Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 17, 1. III. 1938 Aus Weizmanns Rede / Markante Stellen Aus der irrt Leitartikel erwähnten Rede Weizmanns in Jerusalem geben wir einige Stellen wieder. einer neuen Form auch das Verhältnis der Juden zur Welt wieder normalisiert. Die Grundvoraussetzung hierfür liegt in Palästina, wo das nationale Zentrum der Juden entsteht. Darum hat der im Juli 1937 von einer Großmacht — der Mandntnrmacht Palästinas — als Parole der unmittelbaren praktischen Politik verkündete Plan eines Judenstaates eine so tief aufwühlende Wirkung auf alle Juden, unabhängig von den darüber entfachten Diskussionen. * Die ewigen Gedanken, nach denen wir unsere Vor- Stellung von der jüdischen Existenz und den Sinn unseres Strebens formen, bleiben unberührt von den Schwankungen der aktuellen Ereignisse. Politik ist ein wcchselndcs Geschehen, reich an Ueberraschungcn, eingeflochten in höchst komplizierte Zusammenhänge; nirgends konnten wir dies so deutlich beobachten wie in der Palästina-Politik des letzten Jahres. Die mit so großem Aufwand durchgeführte Untersuchung, die im Peel-Bericht gipfelte, war diktiert von dem Wunsch, einen c n d g i'111 i g e n Kurs zu finden, von dem nicht abzugehen die Regierung versprach. Das Januar- Weißbuch wurde allgemein als ein Verschleppungsmanöver gewertet, man sprach von Meinungsverschiedenheiten im englischen Kabinett, Zeitungsberichte wollten wissen, daß eine Ministergruppe eine völlige Wendung der Palästina-Politik begünstige, und das Wort von der ״endgültigen Lösung“ erhielt wieder ein Fragezeichen, inzwischen haben wir erfahren, daß auch in anderen Fragen tatsächlich Meinungs', ers-hiodenheiten itn englischen Kabinett bestanden. Da fast alle großen politischen Fragen irgendwie miteinander in Zusammenhang stehen, so kann mich Palästina in dieser oder jener Hinsicht von einer etwaigen \eu״rien:ierung der englischen Reichsnoiitik betroffen sein, ln einem Punkt wird das heute schon fühlbar: die offen zugegebene Erschiittonmg des Glaubens an den Völkerbund ist nicht gleichgültig für ein [.an I, das formell unter dem Mandat des Völkerbundes stein. Wir Italien freilich die Bedeutung der Genfer Ivont: olle für die Mandatsaus- Übung in Palästina niemals überschätzt, anderseits darf man nicht vergessen, daß in bezog auf eine Aenderung des Status in Palästina England an der Genfer Maschinerie, die auch einen erheblichen Zeitverlust bedingt, festhält. Wenn wir angesichts der c n gl i sc h - i t a 1 i cnischcnVcrlian d I!1 n g e n daran denken, daß in einer offiziösen italienischen Erklärung, die antisemitische Tendenzen in Italien dementiert und sich für eine Lösung der Judenfragc durch einen Judenstaat ausspricht, Palästina ablehnend erwähnt wird, so erhellt daraus die Möglichkeit einer Diskussion auch über Palästina, worüber freilich bisher nichts verlautete. Die Exekutive der J c w i s 11 Agency hat ‘ ihre Kräfte in London konzentriert. Weizmann ist Anfang Februar von Palästina nach London gefahren, auch Ben Gurion ist seit etwa einem Monat in London. Die ursprünglich für den Februar in Aussicht gestellte Ernennung der neuen ״t echnischen Kommissio n“ ist bisher nicht erfolgt. Der neue High Commissioner Sir Harold Mac Michael tritt in dieser Woche sein Amt an und wird wohl einige Tage brauchen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Daß er schon jetzt von allen Seiten bestürmt wurde, hat er vor seiner Abreise erzählt, aber er scheint nicht der Mann zu sein, der sich leicht beeinflussen läßt. Inzwischen nimmt der arabische Tenor seinen Fortgang und hat wieder einen englischen Oni/icr (Miliiärar/t) als Opfer gefordert. Die im November und Dezember häufigen Andeutungen über angebliche Ikreiwcliait der Aratier zu einer jüdischa r a b i s c!1 e!1 V erst ä ״ d i g u n g sind seit dem Erscheinen des Januar-Weißbuches wieder verstummt. In maßgebenden Kreisen der Jewish Agency ist man der Meinung, daß eine wirkliche Verständigungsbereitschaft auf seiten der Araber auch früher nicht