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Jüdische Rundschau · 1938-01-14 · Heft 4 (14.1.1938) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 4 (14.1.1938)
Date
1938-01-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4, 14.1.1938 JÜDISCH* RUNDSCHAU Seife 11 ״Good will“ und ״Common sense“ Zur Erneuerung der jüdischen Begriffsbildung Die nachfolgenden Ausführungen sind einem Thema gewidmet, das schon oft Gegenstand von Kontroversen war. Wir glauben, daß die Fortführung dieser Diskussion heute von Bedeutung ist, handelt es sich dahei doch um weit mehr als um begriffliche Klärungen. Selbstverständlich kann der hier vertretene Standpunkt nicht als irgendwie verbindliche zionistische Auffassung betrachtet werden. Als Beitrag zur Diskussion wird er aber gewiß Interesse erwecken. (Red.) Es gibt Juden, die gewiß keine ״schlechten“ Juden sind, aber unter dem Eindruck der jüdischen Erlebnisse unserer Zeit ernsthaft die Frage stellen•. ״Ist es nicht ein Unglück, Jude zu sein?“ Diese Frage zeigt, wie tiefgehend der Zweifel an den Grundlagen unseres Lebens ist, der in den Herzen mancher Menschen Platz gegriffen hat — und, wie wir glauben, nicht der Oberflächlichsten. Sie zeigt aber auch, daß der Trost und die Deutungen, die wir im allgemeinen in der jüdischen Diskussion dem Ablauf der Dinge und Geschehnisse zu geben versuchen, nicht mehr voll genügen, um Verstand und Gemüt des Menschen zu befriedigen. Es ist ein gewisser Widerspruch zwischen der Wirklichkeit unseres Lebens und seiner Betrach־ tung zu spüren. Die gegenwärtigen geistigen Vorstellungen und zum Teil auch praktischen Vorschläge, die in unserem Kreise bestehen, reichen nicht aus, um der tatsächlichen Lage des jüdischen Volkes gerecht zu werden und um unvorcingenommenen Menschen einen Weg zu zeigen, der aus den in verschiedener Hinsicht heute vorhandenen Sackgassen hinausführt. Wir brauchen jetzt ein großes Maß an gutem Willen und gesundem Menschenverstand im jüdischen Leben und den Versuch, an die Erscheinungen unseres Daseins unvoreingenommen heranzutreten, um so ein neues Urteil über Ihre Bewältigung zu erlangen. Die Unbcfricdigtheit mancher Menschen mit der Art, wie man die Grundfragen des jüdischen Lebens behandelt, geht zum großen Teil darauf zurück, daß ein Teil der Denkformen, die bei uns Geltung haben, überaltert ist. Sie sind in einer Zeit entstanden, die lange zurückliegt, zum Teil um die Wende des Jahrhunderts, zum Teil in den Jahren vor dem Kriege, und entsprechen in wichtigen Bezirken nicht der heutigen geistigen und äußeren Situation. Leider muß man feststellen, daß von einem ״Aufstand der Jugend“, die unter ganz anderen äußeren Bedingungen groß geworden ist und von der inan daher annehmen könnte, daß sie gegen die Denkgewohnheiten und Formulierungen einer in anderen Voraussetzungen wurzelnden Generation rebellieren würde, nichts zu spüren ist. Im Gegenteil, man kann beinahe sagen: je jünger die Menschen sind, desto beflbsener und schematischer hängen sie an den Formeln, die ihnen vorgesagt wurden, und desto eingefrorener sind ihre eigenen Vorstellungen. Erschwerend kommt auf diesem Gebiete hinzu, daß die öffentliche Diskussion iin jüdischen Leben in einem sehr hohen Grade fast ausschließlich von den verschiedenen Bürokratien geführt wird. Soweit es sich dabei um die Bürokratien der philanthropisch aufgezogenen Organisationen handelt, sind diese in ihren Meinungen sehr stark von ihren Auftraggebern abhängig, nämlich dem kleinen Kreis der sie finanzierenden Reichen; darunter gibt es natürlich auch sehr verständige Leute, die im jüdischen Bezirk nicht weniger common sense beweisen als im Leben dtatißen, in dem sie sichtbare Erfolge hatten; aber