Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1938)
- Date
- 1938-03-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÖDISCHE RUNDSCHAU Nr. 18, 4. III. 1938 Samuel Lublmskis 70* Geburtstag Der Literaturkritiker, Dramatiker, Novellist, Essayist und Geschichtsschreiber Samuel Lublinski ist am 18. Februar 1868 zu Johannisburg (Ostpreußen) geboren und am 25. Dezember 1610 in Weimar plötzlich gestorben. In der kurzen Spanne seines Lebens, die ihn aus einem ßuchhaiidlungsgehilfen zu einem viel umstrittenen und vieles umstreitenden Literaturkritiker der Hauptstadt und schließlich zu einem einsamen Forscher und Denker in Weimar werden ließ, hat er viele Gebiete des Wissens mit seinem höchst eigenwilligen und auch eigensinnigen Geist beackert — menschlich, literarisch und wissenschaftlich immer ein Outsider, ein Opponent, aber auch vielfach ein Umdenker und Umformer. Seine beiden, zu ihrer Zeit in der literarischen Welt bekanntesten Bücher sind ״Bilanz der Moderne*' und ״Ausgang | Krankenversicherung / Philipp Ucko der Moderne“. Sie haben ihm — wegen ihrer schonungslosen Kritik der großen und kleinen Zeitgenossen aus der Literatur — viel Tagesruhm und noch mehr den Tag und ihn selbst überlebende Feindschaft eingehracht. In dem zweiten Buch, in dem er die zweifelhaften Nachfahren, Erben und Ueberwinder der naturalistischen Richtung behandelt (und mißhandelt), hat er sich selbst zu einer neuklassizistischen Richtung bekannt, die er dann auch in einer Reihe historischer Dramen dichterisch zu realisieren versucht hat. Aber von dem halben Dutzend seiner Bühnemverke ist nur eines, und auch das erst nach seinem Tod, auf die Bühne gelangt. Ucbcr den Dramatiker und Dichter — das erzählerische Werk Lublinskis ist nur schmächtig — hat damit seine Zeit das Urteil gesprochen. Ob es auch der Gerechtigkeit entspricht, kann liier nicht untersucht werden. Als Theodor H e r z I den Zionismus begründete, gehörte Lublinski zu den, wie er es mit kühler Distanzierung ausdrückte, ״westeuropäischen Intelligenzen“ im jungen Lebensalter, die von der ״merkwürdigen zionistischen Bewegung in ihrer westeuropäischen Form“ ergriffen wurden. Er hat auch einen persönlichen Kontakt mit Herzl gesucht und gefunden. Er sieht einige Jahre später die Bewegung als ״eine Folge des Einflusses der modernen Literatur, und die ästhetischen Impulse erwiesen sich beträchtlich stärker als die rein politischen (.,Bilanz der Moderne“ —- 1904). Vorher hatte er, als er sich mit der Judenfrage befaßte, ganz andere Töne angeschlagen. Da hat er Ansichten entwickelt, die den Gegensatz zwischen assimilatorischer und zionistischer Haltung nicht billig überbrückten, sondern zu einer Forderung vorgetrieben wurden, deren Antinomie heute noch viel stärker wirkt als damals. In den ״Nachgelassenen Schriften“ Lublinskis, von seiner Schwester und Mitarbeiterin Ida lierausgegeben, findet sich ein Aufsatz über den Antisemitismus, der an radikaler Erkenntnis des Judenproblems im damaligen —■ er ist 1896 geschrieben — außerzionistischen Schrifttum kaum seinesgleichen findet. Drei Zitate mögen dies beweisen .. hier liegt einfach die Frage vor: wie kann dieser kulturelle Nomadenstamm zur Seßhaftigkeit und felsenharten Ruhe erdgeborener Geschlechter zuriiekgewöhnt werden?