Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 21.1.1938 Mehr FrauenausWanderung! Film und anderes Von unserem Korrespondenten New York, 10. Januar Paul Muni . . . und andere FUmnotizen Die New Yorker Filmkritiker haben eine Kommission zur Wahl des besten Schauspielers im Jahre 1937 eingesetzt, (jewählt wurde Paul Muni, und.zwar für seinen Film ״Das Leben Emil Zolas“. Muni ist bereits häufig ausgezeichnet worden: im letzten Jahr erhielt er einen Preis von der Amerikanischen Filmkiinstler-Akademie für seinen ״Pasteur“-Fi!m. Muni stellt jetzt auf der Mühe seiner Filmlaufbahn. Sein nächster Film wird wahrscheinlich eine Dramatisierung des L ebens von Fiavm Solomon sein, des jüdischen Patrioten und Bankiers, der Amerika dazu vcrhalf, den Krieg gegen England zu gewinnen. (Die ״Jüdische Rundschau“ hat jüngst über Paul Munis Bestich in Wien berichtet, vgl. Nr. 103/1937 - A.d.R.) Die Meinung mancher Kreise, daß die Juden unter den amerikanischen Filmdarstcliern vorherrschen, wird durch einen Bericht widerlegt, der soeben von dem Filmblatt ״Motion Picturc Herald“ veröffentlicht wird und die Popularität von 217 Darstellern untersucht. Unter den ersten zehn mit dem größten Kassenerfolg befindet sich kein einziger Jude; erst unter den nächsten fünfzehn erschein ein jüdischer Name: Jack Bennv, der zuerst mit seiner Frau Man׳ I.ivingston durch das Radio berühmt wurde und jetzt als Filmkomiker sehr heliebt ist. Hinter den ersten 25 Namen enthält die Liste folgende Juden: Edward Arnold, liohbv Breen (der stimmbegabte Knabe), die drei Bruder Marx (Komiker), dann erst kommt Paul Muni, dann Luise Rainer, Edward Robinson, Eddie Cantor, Dorofhv I.amour, Svlvia Sidnev, Walter Winchell, Ben Bernie, Elisabeth Bergner, Sally Liiers, Sybil Jason, Al Jolson, Otto Krüger, FrancK Lederer,’Peter Lorre, Kent Taylor, Dies ist keine sehr große Za hi unter 217 Künstlern. Ein Jiddischer Song wird populär Eine seltsame Tatsache: ein S״ng aus einer bekannten jiddischen Opm׳ttc ist 111 Amerika so beliebt geworden, daß er das Land überschwemmt und auch das populärste Lied im Radio ist. Fs beginnt mit den Worten ״Bei mir bist du schon''' und fährt dann englisch fort. Zwei jüdische Sclilagerkomponisten erkannten die Verbrcituiigsinöglichkcitcn dieses Liedes und schrieben den englischen Text dazu. Und jetzt wird dieses Produkt des Judenviertels von Ost-Ncw York im ganzen Lande gepfiffen und gesungen wie kaum ein Schlager seit langer Zeit. Jüdisch• Stiftungen Eine von amerikanische״ Statistikern gemachte Zusammen- Stellung der im Jahre 1937 gegebenen philanthropischen Spenden zeigt, daß im Jahre 137<י vier wichtige Stiftungen von Jude'n herrühren. Am bedeutendsten ist der ״Verständitrungsfonds“ (Good will ftmd) von 2 Millionen Dollars, die der verstorbenc Bostoner Warcnliausbesitzer Edward Filcne vor längerer Zeit gestiftet hat mit dein Zweck, ״die Wohlfahrt der Menschheit durch Verbesserung der gesundheitliehen Bedingungen der Arbeiter zu fordern, die Ursachen der Armut zu erforschen usw.“. Die großzügige Arbeit des Julius Ro s e n w a! d - Fonds für die Erziehung der amerikanischen Neger wurde fortgeführt durch eine Spende von einer halben Million Dollars an die Fisk Universität, eine Negerhochschule. Lucius Litt au er, der 75jährige Handschuhfabrikant, früheres Mitglied des amerikanischen Kotigresses, der Millionen Dollars an die Harvard Universität gegeben hat, überwies dem Krankenhaus iür Stotterer $ 200 000. Schließlich wurden f 30 000 dem Wirlschaftsforschungsiiistitut aus der Maurice und Laura F a i k - Stiftung überwiesen, die vor mehreren Jahren mit 10 Millionen Dollar von dem Pittsburgher Stahlmagtiaten errichtet wurde. Der ״Hatikwah“-Film