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Jüdische Rundschau · 1938-03-04 · Heft 18 (4.3.1938) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 18 (4.3.1938)
Date
1938-03-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18, 4 III. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU r ' 7 Zur Schulentlassung Berufsausbildungsstätten für jüdische Jugendliche Die nachstehende Zusammenstellung von Beruf sausbildungs- Stätten, die der Vorbereitung für Palästina dienen, dürfte im gegenwärtigen Augenblick auf das besondere Interesse unserer Leser stoßen, da der Termin der Schulentlassung heranrückt und die Entscheidung über die berufliche Vorbereitung in den nächsten Wochen fallen muß. (Red.) 1. Mittleren -Hach schar ah Berufsausbildung der 15• bis 17jährigen, insbesondere in Deutschland Mittleren-Hachscharah ist die berufliche, geistige, sprachliehe und gesellschaftliche Vorbereitung jüdischer Jugend aut ein Leben der körperlichen Arbeit und der Gemein- Schaft in Palästina. Die Arbeitszeit in der Mittleren-Hachscharah beträgt je nach Jahreszeit täglich 5—9 Stunden. Der Rest des Tages ist mit Unterrichtsstunden belegt. Der Unterrichtsplan umfaßt vornehmlich Fachkunde, naturwissenschaftliche Fächer, Hebräisch, jüdische Geschichte und jüdische Kulturkunde, zionistische Geschichte, sowie nach Wahl und Befähigung und in einer den Bildungsvoraus- Setzungen der Jugendlichen angepaflten Form Gesellschaftskünde, Weltgeschichte, Volkswirtschaft. Mathematik u. a. Ausbildungsstätten der Mittleren-Hachscharah befinden sich in Deutschland sowie in gewissem Umfang in Holland und Italien sowie für Fischerei in Dänemark und Italien. A. Landwirtschaftliche, gärtnerische und für Mädchen zugleich hauswlrtschaftliche Ausbildung in zweijährigen Lehrgängen in folgenden Ausbildungsstätten: Ahrensdorf, P. Luckenwalde; Blankenese b. Hamburg; Brüderhof, Bz. Hamburg; Ellguth-Steinau, O.-S.; Grüsen-Gemi'mden; Halbe, Mark; Havclberg, Mark; Jessen, N.-L.; Neuendorf, Mark; Schniebinchen, N.-L.; Scnnfeld, Baden; Silingtal, Schics.; Urfeld, Kr. Bonn; Werkdorp Wieringen (Holland); Westerbeck, Westf.; Gut Winkel, Mark. Ferner für Jugendliche mit religiöser Lebenshaltung: Bomsdorf b. Bitterfeld (Sa.); Gehringshof b. Fulda; Ricavo (Italien); Steckelsdorf b. Rathenow. B. Handwerkliche Ausbildung für Jungen in zwei- bis dreijährigen Lehrgängen für Holz- und Metallbcarbeitung: in den Lehrwerkstätten der Jüdischen Gemeinden, die mit städtischen Wohnheimen (Mittleren-Bathe Chaluz) in Verbindung stehen, und zwar in Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, München. Ferner für Jugendliehe mit religiöser Lebenshaltung in Frankfurt a. M, und Hamburg. C. Besondere Ausbildungsstätten für Mädchen Mädchen-Seminar in Berlin sowie für Jugendliche mit reitgiöser Lebenshaltung in Hamburg. Weiterhin mehrere anerkannte Ausbildungsstätten in Großbetrieben in Deutschland sowie in Kristinehov (Schweden). D. Ausbildung in Fischerei und Seefahrt Ausbildungsstätten: Fischerei-Zentrum auf der Insel Bornholm (Dänemark): Ausbildung in Küsten- und Hochseefischerei. —׳ Seefahrtsheim in Hamburg: Erlernung aller Deck- und Mascliincnberufe der Seefahrt. — Ferner für Jugendliche mit religiöser Lebenshaltung: Ausbildungszcntrum in Livorno (Italien): Erlernung aller Arbeiten des Fischcrei-Bcrufes. 