“ Ferner: ״Erst wenn die Judenschaftcn der einzelnen Staaten sich als Nationalitäten zusammengetaii haben werden, mit ihren Schulen, interner Beamtenschaft und auch gemeinsamer Gesellschaftspflege, dann wird sich klar erkennen lassen, ob und wie überhaupt die einzelnen Splitter dieses Volkes noch assimilationsfähig sind.“ Und endlich: ״Jedenfalls für jeden, der eine endgültige Lösung des jüdischen Problems ersfrebt, ob er nun Assimilationsjude, Zionist oder Antisemit ist, scheint es nur einen Ratschlag an die Adresse der modernen Juden zu gehen: sich national zu konstituieren, so merkwürdig dieser Rat auch klingt....“ Mit diesem Standpunkt Lublinskis hat sich Acliad Haam in seinem Aufsatz ״Nationalismus zum Zwecke der Assimilation“ auseinandergesetzt. Früh schon wandten sich Lublinskis Interessen den Glaubens- und Religionsfragen zu, der Religionsphilosophie und insbesondere der Religionsgeschichte. Mit ״Vom unbekannten Gott“ 1111a ״Die Humanität als Mysterium“ begann die Reihe seiner Schriften auf diesem Gebiet. Im Jahre 1903 veröffentlichte er (im ״Jüdischen Verlag“) ein kleines Buch: ״Die Entstehung des Judentums“. Darin versuchte er, eine Abbreviatur der jüdischen Volks- und Staatsgeschichte zu geben und auch schon eine Erklärung für die Entstehung des Urchristentums. Damit hatte er sich bereits zu dem Thema vorgearbeitet, das ihn in den letzten Lebensjahren fast ganz ausfüllte. Das Ergebnis sind zwei nach Inhalt und Form, nach ihrer philosoplüschen und historischen Grundlegung wahrhaft bedeutende Bücher, die ein Jahr vor seinem Tod erschienen sind: ״Die Entstehung des Christentums aus der antiken Kultur“ und ״Das werdende Dogma vom Leben Jesu“. Es kommt nicht darauf an, ob man die Ergebnisse der beiden Werke akzeptiert. Entscheidend für ihre Bewertung ist der imposante Forschungs- und Bildungsautwand und die ungewöhnliche Kraft, Klarheit und Schönheit der Darstellung jener Welt und Zeit der Antike, die den christlichen Anschauungskreis entwickelt hat. Samuel Lublinski hat auch in seiner frühen Schaffenszelt, als Frucht seiner Befassung mit dem Zionismus, ein Buch ״Jüdische Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Otto Ludwig“ veröffentlicht. Damals lagen die Möglichkeiten in ihm, ein führender jüdischer Schriftsteller zu werden. Seine Entwicklung ging andere Wege. Erst die Geschichte des Judentums und das Schicksal des jüdischen Glaubens brachte Luhllnski, auf einer höheren und wahrhaft hohen Ebene, zum jüdischen Ausgangspunkt zurück. Hermann Sinsheimer Erinnerungen an David Koigen Zum 5. Todestag (7, März) Vor dem Kriege lebte in Berlin eine nicht geringe russisch-jüdisclie Kolonie mit einer Mannigfaltigkeit menschlicher Typen. Unter diesen war einer der interessantesten David Ko i gen. Denke ich heute an ihn zurück, so umfängt mich zugleich auch die Stimmung damaliger Zeit. Ich suchte Koigen zusammen mit meinem Vater — etwa im Jahre 1906 oder 1907 — auf, dem diese Bekanntschaft von irgendwelcher Seite nahegelegt worden war. Er hatte in Bern unter Ludwig Stein mit einer gründlichen Arbeit über den Hegelianismus — die ermir bald zu lesen gab — pronioviert. Als in Berlin die Bestrebungen zur Imensiv ierung der hebräischen Kultur einsetzten — die damit rerburidenen