Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1938)
- Date
- 1938-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JODISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 21, 15. MÄRZ 1938 Die arabischen ״Banden11 In ״Dawar“ veröffentlicht, wie uns aus Tel Aviv geschrieben wird, M. K a p e I j u k den Inhalt eines Gespräches mit einem arabischen Handelsvertreter, den seine Geschäfte in der letzten Zeit in etwa 30 arabische Dörfer geführt haben. Der Araber beklagt sich bitter über die schlechte Geschäftslage und die schlechte Zahlungsfähigkeit der Fellachen. Auf seinen Reisen hat er auch vieles über die politischen Zustände in Erfahrung gebracht. Eine der wichtigsten Banden, die etwa 70 Mann zählen soll, wird von einem einfachen Fellachen geführt, auf dessen Kopf jetzt die Regierung einen Preis von k 500 gesetzt hat. Dieser Fellach war vermögend, hatte sein Land an andere Fellachen verpachtet und betrieb selbst einen Handel. Zur Zeit des Streiks im Jahre 1936 erlitt er große Verluste. Er war ein frommer Mohammedaner und da er hörte, der Kampf sei gegen die Ungläubigen gerichtet, schloß er sich Fauzi Kaukji an. Aber es herrschte kein Friede zwischen ihnen, denn Kaukji war nicht orthodox und nahm cs leicht mit den vorgeschriebenen Gebeten, während der Fellach außer den fünf vorgeschriebenen Gebeten am Tag noch besondere Andachtsübungen nicht missen wollte. Ohne das schien ihm der Sieg über die Ungläubigen nicht gewiß. So gründete er seine eigene Bande, in die kein Mohammedaner aufgenommen wird, der die Vorschriften des Glaubens nicht streng befolgt. Seine Schar ist zwischen Tulkerem, Dschenin und Nablus tätig. Sie steht mit den Freischaren in der Nachbarschaft in Kontakt. Eine andere wichtige Bande hält sich zwischen Safed und Nazareth auf. Der Führer hat einen besonders tatkräftigen soldatischen Charakter. Er soll an der Spitze der Leute gestanden haben, die in einer Nacht in die Straßen Dschenins einbrachen. Diese Tat hat vielfach Begeisterung hervorgerufen. Man sagt unter den Arabern, wenn die Banden es wollten, so könnten sie das Land i!1 einer Nacht in Besitz nehmen, aber sie ziehen den Kleinkrieg vor, bis die rechte Stunde kommt. — In letzter Zeit hat eine andere Bande Bedeutung erlangt, die zum Andenken an den von den Engländern hingerichteten Scheich Farchan sich die ״Brüder Farchans“ nennt, und es sich zum Ziel gesetzt hat, sein Blut zu rächen. Diese Leute stammen aus den Kreisen und Familien, auf die der Getötete einen starken Einfluß hatte. Sie sind bekannt als Strenggläubige, deren Frömmigkeit beispielhaft ist. Aus ihren Kreisen sind ״Heilige“ hervorgegangen, an deren Gräbern man betet. Die ״Brüder“ halten sich zwischen Nablus und Dschenin auf. Auch sie sollen an der ״Eroberung Dschenins“ beteiligt gewesen sein und die Gelegenheit benutzt haben, um ein Gedenkgebet für den Getöteten nach dem Ritus der Derwische zu veranstalten. Viele Geschichten über die Banden zirkulieren unter den Fellachen, die zwar nicht wahr, aber für den Zustand der Gemüter charakteristisch sind. Hunderte von englischen Soldaten sollen sie umgebracht haben, und ihre Führer sind erfinderisch in immer neuen Kriegslisten. Immer wieder verkleiden sich die Banden als englische Soldaten, während sie die Engländer durch Holzpuppen in arabischer Tracht irreführen. So locken sie die Engländer in den Hinterhalt, so gelingt es ihnen sogar, die Führer der englischen Aeroplane zu täuschen und die Flugzeuge abzuschießen. Der Fellach ist freigiebig beim Ausdenken und Ausschmücken solcher Geschiehten, freigiebiger — meint der Erzähler — als bei der Be- Zahlung seiner Schulden. Ein Programm für 1938 In der palästinensischen Wirtschaftszeitung ״Palestine and Middle East“ entwirft der Direktor der Anglo Palestine Bank, S. Hoof i en, ein Programm für 193S. Alle unsere Energien, so führt er aus, müssen darauf gerichtet sein, die gegen- ■wärtige Uebergangszeit zu überstehen. Wir können viel tun, um eine Versclilediterung der Lage zu verhindern, und zwar folgendes: 1. Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Es muß ein Fonds für Arbeitsbeschaffung gefunden werden. Nur durch Belebung des Arbeitsmarktes wird auch dem notleidenden Mittelsland, dein kleinen Kaufmann, dem Kleinhandwerk usw., geholfen. 2. Der Absatz, Transport und die Verpackung der Citrusfrüchte des Landes müssen organisiert werden. 3. Die Industrie muß unterstützt werden in ihren Bemühungen nach besserer Organisation und Ausschaltung schädlicher Konkurrenz, sowie bei der Gewinnung neuer Märkte. 4. Die gemischten landwirtschaftlichen Siedlungen müssen zusätzliches Kapital erhalten und den Absatz ihrer Produkte organisieren. 5. Fürsorge für die Kredit-Kooperativen. 6. Fortsetzung der Bemühungen uin den Hafen Tel Aviv. 7. (Vielleicht hätte dieser Punkt als erster stehen sollen:) Ausschaltung aller Partei-Gesichtspunkte in Wirtschaftsfragen. Dieses Programm sei für ein und vielleicht für zwei Jahre völlig ausreichend. Eis verspricht zunächst keine glänzende Prosperity, aber es sichert die Ucbcrwindung der Schwierigkeiten und Durchhalten der Uebergangszeit. Gefecht bei Akko Ein größeres Gefecht zwischen britischen Truppen und einer arabischen Bande von mehreren hundert Mann fand nördlich von Akko an der Straße nach Safed statt. Die Verluste der Araber sollen schwer gewesen sein; man spricht von 32 Toten. Ein britischer Soldat wurde bei dem Gefecht getötet. Auch Flugzeuge nahmen an dem Gefecht teil. Der stellvertretende Distriktskommissar des Norddistrikts Pollock versammelte in Dschenin etwa 100 arabische Müktars aus den Bezirken Nablus und Dschenin und warnte sie, die Terroristen zu unterstützen. Das Haifaer Militärgericht verurteilte einen Araber, der in. einem Gefecht gefangengenommen war, zum Tode. Michael Ackermann, ein 32jähriger Jude, wurde von einem Araber bei Tel Ainal angeschossen. Geschäftsstreik in Jerusalem Die jüdischen und arabischen Kauflcutc traten in Jerusalem in den Streik als Protest wegen der Nichtinkraft- Setzung des Mieterschutzgesetzes. Das Mieterschutzgesetz, das die Kaufleute vor willkürlichen Mietssteigerungen und Kündigungen schützeiT soll, ist vergangene Woche am Muharram (arabisches Neujahr und Umzugstermini abgelaufen und trotz dringender Forderung aller Kaufleute nicht erneuert worden. Die Kauflcute betrachten dies als einen schweren Schlag gegen die ohnedies schwer ringende Geschäftswelt. Der Amtsantritt MacMichaels Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 6. März Terror zum Abschied und zur Begrünung Die erhöhte Aktivität der Terroristen bei Beginn der vorigen Woche wurde im Lande allgemein als eine Demonstration vor der Abreise von Sir Arthur Wauchope betrachtet. Die Ereignisse des Wochenendes wiederum scheinen dazu bestimmt zu sein, seinen Nachfolger Sir Harold MacMichael durch den Augenschein davon zu überzeugen, daß die Herstellung von Ruhe und Ordnung, über die man seit langer Zeit im Lande und in London spricht, nicht ganz einfach ist. Die Ereignisse des letzten Halbjahres haben das Publikum soweit abgehärtet, daß es sich nicht nur an die einzelnen kleinen Uebcrfälle gewöhnt hat, sondern auch größere Gefechte zwischen Banden und Truppen als keine übermäßige Sensation empfindet Immerhin haben die letzten drei Tage, wo in detn bereits berühmt gewordenen Dreieck von Nablus—Dschenin—Tuikerem umfangreiche militärischc Operationen vorgenommen wurden, ihren Eindruck nicht verfehlt. Das Militär ist auf seinem W'egc zur Aushebung der Banden eine Etappe weiter gegangen. Wie weit der Weg noch zur völligen Sicherung des Landes ist, darüber schweigen freilich auch die kühnsten Propheten. Stärkung der militärischen und zivilen Exekutive Der neue High Commissioner hat keine Zeit