Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 / Jahrgang 43 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU iMhkäogtVtrl•] und Anleihenverwaltnng: Berlin W1J, Melnekeatr. 10 Fararafi 919031, Telegramm - Adresie! Orghlp. - In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nnchlicferunjj oder Erstattung etwa schon gcrahlter Bezugs gebühren. Bezugspreis einschliefilich Bestellgeld je Monat RM 2,— je Vierteljehr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einschließlich Postzeitungsgebühr von 10,72 Rpf je Monat) — Postsdieck - Konten der Vertriebs - Abteilung ür Groß.Berlin: Berlin 71573, für dns übrige Reich: Berlin 17392 BERLIN כ״ח אדר א׳ תרצ״ח DIENSTAG,!,MÄRZ 1938 Enthelnt Jeden Bienstag and Freitag. Gültig ist die Anzelgenprelallate Nr, 5 vom 1. April 1936. Die »wölfgespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für FamUlan- Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Amgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postsdieck . Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag-Ausgabe: Montag 10 Uhr, für die Freitag - Au,gäbe I Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uh» Der Zionismus erstrebt fflr das iQdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) MacMichael abgereist Waudiopes Nachfolger Sir Harold MacMichael, der neue High Commissioner für Palästina, hat London am 24. Februar verlassen. Er trifft in Haifa an Bord des Kriegsschiffes ״Enterprise‘1 am kommenden Donnerstag ein. Ein Frühstück in London Der Kolonialmimster und der neue High Commissioner über die Palästina - Aufgaben Zu Ehren des neuen High Commissioners von Palästina, Sir Harold MacMic 11;1 e I, und seiner (iattin, gab die Royal Empire Society in London am 22. Februar ein Frühstück, an dem hohe Beamte des Kolonienminisieriums teilnahtuen. Minister Ormsby-Gor e hob in seinem Toast hervor, daß MacMichael eines der ausgezeichnetsten Mitglieder der Sudanverwaltung war, die zwar klein, aber berühmt sei für ihre Qualität und ihre Errungenschaften und auf die das Empire stolz sein könne. ״Sir Harold MacMichael“, fuhr Ornisby-üore fort, ״ist ein Tanganyika gewesen. Als es nötige wurde, einen Nachfolger fin־ Sir Arthur Waucliope zu finden, der sechs Jahre hindurch eine außerordentlich schwere Last getragen hat, sahen wir uns nach einem Mann von hervorragenden! Charakter, Mut und Erfahrung um und kamen zu der Entsclieidüng, daß niemand aus der Kolonial־ Beamtenschaft gee:gneter sei, ein Amt zu übernehmen, das eine wahrhaft gewaltige Verantwortung in sich schließt, und das ist der Fall hei der Regierung von Paläs'um. ner Art. Es ist vielleicht glücklicherweise jedem anderen Lande in der Welt unähnlich. Ormsbp-Gore Foto•: Archiv Ich sage: ,glücklicherweise‘, wobei ich das Land rein von dem Standpunkt aus betrachte, den ich und Sir Harold in diesem Augenblick cinnehtnen müssen wegen seiner gegenwärtigen Probleme und Schwierigkeiten, die furchtbar sind in ihren Auswirkungen in der ganzen Welt. Warum ist Pa Uistina so einzigartig? Warum ist es so anders als alle anderen Länder? Aus zwei Gr ü 11 d e n: Palästina hat mehr Geschichte erlebt als irgendein anderes Land in der Welt, und es hat eine einzigartige Sache hervorgebracht — die Bibel. Warum ist Palästina nicht ein bloßer Teil Syriens? Warum ist es nicht genau so wie jeder andere Teil "der arabischen Welt oder des Vorderen Orients? Einfach deshalb, weil es nicht nur ein Land mit einer arabischen Mehrheit, sondem weil es auch das Heilige Land :hier Christen und Juden ist. Eine selbstverständliche Tatsache im Palästinaproblem ist für mich die, daß das Land nicht der ausschließliche Besitz der christlichen oder der moslemischen oder der jüdischen Welt sein kann. Alle müssen Anteil an ihm und Platz darin haben.