Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1938)
- Date
- 1938-01-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. 1933 .! ח JÜDISCHE RUNDSCHAU Antisemitismus in Frankreich? Eine Stimme aus dem Lager der Rechten Unser Pariser K.-Berichterstatter schreibt: In der französischen Rechtszeitung ״L’Epoque“ nimmt der Abgeordnete Henri de Kerillis, der Chefredakteur des Blattes und Leiter des Propagandazentrums der Iran• zösischen Rechtsparteien, zu dem Problem der antisemitschen Welle, die heute durch Europa geht, Stellung, Die Bedcutung der Kundgebung dieser führenden Persönlichkeit der tranzösischen nationalistischen Parteien ist ganz besonders groß, weil sie zeigt, daß auch die politischen Vertreter jener französischen Gruppen, in deren Reihen der gesellschaftliche Antisemitismus am ehesten zu finden ist, den politischen Antisemitismus ablelmen. Kerillis ist der Ansicht, daß ,.die antisemitische Aktion, die von dem neuen Ministerpräsidenten Goga in Rumänien eingeleitet worden ist, auf die osteuropäischen Staaten, und insbesondere auf Polen, zurückwirken wird. Auch die Türkei, die 1492 die spanischen Flüchtlinge aufnahm, schließt jetzt ihre Tore vor den jiidisehen Refugiäs ... Wird diese antisemitische Welle auch nach Frankreich kommen? Niemand kann heute prophezeien, aber es spricht viel dafür, daß die antisemitische Welle in den heutigen geographischen Grenzen bleiben wird. Auch in Frankreich bat, wie in England und Holland, der Antisemitismus eine chronische Form gehabt, die auch zeitweise ein leidenschaftliches und gewaltsames Aufflammen hervorgerufen hat. Aber die antisemitischen Weilen haben in Frankreich niemals diesen mystischen Charakter gehabt wie in anderen Ländern. Man kann im Gegenteil in der französischen Geschichte gerade unter der Herrscliaft der bedeutendsten französischen Herrscher und in den größten historischen Perioden des Landes in diesen Fragen eine historische Tradition erkennen, die der des europäischen Ostens diametral entgegengesetzt ist. Heinrich IF. hat den ״Marrancn“ und den ״Sephardim“ die Tore Frankreichs geöffnet. Karl der Große hat sieh in Toulouse als der oberste Schutzherr aller Juden bezeichnet. Ludwig XIV. hat gerade in einem Augenblick die jüdischen Rechte bestätigt, in dem er die französischen Protestanten aus seinem Lande vertrieb. Ludwig XV. wollte sogar die führenden jüdischen Persönlichkeiten adeln, und dieser Plan ist nur an ihrer Weigerung gescheitert. Der französische Nationalkonvent der Revolution hat auf Vorschlag des Abbe Gregoire die Judenemanzipation durchgeführt und Napoleon I. hat das große Synhedrion der Juden zusammenberufen. Unter Napoleon III. wurden bereits Juden in Frankreich Minister und die dritte Republik hat ihnen in Algerien Bürgerrechte gegeben, die man allerdings als voreilig ansehen muß. Es ist daher nicht überraschend, daß der Boden für den Antisemit«- mus in Frankreich soviel weniger günstig ist als in anderen Ländern. In dem Bewußtsein des französischen Volkes löst der Antisemitismus nur vage Erinnerungen aus und kann sich auf keine solide Tradition stützen. Er ist bei der großen Mehrzahl der französischen Bauern und Arbeiter, bei den Katholiken, bei der Oberklasse nicht vorhanden. Man findet ihn dagegen noch bei dem französischen Mittelstand, vor allem in den großen Städten. Man muß besonders betonen, daß keine einzige der großen republikanischen Par• teien in Frankreich den Antisemitismus in ihr Programm aufgenommen hat. Weder bei Louis Marin (Führer der französischen Rechtsrepublikaner), noch bei Taittinger (Leiter der Jungpatrioten), noch bei dem Oberst de 1 a Rocque (Führer der früheren Feuerkreuzler, jetzt französisehe Sozialpartei), noch bei Jacques Doriot (Leiter der tränzösischen Volkspartei und Freiheitsfront, Vorkämpfer gegen den Kommunismus) finden wir den Antisemitismus im Programm Die Führer der agudisti sehen Jugend Europas haben Ende Dezember in Hohwald im Elsaß ein Treffen abgehalten. Im Rahmen dieses Treffens wurden eine große Anzahl von Vorträgen über die agmiistisclie Weltanschauung und die Ziele des Bundes abgehalten. Es sprachen u. a. Rabbiner Munk über ״Ziel und ideal der jüdischen Erziehung“; Marc Breuer (Paris) über ״Thora, Land, Volk“'; Samy Klein über ״Agudah und Zionismus“ usw. Es famUn Diskussionsabende über ״die moralischen KüntLkw /.; .,:in Individuum und Gesellschaft“, über ״die Stellung der jüdischen Frau“ usw. statt. — Die französischen Revisionisten haben in Paris ihre Jahreskonferenz abgehaltcn. — Die Association ״Schema jüdische Jugenderziehung".' Während der Leiter der ״F.cole Maimonides“ Marc Cohn auf die Notwendigkeit einer jüdischen Schule hinwies, vertrat das Mitglied des ..Consistoire“' .Moses Salzedo den Standpunkt, daß sich die jüdische Jugend von der allgemeinen Scludbiklung nicht durch Errichtung von Sonderschulen aussehlieilen dürft׳*. - Der Tod des Vorsitzenden des ״ORT“, Henri B o d e n 11 c i in e r, wird von der iiidisehen Presse Frankreichs durch lange Natlirufe gcwn-digt. Henri Bodenheimer, der in der Organisation der jmk neu Wohltätigkeit in Frankreich eine führende Rolle ״vspiclt hat, ist in Frankfurt am Main geboren. lebte aber bereits •15 Jahre in Paris. Er war Vorsitzender zahlreicher jüdischer Organi* sationen und Mitglied des Pariser Konsistoriums. Audi an der Organisation des 1 lilfswerkes für die Juden aus Deutschland hat Bodenheimer aktiv mitgewirki Bodenheimer interessierte sich auch für das jüdische Palästina-Werk und war einer der Begründer des französischen ״Keren I lajcssod“. Er gehörte dem ״Misrachi“ an. Noch einmal: Madagaskar Unser Pariser K.-Berichterstatter schreibt uns: Im Zusammenhang mit der steigenden Welle des Antisemitismus in Osteuropa findet das Problem der Madagas• kar-Kolonisation in der französischem Presse einen stärkeren Widerhall. Neben anderen Presseäußerungem ist ein ausführlicher Artikel der großen Industriezeitung ״Journöe Industrielle“ hervorzuheben, die nach einer ausführlichen Schilderung der polnischen Emigrationswünsche zu dem Er• gebnis kommt, daß tatsächlich zwischen Polen und Frankreich ein Abkommen über die polnische Emigration nach Madagaskar abgeschlossen worden ist. Nach unseren Informationen eilt aber diese Nachricht — wie die meisten Mitteilungen über das Madagaskar-Projekt — den Tatsachen voraus. Man ist in französischen Regierttngskreisen über das Echo, daß die Untersuchungen über die Madagaskar-Kolonisafion in Polen efunden haben, einigermaßen erschreckt. Das Kolonisationsrojekt, das anfänglich unter rein humanitären Gesichtspunkten von Frankreich in Erwägung gezogen wurde, wird in eine politische Sphäre gerückt, die seine Durchführung erschwert. Abgesehen von den großen Mitteln, die zur Durchführung einer Kolonisation von 30 000 Menschen, wie sie von polnischer Seite erstrebt wird, notwendig sind und von denen noch keineswegs ersichtlich ist, wer sie eigentlich aufbringen soll, bestehen in französischen Regierungskreisen Bedenken gegen gewisse Bestrebungen, die Kolonisation auf Madagaskar in den Rahmen der polnischen Kolonialwünsche einzuordnen. Darüber hinaus machen sich jetzt auch Widerstände von seiten der Bevölkerung der Insel geltend. Die französischen Pflanzer fürchten, daß eine große Kolonisation von Ausländern den sozialen Charakter der Insei verändern und ihre Stellung erschweren würde. Wie ferner die jüdische Gesellschaft ״Emco!“ in Paris, von der das Projekt der Madagaskar-Kolonisation ausgegangen ist, mitteilt, machen auch die — allerdings wohl nicht sehr zahlreichen — politisch organisierten Eingeborcnen-üruppen gegen das Projekt einer jüdischen oder polnischen Kolonisation auf der Insel Front. Man wird daher auf französischer Seite wohl abvvartcn, bis die Publizitätswelle, die die Rückkehr der Expertenkommission in Polen hervorgerufen hat, wieder abgeschwollen ist ehe man die Inangriffnahme einer Kolonisation nach Madagaskar — vorläufig nur in einem sehr bescheidenen Rahmen — ernsthaft in Erwägung ziehen wird. Vorläufig sind die Ergebnisse des Expertenberichts dem französischen Ministerrat noch nicht einmal offiziell zur Kenntnis gebracht worden. Dr. Hans Friedenthal zu 5״ Jahre Hilfe und Aufbau“. Das Werk des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau ist ein sicheres Zeichen dafür, daß Juden in schwerer Zeit verstanden haben, daß einer für den anderen verantwortlich ist. Ueber alle Parteiungen hinweg hat sich in dieser Organisation die jüdische Soiidaritat bewiesen, und es ist zu hoffen, daß das große Werk der konstruktiven Hilfe für Berufsumschichtung, Auswanderung und Wohlfahrt seinen verpflichtenden Charakter auch in der Zukunft beweisen wird. Es ist der Unterstützung jedes verantwortungsbewußten Juden sicher. Eine Delegation polnischer Juden wurde vom britischen Gesandten in Warschau empfangen. Iin Namen der Deputation drückte der frühere Sejm-Abgeordnete Hartlaß die Besorgnisse der polnischen Judenheit im Zusammenang mit der Veröffentlichung des Weißbuches aus. Er wandte sich insbesondere dagegen, daß die Juden in Palästina zu einer permanenten Minorität erklärt würden. Die Delegation überreichte dem Botschafter ein Memorandum zur Weiterleitung nach London. Briefe an die Redaktion Eine Synagoge in Cambridge London, N. W. 8, 5.1. 