nicht immer ist dies der Fall, und so •Wird die Meinung dieser Organisationsvertreter auch von mancherlei Ressentiments bestimmt, die die Sache selbst verzerren, um die cs in Wirklichkeit geht. Auf der anderen Seite steht eine nicht weniger fest gefügte Bürokratie jener Organisationen, die mehr einen demokratischen Massen- Charakter haben, bei denen also breitere Volksmassen den Unterbau des Organisationsgefüges bilden. Dennoch ist auch hier eine erhebliche Erstarrung eingetreten, weil diese Bürokratien eifrig darüber wachen, die Parteiparolen am Leben zu erhalten, und weil jeder sich fürchtet, eine Meinung kund zu tun, die in wichtigen Punkten von dem abweicht, was bisher als gültige Formel angesehen wurde. Hier scheut man nichts so sehr wie den Ruf des ״Verrates“, und so ist es dazu gekommen, daß kaum Menschen von unabhängiger geistiger Haltung in die jüdischen Bürokratien einzudringen vermochten. Die tatsächliche Lage des jüdischen Volkes ist auf diese Weise in einen gewissen Gegensatz zu den Vor- Stellungen gelangt, die man vielfach noch als gültige Meinung ansicht — Vorstellungen, die gewiß für eine andere Zeit zutrafen und deren Verdienste man nicht schmälern soll. Heute leben wir aber in einer Epoche, in der zahlenmäßig sehr bedeutende Teile des jüdischen Volkes durch die Wucht der Tatsachen auf dem Rückzug aus den in der Emanzipationszeit erworbenen Positionen sind. Dieser Rückzug hat nicht erst im Jahre 1933 begönnen, sondern bereits viel früher; er war in den ersten Ansätzen schon in der Vorkriegszeit zu spüren, wurde aber eine Zeitlang durch die Scheinblüte der unter Wilsonschcn Ideengängen stehenden Nachkriegsdemokratien überdeckt, die den Juden einer Reihe von Ländern im Rahmen der parlamcntarischen Regierungsform einen weiteren Aufstieg zu bringen schien. Wir wissen noch nicht, welche Existenzform der jüdischen Volksmassen sich als Resultat des gegenwärtigen Umformungsprozesses herauskristallisferen wird, sie wird aber jedenfalls stark von allem bisher Vorhandenen abweichen. Heute aber werden von uns noch Begriffe angewandt, die in einer Vergangenheit gebildet wurden, die beinahe die Vollendung der Judenemanzipation und der sich an sie kniiptenden Erscheinungen des Aufstieges in wirtschaftlicher und zivilisatorischer Hinsicht und der Umformung im kulturellen Bereiche mit sich brachte. Es ist einleuchtend, daß sehr viele dieser Begriffe und Vorstellungen auf die neue Zeit keine Anwendung mehr finden können, und daß Verwirrung bzw. ein GefUhl des Unbehagens bei den unvoreingenommen Denkenden in unserem eigenen Kreise entstehen muß. Einige wenige, wenn auch nicht ganz willkürlich gewählte Beispiele mögen dies erläutern; ״Assimilation“ Unter den Begriffen, die eine besonders wichtige Rolle im jüdischen Leben spielen, wenn wir die Zeit der Emanzipation betrachten, steht der Begriff der ״Assimilation“ im Vordergrund. Im liberalen Staat nun gab es eine Assimilationstendenz von durchaus auflösendem Charakter, die also in ihrer Wirkung fähig gewesen ist, das Judentum so zu verdünnen, daß eine Gefahr für seinen Bestand angenommen werden kann. Mit Recht erblickte man daher vom Standpunkt des nationalen Judentums aus in der Assimilation eine zu bekämpfende Erscheinung und versah den Begriff mit einem abwertenden Akzent. Es muß nun die Frage gestellt werden״ wie es um diese Assiniilationstendenz in Staaten bestellt ist, die einen ausgeprägt nationalen Cliarakter besitzen und in deren Mitte Juden leben, wie es heute in wichtigen Ländern des europäischen Ostens der Fall ist. Die Gefahr, daß sich die Juden an das herrschende Volk auch dort so assimilieren, daß ihre nationale Existenz bedroht wäre, besteht gewiß unter den