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Jüdische Rundschau · 1938-03-04 · Heft 18 (4.3.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 18 (4.3.1938)
Date
1938-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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4 8ו III 1938 J DD ISCHE RUNncr-H All S״if3 3 Südafrikanische Notizen Südafrikanische Politiker zur Judenfrage — Um die Einwanderung Gäste aus Palästina Von unserem Berichterstatter Johannesburg, itn Februar Fragen der südafrikanischen Politik stehen nach wie vor im Hinblick auf die kommenden Wahlen im Vordergründe des jüdischen Interesses, und Aeußerungen Südafrika-!lischer Politiker zur Judenfrage werden von der jüdischen Oeffcnfliefikeit und Presse mit größerer Aufmerksamkeit denn je verfolgt. Auf einem von den ״Sons of England“ einer englisch-palriotischen Vereinigung, gegebenen Frühstück sprach der Führer der Orauhemden, L. t. W e i c h a r d t, über jüdisehc Einwanderung. Er behauptete, daß eine ״internationale jüdische Organisation“ Lücken in der südafrikanischen Ein- Wanderungsgesetzgebung systematisch ausnutzc. Nicht weniger als ISO 000 Juden seien vom Kontinent nach England gekommen, um sich dort naturalisieren zu lassen und im A11- Schluß daran nach Südafrika unter dem neuen Einwanderungsgesetz elnzureisen. Ein großer Teil dieser Juden würde die Naturalisation innerhalb weniger Wochen erhalten und dann in der Lage sein, in die Union einzuwandern. Diesen Behauptungen trat der jüdische Abgeordnete Morris Kentridge mit einer öffentlichen Erklärung entgegen, in der er besonders darauf hinwies, daß nach dem südafrikanischen Fremdengesetz naturalisierte englische Bürger denselben Beschränkungen in bezug auf Einwanderung wie Ausländer unterliegen. Im Anschluß'an diese Aeußerung sah sich der Vorstand der ״Sons of England“ veranlaßt, die Erklärung abzugeben, daß seine Vereinigung nicht antisemitisch sei und lud einen Vertreter des Jewish Board of Dcpufies, der Spitzenorganisation der südafrikanischen Juden, ein. den Weichardtschen Behauptungen auf einer anderen Veranslaltung der Vereinigung entgegenzutreten. Der Jewish Board hat dies in einem in der Presse veröffentlichten Brief mit der Begründung abgclehnt, daß eine sachliche Auseinander- Setzung mit dem Führer der Orauhemden unmöglich sei. Er erklärte sich jedoch bereit, einen jüdischen Vertreter bei einer der nächsten Sitzungen der ״Sons of England“ über jüdischsüdafrikanische Fragen sprechen zu lassen. Eine scharfe Auseinandersetzung ist zur Zeit zwischen Weichardts Grauhemdeii-Bewegung und Dr. Malans Nafionalistischcr Partei im Gange. Die vor einiger Zeit veröffeiltlichte Korrespondenz zwischen den beiden Parteien zeigte, daß Verhandlungen über ein Wahlbündnis erfolglos geblieben waren, jedoch wurde seitens der Nationalistischen Parfei den Orauhemden ausdrücklich zugestanden, daß sic in der Judenfrage ״wertvolle Arbeit“ geleistet hätten. Jetzt hat Dr. Malan die Grauhemden in einer Wahlrede im Piquetberg-ßezirk bezichtigt, den Juden durch Aufstellung eines Gegenkandidaten gegen die Nationalisten in der Piquetberger Nachwahl in die Hände zu arbeiten. Dr. Malan führte aus, daß die Nationalistische Partei die einzige gewesen sei, die den Mut gehabt habe, die jüdische Einwanderung durch das Quotengesetz von 1930 zu hemmen, und daß die Einführung des gegen jüdische Einwanderung aus Deutschland gerichteten Fremdengesetzes von 1937 ebenfalls auf die Intervention seiner Partei zurückzuführen sei. Er sagte weiter, die Nationalistische Partei habe eine bestimmte Politik in der Judenfrage, die während der kommenden