38 Sehr geeinte Redaktion! In Ihrem Artikel ״Englisch- Jüdische Probleme“ in Nr. 101 ״die erste Svnagogc“ eröffnet Neubau; eine (allerdings viel primitiveie) Svnanoge >!rde seit langer Zeit von der ״Cambridge Zionistische Arbeit in Holland. Unserer Berichterstatter schreibt uns aus dem Haag: Auf der halbjährigen Kurntoriumssitzung ries holländischen K e r e n H a j e s s o d, die kürzlich unter Vorsitz des Vizepräsidenten des Hohen Rats der Niederlande, Mr, Dr. L. E. V i s s e r, in Amsterdam abgehalten wurde, erstattete Dr. Elias Auerbach (Haifa) Berieht über den wirtschaftlichen und politischen Zustand in Palästina und unterstrich insbesondere die entscheidende Bedeutung des Keren Hajessod. Mit Befriedigung wurde festgestellt, daß bis zum I. Dezember 1937 das Gesamtergebnis des Vorjahres vom holländischen Keren Hajessod um 25 0׳״ übertroffen worden war. Es wurde ein Arbeitsprogramm aufgestellt und im Zusammenhang hiermit der Direktor des Keren Hajessod in Jerusalem, Kurt Blumenfeld, eingeladen, einige Wochen in Holland zu arbeiten. — In der letzten Sitzung des Kirchcnrats der Ned. Isr. Hoofdsynagoge in Amsterdam, der in seiner Mehrheit aus Zionisten zusammengesetzt ist, wandte sich ein Sprecher gegen Spenden für den Nationalfonds in den Synagogen. Ihm wurde von verschicdencn Seiten zum Teil recht scharf erwidert, und der Vorsitzende, A. Ascher, wies darauf hin, daß die zionistisehen Juden in Holland sich als gute Söhne ihres Vater- Landes betrachteten, aber daneben würden sie alles tun, um ihren jüdischen Rriklern 7,u helfen dadurch, daß sie ihre Kräfte an den Aufbau Palästinas geben würden. Sir Ronald Storrs ist nicht mehr, wie in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 101, 1937, irrtümlich angegeben war, Gonvernettr von Rhodesien. Er hat dieses Amt zwischen 1932 bis 1934 bekleidet und ist danach in den Ruhestand getreten. Transferverfahren für jüdische Auswanderer. Die Presse- Abteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Da noch nicht feststeht, wann das Transfcr-Verfahren wieder auf genommen werden kann, das von der Allge• meinen Treuhand-Stelle für die jüdische Auswanderung O. m. b. H. (Altreu), Berlin W. 35, Potsdamer Straße 72, auf Veranlassung der Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung im November v. J. zur Förderung der jüdischen Auswanderung aus Deutschland eingeleitet worden ist, wird die Altreu, von ganz besonders dringlichen Fällen für kleinere Beträge abgesehen, neue Anträge bis auf weiteres nicht entgegennehmen. Eine etwaige Wiederaufnahme des Verfahrens wird in den jüdischen Blättern bekanntgegeben werden. "גליון ביאליה של " הם יו ר ה העברי Die soeben er• schienene Nummer 6 (12) ist dem Andenken Chajim Nachman Bialiks zu seinem 65. Geburtstag gewidmet. Aus dem Inhalt: Der hebräische Dichter Salman Schncnr würdigt in einem interessanten Artikel Bialik als Dichter, Sammler und Sprecher. Rabbiner Lifschitz. untersucht die Verdienste Bialiks als Kommentator der Mischna. Für die luden in Deutschland wird der Aufsatz von Max Maier ״Das Erlebnis Bialik“ von besonderem Interesse sein. Historische Reminiszenzen über Bialik als Dichter und Menschen erzählen Benzion Katz und Daniel Perski. Ferner bringt das Heft autobiographische Notizen, die uns einen Einblick in das Leben des jungen Bialik vermitteln, und eine kritische Betrachtung über den Wert der Bialik-Forscbung von Dr. Ben-Schalom. Das Heft ist im Tarbuth-Dezernat der ZVfD., Berlin W 15, Meineke- Straße 10, erhältlich. 37 Ph׳ Hl -. Altpapier ־ ||[|||||||[| Adolf Naftaniel Pflasterungen (> Fahrstuhlbau - - Ernst Eischcr W SO, Kulmbacher Str. 6 Alltut■ Indische Firm« dloaar Branche U־f«r. u. Mitjfl. der Jüdi.־h.n Gemeind. 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