Zusam111enkü!1f;e mit Martin Buber, Heinrich Loewe, Bancth u. a. fanden häufig in meinem elterliehen Hause statt — wurde einmal beschlossen, auch Koigen heranzuziehen. Zu diesem Zwecke wurde zu ihm Josef Lin, damals Bibliothekar der Jüdischen Gemeinde, nach Schmargenrlorf abgeordnet, wo Koigen in der Nähe des Rathauses wohnte. Die beiden erjgin- David Koigen Archiv gen sich lange in der idyl- Letzt k oh! die Anziehendes. Man spurte eine Zu! uckhaitung, hinter der Sich ein starkes SrlßstTetuhl verbarg: aber andererseits war er mit einer Intuition begabt, die das Wesen eines Menschen oder seinen /entrahm Zug unbeirrbar erfaßte. Wurde diese Erkenntnis von Koigen ausgesprochen, so wirkte es nicht verletzend, weil cs mit menschlicher Wärme geschah, und einzig um der Wahrheit willen. Galt diese Erkenntnis Dritten, *o wurde sie oft in humoristischer Form und mit einem ansteckenden l.aclun vorgetragen. So erinnere ich mich an seine Aeußerung in bezug auf Georg Simmel, dessen Grundwesen ihn offenbar ebenso befremdete wie Franz Rosenzweig: ״Passen Sie auf, bald wird Simmel noch eine ,Soziologie des Sonntags׳, ,Soziologie des Montags' tisw. schreiben...“ Zu alledem kam eine überaus schlichte Lebensweise, mit einer Freude auch an kleinen Dingen des Lebens, einer guten Pfeife, einem guten Spazierstock u. dgl. Da konnte der Philosoph Koigen wie ein gutmütiges Kind wirken. Und war zugleich ein moderner Stoiker. Aber die denkcrische Persönlichkeit Koigens erschien mir von Anfang an gespalten. Auf der einen Seite besaß er in hohem Grade die Fälligkeit der Intuition. Nicht nur in bezug auf Menschen, sondern auch in bezug auf Ideen, philosophische Lehren, soziale Erscheinungen und Bewegütigen. Aut der anderen Seite jedoch hatte er sich zu sehr an der deutschen Philosophie geschult, um nicht dem Drang zur Systematik um jeden Preis zu erliegen. Und blitzten in und durch seine Intuition konkrete seelische Zusammenhänge auf, so legte sich bald wieder auf sie der Zwang zur Systematik, zur Abstraktion. Diese beiden Seiten seines denkerisdien Wesens zeigten sich in seinem ersten größeren Werke, den ״Ideen zur Philosopliie der Kultur“ (11)10). Das aristokratische, demokratische, revolutionäre Prinzip erscheint hier bald als 811 bjcktive seelische Haltung, bald als institutionelles Prinzip, Analyse und Synthese verfließen fortwährend ineinander, und das Ganze wirkt verschwommen oder uferlos. Dem Buche ist denn auch kein Erfolg beschicden gewesen. Ts war daher ein methodischer Vorteil, als ein Verlag an Koigen mit dem Anerbieten herantrat, eine ״Kultur der Demokratie“ zu schreiben. Hier wurde ihm von vornherein zwar ein breites, aber immerhin ein bestimmtes Gebiet zugewiesen. KoL-en arbeitete mit großem Eifer an diesem Werke, zuerst in Berlin, dann in dem romantischen Brünig oberhalb Meiringens am Vierwaldstätter See, wo er ein einfaches Chalet bewohnte, und wo ich ihn, etwa im Sommer 1910, aufsuchte. Er arbeitete außerdem an verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften mit. Aber anscheinend lockten ihn weitere Perspektiven. Denn noch im gleichen Jahre entschloß er sich zu einer Reise nach Petersburg. Wir trafen uns in Petersburg wieder, wo ich im Februar 1911 weilte. Koigen hatte Verbindungen zu hervorragenden