allgemeinen Wahlen unverändert bleiben werde. Weiter kündigte Malan an, daß gewisse Splittergruppen der Grauliemden sich mit seiner Partei vereinigt hätten. Dr. Sfeenkamp, ein regierungsparteilicher Abgeordneter, hat eine öffentliche Herausforderung an Dr. Malan erlassen, seine Behauptung zu beweisen, daß er (Steenkamp) im Wahlkainpt von jüdischem Kapital unterstützt werde. Dr. Steenkamp wird bei den kommenden Wahlen im Wahlkreis Calvinia (Kap-Provinz) kandidieren, der zur Zeit durch Dr. Malan im Parlament vertreten wird. Malan hat bereits angekündigt, daß er bei den kommenden Wahlen in einem anderen Wahlkreis kandidieren werde. Die Auswirkungen des Ende Januar vorigen Jahres in Kraft getretenen Einwanderungsgesetzes (Aliens Act) sind jetzt klarer als bisher in der Einwanderungsstatistik erkenntlieh. Die Zahlen für Oktober zeigen, daß 3'־ aber Einwanderer in diesem Monat die britische Staatsangehörigkeit hatten, und somit der Anteil der Ausländer erheblich zurückgegangen ist. Von der Gesamtzahl ausländischer Einwanderer im Oktober — 231 — waren über die Hälfte Fiolländer und nur 49 deutscher Staatsangehörigkeit. Die nicht ganz vollständige Aufgliederung nach Berufen zeigt im übrigen den immer stärker hervortretenden Charakter der Familienein Wanderung, da die überwiegende Anzahl der Ein- Wanderer der Gruppe ״abhängige Angehörige“ zugerechnet ist. Elieser Kaplan, der aus Palästina in Durban eingetroffen ist und sogleich nach Johannesburg weiterreiste, nahm an einer Anzahl zionistischer Provinz.ialkoiiferenzen teil, die anläßlich seines Besuchs veranstaltet wurden. Der Schal~m?’stcr der Jewish Agcncv, Elieser Kaplan (links), mit Dr. Kirschncr, dem Präsidenten der südafrikanischen Zionistischen Organisation, auf dem Flugplatz in Johannesbarg Foto: Luck Studio, Johannesburg In einer großen Versammlung in Pretoria entwickelte Elieser Kaplan ein eindrucksvolles Bild von dem Kampf des Jischuw in Palästina um seine Selbstbehauptung. Der Redner legte eingehend die Ereignisse der letzten 21 Monate dar und erinnerte an die positiven Taten dev letzten Zeit: die neuen Siedlungen und den Hafen, und sagte unter lebhaften! Beifall: Der Atem des Hasen Jakob wurde von Esau erst vertrieben, als er sein Gebet auf diesseitige Dinge richtete. Solange Israel sein Auge und sein Herz zur Heiligkeit Goltes im Himmel erhebt, kann kein Volk ihm etwas anhaben. Dasselbe sehen wir bei einem Hasen, der vor einem Jäger flieht. Wenn er den Atem seines Mundes gegen die Erde haucht, dann kommen die Hunde und riechen ihn und fangen den Hasen. Wenn er aber den Atem seines Mundes nach oben hauch), dann wird seine Spur nicht kenntlich, und die Hunde werden ihn nicht fangen. Ebenso ergeht es Israel. Ueherselzt aus dem neuen Buche von Agnort ״Jotnim Noraim" (Sdiocken Verlag), das in der ״Jüdisdten Rundschau" Nr. 92 (1937) hesprodten wurde. ״Ein Land wird nicht durch Worte oder Resolutionen aufgebaut, sondern nur durch Leiden und Opfer. Wir haben eine neue Würde und ein neues Ansehen in den Augen der Welt erhalten.“ Ausführlich schilderte Kaplan die Disziplin und den Vorteidigungswiilen der palästinensischen Judeuheit, um sich dann den politischen Aussichten zuzuwenden. Das Weißbuch habe die dunkle Lage noch dunkler gestaltet. l!n letzten aber hinge alles von unserer inneren Stärke ab. Wir sind in Palästina erst am Beginn unseres langen Weges, und das jüdische Volk dürfe den Jischuw nicht im Stieli lassen. Dr. C. Oppenheimer, Mitarbeiter der Landwirtschaftliehen Versuchsstation in Rechowoth, weilt zur Zeit in Südafrika auf einer Studienreise. Er hat bereits zahlreiche führende