bestanden hat, sondern die Initiative von einigen privaten Engländern und privaten Juden am; äng. Wie immer dem gewesen sein tnag, jedenfalls hat sich im gegenwärtigen Zeitpunkt, wohl auch niit'neeinflußt von den weltpolitischen Vorgängen und unter dem Eindruck der aus dem Weißbuch mit Recht oder Unrecht herausgelesenen englischen Naehgiebiekcit, der Standpunkt der Araber wieder versteift. Der ehemalige irakische Minister Nuri Pascha, der nach seiner Londoner Reise wieder den Mufti in Beirut besuchte und mit ihm und anderen Araberführern konferierte, machte in England Propaganda für eine Amnestie und Rückberufung der arabisehen Führer von den Seychellen; dies wird u. a. damit motiviert, daß die Araber sonst keine Vertreter hätten, die mit der neuen englischen Kommission verhandeln könnten. Demgegenüber ist zu verzeichnen, daß der Kolonialminister () r in s b y - (i 0 r e im Unterhaus wiederholt erklärt hat, daß England an seiner bisherigen Pa- 'lästina-Politik und auch an den Empfehlungen des Peel- Berichtes fest hält. Wie freilich Urmsby-Gores eigene ״Die Peel-Kommission, als sie in Palästina ankam, war instruiert, eine Lösung im Rahmen des Mandats zu finden, und sie konnte innerhalb dieses Rahmens keine andere Lösung finden, als die Politik des jüdischen Nationalheims im Grunde zu liquidieren, wie es in ihren Palliativ vorschlügen empfohlen worden ist. Ich meine, es spricht sehr für die Mitglieder der Kommission, daß sie, nachdem sie diesen Satz, von Palliativcmpfehlungen geschrieben haben, sich überzeugten, daß diese Pallihtivempfc hl ungen für das Problem in seiner Gesamtheit keine angemessene Lösung dar stellen. Sie konnten näm-!ich nicht da׳über im Zweifel sein, daß d e Pall'ative und die Li uidation des Nationalhcims, die in ihnen eingeschlossen war, den Bruch eines feierlichen Versprechens bedeuteten, das dem jüdischen Volke vom britischen Weltreich gegeben und durch den Völkerbund bestätigt worden war. Und so s u c 111 e n s i e n a c h c i n e r a nd c r c n Lösung und fanden sie in der Teilung. Es war eine typisch englische Lösung in der typisch englisr'e1׳ Art, von den Realitäten der Situation auszugehen, von den Tatsachen der jüdischen Siedlung in der Küstenebene, im Ernek und im östlichen Galiläa. Aber sie ging über die reinen Erfahrungstatsachen hinaus, sie enthielt ein Element von wirk'ich staatsniännRclier Kunst. Wenn der arabische Aufstand, wie sie meinten, es unmöglich gemacht hatte, das Versprechen an das jüdische Volk, das in der Balfour-Deklaration und im Mandat enthalten ist, in ganz Palästina auszuführen, so soll wenigstens ein Versuch ׳״macht werden, es in einem Teil von Palästina auszufüluen, aber dann soll es wirklich a u s g e f ü h r t vv erden, nicht zu 40 0 <׳ oder 50 0״ oder auch 60 0״, sondern zu 100 0׳,״. Das war ihre Idee, und ich nehme es auf mich z 11 sagen, daß es eine wirklich staats männisc he Konzeption war, obwohl wir alle im ersten Moment darüber bestürzt waren. Ich stehe in meinem Gefühl des Gebundenseins an das historische jüdische Palästina keinem Juden nach. Aber wenn ich einer Alternative gegenüberstehe, derztifolge unser Werk paralysiert oder aber seine wesentliche Idee in die Wirklichkeit übersetzt wird, selbst wenn das auf einer kleineren Fläche als der des ganzen historischen Palästinas sein muß, so weiß ich, welchen Weg ich wählen muß. Eine Sache ist natürlich wesentlich. Wir können nicht eine Karikatur unseres Ideals akzeptieren. Wenn wir uns mit einer Einschränkung der Fläche des Jüdischen Nationalhcims begnügen müssen, so muß diese Begrenzte Fläche, die uns bleibt, so sein, daß sie uns befähigt, drei Dinge zu tun: a) uns militärisch zu behaupten; b) ein wirtschaftliches Leben aufzubauen, das aus eigener Kraft bestehen kann; c) Raum zu finden für eine dauernde jüdische Ein- Wanderung, die nach Palästina einen solchen Teil des jüdischen Volkes bringen wird, daß diese neue Siedlung, die sich hier erhebt, mit Sicherheit als eine organische Fortsetzung der historischen Einheit