Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 21.1.1938 weniger. Die Berichte aus den Ländern der überseeischen Ein• Wanderung zeigen sehr oft die großen Schwierigkeiten, die den Einwanderer dort erwarten, aber sie sind zugleich ein Dokument des Lebenswillens unserer Menschen und in vielen Füllen der Erfolge, die bei der wirtschaftlichen Neufundierung erreicht worden sind. Es tut not, auf diese Seite der Berichterstattung einmal hinzuweisen, weil sie viel* * leicht weniger stark im Gedächtnis des Lesers haften bleibt als Nachrichten über Schicksalsschläge und Unglücksfälle, die sich in der Welt ereignet haben. Im Wesen der Berichterstattung liegt es ja, daß im allgemeinen nur das Auffallende Und von der Norm Abweichende berichtet wird, während der übliche Ablauf des Lebens in den Spalten der Zeitung nur seiten seinen Niederschlag findet. Dadurch kommt der Eindruck zustande, daß in bewegten Zeiten wie der unsrigeti eine Unglückschronik angehäuft wird. Besonders macht man diese Beobachtung bei Nachrichten aus Palästina, obwohl a!1 dieser Stelle wiederholt betont worden ist, daß der tagliehe Ablauf ucs Lebens im Lande durch die Terrorakte nur sehr wenig beeinflußt wurde. Es tut daher not, daran zu denken, daß das Leben selbst in seinen ü b 1 i c h e 11• B a 1111 e n auch dort weiter geht, wo politische Auseinandersetzungen geführt werden, und daß es weite Gebiete des jüdischen Lebens in der Welt gibt, die heute unter einem glücklicheren Stern stehen und gerade darum weniger häufig öffentlich behandelt werden. So wichtig die Zeitung als Quelle der Information und Erkenntnis ist, so begrenzt sind doch ihre Möglichkeiten, die daher auch noch durch andere geistige Methoden ergänzt werden müssen. Der oben zitierte Brief eines Lesers weist unausgesprechen auf die Mangel unseres eigenen Lebens hin, nämlich auf d;Heuige. was zu einem Teil bei uns fehlt. Wir d i s c h e n E r k e n 111!11 s b i! d u 11 g u n d der j ü d i s c h en Organisation. Trotz;1:1011 Erfahrungen, die wir in vergangen en Jahre״ gemacht haben, ist es ״och nicht gelungen, die GrundctkenntiO'-.c über unser eigenes Leben und Schicksal im Verband und Herzen eines jeden Juden zu verankern. Und es Nt eben-o wenig־ gelungen, die große, begeisternde Volksorgnnisation zu schaffen, deren eine (iemeinschaft bedarf, wenn sie schweie Stunden und Jahre durchleben muß. Auf diese zweite Frage hat bereits Dr. Max Grünewald (Mannheim) in einem Brief hingewiesen, den wir am 7. Januar veröffentlichten. Wir selbst sind bei einem Rückblick auf das abgelaufene bürgerliche Jahr in der letzten Ausgäbe des Jahrgangs ti. a. auch auf diese Probleme eingegangen, indem wir im Rahmen eines jüdischen Aktions- Programms für die Zukunft als die beiden ersten Forderungen die Durchsetzung der Erkenntnis vom nationalen Charakter unseres Judeiwchicksals und die Schaffung einer großen jüdischen Volksorganisation aufstellten. Uns scheint, daß diese beiden Forderungen weder utopisch sind, noch in einer Zeit wie der heutigen übersehen werden können. Was die Forderung nach Erkenntnis und dementsprechender nationaler Erziehung anbelangt, so glauben wir, daß es eine Reihe einfacher Tatbestände gibt, die die Basis alles jüdischen Denkens und Handelns sein müßten. Diese Erkenntrtisse sind heute zu einem Teil unter