Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1938)
- Date
- 1938-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 3 11. I. 1938 JdDISCHF RUNDSCHAU Seife 3 Der Weg ins Leben Berufswahl und Berufsausbildung der jüdischen Jugend Gegen den Strom Zur Tagung des Rats bei der Reichsvertretung Von Dr. Franz Meyer Die jüdische Arbeit des vor uns liegenden Kalender- und Arbeitsj,ihres 1938 steht unter dem Vorzeichen eine? nur mit dem Friihsommer 1933 vergleichbaren Auswanderungsd r u c k e s und eines sich über alle Altersschichfen und Berufsgruppen erstreckenden Auswanderungswillens. Versamnilungsredeu und ZeitungsauDätze kennen kaum noch andere Themata. Nichts erscheint uns notwendiger als die Stufe des bloß Stimiuuiigsmäßigen zu überwinden und die Frage der jüdischen Zukunftsgcstaliung und Arbeitsplanung aus dem Streit der Temperamente, der optimistischen oder pessimistischen ״Beurteilung“ herauszuheben. Unser Schicksal steht »unter so zwingenden Gesetzen, daß es auf die Abwandlungen im Temperament des Beurteilers oder Beobachters überhaupt nicht ankommen kann. Gerade der stärkste Wille zur jüdischen Selbstbehauptung wird sich nur bewähren können, wenn er mit klarstem Wirklichkeitssinn gepaart ist. Deshalb gehört zum Aufruf an unsere Menschen, den Mut nicht zu verlieren und sich für neue, unerhört schwierige Aufgaben stark zu machen, zugleich der Hinweis auf die sich unseren Plänen entgegenfürmemlcn Schwierigkeiten. Es hat keinen Sinn, die jüdische Öffentlichkeit darüber im unklaren zu lassen, daß gegenüber den Vorjahren die Wandcrmigssituation durch eine Reihe von bedrohlichen Vers c h 1 e c h t e r u n g en beeinflußt wird. & ist jedem Sachkundigen klar, daß das, was auf dem Wanderungsgebiet insbesondere von 1933 bis heute erreicht worden ist, ohne die Mitwirkung der großen ausländischen jüdischen Hilfs- und Wanderungsorganisationen undurchführbar gewesen wäre. Ueberall sieht es in dieser Beziehung jetzt schlechter aus als in der vergangenen Zeit. Die große amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation des Joint ist durch den Tod von Felix Warburg nicht mir ihres Ehren-Pi;isidenten beraubt worden, sondern es ist damit ein Mann aus der jüdischen Welt versclnvunden, dessen Zielsetzung und Anteilnahme keinen geringen Teil an der Betreuung des jüdischen Problems in Deutschland gehabt hat. Wenn wir auch hoffen dürfen, daß das starke Interesse des Joint an unserer Arbeit nicht nachlassen wird, so werden die Hindernisse, die einmal durch die in den letzten Monaten sich verschlechternde amerikanische Wirtschaftslage und dann durch das immer mehr sich zuspitzende polnischjüdische Problem sicli ergeben, zweifellos in Zukunft schwerer zu überwinden sein. Die Entwicklung in den s ii d a m e r i k a n i s c 11 e 11 Staaten hat in der jüngsten Vergangenheit manche Hoffnungen auf Einwanderungsmöglichkcitcn zerstört. Südafrika als wichtiges Wanderungsziel haben wir im letzten Jahr fast gänzlich verloren, und die langandauernde politische Krise, die das wirtschaftliche und allgemeine Leben Palästinas belastet, kann die praktisehen Möglichkeiten der Jcwish Agency und der palästinensischen Institutionen, ihren Beitrag zur Lösung des jüdischen Wandertingsproblems zu leisten, nicht erhöhen, sondern muß sie empfindlich schwächen. Dieser Schwierigkeiten muß man sich klar bewußt sein, um dann am richtigen Punkt anzusetzen und zu versuchen, den Hindernissen zum Trotz das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Leider fehlt uns fast vollständig die Möglichkeit einer aus unseren Bedürfnissen entwickelten ״außenpolitischen“ Vertretung unserer Interessen. Gerade deswegen müssen wir unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, jede sich bietende Gelegenheit auszuwcrtcii, um neue Ein w a nder 11 n g s m ö g - lichkeiten zu schaffen und um bei den hierfür in Frage kommenden Instanzen eine möglichst umfassende Kenntnis der sich aus unserem Schicksal ergebenden Notwendigkeiten zu bewirken. Eins ist klar: So wenig uns die Statistik hierüber exakte Daten zu erschaffen vermochte, so war der Wanderungsstroni bis in die letzte Zeit zweifellos altersmäßig so gegliedert, daß — im wesentlichen Unterschied zum sonstigen Altersaufbau der Juden — die Auswanderer sich zum größeren Teil aus jungen und nur zum kleineren Teil aus älteren Menschen Züsammensetzten. In der zweiten Periode unserer Wänderungsbewegmig, in die wir allmählich und ohne sichtbaren Bruch hineingleiten, muß