verloren, um der palästinensischen Bevölkerung seinen Standpunkt gerade in der Frage der Wiederherstellung der Ruhe klarzumachen. Zwei Tage nach seiner Ankunft hielt er seine erste Radioansprache, die von allen Seiten mit gespanntem Interesse aufgenoinmen wurde. In dieser Rede verkündete MacMichael als sein nächstes Ziel die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung und betonte insbesondere, daß sowohl das Militär als auch die Ziviladministration auf seine vollste Unterstützung bei dieser Aufgabe rechnen könne. Diese Erklärung hat im Lichte der Ereignisse der letzten zwei Jahre in Palästina ein besonderes Gewicht. Ist es doch kein Geheimnis, daß zwischen Zivil- Verwaltung und Militär unter dem vorigen High Commissioner oft tiefe Meinungsverschiedenheiten bestanden. Und auch innerhalb der Ziviladministration war es keineswegs selbstverständlich, daß alle am gleichen Strange zogen. Das lag zu einem Teil daran, daß Sir Arthur Wauchope über die Behandlung des arabischen Aufstandes und insbesondere über die Anwendung der Gewalt sehr ausgesprochene Ansichten hat, die vielfach denen des Militärs entgegengesetzt waren; und daß andererseits das Zusammenarbeiten der einzelnen Departements nicht immer reibungslos war, wie wir unter anderem aus dem Bericht der Royal Commission gelernt haben. Die Koordinierung von Zivil- und Militäraktionen durch die oberste Stelle im Lande dürfte die Schlagkraft der Engländer in Palästina um vieles vergrößern, und das ist das Ziel, dem MacMichael zustrebt. Englands Macht Verzichtete der neue High Commissioner in diesem ersten Punkt auf alle Umschweife, so hat er sich auch im zweiten Teil seiner Rede nicht mit Andeutungen begnügt, sondern seinen grundsätzlichen Anschauungen ohne Beschönigung Ausdruck gegeben. Er unternahm cs, die Palästinenser — Juden und Araber gleicherweise — daran zu erinnern, was sie England verdankten. Und schließlich erinnerte der Oberkommissar seine Hörer daran, daß das englische Imperium zwar keine Eroberungen wolle, jedoch entschlossen sei, seinen Besitz und seine imperialen Interessen, die mit denen der palästinensischen Bevölkerung parallel liefen, unbeugsam zu verteidigen. In dieser Betonung der imperialen Interessen in Palästina, in diesem deutlichen Hinweis auf die Macht Englands liegt eine neue Note, wie sie in den letzten Jahren in Palästina unbekannt war. Der frühere High Commissioner hat mit ganz anderen Argumenten und in ganz anderer Art auf das palästinensische Publikum zu wirken gesucht. Der neue Mann am Steuer läßt keinen Zweifel darüber, daß es ihm mit der Durchsetzung der imperialen Ziele absoluter Ernst ist. Die unklare Zukunft Waren so die allgemeinen Züge der Rede durchaus eindeutig, so suchte das palästinensische Publikum doch hier vergeblich eine Andeutung der Mittel, mit denen der neue Oberkommissar und die Londoner Regierung der palästinetisischen Frage beikommen wollen. Es fiel kein Wort über den Teilungsplan, nichts wurde über irgendwelche sonstigen Lösuitgsversuche der politischen Probleme mitgeteilt. Das darf nicht wundernehmen, denn der neue High Commissioner bekannte sich von vornherein noch als ein Lernender, der sich iin Lande erst einleben muß, und er trug Sorge zu betonen, daß die großen Linien der Politik ihm von seiner Regierung vorgesc 11 rieben würden. Daß jedoch auch bei einer so bestimmt gehaltenen Rede wie dieser nichts darüber ausgesagt wird, w i e denn nun diese imperialen Interessen gewahrt werden sollen, wie sie mit den entgegenstehenden Ansprüchen der Juden und Araber vereinigt werden, zeigt von neuem, daß London sich bisher noch auf keinen der vorgeschlagenen Wege völlig festgelegt hat. Juden aus Deutschland siedeln Landwirtschaftliche Siedlung Kfrjath Bialik* Kirjath Bialik, 10. Januar 1938 Die Siedlung liegt in der Haifa-Bucht auf Boden des KKL, eine halbe Autostunde von der