russischen Gelehrten und Politikern angeknüpft. Sein Ziel war, eine politiseh-publi/istisch-wissenschaftliche Zeitschrift ins Leben zu rufen. Er hatte Unterstützung, auch finanzielle, für diesen Plan gefunden, doch reichte sie offenbar nicht aus, und Koigen kehrte nach Berlin zurück. In den letzten Jahren vor dem Weltkrieg ging Koigen mit Frau und Kind endgültig nach Rußland. Wir schrieben uns ab und zu, mit dem Ausbruch des Krieges bähe ich ihn aber völlig aus Sicht verloren. Erst 1920 kehrte er nach Berlin zurück — aber seine Stimmung war nun völlig verändert. Aus seinen Andeutungen entnahm ich, daß ihm entscheidende Erlebnisse — im jiidisehen Sinne entscheidende — während der russischen Wirren zuteil wurden. Möglicherweise erlebte er diese Erfahrungen nicht nur an seiner nächsten Umgehung, sondern auch an sich selbst. Er ließ sich darüber nicht näher aus, aber der Ruck war spürbar. Er fand zum Judentum zurück, nachdem das Elementarste in ihm, die menschliche Ehre, verletzt und autgerütteit worden war. Die russischen Wirren, dieser ungeheuer konkrete Geschichtsunterricht, hatte ihn überhaupt von den Höhen der Metaphysik in unmittelbare Berührung mit den Menschen, vor allem mit vielen jüdischen Menschen, aut seiner mühseligen Wanderung von Petersburg bis nach Deutschland gebracht. Er legte später alle diese Eindrücke in einer kleinen Schrift ״Die apokalyptischen Reiter“ (1925) nieder, die ich in der ״Jüdischen Rundschau“ nach ihrem Erscheinen besprach, und die mir auch heute noch von allen seinen Schriften die liebste geblieben ist. Von dieser Zeit an nähert er sich stark dem Judentum und dem Zionismus. Nicht geringzuschätzen ist dabei der Einfluß seiner edlen Frau Helene Koigen, deren hingebungsvolle jüdisch-erzieherische und zionistische Arbeit in Berlin unvergessen ist. Auch seine Gedanken kreisten um das Judentum, wie seine posthum herausgegebene kleine Schrift ״Das Haus Israel“ (Schocken-Biicherei) zeigt. Aber es haftete ihnen doch, bei allem guten Willen, notwendigerweise etwas Unbeholfencs und Unfertiges an. Es fehlte ihm die Kenntnis der Quellen. Koigen selbst scheint dies empfunden zu haben: in seinen letzten Jahren begann er, wie mir erzählt wurde, hebräische Studien. Elias Hurvvicz Die ersten vierzehn Tage Von LEO HIB seit Vaters Mitgift siebzehn ״,Jahre’ er,'1 du *kommst^zum erstenmal' in die große -Siadt, und Diebe gibt es da genug, also, gib acht, diseh Kind bis(.4' לל Haus'e,' sagte' ״er, hast ’du ״lies vor dir vielleicht nicht mehr, TefiUin zu l"״en״Num das mußt du mit dir selbst abmachen. aber du solltest nichts von dir abtun, was du nicht kennst, und darum wird es gut sein, wenn du in der großen Stadt auch Talmud lernst, wozu hier in der kleinen leider keine Gelegenheit mehr war. Und endlich, sagte mein Vater, vergiß nicht, jede Woche zum Schnblmt nach Hause zu schreiben, sonst ängstigt sich die Mutter. So, und nun fahr ab und komm gesund wieder. Die Mutter hatte mir einen Mantel machen lassen, sehr lang, bis an die Schuhe, für den Fall, daß ich noch wachsen sollte; ich wuchs allerdings nicht mehr. In diesem neuen Mantel fuhr ich weit weg in die große Stadt, studieren, Von den Aufträgen des Vaters dachte ich zuerst an den letzten. Ich schrieb schon während der Eisenhahnfahrt