einem Wust von theoretischen Formulierungen verborgen, die mit ihnen verknüpft wurden, obwohl sie wenig damit zu tun haben, zum Teil aber wehrt man sich deshalb, sie anzuerkennen, weil man sie fürchtet. Man fürchtet sich auch heute noch vielfach, Klarheit über sein eigenes Wesen und Los zu erlangen, und geht daher den Weg, den die menschliche Seele stets dann beschreitet, wenn sie sich vor einer Erkenntnis scheut, nämlich den der Verdrängung. Es besteht datier die Aufgabe, die wenigen Grunderkenntnisse kiarzulegcii und sie in Hirn und Herz der jüdischen Menschen so einzuhämmern, daß sie unverlierbarer Besitz ihres Denkens werden. Aber auch auf dem Gebiete einer wirklichen Volks- Organisation fehlt uns heute sehr viel nicht mir au Erfolgen, sondern auch an Willen und Richtung. Auch diese muß von verwirrenden Nebenaufgaben befreit werden, um ihre ganze Aktivität auf wenige grundlegende, gewiß nicht einfache, aber jedem Menschen mit gesundem Verstand begreifliche Aufgaben zu konzentrieren. Alles, was kontrovers ist, muß aus ihrem Bereich au-giwchaltet bleiben. Wir haben den Versuch gemacht, in den 6 Funkten jenes jüdischen Aktions-Programms die wichtigsten dieser Aufgaben, die heute einer Lösung bedürfen, zu umreißen. Sie liegen in der Haupt- Sache auf dem Gebiet der Erziehung, der Repräsentation nach außen und der politischen und wirtschaftlichen Lenkung des Palästinaaufbaus. Man wird eiinvcnden, daß diese Forderungen gewiß zu billigen sind, daß ihre Durchsetzung jedoch in der Haupt- Sache von den Menschen abhängt, die sie durch/uführen suchen. Und man sagt, daß das jüdische Volk zwar Bcgabtingen und Talente hervorbringt, die an vielen Fronten des Lebens ihren Mann stehen, daß aber mir wenige von ihnen uns selbst für unsere eigenen Aufgaben zur Verfügung stehen. Demgegenüber ist zu sagen, daß es eine Zeit gab, in der der Zionismus diese Funktion zu übernehmen schien, lind daß er damals auch die Menschen an sich zog, die geeignet zur Führung des Volkes waren. Ihm ist die Erfüllung dieser Aufgäbe nicht voll gelungen, und dennoch ist er — angesichts der Schwäche und Gespaltcnheit des religiösen Lagers — die einzige Kraftquelle im jüdischen Volk, von der auch «ine solche organisatorische Erneuerung ausgehen könnte. Vielleicht ist diese Zeit, die uns wie die Geburtswehen einer unbekannten Zukunft anmutet, geeignet, auch dieses Problem ins Rollen zu bringen, vielleicht gibt sie den An* stoß zu einer wirklichen Vertiefung und Ausbreitung unserer Selbsterkenntnis und unserer Volksorganisation. Bei all dein aber kann eines nur aus dem jüdischen Volke selbst kommen und kann ihm von keiner seiner Gruppen »bgenoinmen werden: das ist der Glaube an sich selbst, an seine eigenen Kräfte und damit auch an die Menschen, die aus seiner Mitte kommen und die Reprä• sentanten seiner Sorgen und seiner Hoffnungen sind. Dieser Glaube wird heute vielfach noch von einer Skepsis zersetzt, die sich auch auf die Menschen überträgt, die auf verant• wortungsvollem Posten stehen und es daher nicht wagen, wirklich nach innen führend und gestaltend zu wirken. Gerade dies aber, die kraftvolle Führung des Volkes in einer Zeit voll schwerer Entscheidungen, scheint besonders dringend not zu tun. und darum ist der Weg von der Skepsis z u in Glauben ein Teil des Sehicksalsweges, auf