten der Teilungspolitik nicht vor Ablauf einer gewissen Zeit der Untersuchung und Vorbereitung wirksam werden konnte, und es wurde nötig, die Schritte zu erwägen, die zur Regelung der Einwa n d e rung w ä h r e n d der Interimspcriode zu ergreifen sind. In Kapitel Xll ihres Berichts befaßte sieh die Kommission mit der Ucbergangsperiode ,in der unmittelbaren Zukunft, wenn eine Einigung darüber erzielt würde, das Mandat zu beenden und ein Vertragssystem auf der Grundlage einer Teilung aufzurichten‘. Für diese Periode schlug die Kommission vor, daß anstatt des ,politischen Maximums‘ eine territoriale Bcschränkung der jüdischen Einwanderung auferlegt werden sollte. ,Keine jüdische Einwanderung in das arabische Gebiet sollte zugelassen werden — der Umfang der jüdischen Einwanderung sollte bestimmt werden durch die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit Palästinas ohne das arabische Gebiet.‘ Die Kommission hat jedoch keine Empfehlung hinsichtlieh der Kontrolle der Einwanderung während der u n m i 11 e 1 - baren Intcritnsperiode zwischen der Vcröffentlichung der Regierungserklärung und der endgültigen Ent- Scheidung hinsichtlich der Teilung gegeben. Da die voraussichtlich en Grenzen des arabischen und des jüdischen Gebiets nicht vorausgesagt werden konnten und ungewiß bleiben müssen, bis eine Entscheidung auf Grund des Berichts der neuen Kommission, die in Kürze nach Palästina reisen wird, gefällt ist, so war es unausführbar, das Verfahren aitzuvenden, das die Kommission in bezug aut die ,Uebergmigsperiodc‘ (Kap. XXII des Berichts) empfohlen hat. In Hinsicht darauf, daß das erklärte Ziel ihrer Politik, wie sie im Weißbuch vom vergangenen Juli nicdergelegt worden ist, ein Teilungsplan war, durch den die jüdische Einwanderung auf ein begrenztes Gebiet beschränkt sein würde, glaubte S. M. Regierung, daß es während der Interimspcriode der vorbereitenden Untersuchung unmöglich sei, eine Einwanderung zuzulassen, die durch die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit ganz Palästinas bestimmt ist, und daß eine zeitweilige und zugegebenermaßen willkürliche Beschränkung der jüdischen Einwanderung unvermeidlich sei. In Uebereinstimmung mit dieser Auffassung wurde für die acht Monate von August 1937 bis März. 1938 die Ein- Wanderung auf 8000 begrenzt und Vollmachten für diesen Zweck dem High Commissioner durcli einen Zusatz (5 a) zum Einwanderungsgesetz erteilt. Dieser Absatz 5 a des Einwanderungsgesetzes, der den High Commissioner ermächtigt, die Höchstzahl der als Ein- Wanderer nach Palästina zuzulassenden Ausländer während einer bestimmten Periode festzusetzen, Kategorien festzusetzen und die Höchstzahl der von j'eder Kategorie zuzulassenden Personen zu begrenzen, erlischt am 31. März. 1938, oder zu einem späteren Zeitpunkt, den der High Commissioner mit Zustimmung des Kolonicnministers durch Veröffentlichung im Regierungsblatt bestimmen kann‘. Die nächstem zwölf Monate Nach genauer Prüfung hat S. M. Regierung entschieden, daß in der Lage seit dem August sich nicht ein solcher Wandel vollzogen hat, daß sich eine Zurückziehung der dem High Commissioner durch Absatz. 5 a übertragenen Vollmachten rechtfertigen ließe und daß die Gültigkeit dieses Absatzes für einen weiteren Zeitraum von zwölf Monaten verlängert werden soll. Wenn am Ende dieses Zeitraums es noch für notwendig gehalten wird, daß der High Commissioner diese zusätzlichen Vollmachten behält, wird die notwendige Gesetzgebung hierfür geschaffen werden. Gleichzeitig möchte S. M. Regierung feststellen, daß es ihre Absicht ist, wenn die Grenzen der verschiedenen Gebiete nach einem gerechten ausführbaren Teilungsplan einmal festgelegt sind und solange das bestehende Mandat noch wirksam ist, die