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Jüdische Rundschau · 1938-01-11 · Heft 3 (11.1.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 3 (11.1.1938)
Date
1938-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JOD ISCHE RUNDSCHAU Nr. 3, 11.1.1938 Die erste jüdische oP er Jacob Weinberg: ״The Pioneers“ (Hechalu/.) ״Szenen aus dem Volksleben in Palästina‘4 Verlag: J. Fischer & Bro., New York) Von Chetnjo Winawer, Berlin ״Die Frage der jüdischen Oper braucht nicht diskutiert zu werden, weil wir ja eine jüdische Oper noch nicht haben“, so etwa lautete eine Aeufierung des Kulturbund-Intendanten Dr. Singer gelegentlich der Musik-Debatte auf der Tagung der jüdischen Kulturbünde vor etwa einem Jahre. Der Zufall wollte es, daß einen Tag spater die ״Volkstümliche Oper“ von Jacob Weinberg mir von einem New-Yorker Musik- Verlag ins Haus gesandt wird. Ein stattlicher Klavierauszug, und das Libretto gleich dreisprachig gedruckt: Englisch, Hebniisch, Jiddisch. Sehr repräsentabel. —■ Und doch ging ich mit gemischten Gefühlen und Zweifeln an die Lektüre des Klavieraus/ugcs. Nach einigen Stunden gründlichen Vortieiens atmete ich befreit auf: Das Werk ist gut! Gab es bis gestern noch keine jüdische Oper, so ist jetzt die erste jüdische Oper da. Jacob Weinberg ist auch bei uns kein Unbekannter mehr. Ich hatte bereits die Ehre, seine schöne Freitagabend- Liturgie ״Kabbalat Schabbat“ vor einem Jahre in Berlin uraufzuführen und (zuletzt in der Warburg-Gedenkfeier) zu wiederholen. Weinberg, von Geburt russischer Jude, lebt in New York. Es zog ihn nach Palästina und er lebte jahrelang dort. Inspiriert von den jemenitischen Kl: ingen, den fast schon arabisch anmutenden und doch ganz eigenen und eigenartigen Weisen, angeregt mich durch die Melodien der chaluzischen lugend mit ihren Kwu/ah-Liedern und Tanzen, schafft er seine ()per, die er, voll Begeisterung für das Werk und die Lebensform der arbeitenden Jugend’ ״den Erbauern des Landes, den Clialu/im und Chaluzioth“ widmet. Die Oper (die bei einem Preisausschreiben in Philadelphia von einem n i c h t j ii d i s c 11 e 11 Richterkollegium mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde) bringt in drei Akten Szenen aus dem jüdischen Volksleben auf die ostjiidiselien Kleinstadt. Das ganze ״Stadtd“ mit seinem Milieu, die tvpiwhen Gestalten der ״Balebattim“, des stets betriebsamen ״Schadchen" erscheinen, und in volkstümlicher Weise wird diesen konservativen Alten die ״neumodische'‘ Jugend gegenubergestellt, die Töchter und Söhne, die das Leben im ״Goius“ ablehnen und eigene Wege suchen. Der erste Akt spielt in diesem ״Stadtel“-,Milieu. Es ist Schabbat. Man hört aus der Schul das Motiv der Thora-Yorlesung. (Schon in der Orchester-Einleitung setzte das Motiv des ״Thora-Aufrufeiis" ein, zusammen mit einer getragenen Melodie, die schon eine Vorahnung von palästinensischen Klängen aufdämmern läßt, gleichsam, als solle angedeutet werden, daß dieses Galuth-Leben spater von Anderem, Neuem abgelöst werde.) Während hinter der Buhne der ״Baal-Korc“ (Vorleser) rezitiert, sieht man auf dem ״Sehul“-Hofe Juden im ״Tallis“, ״Balebattim“, die — wie es der oft gerügte ״Brauch“ im Osten ist — sich während des ״Leinens“ liier ergehen. Pittoreske Figuren, aus deren Kreis sich der ״Schadchen“ (Heirats- Vermittler) löst, der Ewig-Geschäftige. Er kennt alles, weiß alles von allen, für den hat er einen ״prima“ Schwiegersohn, für den armen Kinderreichen hält er ein Trostwort bereit: ״Der Herr, der sechs gespeiset, wird auch das siebente speisen“. Und im Nu ist er wieder bei dem Reichen der ״Kehilla“, Reb Elieser Stern, für dessen Tochter Lea er eine gute ״Partie“ weiß. Man hört die Väter klagen über die unnützen Söhne, die nichts anderes im Kopfe haben als ihren ״Verein“, ihr ״Iwrith“ und ihre ,,langen Reden“. Dieser Teil, insbesondere die komische Arie des ״Schadchen“ (wie in der ״Verkauften Braut“, oder aber eine Art ״Barbier“ vom jüdischen Städte!) ist durchströmt von Volkstümlich-jüdischem Milieu, gemalmt fast an den Stil der Goldfaden-( )peretfe. Ein prächtiges, jüdisches Bild gibt auch die ״Schabb e s“ - S z e n e, in der die aus der Sehn! heimkehrenden Hausväter sieh mit einen! jovialen ״Gilt Schabbcs“ wohlgelaunt an den Tisch setzen. Mit einem Schlage ist die ״Schabbcs-Tisch“-Atmosphäre geschaffen, sobald nur die Bässe einzusetzen beginnen, mit ihrem ״Gut Schabbes“-Lied, in dem die ״irdischen und himmlischen“ Schabbatgeniisse: das Schalet und die ״semiros״ besungen werden. In heiterer Stimmung fallt der (Dior ein, und der Gruß ״Gut Schabbcs“ steigert sieh zu emphatischem Ausruf, der die ganze Bühne erfüllt. Bis es dann ganz still wird, ein Lied ohne Worte, nur so liingc-ummt ״baba, baba, ba . . .“. Diesen Niggun beantwortet der Chor abermals mit seinem ״Gut Schabbcs!“ Am Ende des ersten Aktes treten die .,Chawerim“ und ״Chaweroth“ ans dem J u g e n d b u n d auf, die dem morsehen Golus-Lehen den Kampf ansagen und mit einer zukunftsfrohen Hymne den Aufbruch beschließen. Der zweite Akt schon spielt in Palästina. Ihn leitet eine ״Jemenitische Rhapsodie“ ein, getragen von palästinensischen Motiven. Das Hauptmotiv, ein jemenitisches ״Echad, mi jodea?“, wird nach diesem Vorspiel vom Chor übernommen. (Siehe Notenbeispiel am Schluß.) Dem gestrengen Kritiker, der vielleicht fragt: Wie kommt ein Text aus der Haggadah hierher? sei gleich gesagt, daß Weinberg nicht so sehr daran gelegen war, eine Oper mit konsequenter Handlung zu schaffen, als vielmehr jüdisches Milieu in Palästina und im ״Golus“ musikalisch zu gestalt e n — und das ist ihm ohne Zweifel gelungen. Die zwei palästinensischen Akte spiegeln nahezu alles wider, was in diesen Jahren an Melodien iri den Kwuzoth und in den Vierteln der Jemeniten zu hören war. Alles ist so glücklich verwendet, so harmonisch verwebt und ergibt ein schönes Bild von palästinensischem Kolorit. Weinberg hat sich bei seiner Arbeit nicht von einer engherzig nationalen Beschränkung auf ״jüdische“ Musik leiten lassen. Unbekümmert hat er mitten in die palästinensischen Klänge hinein ein von den Chaluzim aus Rußland mitgebrachtes Liedchen eingeflochten und sogar den halb-russisehen Text beibehalten. (Der Mittagsruf: ״Davaj leechol!“ |das erste Wort russisch, das zweite hebräisch: — ״Gib uns Essen!