nach Hause, ich schrieb sofort nach der Ankunft, ich schrieb immerfort. Atier allmählich hörte ich auf zu schreiben, und nach vierzehn 'lagen Großstadt mußte ich mir bereits jeden Mittwoch einen Knoten ins 'Taschentuch machen, um am Donnerstag das Schreiben nicht zu vergössen, damit sich die Mutier am Schahlmt nicht ängstigte. Ebenso ging es mit dom Aufpassen auf meine Sachen. In der Eisenbahn setzte ich mich auf meine Bagage, um sie nur sicher zu haben, und den Mantel, in den ich hineinwachsen sollte, behielt ich an, obwohl es noch warmes Oktoberwetler war. Die erste Nacht in der Großstadt verbrachte ich in einer Pension und stand immer wieder auf, um zu sehen, oh meine Sachen noch da waren. Als ich dann ein eignes Zimmer hatte, verschloß ich alle Schubladen und Schranktüren, von der Zimmertür nicht zu reden. Aber nach vierzehn Tagen war ich schon lässiger. Mißtrauen Um diese Zeit ging ich eines Mittags in ein Cafe, in dem ich gewöhnlich die Stunde nach dem Essen zubrachte. Ich zog den Mantel aus, in den ich noch hineinwachsen sollte, und hängte ihn an den nächsten Kleiderhaken. Ein Tisch war aber erst etwas weiter, am Fenster, frei, ich setzte mich und bestellte eine Tasse Kaffee. Ich trank, ich las eine Zeitung, und plötzlich fiel mir wieder die Mahnung meines Vaters ein. Meine Augen suchten die Kleiderständer und Haken ringsum ab, und mein Mantel war nicht da. Es fuhr mir wie ein Blitz in die Seele: mein Mantel war nicht da! Ich hatte nicht aufgepaßl. Der Mantel war gestohlen. Der Vater hatte recht: Diebe! Seine Warnung wuchs riesig in mir auf, ich hatte sie nicht beachtet, aber gewiß waren alle Großstädter Diebe. Aber was half nun die Klugheit nach dem Schaden? Ich würde den Eltern nicht wieder unter die Augen treten können. Der Mantel, in den ich noch nicht einmal hineingewachsen war, blieb gestohlen. Aber es mußte etwas geschehen. Dreimal ließ ich die Kellnerin, die mich bedient hatte, an meinem Tisch vorübergehen, dann rief ich sie: mein Mantel ist weg! Sie war bestürzt, ärgerlich, betroffen, und dann besprach sie die Sache mit einer anderen Kellnerin. Die Insassen des Cafes wurden aufmerksam. Der Geschäftsführer kam an meinen Tisch, verwies mich laut auf ein Schild, worauf man gebeten wurde, auf die Garderobe selbst zu achten. Das war die erste und bitterste moralische Ohrfeige, die ich seit meiner Abreise aus dem Elternhaus erhielt. Davon abgesehen, bedauerte der Geschäftsführer den Fall ungemein, es war, sagte er, seit dem Bestehen des hochanständiggen Lokals der erste Diebstahl. Nun waren alle Besucher bereits im Bilde, ich saß in einem Kreuzfeuer von Blicken, ich wäre am liebsten, weiß Gott, wo gewesen, ich hätte gern den Mantel und viel mehr dreingegeben, um nur diese Szene zu beenden. Aber welchen Eindruck hätte das gemacht! Und ehe ich mir’s noch ausmalte, stand der Inhalier des Cafes vor mir, bedauerte noch tiefer und schien, nach seinen ebenso wortreichen wie unbestimmten Versicherungen nur noch zu überlegen, ob er mir einen neuen Mantel kaufen oder die Polizei benachrichtigen sollte oder beides. Mir verschwamm alles vor den Augen. Was für ein Mantel war es, fragte der Wirt, Pelz, Tuch, schwarz, blau? Da fiel mir ein, daß ich in den Mantel ja erst noch hineinwachsen sollte, daß