Israels betrachtet werden darf. Weil wir empfanden, daß der konkrete Plan des Peel- Berichtes mit diesen Erfordernissen nicht in Einklang stand, haben wir ihn in Zürich einmütig ztirückgewiesen. Aber wir wollen auch der Peel-Kommission gegenüber fair sein. Wir Stellung im Kabinett jetzt ist, wird erst beurteilt werden können, wenn die unmittelbare Nachwirkung der Eden- Krise sich gelegt hat; in den aufgeregten Tagen dieser Krise war gelegentlich die Rede davon, daß auch andere Minister — auch Ormsbv-Gore wurde genannt — zugleich mit Eden ausscheiden könnten. Dies ist nicht geschehen, aber solche Gerüchte malmen zur Vorsicht in bezug auf die Stetigkeit des Ormsby-Gore-Kurses. Die Zionistische Organisation hat das Akt io ns- Co mite zu einer Sitzung nach London für den 8. März einberufen; anschließend findet eine Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency statt. Die Exekutive hält nach wie vor daran fest, die Lösung der heutigen Krise der Palästina-Politik im Rahmen des Peel-Berichtes zu finden. Dr. Weizmann hat vor seiner Abreise nach London in Palästina zwei große Reden gehalten und hat in seiner klaren und eindringlichen Art ein Programm formuliert, das zu kennen am Vorabend der A.-C.-Sitzung wichtig ist. Wir bringen an anderer Stelle dieser Seite einige charakteristische Abschnitte aus Weizmanns Rede. Der starke Appell an Englands gegebenes Wort, die unbestreitbare Feststellung, daß ohne Kooperation der Juden eine Regelung der Palästina-Frage heute unmöglich ist, die einsichtsvolle Beurteilung der englischen Schwierigkeiten und Gegebenheiten — dies alles wird seinen Eindruck auch auf die englische öffentliche Meinung nicht verfehlen. Weizmann ist hier der Spreeher des jüdischen Volkes. So sehr wir die Leidenschaft der innerjüdischen Diskussion begreifen, und so sehr jeder von uns über diesen und jenen Punkt seine eigene, nicht immer mit der offiziellen übereinstimmende Meinung haben mag, müßte es doch eine Selbstverständlichkeit sein, daß das ganze Volk in seiner Palästina-Politik in dieser schwierigen Stunde geschlossen hinter dem Mann steht, der auf exponiertestem Posten den Kampf um die jüdisehen Lebensnotwendigkeiten führt. Wie soll Weizmanns Appell an England fruchten, wenn seine Beschwörung des jüdischen Volkes, die wollen anerkennen, daß sie verstand, daß es eine Preisgabe der Balfour-Dcklaration und des Mandates wäre, wenn man uns nur das gäbe, was wir schon haben, wenn man uns nicht auch Raum gäbe, um Juden hinzubringen und hier eine umfassende jüdische Siedlung von einigen Millionen zu errichten. Die Grenzen mögen schlecht geplant gewesen sein. Die Bedingunger!, die sie an ihren Plan knüpften, mögen irrig gefaßt gewesen sein, aber der Grundgedanke ihrer Konzeption war gesund. Sie wünschten, daß'wir mehr haben sollten, als wir jetzt haben. Sie wünschten uns zusätzlich zu unserem heutigen Besitz eine Fläche zu geben, die einer extensiven Entwickhing fähig sein und große Scharen von Juden aufnehmen würde. Die Kongreßresolution bedeutete nach meiner Meinung, daß w! zwar Teilung in abstracto nicht annehmen konnten, daß wir aber auf der anderen Seite nicht gesonnen waren, sie geradeheraus abzulebnen, daß wir wünschten, den Plan für ci ׳en jüdische! Staat, der uns von der britischen Regierung vorgelegt würde, in seiner Realität zu kennen, bevor wir uns entschließen könnten, we'che Haltung wir dazu elnnehmen sollen. Wir wollen nach all dem nicht vergessen, was es bedeutete, daß in diesem Jahre 1937 eine britische Regierung öffentlich sich auf die Errichtung eines jüdischen Staates festlegte, selbst wenn es nicht das ganze Palästina war. In dieser Stunde der Entscheidung, in der eine Welt von Gegnern uns umgibt, rufe ich unser Volk auf, hier und überall, seine Reihen zu schließen. Nach allem haben wir gesehen, daß es mit unserer Politik der politischen Mäßigung, der konstruktiven Anstrengungen, der Politik der Taten und nicht der von billigen Worten nicht so schlecht ergangen ist. Die Welt hat gemerkt, daß wir eine