“] wurde von den hungrig heimgekehrten Kwuzah- Arbeitern am Eßtisch gesungen, und mit Teller und Löffel der Takt dazu geschlagen. Man hörte dieses ״Mitbringsel“ oft bei den Chaluzim, und so reihte Weinberg es ihrem Liederschatz ein, in dem durchaus richtigen Empfinden, daß cs ״mit dazugehöre“ wie jedes im Lande entstandene ״echt“ palästinensische Lied.) Weinberg, der zur jüdischen ÄAusik nicht erst ״kommen“ mußte, hatte das natürliche Verhältnis zu ihr. Er griff hinein ״ins volle Menschenleben“, nahm jeden Ton in sich auf, den die profane ״jüdische Gasse“ ihm zutrug, ebenso gut, wie er dem innig frommen Chazoth-Niggun lauschte, der stillen Gebetsmelodie der Greise in einsamer Mitternachts-Andacht. Diese Unbeirrtheit seines musikalischeu Instinktes ist Weinbergs Stärke. Er liebt kein übersteigertes Spintisieren, er hörte das Volk singen und horchte auf. Ein Volk täuscht sich nicht, spürte der volksnahe Musiker in ihm. Er schrieb es auf, verband es in volkstümliebster Weise, und so entstand sein Werk. (Das analysierende Zergliedern überließ er späteren Theoretikern.) In die palästinensischen Melodien des zweiten Teils der Oper mischen sich Golus-Klänge, sobald die Eltern aus der alten Heimat auftauchen und mit ihnen, einem blassen Erinnern gleich, das verlassene Golus-Milieu. Den letzten Akt leitet ein Arbeitslied ein, von Chaluzim gesungen. Gewiß kann inmitten der Kwuzah auch die ״Horra“ nicht fehlen. Die (gesungene und getanzte) ״Horra“ El Jiwne Hagalil gehört zu den schönsten Stücken dieser Oper. Eine Fülle wechselnder Bilder ist in den zwei Palästina- Akten enthalten. Eine dankbare Aufgabe für den Regisseur bietet die Gegenüberstellung der beiden Extreme: Zu fteginn das Golus-Milieu im ״Städtel“ — und neues jüdisches Leben in palästinensischer Landschaft. Bühnenwirksam kann auch die Szene gestaltet werden, in der zwei Araber (ein Alter mit seinem Enkel) die Kwuzah besuchen kommen und ihren Dank für die Gastfreundschaft in arabischem Lied und Tanz abstatten. Ein amüsantes Zwischenspiel bietet die Unterhaitung mit den Touristen. (Ein Schwarm amerikanischer Touristen mit Kodak und fragwürdigen Ladies erhält die rechte Antwort.) Komisch ist auch die Szene, da der Schadchen die Kwuzah besucht und zu seinem Entsetzen feststellen muß, daß es für den Beruf des Heiratsvermittlers hier durchaus keine Verwendung gibt. Die Höhepunkte der ״Volkstümlichen Oper“ bilden die Ensembles, die Chöre und die Orchester-Zwischenspiele — vorwiegend zu Tänzen verarbeitete Hirtenweisen. Die Hymne an das Land Israel am Schluß steigert sich zu einem grandiosen Opern-Finale. Die dabei vom Chor gesungene Melodie erinnert sehr an den ״Trop“ der Thora-Vorlesung an den Hohen Feiertagen. Ueber dieser breit ausgesponnenen Melodie schweben die Stimmen der Soli in einer jemenitischen Weise, brummen im Orchester die Blechbläser Golus-Töne des Thora-Aufrufes, während die Holzbläser allerlei orientalische Schnörkel anbringen, palästinensische Färbung zu gehen, und alles mündet zuletzt in ein brausendes Preislied auf das Land. Weinberg ist kein revolutionierender Musiker. Er gestaltet mit alten!Mitteln, und ganz besonders bedient er sich dieser alten Mittel in seiner ״Volkstümlichen Oper“. Aber er weiß