2. Jugend-Alijah Berufsausbildung der 15- bis 17 jährigen in Palästina Zweijährige Berufsausbildung in Schulen, Heimen und landwirtschaftlichen Siedlungen m Palästina. in den Ausbildungsstätten der Jugend-Alijah wird halbtägig gearbeitet; die zweite Hälfte des Tages ist mit Unterrichtsstunden ausgefüllt. Der Unterrichtsplan entspricht dem der Mittleren-Hachscharah. Die Ausbildungsstättcn der Jugend-Alijah sind von der Palästina-Regierurig als Schulen geprüft und bestätigt. 3. Vorbereitung auf Mittleren-Hachscharah und Jugend-Alijah insbesondere für Mjiilirige, in der Mitllcren-Sehule (9. Schuljahr) der Jüdischen Jugcndhilfe e. V. in Berlin, der mehrere Wohnheime, besonders für Jugendliche aus kleineren Gemeinden, angegliedert sind. Der Lehrplan der Schule ist auf die besonderen Anforderungen der Wanderung von Jugendliehen nach Palästina nigesclinitteii. Gesetzestreue Jugendliche werden, insbesondere auch zur Vorbereitung auf 'Mittleren-Hachscharah und Jugend-Alijah, in der Hoffmannschcn Jeschiwah in Frankfurt-Main und in der Jeschiwah in Mannheim, die mit Wohnheimen in Verbindung stellen, aufgenommen. Anmeldungen für alle aufgcfülirfcn Ausbildungsstättcn und Anfragen auch über die Flöhe und Regelung der Ausbildungskosten, sind zu richten an die Jüdische Jugendhilfe E. V״ Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 15S. Zeitschriftenschau Herbert Samuel zum Problem Kultur Die englische Zeitschrift ״Philosophy“ veröffentlicht «inen im November 1937 gehaltenen Vortrag von Viscount Herbert Samuel mit dem Titel ״Civilization“. Samuel geht aus vom Wertproblem: wir alle sind täglich gezwungen zu entscheiden, welche Werte die besten sind. Dabei unterstreicht er stark die Relativität der materieilen Werte und gibt hierfür ein sehr drastisches Beispiel; ״Ein fettes Schwein hat großen Wert in Chicago, aber keinen in Mekka oder Tel Aviv.‘‘ Wir befinden uns in einem Zirkel; unsere Wertwahl determiniert unsere Kultur und umgekehrt ,unsere Kultur wieder unsere Wertwahl. Wenn wir nicht irgend einen Standpunkt außerhalb dieses Zirkels finden, wo wir ein unabhängiges Kriterium haben, werden wir uns weiter im Kreise drehen müssen. Der Mangel an anerkannten. Standpunkten in Ethik und Politik hat zu dem Chaos geführt und uns die Welt beschert, die wir heute um uns sehen. Allgemein herrscht das Gefühl der Notwendigkeit, eine neue Kultur zu schaffen. Aber wir wissen ja nicht, worin das Wesen der Kultur besteht, und nicht jeder ist sicher, daß die jetzige Kultur verdient, vor den Gefahren gerettet zu werden, die sie bedrohen. Samuel ist überzeugt, daß wir nur dann festen Qrund finden werden und BLUMENFELD NÜRNBERG Adlerstraße 36 Teppiche ׳ Möbelsloffe Gardinen ׳ Perser-Teppiche Brücken einen Neubeginn mit irgend einer Hoffnung auf Erfolg machen können, wenn die Philosophie die Wissenschaft als ihre Grundlage anerkennt. Die Prämissen für die Philo- Sophie könnten nirgend anders als in den Erkenntnissen der Wissenschaft gefunden werden. Die Ablehnung des materialistischen Standpunkts kommt sehr schön in folgendem Satz zum Ausdruck; ״Die kommende Kultur kann nicht materialistisch sein... Eine Kultur, in der die wirtschaftlichen Faktoren nicht Diener sind, sondern zu Herrschern oder gar Göttern erhoben werden, kann niemals der menschlichen Seele genügen.