dem sich dai ganze Volk befindet, nämlich jener Teil, der im Herzen de» einzelnen Juden zurückgelegt wird. Zur Arbeit der ICA Bei der Tagung des Rates der Reichsvertretung am 13. Januar in Berlin, wurde bei der Besprechung von Siedlungs- und Auswanderungsfragen für die Juden aus Deutschland u. a. scharfe Kritik an dem Verhalten der ICA geübt, die ihr gewaltiges, für jüdische Ansiedlung bestimmtes Vermögen tiicnt richtig verwendet und keine großzügigen Hilfspläne unterstützt. Diese Kritik ist nichts Neues. Schon seit Jahren tauchen derartige Vorwürfe gegen die ICA in der jüdischen Presse aller Länder auf. Zweifellos steckt eine Anormalität darin, daß das gewaltige Vermögen, das Baron Hirsch dem jüdischen Volke vermacht hat. Briefmarken » Fritz Iewin Lützowstr.SIA in der vorausschaiienden Erkenntnis, daß eine Ueber- 1 e i t u!1 g von Juden zur Land w i rtschaft und zum Handwerk eine unbedingte Notwendigkeit sei, von einigen wenigen Notabeln verwaltet wird und sich der Kontrolle der jüdischen Ocffentl iehkeit völlig entzieht. Schon Theodor Herz! hat vor dt) Jahren vergeblich gehofft, daß die Millionen der ICA einmal zu einem großzügigen Lösungsversuch der jüdischen Frage im Sinne des Erblassers, Baron Hirsch, verwendet werden würden. Damals war dieses riesige Vermögen noch nicht durch Krieg, Inflation und Kursverlust verringert, und wäre es z. B. für einen entsprechenden Kolonisationsplan in Palästina angelegt worden, so hätte es nicht nur seinen Wert vergrößert, sondern produktive Früchte in ökonomischer, sozialer und moralischer Beziehung getragen. Vor einiger Zeit hat bei der Jahresversammlung der ICA deren gegenwärtiger Präsident, Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid, einige Mißerfolge der ICA offen zugegeben. Zu dieser Rede, die im Wortlaut nicht vorliegt, nimmt, wie uns ans London geschrieben wird, im dortigen ״Jewish Chronicle“ Cyril Henriques Stellung. Henriqucs, der als Kolonisationsfachmann bekannt ist und selbst an mehreren Untersuchungen in verschiedenen Ländern (vor 10 Jahren auch in Palästina) teilnahm, schreibt, die jüdische (!)Öffentlichkeit habe ein Recht zu erfahren, was mit diesen fünf Millionen Pfund des ICA-Vermögens geschieht. Henriques, der gegenwärtig besonders an der Kolonisation in Ecuador intercssiert ist, wendet sich dagegen, daß die ICA den für den Anfang erforderlichen Betrag von 5000 bis 7000 Pfund nicht zur Verfügung stellt. Er fragt, was die ICA eigentlich tut und setzt hinzu: ״Man möchte nicht gern glauben, daß unsere sogenannten Gemcindeführer wirklich nichts anderes tun, als einer gewissen Routine der Wohltätigkeitsarbeit zu folgen. Aber sie selbst haben es sich zuzuschreiben, daß sich diese Schlußfolgerung aufdrängt.“ ln der Sitzung der Reichsvertretung verteidigte Herr Oettinger (Frankfurt a. M.), der selbst dem Rate der ICA angehört, deren Standpunkt. Oettinger kehrte den Spieß um und wandte sich gegen die Propaganda, die unter den Juden in Deutschland mit dem Schlagwort der sogenannten ״Gruppenwanderung“ bzw. ״Gruppens iedTung“ in Üebersee gemacht wird. Er betonte, daß diese Propaganda völlig utopisch sei und bedauerte, daß mail sich vorher nicht mit der ICA, die auf diesem Gebiete Erfahrungen besitzt, in Verbindung gesetzt hat. Unter diesem Gesichtspunkte wandte sich