in diesen alten Formen Neues zu geben, und darum scheint mir, daß diese Oper ganz zweifellos nicht nur ihren Wert für uns hat, weil sie eine ״jüdische“ Oper ist, sondern weil sie rein musikalisch eine beachtliche Leistung darstellt. Mag der Komponist auch nicht ganz frei von Kompromissen gewesen sein, mag er hier und da das Parkett bedacht IN ALLER KURZE Wie uns aus London mitgeteilt wird, ist die Reise Dr. W e i z m a 11 n s von Palästina nach London noch u n ־ g e w i ß, auch die Frage der Abhaltung einer A.-C.-Sitzung ist noch zweifelhaft. Im Befinden von Lord Melchett ist eine erhebliche Besserung eingetreten. ln der t ü r k i s c h e n Presse ist eine Kampagne gegen die Zulassung ausländischer Juden in der Türkei im Zusammenhang mit dem Umschwung in Rumänien entstanden. Die Blätter unterstützen einen dahingehenden Gesetzesvorschlag von Sabri Toprak, dem früheren Ackerbauminister. Die II. Weltkonferenz der Union der Zionisten• Revisionisten nach ihrem Austritt aus der Zionistisehen Weltorganisation findet Ende des Monats in Prag statt und wird am 31. Januar mit einer Rede Jabot inskys eröffnet werden. Die Revisionisten nennen ihre Tagung diesmal ״F. Jüdischer Nationalkonvent“. Der Geschäftsführende Ausschuß des Zionistischen Zentralverbandes für die Tschechoslowakei hat den zionistischen Delegiertentag für den 6. und 7. März nach Mä hr.- O s t r a u cinberufen. Nach einer Anordnung des Rcichserz i.ehungs• ministers darf der hebräische Unterricht, der in Bayern und Sacfisen schon aufgehoben worden ist, an den höheren Schulen nicht mehr erteilt werden. Auch Prüfungen in dieser Sprache sollen nicht mehr abgehaiten werden. Der Erlaß besagt, daß es den Universitäten überlassen bleiben müsse, den erforderlichen Nachwuchs an Orientalisten selbst heranzubilden. Die Firma Arthur und Hans Behrendt (Wohlwert) in Jena ist in den Besitz der Firma Heka, Kurt Hepprich, übergegangen. Der von dem kürzlich verstorbenen Philanthropen Sir Albert Levy in London begründete Wohltätigkeitsfonds hat wieder £ 10 000 zur Verteilung unter 20 Krankenhäuser und charitative Anstalten (davon fünf jüdische) zur Verfügung gestellt. Eine außerordentliche Versammlung der Londoner jüdisehen Gemeindevertretung hat beschlossen, das Amt eines Hilfsrichters beim Beth Din zu schaffen, und für dieses Amt wurde Dr. I. G r 11 e n f e 1 d bestellt, der aus Deutschland stammt und seit einigen Jahren in London lebt. Dr. Gruenfeld hatte am hiesigen Rabbinerseminar (Jews’ College) studiert und wurde im Mai zum Leiter einer konservativen Synagoge in Nord-London ernannt. Die österreichische Union für Blinde beschloß, die Gesellschaft der blinden Musiker auszuschließen, die sich geweigert hat, den Arierparagraphen aus ihren Statuten zu entfernen. Am 15. Januar spricht im Prager Rundfunk der Redakteur der zionistischen Zeitung ״Zidovskö Zprävy“, B. Brüll, über das ״neue Palästina“. und die Wirkung berechnet haben, — so meine ich trotz alledem, daß seine ״Volkstümliche Oper“ für unser Fortschreiten auf dem Wege jüdischen Musikschaffens von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein könnte. Möge man sie nur auf unseren Bühnen spielen, verhelfe man ihr nur zur Popularität, und ihre Wirkung auf unsere jungen Musiker wird nicht ausbleiben. Nur so kann ein Anfang gemacht werden. Bis zum Erscheinen Glinkas gab es keine ״russische“ Oper. Unser Glinka, der geniale ״jüdische“ Musiker, wird auch eines Tages kommen; er wartet nur, daß man ihm den Weg bereite. Ein Notenbeispiel (Das ״Ediad mi jodea“) Fugato. Largamcote maeatoao (1. m). sopra>’’ m j ¥301 /1 ״ * 1ב3:י_1 ־_. \ ־iltf? _!