“ Zum Schluß vertritt Samuel die Auffassung, daß die aus ihrer klassischen Phase sich befreiende Philosophie, die vom Materialismus sich befreiende Wissenschaft und die von Dogmen sich lösende Religion sich vereinigten müßten zum Bau eines geistigen Grundrisses der Zukunft. Sie können der Menschheit klare Ideen geben, die einfach, leicht, packend sind, im Gemüt wurzeln und kräftig genug, die Gesinnung zu formen. ״Verbesserung“ (meliorism) müsse die Parole werden, unter Ablehnung sowohl von Pessimismus wie von Optimismus, mit Betonung der Notwendigkeit einer Anstrengung, die Dinge zu ändern und zu bessern. ״Bewußte Evolution“ nennt er es In anderem Zusammenhang, und die Möglichkeit hierzu sieht er in der Wissenschaft, die den Menschen wieder dazu befähigen müsse, den Weg zum Fortschritt zu finden. Zur Rassenkunde der Juden ln der Wiener Zeitschrift ״Anthropos“ (Bd. 32, Heft 5/6) ibt S. W e 11 i s c h in einem Aufsatz ״Rassendiagnose der uden und ihrer Vorfahren“ einen Ueberblick über die Blutmischung der Juden in früher Zeit. Auf Grund von vergleichenden Tabellen kommt er zu dem Schluß, daß die ״ephraimitischen Samariter“ und die Jemeniten ״von allen, judengruppen und Sekten das Hebräertum noch am reinsten bewahrt haben“. Die Samaritaner ״bewahren heute noch die serologische Verfassung der Israeliten etwa zur Zeit der Zerstörung ihres Reiches um 700 und die Jemeniten den Zustand ihrer Vorväter nach dem gänzlichen Niederbruch des Judenstaats zu Anfang unserer Zeitrechnung... Es ist daher begreiflich, daß die jemenitischen Araber die Juden ihres Landes für judaisierte Stammesbrüder halten. In Wirklichkeit aber sind sie echte Juden, die nach dem Untergang ihres Reiches nach Südarabien flüchteten und daselbst eine Bevölkerung antrafen, die mit ihnen viel Ähnlichkeit aufwies und, in großer Zahl zum mosaischen Glauben übertretend, eine Blutsverwandtschaft aufnahm.“ Auch die Aschkenasim und Sefardim werden einer serologischen Prüfung unterzogen, wobei der Verfasser feststellt: ״Die Aschkenasim büßten infolge Vermehrung des arrneniden und turaniden Blutes sowie Neuaufnahme von osteuropiden, alpinen und sibiriden Elementen viel vom Grundstock der Israeliten ein und verloren den geringen Einschlag an Negriden zur Gänze... Dagegen erlitten die Sefardim bei ausgiebiger Zunähme des mediterranen und hamitiden Bestandes einen starken Verlust an dem arrneniden nebst einer schwächeren Einbuße an dem orientaliden Gefüge, während sie den nordischen Einschlag gänzlich verloren.“ Der arabische Standpunkt Im Februarheft der Londoner ״Empire Review“ präzisiert Musa H u s s e i n i (ein in London studierender Verwandter des Mufti, der auch als Redner in England mehrmals auftrat) den arabischen Standpunkt zur Teilungsfrage und zum Weißbuch. Eine Teilung beraubt nach seiner Ansicht die arabische Welt des Zugangs zur See und würde dem jüdischen Staat die wirtschaftliche Vorherrschaft im Vorderen Orient verschaffen. Palästina sei das Verbindungsstück zwischen den arabischen Teilen in Asien und Afrika: ein Judenstaat wäre ein Fremdkörper und könnte ein Tummelplatz für Intrigen gegen die arabischen Interessen werden. Die englische Regierung sei anscheinend noch nicht überzeugt, daß der arabische Widerstand ernst gemeint sei, und greife