in Schweden. Das ״Svenska Morgenbladet“ berichtet ausführlich über die Aufführung des Palastinafilms. Ihm ging ein Vortrag von Direktor Ernst Blumenthal voraus. Die Streitigkeiten in Palästina sind nach seiner Ansicht vorübergehender Art. Zu dem Film telbst schreibt das Blatt u. a.: .,Der Film bewies die umfassende Arbeit, die dort vor sich gegangen ist. Das ist der Traum, der nach Verwirklichung schreit. Schritt für Schritt geht die Entwicklung voran, sowohl die materielle als die ideelle. Begeisterte .Männer mul krauen kommen vom äußersten Westen und Osten, und durch ihre Zusammenarbeit wächst das Wunderwerk.“ Der Hilfsverein der Juden in Deutschland stellt uns Ausführungen zur Verfügung, denen wir entnehmen: Ueber wenige Fragen ist sich die gesamte Judcnheit Deutschlands so einig, wie über die unbedingte Notwendigkeit der Verstärkung der Auswanderung. Aber während viele Tausende zur Auswanderung drängen, denen die Ein- Wanderungsmöglichkeit nicht eröffnet werden kamt — weil sie zu alt sind/ weil sie keinen im Ausland brauchbaren Berat verstehen oder aus anderen Gründen — gibt es auf der andern Seite noch eine wichtige Kategorie attswanderungsfähiger Menschen, deren Auswanderungswilligkeit gesteigert werden könnte: unsere Mädchen und Frauen. Die bisherige jüdische Auswanderung aus Deutschland weist einen starken Ueberschuß an M änitern auf. Dadurch entstanden schwere Mißstände. Denn es liegt auf der Hand, daß im gleichen Maße, in dem die Auswanderung der Männer in heiratsfähigem Alter die der Frauen übersteigt, die Hciratschancen für die zurückgebliebenen Mädchen in Deutschland sinken müssen, während auf der anderen Seite die eingewanderten jungen Männer in den überseeischen Ländern häufig nicht die .Möglichkeit zur Gründung einer jüdischen Familie finden. Besonders gefährdet ist die Lage unserer ledigen Auswanderer in den Ländern ohne eine zahlenmäßige bedeutende Judenheit. Diese stehen häufig vor der Wahl, entweder ledig zu bleiben, oder aber nichtjüdische Frauen zu heiraten. Was muß nun zur Ahstellungdieser Mißstände geschehen? Es handelt sich vor allem um folgende Gesichtspunkte: In erster Reihe müssen sich unsere jungen Auswanderer künftig darüber klar sein, daß sie im allgemeinen daran gut tun, sich vor ihrer U e b e r s i e d I tt 11 g in ein Überseeisches Land an die künftige Lebensgefährtin zu binden, und zwar in der Regel durch Eheschließung. Gehen zwei junge Menschen gemeinsam in die Fremde, so finden sie aneinander nicht nur seelisch den besten Halt, sondern in sehr vielen, ja vielleicht den meisten Fällen, wird es der weibliche Teil sein, der zuerst einen Broterwerb findet, so daß auch der materielle Existenzkampf durch eine Eheschließung vor der Auswanderung eher erleichtert als erschwert wird. Darüber hinaus aber werden jene Gefahren vermieden, von denen eben die Rede war. In dieser Hinsicht wird es besonders auf die jüdische Haltung der Mädchen ankoinmcn, da erfahrungsgemäß die Atmosphäre des Hauses, die Erziehung der Kinder vor allem von der Frau abhängt. Selbstverständlich mag es sehr wohl Fälle geben, in denen es gerechtfertigt ist, daß die erwachsene Tochter den F.ltern zur Seite bleibt.. Aber wer die Wünsche unserer jüdischen Eltern für die Zukunft ihrer Töchter kennt, ENKIX HIOBS Von Mascha K a 16 k o Wie tief entbrannte über uns der Zornl Wo blieb die Feuersfiule, die uns führte. Dein Wunderfels, der, da man ihn berührte. Uns Wasser gab, sich wandelfe zum Born. Wo bleibt die Stimme, da der Dornbusch flammt? Nicht Land, nur Flut, wohin wir audt enteilen. Wo bleibt der Stab, für uns das Meer zu teilen? Sind wir auf Ewigkeit zum Irrn verdammt? Ist uns die letzte Arche schon zerschellt, Gibt’s