Stadt Haifa entfernt, in unmittelbarem Anschluß an die vorstädtischen Wohnviertel. Die Ostgrenze ihres Bodens bildet gleichzeitig einen Teil der Ostgrenze des Keren-Kajcmeth-Blocks überhaupt. Dort befindet sich der Hügel, auf dem früher das arabische Dort Dschidro lag, das auf Palästinakarten meist noch zu finden ist und dem ganzen Gebiet dm Namen gegeben hat, während sich heute " •' ■*l ._ — — aut jj1m weithin sichtbar der Wasserturtn : ׳ ' . der Siedlung erhebt. Von diesem Hügel aus bietet sich in der Weite ein eindrucksvolles Panorama der jüdischen Haita-Bucht (Emek Sebulon) und in der Nähe ein Ueberblick über die Gesamtfläche der Siedlung mit ihrem tast schematischen Aufbau: unmittelbar am Hügel die Ostböden (ca. 120 Dunam) mit meist schon angelegten jungen Pflanzungen von Aepfeln, Birnen und Pllaumcii, danach westlich der Hauptblock von 250 Dunam meist intensiv bewässerten Futter Die zweite Ge, und und schließlich jenseits des Haupt-Entwässerungsgrabens (Fuarar) die Hofparzellen, ca. 115 Dunam, mit den Häusern und Stallungen. Die Siedlung umfaßt 28 Einzelwirtschaften. Von der Einzelwirtschaft her gesehen stellt sich der Aufbau wie folgt dar: von insgesamt 17 Dunam bewässerten Bodens sind 4 Dunam mit Obst bepflanzt, U/2 Dunam werden von Haus, Stallungen, Hof und Ausläufen in Anspruch genommen, zirka JA Dunam der Hofparzelie dient gewöhnlich Dauerkulturen, Bäumen usw., während die übrigen 11 Dunam, die intensiv künstlich beregnet werden, das eigentliche Rückgrat der Wirtschaft darstellen und in jährlichem Wechsel nach den Grundsätzen einer geordneten rruchtfolge derart bestellt werden, daß jeweilig etwa 3 Dunam mit Gemüse aller Art, und 8 Dunam mit ürünfutter (im Winter: Klee, Wickenhafer und Rüben, im Sommer: Mais und Cowpea) bestanden sind. Die Grünfutterfläclie ermöglicht die Haltung von 3 Milchkühen mit Nachwuchs. Wo ein größerer Viehbestand vor¬ *) Siehe die früheren Berichte über Siedlungen von Juden aus Deutschland in Nr. 93, 98/1937, 2, 18, 19. und 20/1938. handen ist, bemüht man sich, Boden zur extensiven Bearbeitung für Heugewinnung hirmizupachten (z. B. gegenwärtig insgesamt ca. 150 Dunam). Die meisten Wirtschaften verfügen über Huhnerstäile für durchschnittlich 300 Legehennen und Aufzuchthäuscr für Kükenaufzucht. Am Platz befindet sicli ein elektrischer Inkubator. Von entscheidender Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg des Siedlers ist die Höhe des W a s s e r p r e i s e s, da dieser die Er/eugungskosten des (iemüses und des Grünfutters und damit auch der Milch bestimmt. Das Wasserwerk, bestellend aus 3 Brunnen, Wasseruirm und Rohmetz, befindet sich im Besitz der Siedlerkooperative. Trotzdem hestimmen die laufenden technischen Unkosten (elektrische Kraft und Bedienung) nicht allein den Wasserpreis, sondern die Siedler konnten den Aufbau des Werkes, das einen Wert zinsung des aufgenoniiiieneii Kapitals und eine Rückzahhingsquote in den Wasserpreis einreehnen. Da der größte Teil dieses Kapitals schon in 10 [ähren zunickge/ahlt sein muß, ist die Nückzahlungsquote, die au! den Kubikmeter verbrauchten Wassers entfällt, höher, als sieh im Grunde mit der Wirt- Schädlichkeit der Betriebe, d. h. dem landwirtschaftlichen hoffen, daß einmal eine Umwandlung dieser Anleihe möglieh sein wird mit dem Erfolg der Verteilung der Rückzahlung auf längere Zeit. Einem großen Teil der Siedler, und zwar denjenigen, die mit dem ursprünglich von der landwirtschaftlichen Abteilung der Jcwish Agency als ausreichend angesehenen Eigenkapital von LP 90() die Siedlung gründeten (1931), fehlte aber nicht nur die Möglichkeit, sich an dem Wasserwerk mit eigenen Mitteln zu beteiligen, sondern sie mußten sich darüber hinaus noch erheblich verschulden, um ihre Wirtschaft aufbauen zu können. Dies lag insbesondere daran, daß aus mm fk1׳ I. Siedler in der Hauptstraße bei der Gemüseabgabe