heutigen Umständen nicht. Ueberiegen wir dagegen die Möglichkeiten zu einer Milderung der materiellen Judenfrage, so ergibt es sieh, daß der große Teil der östlichen Juden, der trotz aller Förderung des Emigrationsstrebens für die Datier im Lande bleiben muß, nur dann eine menschenwürdige Existenz finden und zugleich keine Belastung der Gesamtheit darstellen kann, wenn er in gewissem Sinne aus sei* ner Sonderstellung herausttitt. Das bedeutet z. B. daß die ökonomische Struktur der Juden sich durch Selbsthilfcmaßnahmen und mit Hilfe der Regierungen allmählich der Gesaintwirtschaft der verschiedenen Länder angleicht, daß die Verteilung der Juden über das Land eine gleichmäßigere wird usf. Das Ziel einer solchen Bewegung wäre eine möglichst normalisierte Anteilnahme der Juden am allgemeinen Wirt- Schafts- und Gesellsehaftsleben. Ferner ist auch die Kenntnis der Landessprache für die Juden, die eine Minderheit darstellen und nicht territorial konzentriert leben, erforderlich, d. h. in gewissem Sinne eine Schwächung der jüdischen kulturellen Position. Das Jiddische muß ohne Zweifel für alle Zukunft die Muttersprache und Unterrichtssprache der breiten jüdischen Massen des Ostens bleiben (das Hebräische kann als Unterrichtssprache nur dann sinnvoll sein, wenn es sich um Jugendliche handelt, deren spätere Ueberführung nach Palästina geplant ist); man wird aber die Erlernung der Landessprache, sofern sie Teil eines planmäßigen Prozesses sozialer Selbsthilfe ist, unter diesen Voraussetzungen nicht ablehnen können, Gegengewicht dieser sozialen Vorgänge muß natürlich eine Vertiefung des jüdischen Selbstbewußtseins und eine möglichst umfassende nationale Organisation sein. Wieder anders ist das Problem der Assimilation in den überseeischen Ländern, z. B. in den Vereinigten Staaten oder Südamerika, zu beurteilen, wo jüdische Ein- Wanderer in einen großen Schmelztiegel hineinströmen, der die Aufgabe hat, neue Staatsnationen in den betreffenden Ländern zu bilden. Es ist selbstverständlich, daß die Juden in diesen Ländern keine nationale ״Minorität“ bleiben oder werden wollen; sie sollen uttd wollen vielmehr genau wie alle anderen Einwanderergruppen im neuen Volke aufgehen. Als erstes ist daher die Angleichung ihrer Sprache an die Sprache der neuen Heimat erwünscht, und cs fragt sich, was das Judentum diesen Menschen nun in Wirklichkeit zu bedeuten hat. Wir wissen, welches Schwergewicht dieses Problem für die Juden der Vereinigten Staaten bereits besitzt. Das Bewußtsein der jüdischen Herkunft kann und soll auch in diesen Ländern erhalten bleiben, genau so wie bei anderen Eiinvaiulerergruppen die Tendenz besteht, das Bewußtsein ihrer Herkunft zu wahren. Hinzu kommt bei den Juden die Klammer des gemeinsamen religiösen Bekenntnisses, das vielleicht noch stärker bcwußtseinserhaltend wirkt als die Erinnerung an die Herkunft. Dieses Band aber kann doch nur insoweit wirksam sein, als es wirklich vorhanden ist, und so entsteht die Frage, was das Judentum denjenigen Einwanderern in diesen Ländern bedeuten soll und kann, die nicht auf dem -Boden eines religiösen Judentums stehen. Daß cs ein lebendiger Wert bleiben soll, ist für uns selbstverständlich, aber cs soll dennoch nicht dazu führen, daß die Juden in diesen ״neuen“ Wohiiländern als nicht absorbierbar angcsehen werden. Wie man sicht, sind dies Probleme, deren Stellung bereits von außerordentlicher Tragweite ist und deren Lösung ein ganz neues Bild von den Aufgaben geben würde, die im jüdischen Leben zu bewältigen sind. Zugleich zeigt sich auch unter diesen Gesichtspunkten die Bedeutung der zionistischen Erkenntnis, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen allein die Konzentration eines