kein Entfliehen mehr aus solcher Hölle, Kefn Ohr, das vor gewaltgem Schreie gelle, Ist keine Liebe mehr auf dieser Welt? Mit Trfinen söten wir das erste Korn, Und sieh, der Helm Ist leer, den wir geschnitten. Was willst du, Herr, noch über Hiob schütten? — Gar tief entbrannte über uns dein Zorn ... wird mit Bestimmtheit erwarten dürfen, daß sie diese nicht aus rein egoistischen Gründen von der Auswanderung zurückhalten werden, wenn sie sich einmal darüber klar sind, daß sowohl die beruflichen Aussichten wie die Heiratschancen in den überseeischen Ländern sehr viel besser sind. Allerdings muß betont werden, daß nicht jedes Mädchen ohne weiteres zur Auswanderung geeignet ist. Vielmehr muß sie, abgesehen von einer gewissenhaften Ausbildung, auch bestimmte menschliche Q tt a I i - täten besitzen. In beruflicher Hinsicht ist eine gründliche Beherrschung der Hauswirtschaft zu fordern und die Bereitschaff, wenigstens vorübergehend eine Stellung im Haushalt anzunehmen, selbst wenn ein anderer Beruf als Ziel vorschwebt. Die großen jüdischen Auswanderungsorganisationen des In- und Auslandes werden künftig der Frauenauswanderung besondere Aufmerksamkeit widmen. Das heißt einmal, daß der Auswandererberater mit dem jungen Auswanderer offen die Frage erörtern soll, ob er sich nicht vor der Ucbersicdhrng binden solle — wobei die zweckmäßige Form (Ehe- Schließung oder nur Verlobung) je nach dem Einwandcrungsland und je nach seinem (und ihrem) Beruf zu wählen sein BLUMENFELD NÜRNBERG Adlerstraße 36 Teppiche »Möhalaloffa Gardinen Perser-Teppiche Brücken wird. Darüber hinaus wird aber der Hilfsverein in engster Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Frauenbund hier um eine geeignete Auswahl auswanderungswilliger Mädchen bemüht sein, und zusammen mit den überseeischen Komitees und Frauenorganisationen wird dafür gesorgt werden, daß die Betreuung alleinstehender Mädchen und Frauen soweit gewährleistet ist, daß der Auswaiidcrerbcratcr jüdischen Elfern gegenüber die Verantwortung dafür übernehmen kann, ihre Tochter allein den Weg in die Ferne antreten zu lassen. Aus dem Wiener Theaterleben. Unser JR.-Berichterstatfer schreibt uns: Direktor Lothar veranstaltet im ״Theater der Josefstadt“ in Fortsetzung der seinerzeitigen literarischen Morgenfeiern kommenden Sonntag eine Matinee ״Oesterreich im Gedicht“. Lothar selbst wird die Ansprache halten. Es gelangen die Dichtungen von Richard Beer-Hotmann ״Schlaflied für Mirjam“, ״Altern“ Hugo von Hofmannsthai, Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz, Franz Werfel, ״Elternlied", ״Abendgesang“, ״Gebet um Sammlung“, ״Gottes Heimweh“ zur Vorlesung. Unter anderen werden initwirken: Ernst Deutsch, Sibylle Binder, Frieda Richard, Kitty Stengel tmd Hans T h i m i g. — Im ״Theater an der Wien“ gelangen diese Woche im Rahmen von Einakterabenden zur Aufführung: Felix Saltens Komödie ״Lebensgefährten“, ״Goethe“ von Alfred Polgar und Egon Frieden, mit letzterem in der Hauptrolle, Arthur Schnitzlers ״Abschiedssouper“ mit Lotte Lang und Oskar Karlweis und schließlich die Burleske ״Elisabeth von England“ mit Gisela Werbezirk und Paul Morgan. — Im ״Deutschen Volkstheater“ erzielte die Komödie ״Liebt»- heirat“ von Hans Jaray mit dem Verfasser und Lily Darvas-Molnar in den Hauptrollen, unter der Regie Wilheim Chmelnitzkys großen Erfolg. Der beliebte Theater- und Fiimdarsteller ist als Autor bekanntlich bereits mit mehreren erfolgreichen Stücken hervorgetreten. Einer seiner größten Erfolge war das Lustspiel ״Ist Geraldine ein Engel“? mit Paula Wessely in der Hauptrolle. — Aus Anlaß des 60. Geburtstages Franz Molnars veröffentlichten die meisten Wiener Tageszeitungen längere Artikel. der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU“ v. J7. t. 1913: Die sozialen Institutionen New Yorks bereiten sich auf den Empfang eines großen jüdischen Einwandererstroms ans den Balkanländern vor. Der Vorstand des ״Deutschen Kreises der jüdischen Turnerschaft" wird für die Osterfeiertage den I. Turn tag des Kreises nach Berlin einberufen. Zu Lord Byrons 150. Geburtstag (22. Januar 1938) Von Ernst Blaß Das ״Mvstcrmn!