Zitruspflanzungen besucht. Ein weiterer palästinensischer Gast in Südafrika ist Rabbisierten Ausgabe des Talmud. Nach seiner' Ankunft wurde ein Johannesburger Komitee unter Führung de:. Oberrabbiners Prof. Landau gebildet, das es sieh zum Ziel gesetzt hat, der neuen Talmudausgabe die erforderliche finanzielle Unter- Stützung zu sichern. Der ״Betar“ hat den ersten jüdischen Füegerklub in Südafrika gegründet. Der Sch ekel tag 193$ für Südafrika und die an,grenzenden Gebiete wird am 20. Marz stattfinden. Die Zionistischen Organisationen haben umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um ein Rekordergebnis zu sichern. Das Südafrikanische Wirtschaftskomitee für Palästina, dessen Arbeiten seit längerer Zeit geruht haben, ist vor kurzem rekonstruiert worden. Das Komitee ist jetzt der South Africati Zionist Federation angeschlossen. Dr. F. P. Neue Verfassung in Litauen Durch die litauische Regierung wurde eine neue Ver» fassung einer Sondersitzung des litauischen Parlaments unter■ breitet. Die in der alten Verfassung vorhandenen Schutzbcstimmungen für die nationalen und kulturellen Minoritäten sind in der neuen Verfassung nicht enthalten. Wie die litauische Regierung hierzu erklärt, sollen die Rechte der Minoritäten jedoch in vollem Umfange gewahrt werden. Eine jüdische Delegation hat den litauischen Staatspräsidenten Smetona aufgesucht und ihm ein Memorandum mit der Bitte um Einschluß einer Garantie der Minoritätenrechte in die neue Verfassung unterbreitet. Der Präsident versicherte, daß nicht die Absicht bestehe, die Minoritätenrechte zu verringern. In einem Interview hat der litauische Innenminister General Caplikas versichert, daß die neue litauische Verfassung nicht die Rechte der jüdischen Minderheiten in Litauen berührt. Der litauische Staatspräsident besuchte eine Veranstaltung der jüdischen Frontkämpfer und drückte seine warme Freundschaff den Juden Litauens gegenüber aus. Fahrt nach Südamerika Von Moses Katz (Verfasser dieses Aufsatzes, unseren Lesern aus früheren gelegentlichen Beiträgen bekannt, ist ein vor längerer Zeit nach Holland emigrierter Ostjude, dar nun die Weilerreise von Holland nach Südamerika angetreten hat. — Red.) An Bord der ״Alsina“ Etwa zw'anzig Menschen, zwei Minjanim, gleichzeitig im Auge halten, ist eine Kunst, die man nur in den letzten Abseliiedsminuten ausführen kann. Und die Tatsache, daß man mit Reisegeld und gültigen Dokumenten versorgt ist, beseelt einen mit dem Gefühl der Geborgenheit, mit dem man alle, alle umschlingen möchte und sie mitnehmen, mitnehmen ... Hätte ich das gekonnt! Sie wären alle mit eingestiegen, ohne zuerst nocli einmal nach Flause umzukehren... Aber ich reiste allein ab; nur in Gedanken waren sie alle mit mir; und lange dachte ich darüber nach, mit welchen Gefühlen meine Begleiter nach Hause gingen, bis der Schaffner kam. Ich war froh, daß er kam. Ich wünschte, es möge jede Stunde einer kommen. Es ist die erste Reise meines Lebens, auf der mein Herz beim Erscheinen der Beamten unverändert schlägt. Erst jetzt sehe ich, wie höflich die Beainten sind... Was ein gültiger Paß ausmacht! Wie dankbar bin ich den holländischen Behörden für den wunderbaren Reisepaß, der so viel Höflichkeit der Beamten abnötigt; ich weiß jetzt bestimmt nicht, wer von uns beiden mehr Wirkung erzielt... O, du mein lieber Reisepaß, mein treuer Begleiter, ich werde dir eine Hymne singen. Du hast mich Paris und die unbeschreibliche Weltausstellung sehen lassen. Wann ' hätte ich ohne dich Paris gesehen? Ich bin mit dir in der Metro gefahren und habe dich an schlagende Herzen meiner in Paris lebenden