Oettinger besonders gegen die Propaganda der sogenannten JLA (Jüdische Landarbeit-Ansiedlungs G. m. b. H.), die die Oeffentlichkeit irreführe. Er stellte fest, daß für eine solche Organisation kein Anlaß vorhanden ist, da überhaupt kein brauchbares Gruppen- Siedlungsprojekt heute vorliegt. Der Redner führte auch aus, daß die Ausbildung junger Leute für Land- Wirtschaft in Üebersee (außer Palästina) auf dem Gute Groß-Breesen voreilig war. Man habe bei der Gründung dieses Lehrgutes eine schwere Verantwortung auf sich gcnominell, da inan die Jugend in Landwirtschaft ausbildet, ohne zu fragen, wo diese Menschen später unter- Kritik und Gegenkritik stehen hier einander gegenüber. Solche Wortgefechte beleuchten die Schwierigkeit der jüdischen Situation. Es erweist sich, daß die von Zionisten nicht nur aus Gcsinnungsgriindcn, sondern auch aus Erfahrung vertretene Meinung, daß die landwirtschaftliche Ausbikluiig von Juden zwecks Auswanderung mit der ausdrückliehen Bestimmung: in andere Länder als Palästina, nicht sinnvoll ist, da für eine Betätigung als Landwirt in Gruppen- Siedlungen oder als Einzelsiedler eigentlich nur Palästina in Betracht kommt, wo der betreffende Siedler auch ein ihm zugänglicheres Milieu vorfindet. Die anderen landwirtschaftlichen Projekte stützen sich hauptsächlich auf die ICA, diese aber erklärt selbst, daß sie keine Möglichkeit der Ansiedlung habe! Um so mehr wäre zu fordern, daß auch die ICA mit ihren Millionen sich in größerem Maße als bisher an der Siedlung in Palästina interessiert. Diese Forderung ist um so aktueller, als gerade im Moment einer Wirtschaftskrise in Palästina, wie wir sie heute durchleben, das Eingreifen öffentlichen Kapitals notwendig ist, um wenigstens diese eine große Möglichkeit systematischer jüdischer Siedlung aufrechtzuerhaltcn, da es nach den eigenen Worten des wohlinformierten ICA-Vertretcrs keine andere Siedlungsmöglichkcit heute gibt. Die Propaganda für die nichtvorhandenen außerpalästinensischen Projekte bekommt — gewiß unabsichtlich — auf diese Weise den Charakter einer sich gegen die Steigerung der Möglichkeiten in Palästina auswirkenden Aktion. Die Vertreter der Juden Deutschlands in dem Rate der ICA sollten mit allem Nachdruck aut die Notwendigkeit hinweisen, Siedlungsland zur Verfügung zu stellen und es, da andere Gebiete nicht offen stehen, in Palästina zu nehmen. Die Juden Deutschlands sollten die Möglichkeit einer Kontrolle der ICA, die sie durch die Gemeinden Berlin und Frankfurt besitzen, nicht so gleichgültig handhaben, wie es heute geschieht. Wiener Notizen Von unserem Berichterstatter J.R. Wien, 19. Januar Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hat 10 000 Schilling für den Winterhilfsfonds der Wiener Jüdischen Gemeinde beigetragen. Das JaJvr 1937 brachte mit 2824 Todesfällen die höchste Sterblichkeit sziffc r der Wiener Juden seit den Kriegsjahren. Die Zahl der Geburten hat mit 720 gegen 737 im Jahre 1936 einen weiteren Rückgang zu verzeichnen. Der Gesehäftsfiilirende Ausschuß der Agudas Jisrocl hielt in Wien eine mehrtägige Beratung ah. Im Vordergrund der Verhandlungen standen politische und wirtschaftliche Fragen Palästinas, sowie Probleme der Emigration. Zum Abschluß der Tagung fand im Hotel Continental eine Versammlung statt, bei der die Agudahführer: Präsident