“ Nach einer Uebersicht über die Geschichte Paläs*inns seit den ältesten Zeiten sagte O.-msbv-üore, ״daß für England, das von der Kulturwelt mit der Verantwortung für dieses Land betraut worden ist, die Aufgabe bestellt, im Laufe der Zeit — und es mag eine lange Zeit sein — auf die eine oder andere Art in dem gemeinsamen Heiligen Lande Frieden zwischen Juden, C 11 r i s t e n und Moslems zu schaffen, woran wir alle ein Lebensinteresse haben. Sir Harold und seine Gattin übernehmen jetzt grolle Mühe und Verantwortung. Ich wünsche ihnen allen Erfolg und verspreche ihnen ständige und unbeschränkte Unter- Stützung in der Aufgabe, die vor ihnen liegt.“ Vor der New Yorker Weltausstellung Bei einer Konferenz amerikanisch-jüdischer Führer, die in New York abgchalteu wurde, ist mitgetcilt worden, es seien Vorbereitungen für die Errichtung eines Palästina- Pavillons auf der New-Yorker Weltausstellung getroffen worden, der die jüdischen Erfolge und Errungenschaften in Palästina demonstrieren soll. Mr. Jacobi und Mr. Bäcker wurden zu Vorsitzenden und Mr. Meyer Wcisgal zum E\ekutiv-Direktor gewählt. 111 dem Pavillon soll der kulturelle, künstlerische und wirtschaftliche Fortschritt des Jüdischen Nationallleims dargestellt werden. Hr. Stephen Wise sagte in seiner Ansprache an die Versammlung, der Pavillon solle das Wunder der Verwandlung Palästinas darsteilcn. In dem leitenden Ausschuß für den geplanten Pavillon werden sich die Herren Brodie, Goldstein, Lipsky, Bäcker und Jacobi befinden. Dem Plan eines solchen Pavillons wurde von der National-Konferenz des United Palcstine Appeal in Washington zugestimmt, und inan glaubt, die Mitarbeit aller an der Entwicklung Palästinas interessierter Gruppen erlangen zu können. In der Avenue of Natious auf dem Boden der Weltausstellung weht bereits die jüdische Fahne, Sir Harold MacMichael sagte in seiner Erwiderung ungefähr: ״Wenn ich versuchen soll, meine Gefühle zu analysieren, so möchte ich sagen, daß zwei Faktoren vorherrschen: erstens meine Ungeduld, nach Palästina zu kommen; je schneller man an die Arbeit geht, um so besser. Zweitens habe ich ein Gefühl des Mißbehagens, das nur durch die Tatsache gemildert wird, daß die Regierung genügend Vertrauen zu mir hat, um mir diesen Posten anzubieten, sowie durch die Tatsache, daß ich 28 Jahre meines Lebens im Dienst einer Verwaltung verbracht habe, der Mr.Ormsby- Gore seine Anerkennung gezollt bat, der ich mit ganzem Herzen zustimme. Ich bin erst drei Wochen in England und ich glaube, ich habe mehr Ratschläge empfangen als die meisten Menschen in dem gleichen Zeitraum. Ich spreche nicht von den Instruktionen und Ratschlägen, Sir Harold MacMichael die ich offiziell erhalten habe, sondern von denen, die ich von anderen Seiten aus allen erdenklichen Teilen des Erdballs bekommen habe. Ich habe ausführlich die entschieden proarabischen Ansichten angehört. Ich habe die Auffassungen kennengclernt, die ausgesprochen projüdisch sind, und ich habe sogar, darf ich sagen, Ansichten gehört, die entschieden probritisch sind. Ich hatte den Vorzug persönlicher Fühlungnähme mit Leuten, die Palästina und seine Probleme, kennen, insbesondere mit zwei Mitgliedern der Königliehen Kommission, und sie