“, in dem diese Verse stehen, Ist die Tragödie des ersten vom Weihe geborenen Menschen, des ersten Sohnes. Ihre Handlung schließt sieh der biblischen Ueberlieferung an, und ihr Motto ist der Satz der Genesis ((III, 1): ״Aber die Schlange war gescheiter, als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte.׳‘ Abel blutet als Opfer wie das Lamm auf seinem Altar, aber zwischen dem Schöpfer der Welf und dem Geist der Erkenntnis steht Kain, der Mensch und Bauer, der unstet und flüchtig wird. So sah Byron den Menschen, und so konnte ein großer Philosoph in seinem Hauptwerk, im Kapitel ״Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens“ von ihm sagen: ״Wie gegen den Optimismus Voltaire, im C a n d i d e, den Krieg in seiner scherzhaften Manier führt, so hat es in seiner ernsten und tragischen Byron getan, in seinem unsterblichen Meisterwerke Kain.“ Als der große Tragiker blieb Bvron mit seinem glühenden und ernsten Blick, nicht als der weiche Lyriker des sogenannten ״Weltschmerz“, für den ihn eine oberflächliche Betrachtung hielt. Kain wird hei Bvron als Brudermörder schuldig, aber Abel fällt, weil er den Altar Gottes vor einem Angriff Kains zu schützen sucht. Kain ist von Anbeginn mit Gott zerfallen, er kamt sich dein Verlust des Paradieses und dem Fluch des Todes und der Arbeit nicht unterwerfen. Er kann die Schuld Adams nicht cinsehcn, das Leid des Menschen nicht auf sich nehmen. So erscheint ihm Luzifer, in dem sich ״Leid und Ewigkeit vermählt׳‘ kundtun, er fuhrt ihn durch das All und die Wirklichkeit bis nahe an das für den Menschen Kain unerkennbare ״Ding an sich‘• und entläßt ihn mit der Lehre von der Nichtigkeit des irdischen Daseins. Kain erschlägt in Abel den Priester und Verteidiger des Schöpfers der Welt, die für Kain eine Welt des Leids und der Nichtigkeit ist. Es ist Wcltempörung, nicht lyrischer Weltschmerz. Byrons Werk ist nicht fromm und kann es als eine Tragödie nicht sein. Er begegnete den Angriffen, die sofort kamen und kommen mußten, durch den Hinweis auf die antike Tragödie von Prometheus. ״Fin Gutes gab der Apfel eures Schicksals: Vernunft! Daß niemals sie durch Tyrannei, Durch Drohungen und Zwang verkehret werde Zum Glauben gegen äußeres Erlebnis Und jeden inneren Sinn. Denkt und ertragt!“ Das sind luziferische Worte, die von Kain befolgt werden. Es hieße aber die erderschütternde Genialität des ״Kain“- Dichters verkennen, wollte matt solche Gedanken und W’orte umfalschen und mildern. Hat doch der größte Dichter dazu gesagt: ״der über alle Begriffe, das Vergangene sowohl als das Gegenwärtige, und, in Gefolg dessen, auch das Zukünftige mit glühendem Geistesbliek durchdringende Dichter hat seinem unbegrenzten Talent neue Regionen erobert“. Und: ״Wollte Lord Byron einen Kain schreiben, so mußte er ihn so behandeln, sonst lieber gar nicht.