Jakob Rosenheim, Krankenversicherung / Philipp Ucko GQnstlf.t• M 5 g 11 ctikeiten Berlin-Wilmersdorf, Brandenburgliche Straße 22 . Ruf 92 74 43 London, Dr. Isaac Breuer, Rabbiner Blau, Jerusalem, 1. M. Lewin, Warschau, Dr. Ehrmann, Frankfurt, Rabbiner Katz, Litauen, und S. Vittenbcrg, Riga, das Wort ergriffen. Der jüdische Dichter Schalom Asch, der sich seit einigen Tagen zwecks ärztlicher Konsultation in Wien aufhält, wurde vom Bundeskanzler Dr. Schuschnigg in einer Audienz empfangen. Die Aussprache des österreichischen Regierungschefs mit dem Dichter dauerte etwa eine halbe Stunde und trug herzlichen Charakter. Bronislaw H u b e r tn a n ist dieser Tage überraschend in Wien e i 11 g e t r o f f e n, um seine hier lebende Mutter zu besuchen, sowie mehrere Aerzte zu konsultieren. Der ״״;!stier hat hier eine Klinik aufgesucht, wo Röntgcnaufnahmen vorgenommen wurden. Auf Grund der ersten Aufnahmen und Untersuchungen glauben die Aerzte, daß die Heilung der Verletzungen, die Huberman seinerzeit bei dem Flugzcugunfall erlitten hat, rasche Fortsdritte machen werde. Im Gespräch mit Journalisten stellt der Künstler zunächst mit Nachdruck gegenüber früheren Meldungen fest, daß er keine Knochenbrüche an den Fingern sich zugezogen habe. Nach Ansicht der Aerzte werde der Künstler schon in absehbarer Zeit seine künstlerische Aktionsfähigkeit wieder erlangt haben. In Wien starb im 85, Lebensjahr Universitätsprofessor Hofrat Dr. Josef Schey. Der Verstorbene entstammte der freiherrlichen Familie Schey von Koromla und war seinerzeit Mitglied des Herrenhauses des alten Reichsrats auf Lebenszeit. Hofrat Schey, mH dem großen Juristen Josef Unger verschwägert, hat seine größte Popularität durch seine Edition des österreichischen A.B. G. B. (Manzsche Ausgabe) erlangt. Nach Kriegsschluß war Schey wiederholt in den aut Grund des Staatsvertrages von Saint'-Gcrmain errichteten gemischten Gerichtshöfen in Paris und London als österreichischer Schiedsrichter tätig. Die österreichische Postverwaltung hat den Gebrauch von Marken der Harandbewegung, die den Antisemitismus bekämpft, im österreichischen Postverkehr verboten. Miß Szold traf auf dem Wege von Amerika nach Palästina in London ein. Zu ihren Ehren fand ein von der Wizo veranstalteter Lunch statt, bei dem Mrs, S i e f f präsidierte. Weitere Ansprachen hielten Prof. Brodetsky, die Marquise of Reading und Miß Szold selbst. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Robert Weltsch, Berlin-Charl. 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstcin, Berlin W 15. Anzeiyenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Erich Liepmann, Berlin \V 15. Gültig Anteigen - Preisliste 5 vom 1. April 1936. Verlag und An- *eigenvcrwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W18, Meinekestr. 10. D.A. IV/1937 20800. — Druck: Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg. Ausweisungen in Ecuador Die Lage in Mexiko Die Regierung von Ecuador hat nach einer Meldung aus Quito angeordnet, daß aus dem Ausland zugewanderte Juden, die ohne Erlaubnis Handelsgeschäfte betreiben, sofort ausz u weisen sind. Den Juden wird eine 30tägige Frist gegeben um das Land zu verlassen. In dein Regierungserfaß wird ausgeführt, daß jüdische Emigranten aus Mitteleuropa, denen erlaubt worden war, sich als Landwirte