®a ״Damit du lebest“ Aus dem Jinnijali-Roman ״Höret die Stimme“ Von FRANZ WERFEL (Schluß) Jirmijah zögert näher. Seine Hände zucken. Er will nach dem Brauchgebot das Haupt verhüllen. Doch er verhüllt sein Haupt noch nicht, sondern tritt jetzt, schweratmend, über die aufgerissene Schwelle. Nicht mehr herrscht im Allerheiligsten die Finsternis der Vorschöpfung wie ehedem. Durch die Lücken des glosendcn Dachccstühis hoch 0!>en dringt schweres Licht des sinkenden Tages herein, wenn auch nicht viel Lieht. Und dennoch, die Urfinsternis, die hier so lange lastete, ist nicht gänzlich gewichen, sondern hat sich nur zu einem schaurig tiefen Dümmer aufgehellt. Im Herzen dieses Dämmers aber, ist nichts mehr. Das höchste, das einzig greifbare Heiligtum, das Israel besaß, die Lade mit den Sinai-Tafeln, auf der die flügelbreitenden Cherubim knieten, auch sie ist verschwunden ohne Spur. Die Kammer der innersten Einwohnung gähnt leer wie das Herz des geschlogenen Volkes. Seltsamerweise liegt nicht einmal ein Stück verkohlten oder glimmenden Holzes auf der Erde. Schon will Jirmijah, rückwärts schreitend, sich entfernen. Doch plötzlich durchzuckt cs ihn, so daß er angewurzelt sich nicht bewegt. Ist er nicht der Hohepriester in der Zer- Störung? Steht er nicht hier im Allerheiligsten in der Frist zwischen den beiden ״furchtbaren Tagen“ des Gerichtes und der Versöhnung, die das zerschmetterte Volk nicht mehr feiern kann? Da verhüllt Jirmijah langsam sein Haupt, um das zu tun, was der Hohepriester ein einzigesmal im Jahre an dieser Stelle mit verhülltem Haupte und zitternder Stimme getan hat. Er öffnet seinen Mund und ruft den echten, den wahren, den unaussprechlichen Gottesnamen laut aus und an, den za nennen der Welt verboten ist: ״JHWII!“ J: das ist die schaffende Hand! H: das ist das Licht des Anbeginns, aus dem alles fließt! W: das sind die verbindenden Arme, Zeit und Raum! II: das ist das Licht des Endes, in das alles wieder eingeht. Jirmijah hat beschwörend die vier kurzen Laute gesprochen, die den Schöpfer und seinen Weltlauf enthalten. Zum erstenmal im Leben haben seine Lippen den Namen geformt, dessen furchtbare Echtheit keine Seele ergründen kann. Er ist erschöpft und atemlos wie nach einem langen Lauf, als er sein Gesicht wieder enthüllt. Das Licht, das durch das glimmende Balkengerippc in den Dämmer dringt, ist purpurrot geworden. Der Raum hat sich fühlbar verwandelt. Jirmijah blickt scheu umher. Er weiß nicht, w׳orin diese fühlbare Verwandlung besteht. Etwas eindringlich Rufendes ist auf einmal da. Dieses Rufende aber liegt auf der Erde. Nicht größer als eine Handfläche ist es und glimmert schwach. Jirmijah hückt sich danach. Ein Stein- Splitter. Er glaubt zuerst, ein Stücklein