Verwandten und Freunde gedrückt. Siehst du nun, mein lieber Paß, was man als Ostjude unterwegs erlebt? Hast du die Herzschläge der in Paris darbenden, auf Weiterreise wartenden Emigranten gehört? Das war ein Wiedersehen! Wie sie alle dastanden und mit den Köpfen schüttelten; wie sie mich um meine Auswanderung beneideten und wie ich sie alle tröstete, alles zu tun, was in meinen Kräften liegt, um ihnen zur Auswanderung zu verhelfen! Hast du mein Lob auf die holländischen Juden gehört? Konnte ich noch mehr Worte der Dankbarkeit sagen? Ich habe auch die ״Totenstrecke“ (Paris—Marseille) wohlbehalten überstanden; zwar in einem nicht so komfortablen, angenehmen Wagen wie dem holländischen, dafür aber unter lustigen, prächtigen Franzosen und Französinnen, die ich herzlieh liebgewonnen habe. Und nun sitze ich im׳ Rauchsalon der ״Alsina“ tipd vernehme das eigentümliche Geräusch der schäumenden Wellen des Mittelmeercs. Wie beruhigt nähern wir uns der Straße von Gibraltar; wohin unser Blick auch schweift, winken uns die Rauchsäulen der Kreuzer und Schlachtschiffe um die spanischen Inseln entgegen. Die Sonne strahlt, läßt uns hundert Kilometer weit schauen. Wie herrlieh ist die Welt! Hier denken wir jeden Tag an die Allmacht, an die Ewigkeit... Um mich herum tobt das Leben, rauscht das Meer, pfeifen Sirenen. Um mich klingen neue Stimmen fremder Sprachen anderer Menschen. Und in mir brennt die Sehnsucht, lebt die Erinnerung, singt die Seele. Singt die Seele alte Melodien unserer Sprache, unseres Volkes, alles übertönend: ״Umcarazot kib/am mimisrach umima’araw, mizafon utnijam... hema ra’u ma’aße haschen! wenifleotaw himzulah“. (״Aus den Ländern sammelte er sie, von Ost und West, von Nord und vom Meer. Seiher sahen sie SEINE Taten, seine Wunder im Strudel“.) Ein Kindheitstraum geht mir in Erfüllung. Ich sehe mich vor dem Fenster im Beth-Hamidrasch stehen und in die Weite schauen. Der Himmel verwandelt sich in ein Meer, der Berg in ein Schiff und die Bäume in Reisende. Denn es ist Freitagabend, und ich singe den Psalm 107 ... Man muß den heimatgebundenen Lesern diesen Psalm empfehlen, damit sie sich einen Begriff von einer Seereise machen können. Die Jahrtausende und die ganze moderne Technik haben die Lebendigkeit und den Rhythmus des Psalms um nichts beeinträchtigt. Psalm 107 ist die prachtvollste Dichtung einer Seereise vom Seegang und der sich bäumenden Wellen, ״himmelan stiegen, in Abgründe nieder, ihre Seele zerberstend im Uebcl“ (V. 26). Wie wundervoll, wie wahr, wenn man Zeuge dieses göttlichen Schauspiels ist. Wir schreien und lärmen zwar nicht, aber im Innern unserer Seele jauchzt es. Und auch der Satz: ״zu IHM schrien sie, da sie sehr bedrängt waren“ (V, 28) findet seine vollkommene Berechtigung. Nicht umsonst singen wir gerade beim Anbrechen des Schabbats diesen Reiscbeschreibungs-Psalin. Die herrliche Schilderung führt uns aus der Alltäglichkeit und versetzt uns in eine gehobene Stimmung. Drei Tage Buenos Aires ... Wir lassen Dakar, Rio, Santos und Montevideo liegen una wenden uns dem Ziele unserer Auswanderung zu. Wohlbehalten landen wir in Buenos Aires. Unsere Papiere waren bereits durch die Paß-Kommission, die in Montevideo an Bord ging, geprüft und gut befunden. Schon nach einer Stunde befanden wir uns in den Räumen des Hilfsvereins der deutschsprechenden Juden in Buenos Aires, deren Funktionäre uns am Schiff in Empfang nahmen. Nach einer weiteren Stunde waren wir bereits in den Pensionen untergebracht. Wie einfach sich das anhört! Viele Auswanderer haben bereits Loblieder auf die Organisation der deutschsprechenden Juden in Buenos Aires