in Ecuador an/nsicdeln, sich statt der Landwirtschaft dein Handel zugewandt haben. Auch aus Mexiko wird gemeldet, daß die dortige Regierung beabsichtigt, diejenigen Juden auszuweisen, aie sich in anderen Berufskategorien betätigen, als bei der ursprünglichen Einwanderungsgenehm i g u 11 g vorgesehen war. In einein Bericht des mexlkanischen Innenministers wird darauf hingewiesen, daß nach dem mexikanischen Gesetz Einwanderer nur den Beruf au»• üben dürfen, der auf ihren Einwanderungspapieren angeeben war. Von etwa 18 000 Juden, die in den zwanziger!ihren dieses Jahrhunderts unter der Regierung von General Calles eingewandert sind, hätten viele sich als Landwirt« bezeichnet; da sie aber keinen Boden zur Bewirtschaftung bekamen, betätigten sie sich als Geschäftsleute. Wie die ״New York Times“ berichtet, handelt es sich bei den von Ausweisung Bedrohten hauptsächlich um polnische und scphardische Juden der ärmeren Klassen. Auen andere Bev richte sprechen von wachsender antisemitischer Agl» tation in Mexiko und größeren Schwierigkeiten für Juden, Einwandcrungsgenehmigungcn zu erhalten. Die in der iüd!» sehen Presse liier und da auftauchenden optimistischen Dar* Stellungen über angebliche Einwanderungsmöglichkeit hl Mexiko müssen daher mit Vorsicht behandelt werden. Kleine Nachrichten Der bisherige Vertreter der Juden im jugosla• wischen Senat, Oberrabbiner Alkalay, wurde nach Ablauf seiner Senatsperiode nicht neuerlich zum Senator ernannt, so daß die jugoslawische Judenheit jetzt ohne Vertretung in beiden Häusern des jugoslawischen Parlaments ist. Eine Deputation des jüdischen Gemeindeverbandes hat deswegen beim Justizministerium Vorstellungen erhoben, erhielt aber die Antwort, es handle sich nicht um eine antijüdische Maßnahme, sondern die Regierung ernenne neue Senatoren nur aus ihrer eigenen Partei. Der jugoslawische Innenminister hat eine Anordnung erlassen, den Status aller ausländischen in Jugoslawien wohnenden Juden durch die lokalen Behörden festzustellen. Es sollen u. a. auch Einzelheiten über ihre Einkommens- und Wirtschaftsverhältnisse festgestellt werden. Der Oberbürgermeister von Bukarest hat angeordnet, daß in den Bukarester öffentlichen Schlachthäusern kein Vieh mehr geschachtet werden darf. Der Kultusminister verfügte, daß Rabbiner, die Ausländer sind keine Verlangerung ihrer Aufenthaltserlaubnis erhalten. In Bessarabien, der früheren russischen Provinz, untersagten die rumänischen Behörden am Montag dm Gebrauch der russischen und der jiddischen Sprache. Eine Bukarester Zeitung meldet, daß 600 jüdische Familien in Bessarabien an den italienischen Konsul in Galatz ein Gesuch um Erlaubnis der Einwanderung nach Abessinien gerichtet haben. Die italienischen Konsulate hätten in Rom Instruktionen eingeholt. Ferner wird'aus Bukarest berichtet, daß das in einein Hotel untergebrachte mexikanische Konsulat von einer so großen Menge rumänischer Juden, die sich um Einreise-Erlaubnis bemühten, belagert war, daß die Polizei geholt werden mußte, um Ordnung zu halten. Eine Konferenz der rumänischen Juden in New York sandte ein Telegramm an König Carol mit dem Appell, die verfassungsmäßigen Rechte der Juden zu schützen. Auch eine Gruppe christlicher Rumänen in Amerika, die sich ״Söhne Rumäniens“ nennt, sandte ein derartiges Telegramm ab.