Einwanderung jüdischer Immigranten, soweit sie nichtarabisches Gebiet betrifft, durch den Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit zu regulieren. Geprüft wurde auch die Frage der speziellen Anwendung der durch Absatz 5 a des Einwanderungsgesetzes übertragenen Vollmachten nach dein 31. März. Dieser Absatz ist rein fakultativ und S. M. Regierung hat sich dahin entschicden, daß zunächst die Vollmachten vom High Commissioner für einen Zeitraum von nur sechs Monaten, von April bis September 1938, ausgeübt werden sollen, wobei sie sich eine spätere Prüfung der nach diesem Zeitpunkt zu ergreifenden Maßnahmen vorbehält. Hinsichtlich der aufzuerlegendcn Beschränkung ist die Aufmerksamkeit S. M. Regierung auf verschiedene Vor- Stellungen gelenkt worden, die die J e w i s h Agency und andere Stellen erhoben haben; sie erkannte, daß gewichtige Gründe in den vorgetragenen Auffassungen enthalten sind, die zugunsten einer weitherzigeren Zulassung von finanziell unabhängigen Personen aus wirtschaftlichen Gründen, sowie der Kategorie der Angehörigen, wie sie durch Absatz 2 des Einwanderungsgesetz.es bestimmt sind, d. h. Frauen und Kinder von Ein- Wanderern, aus humanitären Gründen sprechen. (Fortsetzung Seite 2) Resolution des A.-C. Das Aktions-Comite hat in seiner Schlußsitzung in London eine Reihe von Resolutionen angenommen, die sicli mit den politischen und wirtschaftlichen Fragen Palästinas befassen. Oie erste Resolution lautet: ״Das Aktions-Comitö bestätigt einmütig die Bereitschaft aller zionistischen Gruppen zu harmonischer und einheitlicher Zusammena r b e i t. Das Aktions-Comitd erklärt ferner, daß sowohl die Anhänger als auch die Gegner der politischen Resolution des XX. Zionistenkongresses sich unzweideutig jedem Versuch widersetzen, die Juden auf die Stellung einer Minderheit in Palästina zu beschränken, ebenso jeder Aktion der Gegner des Zionismus, die gegen das Prinzip eines jüdischen Staates in Palästina gerichtet ist.“ Die zweite Resolution befaßt sich mit der Frage der Einwanderung und fordert Wiederherstellung des Prinzips der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit. Eine dritte Resolution befaßt sich mit der Abwehr des Terrors in Palästina und spricht die Forderung aus, daß den Juden ein größerer Anteil bei ihrer Verteidigung und bei allen Sicherhcitsmaßnahincn eingeräumt werde. ״Aber“ — so fährt die Resolution fort — ״das A.-C. spricht sei .1c Ueberzeugung aus, daß die offenkundige Ungewißheit der Regierungs- Politik der Hauptfaktor ist, der die dauernde Unruhe verunsacht. Das A.-C. betont daher vor der britischen Repierung die Notwendigkeit, unzweideutig und ohne weiteren Aufschub klarzumachen, daß die Regierung entschlossen ist, eine, endgültige Politik im Einklang mit ihren Ver- Pachtungen gegenüber dein jüdischen Volke in Palästina durchzuführen.“ Eine weitere Resolution fordert von der Regierung Beistand für Landwirtschaft und Industrie sowie Durchführung öffentlicher Arbeiten. Schließlich ist noch folgende Resolution zu erwähnen: ״Das Aktions-Comite schließt sich, nach Anhörung des Berichtes der Exekutive, der Anschauung an, daß Ver־• Handlungen mit arabischen Kreisen, die auf eine arabisch-jüdische Verständigung gerichtet sind, mit Fug nur von der Exekutive der Zionistischen Organisation der Jcwish Agency oder mit deren Billigung geführt werden können.