gesungen. Aber wie alles Große und Gute immer wieder andere Sänger zu neuen Liedern anregt, so will auch ich dieser Organisation mein Loblied singen. Was mich hier am stärksten beeindruckte, war der warme Empfang und die äußerst Site Behandlung aller Einwanderer, gleich welchen Standes, as hat uns sehr wohl getan. Aber nicht allein mit der Unterbringung und Beratung der Leute zeichnet sich ihre Organ!, sation aus. Am zweiten Tage nach unserer Ankunft hatte sie eine ganze Anzahl Ankömmlinge nach verschiedenen Arbeitspliitzen —verseilen mit Empfehlungen — beordert. Heute, am dritten Tage nach unserer Ankunft, wissen schon einige von uns, wann sie ihre Arbeit antreten werden. Die Zeit wird vollkommen ausgenutzt. Und der Hilfsverein weiß, was er tut... Je weniger man den abenteuerlich veranlagten, lebenshungerigen jungen Einwanderern Zeit läßt, desto schneller werden sie sich einleben, lieber die Stimmung der Unzufriedenen und Enttäuschten lohnt es sich nicht ausführlich zu berichten. Sie erwarten schon jetzt, daß man ihnen ihre Lage in jeder Weise verbessert; sie wollen nichts von ihren Gewohnlichen einhüßen. Das Pensionszimmer ist nicht groß genug, die Badeeinrichtung nicht nach ihrem Geschmack, erst- Massige Firmen bestürmen sie nicht; zudem ist es gerade heute so heiß, und ohne Rock und Kragen darf man hier als vornehmer Herr nicht hinausgehen; die Zigaretten schmecken nicht, in der Sprache hilflos. Nein, wenn sie das alles geahnt hätten... Dann beginnen die Aufzählungen, was man alles in Berlin, Paris, Amsterdam und Brüssel angenehmer hat usw. Diese Kinder lassen sich nicht einmal trösten, daß es ihnen im Vergleich zu Tausenden anderen, welche aus osteuropäischen Ländern einwandern, geradezu fürstlich geht. Diese Leute müssen sich nur an die harte Wirklichkeit gewöhnen. Es sind nicht die Schlechtesten. Nur wollen sie von ihren Gewohnheiten nichts entbehren. Aber wie mit dem Essen der Appetit, wird auch bei ihnen mit der Arbeit der Drang zum Schaffen, Denken und wahren Leben kommen. Aus diesen Zeilen muß jeder Auswanderungs-Kandidat ln Europa entnehmen, daß es bei Ankunft in Südamerika mit allen Träumen und Vorstellungen ein Ende hat. Hier herrscht die Wirklichkeit. Hier gilt die Tat. liier muß man sich auch anschmiegen an die große jüdische Kette, die alles umfaßt, was das Judentum besitzt. Drei Tage Buenos Aires: Das Gefühl, als ob ich nach Hause führe, hat mich nicht getäuscht. Mir ist es in der Tat so, als ob ich nach Hause gekommen bin: weil ich hier echte, unverfälschte Juden angetroffen habe. Meine zwanzigjährige Wanderung erscheint mir hier wie ein Traum. Fast wie ich das jüdische Leben in Polen zurückgelassen habe, fand ich es hier wieder. Zum ersten Male nach all den Jahren höre ich wieder ein reines, saftiges Jiddisch, das in meinen Ohren wie eine verklungene, wunderbare Musik klingt und in mir den Cheder-Dichter wachruft. Selbst die Schuljugend spricht ein reines Jiddisch. Das Jiddisch ist liier eine nicht zu unterschätzende Hilfssprache. In manchen Vierteln kommt man allein mit ihm gut zurecht, besonders dann, wenn man die spanische Sprache nicht versteht. Ich habe versuchsweise fünf Passanten mit jiddisch angesprochen und zwei, die ich für Nichtjuden hielt, haben mit ,,Scholen! aleiclicm“ gegrüßt. Wie Ostjuden unter den Westjuden wirken die ״Litwakes“ (litauischen Juden) unter den polnischen Juden. Ich habe einige russische Juden gesprochen, die schon 30 und mehr Jahre in Argentinien leben und die den Eindruck erweckten, als wären sie erst gestern ins Land gekommen.

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