Volksteilcs in Palästina Gewähr für Erhaltung der nationalen jüdischen Substanz, gibt, die außerhalb Palästinas unter allen Umständen gefährdet bleibt. ״Judentum“ Ein weiteres Beispiel sei der Begriff ״Judentu m “. Wir gebrauchen ihn in zahllosen Zusammenhängen und Wendüngen, und wenn wir den Versuch seiner Analyse machen, so zeigt es sich immer wieder, daß er gewisse religiöse Elemente enthält, und daß es nicht gelingt, ihn von der Sphäre des Glaubens vollkommen zu lösen. Hieraus ergibt sich, daß dieser Begriff im Munde und noch mehr im Lehen der nicht so wenigen Juden, die selbst völlig u n r e 1 i g i ö s sind, zu einer leeren Formel geworden ist. Der Begriff hat gewiß dort seine Berechtigung, wo jeder Jude in irgend einem Maße gläubig ist, wird aber dann zu einer Redensart und damit zu einer Gefahr für wirkliche jüdische Erneuerung, wenn er von anderen, nichtreligiösen Menschen gebraucht wird. Es entsteht dabei sogleich die weitere Frage, was nun den Menschen dieser Art, sofern sie in den Ländern der Diaspora leben, ihr Judesein innerlich wirklich bedeuten kann und wie sie das Judesein erneut zu einem Wert für sich machen können. Das sind alles Fragen, die an die tiefsten Wurzeln unserer Existenz rühren, und die heute vielfach mit scheinbaren Lösungen und nichtssagenden Formeln überdeckt werden, ״Lifetuig der Jadeniragt“ Als drittes Beispiel sei das Schlagwort von der materiellen ״Lösung der Judenfrage“ angeiührt. Als dieses Wort etwa zu Herzls Zeiten in den Vordergrund der jüdischen Dis¬ Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe kussion trat, war die Zahl der Juden, deren Frage zu ״lösen“ war, d. b. die eine neue materielle Existenz in der Welt suchten, bei weitem kleiner als heute. Ferner fand ein Teil dieser Juden mehr oder weniger in USA. Aufnahme. Die Kapazität Palästinas schließlich war eine völlig unbekannte Größe, das Land wurde im allgemeinen sozusagen als ״leer“ empfunden. Heute dagegen hat sich in Ost- und Mitteleuropa und in einer Reihe von orientalischen Ländern die Judenfrage in diesem Sinne als ein Millionenproblem!ergeben — Weizmann bezifferte die Zahl der anderswo nnterzübringcriden Juden auf 6 Millionen —, die Kapazitat Palästinas ist uns viel besser bekannt, und selbst die Optimisten erkennen, daß nur ein Bruchteil der notleidenden Juden in das Land einströmen kann. Schließlich ist das Land nicht leer, sondern wird von einer heute politisch bereits sehr aktiven Bevölkerung bewohnt, die unserem Einströmen lim so größere Schwierigkeiten macht, je mehr wir davon reden, daß Palästina im materiellen Sinne die ״Judenfrage lösen“ kann und soll. Obwohl also der unvoreingenommene ,,gesunde“ Menschenverstand cs deutlich macht, daß die Bedeutung Palästinas nicht auf diesem Gebiete liegt, sondern auf einem ganz anderen, argumentiert man damit und zwar sowohl auf dem Felde der Politik wie auch uns seihst gegenüber im irincrjiidischeu leben; es breitet sich die merkwürdige Erscheinung aus, daß diejenigen, die so rede», es bald selbst zu glauben beginnen. So tritt eine Vernebelung der Geister ein, die früher oder später zu einem sehr unangenehmen Erwachen führen muß und dann das Zutrauen zu Palästina nur allzu leicht überhaupt erschlittern kann. In Wirklichkeit nämlich fungiert auch ein noch so sehr ausgeweiteles jüdisches Palästina im Rahmen des Gesamtvolkes ״nur“ als nationales Zentru 111, das eine —• wie wir hoffen, besonders hoch qualifizierte — Minderheit des ganzen jüdischen Volkes in seinen Grenzen birgt, und es zeigt sich, daß A e 11 a d Haams Kritik, die er in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts übte, heute zu voller Bestätigung gelangt. Auf diesem Gebiet Klarheit zu schaffen