abgesprengter Mauer in der Hand zu halten. Doch schon empfindet er, wie sonderbar dieser glitzernde Splitter auf der Haut brennt. Da weiß er: Babels Miinner haben die Tafeln vom Sinai zerbrochen, in die der Herr selbst seine Gebote geritzt hat. Einen Splitter der verschwundenen Tafeln sendet er mir: die Antwort! Jirmijah verläßt wie ein Betäubter das Allerheiligste, das Heilige, die Schwelle, den Priesterhof. Auf den äußeren Stufen der Wandelhalle bleibt er vor einer Säule stehn, während alles um ihn schwankt. Er führt die Steinscherbe dicht vor seine Augen, die noch nichts fassen können. Die uralten, tief in den Basalt gegrabenen Schriftzeichen brauchen viel Zeit, um sich zu enthüllen. Das Rot der sinkenden Sonne schwingt sich mächtig auf. Mit krausen, aus dem Zusammenhang gerissenen Lettern ist die Scherbe der Gottes* tafeln bedeckt. Aus ihrer Mitte aber sticht die Antwort hervor, die mehr ist als Raunung und Gesicht, klar und deutlich: ״Damit du lebest.“ Jirmijah erschrickt. Gibt ihm der Herr dieselbe Ant* wort, die er selbst Baruch gegeben hat? SoU auch er durch den verzweifelten Bettel beruhigt werden, daß er aus einem Meer der Vernichtung sein Leben nun als Beute davontrage!? Schon krampft sich seine Faust um den Splitter. Der Herr aber läßt seinen Ausgesonderten nicht länger leiden, sondern fügt der Antwort eine Erleuchtung von solcher Grelle hinzu, wie Jirmijahs Geist sie noch niemals erfahren hat. ״Damit du lebest!" Das heißt nicht: Damit du einige Jahre weniger früh sterbest! Das heißt: Damit du den Tod überwindest, habe ich solches an dir getan. Damit Israel das Gericht überwinde, habe ich es gehalten. Aus meiner Hand strömt nur Leben, w'ie könntest du, der meiner Hand entströmt ist, sterben und vergeblich gewesen sein!? Als ein Sieb habe ich Gericht und Tod geschaffen. Denn ihr sollt am Tode immer lebendiger werden und am Gericht immer reiner. Du hast meinen Namen gerufen. Ich aber antworte dir, indem ich in dein Herz die neue Gewißheit des Ueberdauerns senke, denn deine Zeit wurzelt in meiner Zeit. Blick nicht umher in diesem Grauen! Blick auf das Zeichen, das ich inmitten dieses Grauens dir heute sende: Damit du lebest! Damit du mein seist, damit ich dein sei, hast du gelitten. Euer Sieg wächst von Niederlage zu Niederlage. Damit ihr lebet! Du schöpfst die Verheißung nicht aus ... Nicht in Stimme und Wort gefaßt ist diese Erleuchtung von der göttlichen Kriegslist, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht. Sie ist ein jähes Innewerden, ein unaussprechliches Durchdrungensein vom endgültigen Sieg, das die Besinnung des Mannes an der .Säule jauchzend verwirrt. Jirmijah birgt den Splitter an seiner Brust. Er wird nach Aegypten das unausschöpfbare Wort hinabbringen: ״Damit du lebest!“ An seinem Herzen brennt die Scherbe mit verzehrender Glut, doch so herrlich, so wohlig, daß er gerne an ihr verbrennen will. Seine Augen überströrnen vom Heil. In keiner der Verzückungen seines Lebens war er der Freude Gottes wirklich nahe. Das ahnt er jetzt, da er das erste- und einzigemal ihr nahe i.«t in Wahrheit. ENDE des abgedruckten Bruchstückes

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