“ Für den Juden ist dies unschätzbare Werk auch deshalb unschätzbar, weil es das erste Problem der Bibel von Eden und dem Baum der Erkenntnis neu und menschlich, grandios und subtil stellt. Der schon durch Adams Fall belastete Kain wird doppelt schuldig und nun tragisch schuldig, weil er dem Verbot und dem Fluch zugleich Trotz bietet im erneuten Versuch, vom Baum der Erkenntnis zu essen, Bvrons Pessimismus bezieht sich auf das ״Leben“ des Menschen, es ist für ihn eine Tragödie, zumal das Leben des ״erkennenden“ Menschen — aber an diesem tragischen und iuziferischen Himmel steht der Morgenstern der ntenschheitlichen ״Kultur“. Byron starb 1824 zu Missolunghi im Leid als Philhellen c. Und in seinen ״Hebräischen Me Iod i e n“ hat er iür die Juden die menschlichste Erkenntnis und Begeisterung aufgebracht. Seine berühmten Worte in dem Gedicht: ״Oh weep for those“: ״Volk mit dem fliicht'gen Fuß und müdem Haupt, Die ihr״ NV<g der l'Zh" die Kluft, Der Memel! die Heimat, — Juda mir die Gruft!“ lesen sich in unserer Zeit seherisch und rührend genug, hat doch der Blick des großen Dichters nicht nur einen romantischen Schmerz, sondern eine große Wirklichkeit getroffen und ist auch hier, wie im ״Kain“, unverwandt zum Wesentlichen durchgedrungen. Audi hier ist Bvron nicht ein müder und koketter Pessimist des ״Weltschmerz“ — er ist der Dichter des glühenden Wirklichkeitsblicks und der höchst realen Kontemplation. Exzentrizitäten seines Lebens und die Romantik zahlreicher Vers-Erzählungen haben sein Bild und Andenken in ein falsches Licht gebracht. Die ״Hebräischen Melodien“ sind für uns Juden ein herrliches Zeugnis seines großes ״Mitsinns“. Die jüdische Heimatlosigkeit ist hier in der schlichtesten, natürlichsten, offensten Weise als ein Unglück erkannt. — ״Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft.“ Es gehört die Reinheit des dichterischen Blicks dazu, so unverstellt, so wahrhaft nah die Verhältnisse zu erkennen. So subjektiv tmd baueriihaft, wie sein Kain ein Bauer ist. Fast tierhaft, bärenhaft direkt, wie der wirkliche Bär, den der große Mann eine Zeitlang besaß und liebte. In solcher Tierliebe lag nicht nur Exzentrizität. Im Gegenteil: er fing gründlich von vorn an — wie er im ״Kain“ als erster S01111 neugeboren wird und die Tragödie des Menschen zum erstenmal gespielt wird. So hat sein Mitsinn in den ״Hebräisch«) Melodien“ die ״Judenfrage‘‘ real getroffen, im ״Kairt“ sehr real die Frage des Menschen und der Schöpfung. Wir Juden haben besonderen Grund, diese Werke neu zu studieren und ihrem Schöpfer am 150. Geburtstag in Ehrfurcht zu huldigen. Byron im Hebräischen Von S. Meiseis Byron zählte im jüdischen Ghetto des 19. Jahrhunderts nicht zu jenen berühmten Männern, die man dort gemeinhin als ״Weltgrößen“ bezeichnete. Die ״Hebräischen Melodien“ waren das einzige, was die Ostjuden von Lord Byron kannten und ihrem Schatz der hebräischen Literatur einverleibten. Es war, als hätte Byron die Juden mit diesem Werke so reich beschenkt, daß sie demütig bescheiden auf seine weiteren Gaben verzichteten. Seit Jeluida Halevi schlummerte dieser Ton in der Zionsharfe, Byron hat ihn zu neuem Leben erweckt. Es war nun selbstverständlich, daß sie die Hebräisehen Melodien in die Sprache Halevis übersetzten. In Max Letteris’ Gedichtbuch ״Aphroth Sahablt“ (Wien 1852) finden sich die ersten Uebertragungen der Hebräischen Melodien. Vollständig erschienen sind sie unter dem Titel ״Ncginoth ebher“ (Czernowitz 1861) von Mattithjahu Simcha RaBener. Eine zweite hebräische Ucbertragung der Hebrew Melodies verdanken wir dem Gelehrten und Dichter Dr. S. Mandelkern; diese Uebersctzung ist unter dem TLel ״Schire jeschurun“ nebst dem englischen Original erschienen (Leipzig 1890). Auch der größte hebräische Lyriker des 19. Jahrhunderts, luda Lob Gordon, bat einige treffliche Uebcrsetzungcn der Hebräischen Melodien geliefert. In netterer Zeit hat David Frischmatin das Mysterium ״Kain“ (Warschau 1902) und das dramatische Gedicht ״Manfred“ (Warschau 1922) in hebräischer Sprache herausgegeben. ״The prisoner ot Chillon“ und ״Mazeppa“ wurden von J. L. Baruch übersetzt.