politische Realität im Nahen Osten geworden sind, und daß wir das geworden sind durch unsere eigenen Anstrengungen und gegen eine Opposition aus mehr als einem Kreis. Es ist nicht länger möglich, politische Arrangements und Abände-ungen in diesem Lande über unsere Köpfe hinweg zu treffen. Es gibt eine Menge Leute in England, die meinen, daß es ein leichter Weg zum Frieden sein würde, wenn man uns preisgäbe. Für die, die die Politik des leichten Friedens und die Linie des geringsten Widerstandes predigen, sind wir ein unangenehmes Reizmittel, das sie mit dem geringstmöglichen Verzug loswerden möchten. Vom Gesichtswinkel britischer Reichsinteressen meine ich, daß diese Leute einen furchtbaren Irrtum begehen. Einer der unschätzbarsten Aktivposten der britischen Außenpolitik in dieser unserer chaotischen Welt ist das Wissen, das gleichmäßig bei Freund und Feind herrscht, daß das britische Empire für die Ausführungen seiner Versprechungen geradesteht, selbst wenn diejenigen, denen man diese Versprechungen gegeben hat, keine machtvollen Bataillone hinter sich haben. Wir mögen ein sehr schwacher Faktor in internationalen Angelegenheiten heute sein, aber ich bin sicher, daß kein Mann von Vorstellung«- kraft, der gesehen hat, was wir in diesem Lande gegen schreckliche Vorzeichen in diesem halben Jahrhundert erreicht haben, auch nur den geringsten Zweifel haben könnte, daß unser Werk eine reiche Verheißung des Friedens und der Wiederaufrichtung für diesen ganzen Teil der Welt und für das Britische Empire in sich Birgt, wenn es uns weiter mit sich gehen läßt.“ Reihen zu schließen, taube Ohren findet? LInterdrückung von Nuancen, Einheit der Front, das ist die Parole des Zionismus in dieser Stunde. Der Jischuw in Palästina leidet unter den vielen Verschleppungen und der Un- Sicherheit, das wirkt sich für viele auch wirtschaftlich ungünstig aus, und es gilt, diese Zeit des Ueberganges zu überstellen. In solchen Gefahren müssen Völker ihre Zerrissenheit überwinden und eine EinheitdesWollens und Planens finden. Mehr als je gilt heute Herzls Wort: ״Der Judenstaat ist eine Weltnotwendigkeit, also wird er entstehen.“ Noch nie waren sich die maßgebenden Faktoren der Welt, ob sie nun den Juden freundlich oder unfreundlich gesinnt sind, über diese Notwendigkeit so einig wie jetzt. Das jüdische Volk muß seinen Willen zeigen, sich diese Neufundierung seines Lebens zu erkämpfen. Wir vernachlässigen keines- Wegs die vielen Sorgen und dringlichen Interessen, die das heutige Leben für uns täglich und allenthalben bringt; wir haben auch alles Verständnis dafür, daß der Einzelne von seinen unmittelbaren Lebensumständen, die nicht immer mit den höchsten Zielen verbunden sein können, sondern auf bittere Notwendigkeiten gegründet sind, ganz beansprucht wird. Wir alle sind als Einzelne und als Glieder der Gemeinschaft da mitbetroffen. Al! dies ist auch Sorge der Gesamtheit. Aber entscheidend wichtig für alle ist die Umformung der jüdi• sehen Existenz als solche, ohne die auch der einzelne Jude ein schwankendes Rohr im Sturm sein wird. Diese Erkenntnis greift immer mehr um sich, und der Wille des jüdischen Volkes zu seiner nationalen Auferstehung in Palästina ist die deutlichste Frucht dieser Erkenntnis. Weizmanns Mahnung zur Einigkeit in einer außerordentlichen Zeit sollte darum auf fruchtbaren Boden fallen. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Robert W e 11 s c h. Berün-Charl. 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Locwenstcin, Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n. Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom X. April 1936. Verlag und AnzcigenvcTwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10. D.A. IV/1937 26 800. — Druck: Siegfried Scholcm, Bcrlin-Schöneberg. DAS SPEZIALHAUS FÜR STOFFE KLEIDUNG WASCHE ■ MÖBEL TEPPICHE ■ GARDINEN AUSRÜSTUNG FÜR PALÄSTINA UND ÜBERSEE Schriftliche Bestellungen an die Übersee-Abteilung Telephon-Bestelldienst 52 OO ii j BERLIN C2 SPANDAUER STRASSE KÖNIGSTRASSE GEGRÜNDET i8ig