sich die durch die Wandcrungsbewegung der vergangenen Jahre verstärkte U eher alterung unserer Menschen in einer andersartigen Zusammen- Setzung der Altersschichtung auch bei den Auswanderern selbst bemerkbar machen. Daraus entstehen neue Aufgaben Und neue Zielsetzungen. Kein Zufall, daß in dieser Situation die Parole der Gruppensiedlung die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag. Wenn man von dem Sonderfall der Ica-Siedlung in Argentinien absieht, der ander- Wcitig nicht nachahmbar ist, so zeigen uns die Erfahrungen der Mittclstandskolonisation in Palästina, daß hier noch eine für uns auswertbare große Chance vorliegt. Man möchte allen denen, die von Gruppensiedlung sprechen Und sich vorstellen, daß in irgendwelchen Ländern ferner Kontinente derartige Siedlungen entstehen könnten, empfehlen, sich sehr gründlich mit den Erfahrungen vertraut zu machen, die man in Palästina mit der Brauchbarkeit uiiserer Menschen und der Angemessenheit dieser oder jener Organisationsformen gemacht hat. Wir müssen klar sehen, daß die erzieherische Kraft der jüdischen Gemeinschaft hier nicht ausreicht, um eine völlige jüdische Durchdringung und Festigung unserer Menschen zu gewährleisten, wenn sie dem hiesigen Milieu entrissen werden. Mit um so größerer Sorge muß man die Gefahr des jüdischen Substanzvcrlustcs betrachten, die durch die technische Form der Gruppensicdlung allein nicht abgewendet wird. Der Zweck einer solchen harten und nüchternen Betrachtung ist der, unsere Menschen zu warnen, den Parolen des Tages leichtgläubig zu folgen. Gerade weil es richtig ist, daß wir diese Probleme zu lösen, und zu bejahen haben, müssen wir uns für die Erkenntnis reif machen, daß wir auf allen Teilgebieten unseres Programms gegen den Strom schwimmen. Es kt eine fromme Legende, daß der Mensch durch Unglück besser wird. Die Erfahrung zeigt, daß, von Ausiiahmefällen abgesehen, ein hartes Schicksal die Menschen oft verbittert und schwächer macht. Was uns in dieser Situation allein helfen kann, ist die Kunst, unsere Lage so zu sehen, wie sie ist, und dadurch die Fähigkeit zu gewinnen, die Gefahren auszuschalten, die in der selbstverständlichen Betonung des nächsten Interesses liegt. Ein überaltertes Judentum muß daher gerade heute lernen, daß seine Chance für die Zukunft allein darin liegt, daß die Probleme der an Zahl immer geringer werdenden Jugend nicht nur beachtet, sondern mit besonderer Sorgfalt gepflegt wer- «tot Oerade weil Altersversorgung und alle sonstigen Pro- 111 der jüdischen Ocffentlichkcit hat sich' die Diskussion über die Probleme der Berufswahl und die Berufsausbifdüng unserer Jugend in der letzten Zeit wieder sehr verstärkt. Dies ist darin begründet, daß wir uns wieder dem Termin der Schulentlassung nähern. Dazu kommt, daß manche Fragen, die noch vor kurzer Zeit eindeutig geklärt schienen, erneut einer Erörterung bedürfen. Diese Disktissionen gehen nicht nur in der Ocffentlichkcit vor sieh, sondern auch im Kreise der Familien, ja vielleicht sind die dort geführten Unterhaltungen besonders wichtig, fallen doch die Entscheidungen über das Berufsschicksal der Jugendlichen zumeist im engeren Kreise. Es ist notwendig, alle hiermit zusammenhängenden Fragen mit großer Zurückhaltung und Vorsicht zu betrachten und von ihnen alle Formulierungen fernzuhalten, die nach vorgefaßter Meinung ausschen, geht es doch um das Schicksal von vielen Tausenden junger Menschen. Während vor 1933 nur ein kleiner Teil der jüdischen Jugend berufspolitisch gelenkt wurde — es waren praktisch in der Haupt- Sache die Waisenkinder, denen zum großen Teil die Ent- Stellung eines jüdischen Handwerkerstandes in Deutschland zu _ danken ist —, und während die Lenkung damals, soweit sie überhaupt erfolgte, unter dein Gesichtspunkt einer Verbesserung der anormalen BernFsstrnktur der Jugend in Deutschland vor sich ging, ist seit 1933 ein größerer Teil der gesamten jüdischen Jugend einer Lenkung durch die Organe der jüdischen Ocffentlichkcit zugänglich geworden, die nunmehr ganz und gar unter dem Gesichtspunkt der Auswanderung und der Vorbereitung hierfür steht. Man kann feststellen, daß bis zum Jahre 1936 die Erfordernisse Palästinas den Geist, die Formen und den Inhalt der Berufserzieliimg fast ganz bestimmten. Im Jahre 1937 kam es zu einem gewissen Umschwung, weil infolge der Lage in Palästina die Auswanderung in andere überseeische Länder stärker in den Vordergrund des Interesses rückte. Erneut tauchte die