und die Begriffe so zu formulieren, daß sie der heutigen Wirklichkeit voll entsprechen, tut besonders dringend not. Die Furcht, das zionistische Ideal dadurch zu verkleinern, ist völlig unbegründet, zumal Palästina auch bei dieser Betrachtungsart ein wichtiges oder vielleicht sogar das wichtigste Aufnahmeland für jüdische Auswanderer bleibt. ״Galuth“ Schließlich soll noch an dem Begriff ״Galuth“ gezeigt werden, wie sehr sich die Dinge wandeln. Der C.aluthbegriff hat sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende der jüdischen Geschichte vielfach geändert und einen anderen Inhalt angenommen. Wenn er sich also heute neu zu formen beginnt, so ist das kein überraschendes Ereignis, sondern entspricht nur unseren geschichtlichen Erfahnmgen. In vielen Ländern, in denen die Judenfrage in ein akutes Stadium eingetreten ist, empfindet man Galuth wiederum als eine seelische Wirklichkeit, während man in den gleichen Ländern während einiger Generationen diesen Begriff mehr als eine formale Kategorie verstandesmäßig anwandte. Man erlebt dort heute das ״Golussebicksal“ (die aschkenasisclie Form des Wortes ist dafür noch prägnanter). Andererseits muß es zumindest als fraglich hingesteilt werden, ob man in den überseeischen Ländern, in denen die eingewanderten Juden Teile neu entstehnder Nationen sind, diesen Begriff überhaupt anwenden kann. Dabei ist von der religiös-mystischen Bedeutung des Wortes ״Galuth“, die unabhängig von Ort und Zeit ihre Geltung behält, liatürlieh abgesehen und nur an die Bewertung der konkreten Tagesexistenz der Juden in einem Lande gedacht. Man könnte also vielleicht zu der Fragestellung kommen, ob für die Situation der Judcnheiten in diesen Ländern der Begriff der ״Diaspora“ nicht zutreffender wäre, der mir eine•; Tatbestand feststellt, ohne ihn negativ zu bewerten. Diese Beispiele, die sich noch beliebig vermehren ließen, zeigen an einigen zentralen Punkten nicht nur unseres Begriffssystems, sondern auch der Wirklichkeit unseres Lebens, wie unklar viele Vorstellungen geworden sind, die in früheren Generationen gewiß Prägnanz besaßen, und wie notwendig es ist, sic zu überprüfen und von ihrer dauernden und die wirklich denkenden Menschen unbefriedigt lassenden formelhaften Wiederholung endlich loszukomm en. Man spricht bei uns sehr viel und oft von der ״Auflockerung der Fronten“ im jüdischen Leben und meint damit in der Hauptsache etwas Organisatorisches, weil man die starre Abschließung der :25 cfafoie früfok Aus der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU“ v. 10.1.19131 In den Chanuhkahtagcn fand in der Farm des Jüdischen Nationalfonds Ben Schemen die 3. Konferenz der f üdisch cn Landarbeiter statt. 34 Delegierte aus den verschiedenen jüdischen Kolonien Judäas nahmen an den Beratungen teil.... ln letzter Zeit versuchte der Vorstand, Arbeitergenossenschaften auch auf dem Gebiete des Pflanzenbaues ins Leben zu rufen, während die bisher bestehenden Genossenschaften nur den Körner• hau betrieben. Wiederum ist in der Beilis-A f f äre eine neue Wendüng eingetreten. ... Gegen den armen Bcilis wurde eine neue Anklageschrift abgefaßt, in welcher er der Be• teiligung an der Ermordung Juschtschinskps beschuh digt wird, und zwar wird diesmal ausdrücklich das Ritualmordmotiv angegeben. Aus Honduras wird berichtet, daß Regierung und Parlament des Landes einem Vorschlag des Herrn Richard Sampson, des Generalkonsuls von Nicaragua, zugestimmt haben, demzufolge jüdischen Einwanderern bei der Niederlassung besondere Vcrgünsligurigert gewährt werden sollen. Sampson selbst ist ein jüdischer Immigrant aus Kiew. .Man will das Neuland ״Palästina“ nennen.

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