man mir seine Länge überhaupt nicht glauben würde, und entsetzt schwieg ich. Der Inhaber des Cafes begrüßte einen eben Eintretenden, und ich wartete auf die Polizei, nicht mit dem Gefühl eines Bestohlenen, sondern mit Angst, als ob ich selbst der Dieb wäre, wenn nicht ein schlimmerer Verbrecher. Wie auf glühenden Kohlen saß ich und wagte doch nicht aufzustehen. Ich starrte auf die Zeitung und konnte doch keinen Satz zusnmmenbringen, Ich führte die Tasse zum Munde und hatte doch keinen Tropfen Kaffee mehr darin. Ich versuchte die Gäste zu beobachten und wagt« doch keinem Blick zu begegnen. Heimlich sah ich nach der Uhr, die Gäste gingen, neue kamen, die Viertelstunden krochen, und allmählich wurde die Tortur erträglicher oder gewohnter. Schließlich gedachte ich, eine andere Zeitung zu holen, die noch auf dem 'Fisch an der Tür lag, und nls ich dahin ging, stolperte ich fast an den Kleiderständer, an dem mein Mantel hing, wie ich ihn hingehängt hatte. Na also, da ist er ja, dachte ich zuerst erfreut und wollte ihn gleich mitnehmen zu meinem Tisch. Aber sogleich hatte ich das Gefühl, als stächen tausend Blicke auf meine IRinde, und ich ließ den Mantel los, als hätte ich mir die Finger verbrannt. Mit mühseliger Haltung ging ich an meinen Tisch zurück. Wenn jetzt die Polizei kommt, dachte ich. Und wer wird mir glauben, daß es mein Mantel ist? Und wie kann ich cs beweisen, da ich noch nicht hineingewachsen bin? Und selbst wenn er keinem andern hier gehört, wird man mir nicht glauben. Das Mißtrauen, das ich gegen die Großstädter gehabt hatte, fühlte ich pcinlichst gegen mich gekehrt. Stehe ich auf und nehme irgendeinen Mantel, so wird man mit Recht sagen, ich bin ein Dieb, und daß ich einem andern nehme, was man mir genommen hat, konnte es nur wahrscheinlicher machen. Stehe ich auf und nehme meinen eigenen Mantel, so wird man mich ebenso für einen Dieb halten, auch wenn niemand schreit, es sei sein Mantel. Und rufe ich nur die Kellnerin, um zu zahlen, so wird sie doch fragen: Und Ihr Mantel? Es war eine schlimmere Quälerei als zuvor. Aber endlieh faßte ich mir ein Herz, legte vorsichtig das Geld für meine Tasse Kaffee auf den 'Fisch, paßte den stillsten Augenblick und eine kurze Abwesenheit der Kellnerin ab, stand auf, ging langsam wie nach einer Zeitung zur Tür, riß meinen Mantel vom Haken und stürzte davon. Dies Erlebnis hatte keine weiteren Folgen, außer daß ich niemals wieder seitdem fürchtete, bestohlen zu werden, und tatsächlich nicht bestohlen worden bin.- Ein großer Mann Mir Tüllt ein, daß er Lorch hieß. Und lang war er und hager und hatte einen Adamsapfel nicht etwa von der übliehen Paradiesnpfelgröße, sondern cs war beinahe ein Gravensteiner. Und eine gewaltige Stirn hatte er und einen Bart und eine Frau. Und plötzlich Irnkam er Zahnschmerzen. Aber das alles besagt noch nichts. Was den Mann kennzeichnete, war, daß er kein Privatleben hatte. Das gab es einfach nicht für ihn. Später lernte ich einmal einen ehemaligen Mitschüler von ihm kennen. Lorch?, sagte der, Lorch war uns schon in der Schule ein Rätsel, kein Mensch hat ihn je schlafen oder essen gesehen. Eine Stunde vor dem Beten frühmorgens hielt er bereits einen Schiur, das heißt eigentlich hielt ihn unser Rabbiner, aber die Idee hatte