waren höchst wertvoll für mich, indem sie mir eine Vorstellung von der Größe ties Problems gaben, das mich erwartet, sowie Hinweise auf die Faktoren, die in Rechnung gezogen werden müssen. Ich weiß, daß ich in Palästina wahrscheinlich mehr im Rampenlicht als im Heiligenschein stehen werde. Dies ist unvermeidlich aus den Gründen, die schon Mr. Ormsby-Gore hier aiiseinaiidergesetzt hat. Der historische Hintergrund allein würde schon dazu beitragen, vor allem aber die aktuelle beispiellose Bedeutung des Problems. Ich könnte gern auf Rampenlicht wie auf Heiligenschein verzichten, aber ich sehe, daß es unentrinnbar ist. Es ist zwecklos, wenn ich zu sagen versuche, was ich 711 tun oder nicht zu tun gedenke. Ich würde nur eine Dummheit begehen, wenn ich dies täte, der ich gerade erst an eine Sache herangegangen bin, mit der ich zur Zeit noch nicht aus eigener Berührung vertraut bin. Ich glaube aber getrost sagen zu können, daß die erste und wese ntliebste Aufgabe, die zu tun ist, die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung ist, und — wenn ich noch etwas bereits zu einem so frühen Zeitpunkt hinzufügen darf — ich halte es weiter für wichtig, daß man Kontakt mit den Bewohnern des Landes gewinnt. Ich meine nicht unbedingt und ausschließlich die Leute, die Führer der öffentlichen Meinung sind oder sich dafür halten. Ich denke an den einfachen Mann, der im Lande lebt. Mit Sicherheit kann ich wenigstens sagen, daß ich dorthin mit der vollen Absicht gehe, alles — soweit meine Instruktionen es gestatten — zu tun, was in meiner Macht liegt, um jene zwei Ziele zu erreichen. Ich möchte hinzufügen, daß ich restlos bereit bin, jede Verantwortun7 ״.u übernehmen, die man mir zu überlassen richtig findet.“ Kleine Nachrichten In der Polytechnischen Vereinigung in Oslo hielt (der christliche) Ingenieur Hiorth, der sich seit langem mit technischen Problemen der Bewässerung Palästinas befaßt, einen Vortrag über Palästina; anschließend wurde der Film ״Das Land der Verheißung“ gezeigt. Der Veranstaltung wohnte der norwegische König Haakon bei. Der schwedische Kronprinz Gustav Adolf empfing Oberrabbiner Prof. Ehrenpreis und ließ durch ihn einen Gruß an den Keren Hajessod übermitteln, von dessen Arbeit er sich während seiner Palästinareise selbst überzeugt habe. Dr. Roberto O r t i t z, der neue Präsident von Argentinien, versicherte den argentinischen Juden seine Anerkennung ihrer Leistungen. Der englische Kolonienminister Ormsby-Gore gab kürzlieh die Erklärung ab, daß er nach Ablauf der Legislaturperiode des gegenwärtigen Unterhauses nicht mehr kandidier e 11 werde. Der Präsident der türkischen Republik erklärte in einer öffentlichen Ansprache, daß eine Judenfrage in der Türkei nicht bestehe. Umschau Bewegte Welt — Jüdische Aspekte — Vor der A.-C.־Sitzung — Weizmarms Programm In dramatisch bewegten Tagen, wie wir sie durchleben, empfindet jede Menschengruppe besonders intensiv die Besonderheit ihres Schicksals und ihrer Aufgabe. An dem Maße der Gespanntheit ihrer Nerven kann man den Grad ihrer Beieiligthcit ablesen. Wir wissen nicht, ob es — wie vor 30 Jahren — heute Gruppen gibt, die sich unbeteiligt fühlen. Wir Juden gehören jedenfalls nicht mehr dazu. Wir haben gelernt, daß die Jtidenfrage eines der großen Probleme ist, die in den Zusammenhang des Geschehens verschlungen ist, und daß unser eigenes Schicksal in den wesentlichsten Punkteil von unserem Jmiesein bestimmt wird. Wir sagen heute wieder mit Berechtigung ״wir“. Das war nicht