zu Unterdriickungsmethoden, die aber nur den Erfolg hätten, den Einzelterror in einen allgemeinen Aufstand zu verwandeln. Das Weißbuch vom 4. Januar 1938 zerstreue nicht die Ungewißheit und habe auch nicht dazu beigetragen, die Unruhen zu beschwichtigen. Die neue Kommission werde Palästina in einer noch schlimmeren Lage antreffen als die Milner-Kommission Aegypten im Jahre i922. Die Araber Palästinas werden sich durch keine anderen Führer vertreten lassen als durch die jetzt in der Verbannung lebenden, <l. 11. also das frühere Oberste Arabische Komitee. Eine Teilung des Landes löst nicht das Problem, sondern schafft neue Schwierigkeiten und verwandelt den Kampf zwischen den beiden Gemeinschaften in einen ständigen Kriegszustand. (Musa Husscini hat vor mehreren Monaten in einem Vortrag in Oxford ein Programm für jüdisch-arabische Verständigung unter Verzicht auf die Teilung des Landes vorgelegt, das aber inzwischen von arabischer Seite anscheinend wieder eingeschränkt und dadurch für die Juden unannehmbar gemacht wurde; vgl. ״Jüdische Rundschau“ vom 17. Dezember 1937. — A. d. R.) In der englischen Monatsschrift ״The Ninetccnth Century“ veröffentlicht E. T. Richmond, der bis vor kurzem Direktor des Departements für Altertümer bei der palästinensischen Regierung war, einen sehr scharfen Angriff auf die prozionistische englische Politik. Richmond verurteilt mit aller Schärfe den Versuch, ein europäisches Wirtschafts- und Lebenssvstem in einem arabischen Lande aufzurichten, und er findet dafür, ohne die Juden zu nennen, sehr aggressive Bezeichmitigcn. Der Artikel beweist jedenfalls schlagend, mit welchen Elementen die hohe Beamtenschaft der Palästina-Regierung durchsetzt war und noch heute ist. Ohne diesen Persönlichkeiten in ihrer sonstigen Tätigkeit nahezutreten, kann jedenfalls das eine mit Sicherheit gesagt werden, daß sie nicht geeignet sind, die im Mandat verbriefte Politik des Jüdischen Nationalheims durchzuführen und daß eine Verwaltung, deren Träger selbst Gegner der ihnen vorgeschriebenen Politik sind, nicht funktionieren kann. Lorch, die Leute brachte Lorch zusammen und das Wort batte ununterbrochen Lorch, außer wenn er den Rabbiner etwas gefragt hatte. Und dann zum Beten trommelte Lorch Minjan zusammen und dann im Gymnasium sammelte Lorch die Aufsatzbefte ein und war gewissermaßen der Souffleur aller Lehrer. Und Schriftführer des Turnvereins war Lorch und Nachhilfestunden gab Lorch und alles war und machte Lorch. Schon auf der Schulbank. Ja, das war Lorch. Und als ich mit den Ratschlägen meines Vaters, aus denen ich noch nicht herausgewachsen war, und in dem Mantel, in den ich niemals hineinwachsen sollte, voll staunenden Respektes vor allem Großstädtischen, Künstlerischen und Gelehrten am ersten Tage mitten in der Großstadt stand und mir die Mauern der Universität besah, viel zu ergriffen, um sie gleich am ersten Tage zu betreten, da trat Lorch auf mich zu, fragte mich kurz aus (woher? fromm? neu hier? erstes Semester?) und ״keilte“ mich. Er keilte mich für seine ״Verbindung“, die wöchentlich fünfmal Schiur hielt, für den Wanderbunä E. mit eigener Zeitschrift und koschern Konserven (,jeden Sonntag, ohne Mädchen), für ein privates Minjan (jeden Morgen um sechs Uhr), für den Mittagstisch L. (jeden Freitag Schellfisch mit