“ (Siche auch S. 12.) Umschau Unsere Brüder InOesterreich — SeelischeErschütterung und praktische Aufgaben — Wohin mit der Jugend? — Möglichkeiten der neuen Schedule — Der Weg zum Judenstaat In erregten und revolutionären Zeiten, wenn sich bei ganzen Menschengruppen mit einem Schlage eine gewaltige Veränderung vollzieht, finden wir bei allem Bemühen, das äußere Schicksal zu meistern, ein natür* liches Bedürfnis, die Vorgänge und Zusammenhänge zu verstehen, um für sich selbst wieder eine Orientierung und festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Das gilt vor allein bei uns Juden, für die die geistige Not immer ebenso schwer zu tragen war wie materielle Not. In solchen Momenten, wo für den Einzelnen sein Jude-Sein zum Schicksal wird, ist die Frage besonders brennend: Was bedeutet mir dieses Judentum? Diese Frage aber kann nur beantwortet werden durch Wiedereinreihung in die Geschichte, durch die Erinnerung an all das, was vergessene Ahnen im Laufe der Jahrhunderte erlebt haben, an die Zeit der jüdischen Volkswerdung und geistigen Prägung, und die ewigen Werte des Judentums. Zugleich aber hören wir wieder die Stimme des Blutes, es regt sich der Lebenswille des Volkes, Die Wiederanknüpfung an die jüdische Vergangenheit ist in unseren Tagen verbunden mit der Rückkehr entfremdeter Söhne zu dem Wollen einer jüdischen Zukunft. Wir alle fühlen mit einer nicht mehr zu überbietenden Klarheit, daß das Geschick der Juden neu geordnet, eine neue Lebensform für sie gefunden werden muß. Hier mitzuwirken ist für manchen Juden, der viel verloren hat, ein lohnendes Ziel, eine echte Arbeit und zugleich — dies ist nicht minder wichtig — eine seelische Rettung. Darum rufen wir in Zeiten der Erschütterung alle zu einer Besinnung auf ihr Judentum. Dies alles gilt heute in hohem Maß für die Juden Wiens und Oesterreichs, deren Situation sich binnen einer Woche grundlegend gewandelt hat. Sie stehen vor einer geschichtlichen Wendung, vor einer vollendeten Tatsache, die sie nun geistig verarbeiten müssen. Da gilt es, seinem Leben entschlossen einen neuen Sinn za geben, und das können sie nur durch Ja-Sa gen zum Juden• t u m. Wir sind weit entfernt davon, in solchen Momenten eine jüdische Gruppe gegen die andere auszuspielen. Alte Differenzen (und in Wien gab es, davon haben wir oft berichtet, sehr scharfe innerjüdische Differenzen!) sollen vergessen werden, in außerordentlichen Momenten bedarf es eines neuen Geistes der Zusainmenarbeit und der Gemeinschaft. Minderwichtiges hat vor Wichtigerem zurückzustehen. Die Judenheit im Deutschen Reich, die seit einer Reihe von Jahren praktische Hilfsarbeit, Organisierung der Auswanderung, Schulung und Bildung der Juden betreibt, kann den Juden in Oesterreich in vielen Hinsichten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Judenheit Deutschlands empfindet in der Stunde der Anglicdcrung der österreichischen Brüder echte Solidarität. Das Gefühl, für eine Erneuerung des jüdischen Volkes zu leben und den tiefen Sinn der jüdischen Geschichte an sich selbst zu erfahren, kann den Menschen wieder das geben, was sie am meisten benötigen: Selbstachtung, Lebensmut und Selbstvertrauen. * In solchen Momenten des Umsturzes muß jeder Einzelne über die Vergangenheit liinauswachsen. Es sollen keine Händel von gestern ausgefochten werden. Aber da wir Juden in alle Welt zerstreut sind und daher aus Geschehnissen Lehren ziehen müssen, sei doch folgendes gesagt: Welches Paradox liegt darin, wenn eine Gruppe von Juden, solange sie nicht das Judenschicksal inunmißverständlicher Form am eigenen Leibe fühlt, über die Judenfrage hinwegsehen möchte! Wir besitzen Berichte über Gespräche mit wohlhabenden Juden, die erst vor zwei oder drei Wochen in Wien über die Judenfrage und faste*. UebeMuk Ein Erweiterungsbau des T e l Av i v er Museums wird am 18. März eröffnet. Das Haifaer Militärgericht verurteilte einen arabischen Terroristen zum Tode. Bei den Gefechten mit arabischen Banden wurden zwei bekannte Terroristenführer getötet. Der amerikanisch-jüdische Boxer Max B ac r ist wieder Anwärter auf einen Weltmeisterschaftskampf geworden.