i 111111er so; noch vor wenigen Jahren, in unserer Generation, gab es kein jüdisches ״Wir“, wenigstens nicht in dieser Allgemeinheit; die Mehrzahl der Juden lebte isoliert und atomisiert; sie empfanden sich in jeder Be- Ziehung als Glieder eines anderen Volkstums. Die letzten Jahre haben viele Juden (nicht alle) belehrt, und eine neue, positive Wertung des jüdischen Elements unseres Seins gewinnt die Oberhand. Was immer der Einzelne für Sehnsucht und Ziel, für Lebensinhalt und Lebensideal geistiger und menschlicher Art haben mag — und wir übersehen oder bagatellisieren keineswegs diese Fülle und Buntheit —, sein geschichtlicher Ort wird im Den Bericht über die Eröffnung des Passa״ gier-Hafens in Tel Aviv finden unsere Leser auf Seite 17 der heutigen Nummer. Rahmen der heutigen Welt von seinem Judesein her bestimmt. Wir wissen auch, daß die E r s c h e i n u n g s formen der Judenfrage nicht einheitlich sind, aber jeder hat seiner eigenen Zeit und seiner eigenen Mitwelt gegenüber standzuhalten. Wenn wir die heutige Lage der Juden überschauen, so werden wir uns des großen Paradoxes bewußt, das in der Diskrepanz der jüdisehen Typen liegt, der Tatsache, daß Millionen von Juden in größtem Elend und unbeschreiblicher Armut leben — wer einmal die Slums in Warschau oder Wilna gesehen hat, bekommt einen Eindruck davon —, während anderswo jüdische Intellektuelle, ohne normale Volks- Basis, sich in einer Welt des Wortes auslehen und einzelne Juden zu Wohlstand und sozialer Geltung kamen. Aus diesen Splittern eine organische Einheit zu niachen, ist eine fast übermenschliche Aufgabe, nur lösbar durch die Kraft der Liebe; daß wir einer Erfüllung näher kommen, beweist eine Tatsache: die wachsende Schnsucht der jüdischen Menschen, de!־ jüdischen Jugend nach Boden; Boden unter den Füßen haben, auf dem ein Volk wachsen kann. So eigenartig für jeden Einzelnen und für jede jüdische Gruppe ihr begrenztes Schicksal ist, es ist zugleich in einer merkwürdigen Abhängigkeit vor! der Judenfrage als solcher, denn die äußere Erscheinungsform der Judenfrage für uns ist die Wanderung. Immer im Laufe der Jahrhunderte, wenn Juden gemeint hatten, endgültig eine Ruhestätte für sich und ihre Nachkommen gefunden zu haben, kam wieder die Stunde, da die Not sie zur Wanderschaft trieb. In unserer modernen Welt, da kein Land gern Zuzug sieht, ist die Gefahr, daß wandernde Judenmassen auch den Antisemitismus in andere Länder einschleppen, besonders groß. Daher beobachten wir alle mit größter Teilnahme die jeweiligen Schwankungen der Wänderungsinöglichkeiten und das Schicksal der Judengruppen in anderen Ländern. Daher begrüßen wir die Erleichte run gen, die kürzlich auf einer Konferenz der Einwanderungsländer für die in diesen Ländern weilenden jüdischen Auswanderer vorgesehen wurden, besonders die Bestimmung, daß unter gewissen Umständen den Menschen das Recht auf Arbeit in ihrem neuen Wolinland gewährt werden soll, denn nichts ist furchtbarer zu ertragen als erzwungener Müßiggang für Mensehen, die bereit sind, zu arbeiten, auch schwer zu arbeiten. Wenn wir von irgendeiner Erleichterung der Lage der Juden da oder dort hören, atmen wir auf, denn manchmal haben wir das Gefühl, daß die Bewältigung •der Aufgabe, die vor uns steht, über unsere Kraft geht. Wahrscheinlich ist die produktive U 111 g e s t a 1 - tung der jüdischen Lage (dieses Wo; wählen wir statt des allzu hochtrabenden ״Lösung der Judenfrag«“) eine Aufgabe für ein Jahrhundert, bis sich in יי..<.־.־• I