Kartoffelsalnt) und, ich weiß nicht mehr, wofür noch. Jch war zu schüchtern, zu neu in der großen Welt, um Einwünde zu machen, und erschüttert von Begeisterung, daß ein dermaßen erwachsener Mann mir das alles anbot. Damit verabschiedete er sich auch schon, und che ich mir auch nur alles notiert hatte, war er weg. Fortan traf ich ihn täglich überall, und er wurde mir immer erstaunlicher. Er hatte niemals Zeit auch nur für die Frage: wie geht’s?, und das Tollste war, er hatte eine Frau, die ebensowenig Zeit batte, ebensoviel wie er in Vereinen (weiblichen natürlich), Wohltätigkeit und frommen Pflichten arbeitete (wirklich arbeitete), dazu noch dauernd in der Provinz herumreisto und nussah wie eine Dampfwalze. Er war übrigens noch vor dem Examen, er assistierte in einer Zahnklinik. Man stelle sich einen Menschen vor, der keine Zeit hatte, niemals müßig ging, niemals schwieg, niemals träumte oder vor sich hin döste, nie vor einem Schaufenster stehen blieb, sich nie aalte, nie Lust hatte, zu rauchen oder ein Bonbon, ein Stückchen Schokolade in den Mund zu stecken, noch nie im Kino oder Zirkus war, nie einen Roman las, nie schwindelte, nie prahlte, nie Schulden hatte, — nach einer Woche war mir schwindlig vor diesem Menschen! Soviel Arbeit, soviel Verantwortung, soviel Ziele, soviel Hintergrund, soviel Würde, soviel Erwachsenheit, so wenig Schwäche! Den Dalai Lama, den Kaiser von Amerika, den Präsidenten von Utopien noch hätte ich mir nie so bedeutend, so offiziell vorgestellt. Ja, so war Lorch. - Aber nach einer Woche bekam er Zahnschmerzen und Fieber, und beim Minjan sagte man mir, er müßte das Bett hüten. Unvorstellbar! Ich versuchte trotzdem, mir das vorzustellen. Aber schon die Tatsache, daß der Assistent einer Zahnklinik Zahnschmerzen bekommen konnte, machte mich beben. Ich barst vor Staunen und Mitgefühl. Es hing doch so vieles von ihm ab und — da, Zahnweh. Das ganze Leben von zehn Vereinen, das Lernen, das Beten, das Reden, das Wandern, der Mittagstisch L., die Diskussionen, die sümtliehen jüdischen Probleme, wahrscheinlich auch die Zahnklinik, alles das hing doch von ihm ab, er war doch der Motor, das ganze Elektrizitätswerk, ohne ihn mußte doch alles in der wildesten Krise sein — das heißt in der totesten Ruhe —, er konnte, er durfte doch einfach kein Privatleben haben! Und nun hatte er ein ganz privates Fieber. Er tat mir leid. Denn abgesehen von den Schmerzen, wie paßte sieh das für einen Mann wie Lorch, Zahnweh zu haben wie irgendein fauler Schlingel aus irgendeinem entlegenen Nest, der an keinem Bonbonladen vorüber konnte! Lorch war doch bei allem Mangel an Ruhe die verkörperte Würde, das Offizielle in Person, und nun fragte ich mich: Wie hat sich ein Mann von seiner Würde, von soviel Amt und Bedeutung beim Zahnweh zu verhalten? Darf er schreien? Stöhnen? Wüten? Sich krümmen? Sich wälzen? Die Wände hinaufklettern? Darf er sieh den Kopf verbinden und wenn, womit? Mit einem Schal? Mit einem Strumpf? Und ausgerechnet jetzt muß er Zahnweh bekommen, wo alles doppelt schwierig ist, weil in den Vereinen, beim Schiur und am Mittagstisch L. solche Neulinge hocken wie ich fauler Schlingel aus einem entlegenen Nest, der morgens gern lange schläft und an keinem Bonhonlnden vorüber kann! Und ausgerechnet jetzt muß er krank werden, wo seine Frau verreist istl Gewiß, sie sah aus wie eine Dampfwalze. Gewiß, auch die beste Frau kann nichts tun, wenn der Mann Zahnweh hat. Aber ausgerechnet jetzt ist er allein! Da hat er schon eine Frau wie alle erwachsenen Juden, und sie ist nicht zu Ilnuse. Sie geht herum, sie läuft herum, sie fährt herum, sie gibt hier einen Kurs, sie wohnt da einer Tagung bei, sie liest hier, sie spricht dort, sie hält Vorträge, sie schreibt Referate, sie faßt Resolutionen, sie erstattet Bericht, sie nimmt Rechenschaft entgegen und erstattet sie wieder ... Und da überkommt’s mich wie ein Albtraum: wenn er es nun im Bett nicht aushält?! Wenn er aufspringt und durch die Räume rast! Und sich ärgert! Die Frnu ist nicht zu Hause! Wo ist sie denn, Donnerwetter! Warum ist sie nicht bei ihm, wie das sonst bei allen Menschen ist!? Wozu hat er sie geheiratet? 11 Gewiß, *r braucht sie vielleicht nicht, gewiß, sie wird ihm nicht hei fen können sie hat ihre Aufgaben, ihre Pflichten, il aber deshalb?! Au, der Zahn, der Zahr Schmerz und Wut storcht er durchs Zi׳ nicht da! Was läuft sie soviel herum? \\ Was hat sie denn in der Provinz zu sui schlüpft ihm ein scharfer Ausdruck, ahoi blick besinnt er sich: er darf doch nieh gewöhnlicher Mensch. Aber was k drei Sitzungen! Acrger von allen Se ״Verbindung“ muß aufgestellt werd, zen! Und sie, die Frau'‘ Und der ״Etat“ der Ahe vielleicht, . Was hat hält ihm nicht gleich gesa 10 geht Glück im Unglück, weif sic verr Frau, wenn der Mann Zahnwel Vortrag: Habe ich dir nicht im ohne Schal gehen? Habe ich dir das nicht? Was soll denn dahei nermisitorainen, wenn au Tag und Nacht herumläufst? Siehst du, da hast du es, warum hörst du nicht hin, wenn man dir etwas sagt! Auf die Zähne muß man acht geben, das müßtest du am besten wissen! Kommt alles nur von deinem Leichtsinn! Da, sieh nur einer an, wie er sich krümmt! Nicht das kleinste bißchen Schmerz kann so ein Mann ertragen! Das starke Geschlecht! Ihr solltet erst einmal Kinder kriegen! Solche Vorträge hält ja fast jede Frau, aber seine, die Dampfwalze, die Vorlrägcrin von Beruf, würde es wahrscheinlich viel besser machen. Nun sehe ich ihn förmlich auf und ab laufen, sein Zahnweh bohrt wie ein gemeiner Gläubiger, der Zahnschmerz reißt ihm den Schädel auseinander, und sie, die Dampfwalze, setzt sich ganz scelenruhig in einen Sessel, ordnet Zeitungsausschnitte, Notizen, Resolutionen und Programme und hält ihm einen Wissenschaftliehen Vortrag über Zahnweh-Psychose, kalt, hart, gelassen failen ihre Worte wie Tropfen aus dem Tropfenzähler einer giftgrünen Medizinflnsche, bis er aufschreit: Hör auf! Jochebed, hör au f!! Denn Frau Lorch hieß Jochebed. Und obwohl es mir nun ein Glück schien, daß er allein, daß sie verreist war, hielt ich es vor Mitleid nicht mehr aus, schluckte alle meine Schüchternheit herunter und lief z.u ihm. Die alte Bedienerin öffnete mir und flüsterte: ״Aber der Herr Doktor ist sehr krank!“ Dann klopfte sie an seine Tür, und ich trat ein. Er hatte etwas Watte im Ohr, und sein Gesicht war vom Schmerz leicht verzerrt. Aber er war doch ein großer 1 Mann, jetzt mehr denn je, denn er sagte ganz gclass ״Gut, daß Sie kommen. Wir wollen gleich ein Gemore lernen!“ Und ich kam nicht einmal bis zu der Frage: wie geht’s Blatt

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