Fragestellung auf, welche Berufe nun wirklich für die Jugend, die auswandern soll, geeignet seien und insbesondere, ob die Parole des Ueberganges zur Handarbeit im Gegensatz zur geistigen Arbeit des Kaufmanns oder Akademikers weiterhin Geltung behalte. Man muß zunächst von denjenigen Jugendlichen abscheu, die ohne gesellschaftliche Hilfe ihren Weg in den Beruf finden und z. B. im Ausland ein akademisches Studium absolvieren. Im allgemeinen kann man sagen, daß eine ausgesprochen falsche Berufswahl hierbei nicht häufig ist, da das Schwergewicht dieses Studiums hei den technisehen Berufen liegt, deren spätere Ausübung von der Frage der Staatsangehörigkeit weniger beeinflußt wird, als etwa die Arbeit von Medizinern oder Juristen. Was weiterhin die Frage der kaufmännischen Ausbildung betrifft, so kann man nach den Erfahrungen, die mit Menschen gemacht wurden, die nach Uebersee gegangen sind, sagen, daß diese Ausbildung nur dann zu empfehlen ist, wenn der junge Mensch eine überdurchschnittliche Eignung dafür besitzt und wenn die Ausbildung in einer qualifizierten Ausbildtmgsstclle und mit gleichzeitiger Erlernung von Sprachen vor sich geht. Sind diese Vorbedingungen nicht gegeben, so zeigt es sich immer wieder, daß die jungen Menschen nach Absolvierung der Lehre erneut Anwärter für eine Bcrufstimschichtung sind. Audi in den Ein wänderungsländern hat cs sich gezeigt, daß die erfolgreichen Kaufleute solche waren, die in ihren früheren Berufen in Deutschland über besondere Erfahrungen verfügten oder ganz spezielle Kenntnisse mitbrachten. Ganz unbrauchbar haben sich dagegen Menschen aus kleinen Provin/geschäften erwiesen, die ihre Geschäftskenntnisse in der Welt draußen kaum verwerten können. Es kommt hinzu, daß junge Menschen in der Regel keine Mittel in das Eimvanilcrungsland mitbringen können, die gerade in kaufmännischen Berufen sehr oft wesentlich sind. Wenn man also von den Fällen ahsieht, hei denen die Möglichkeit zu einer solchen hochqualifizierten Ausbildung gegeben ist, muß man zu dem Schluß kommen, daß auch unter den gegenwärtigen Umständen für das künftige Berufsschicksal des Einzelnen der liebergang zur Handarbeit eine berechtigte Forderungist. Es kommt hinzu, daß zahlreiche Länder in ihren Einwandcrungsbedinguiigcn derart ausgebildete Menschen bevorzugen, una daß auch die Erfahrung gemacht wurde, daß ein allzu bleme älterer Menschen quantitativ im Vordergrund stehen, muß die S c h u 1 e r z i e 11 11 u g, die Berufsausbildung unserer Kinder den ersten Platz in unseren Ueberlegungen einnehmen. Wir werden uns auch nicht der Erkenntnis verschließen können, daß die Belastung, die wir der jüngeren Gcneraiion hier und insbesondere den auswandernden jüngeren Altcrsschichtcn zugemulet haben, bereits das Maß des Erträgliehen zu überschreiten droht. Die Rationalisierung und durch Schaffung geeigneter Institutionen geregelte Leitung; der Verwandtcnnachwanderung ist daher eines der im nächsten Zeitabschnitt mit Energie anzupackenden Probleme. Gerade in einem Zeitpunkt, wo Altersheime in Deutschland notwendiger sind als je und zahlreicher gebraucht werden( als wir sie zu schaffen vermögen, müssen wir für vie Verlegung solcher Anstalten nach d r a 11 ß e n Sorge tragen, um damit die rechtzeitige IJ e b e r f ü h r ti!1 g eines Teils der älteren Menschen nach drüben und ihre familiäre Verknüpfung mit der bereits ausgewamierten Jugend sicherzustelleu. Alles, was wir bisher an zentral geleiteter planmäßiger Arbeit für Hilfe und Aufbau tun konnten, beruht nicht nur auf den Zuschüssen der ausländischen Hilfsorganisationen, sondern zu einem wesentlichen Teil auf der Stell er kraft und der freiwilligen Hilfsbereitschaft unserer jüdisehen Menschen innerhalb der Reichsgrenzen. Kein Zweifel, daß der Stcuerverfall, der die notwendige Folge der Wirtschaftliehen Depossedierung der Juden sein muß, unser ganzes finanzielles System ins Wanken bringen muß. Deswegen müssen wir den Versuch machen, in geeigneter Weise die Notwendigkeit einer Erfassung der Steuerkraft für die jüdischen zentralen Aufgaben zur Anerkennung zu bringen. Daß wir auf der einen Seite als rassische und völkische Minderheit ausgegliedert sind, und, allein auf uns gestellt, f" Noch auf einem besonderen Gebiete hu es sich gezeigt, daß diese Grundgedanken Geltung haben. Abgesehen von der Jugend-AIijah und einigen ähnlichen Versuchen erfolgt die Auswanderung von jungen Menschen unter 20 Jahren im allgemeinen im Zusammenhang mit der Familien- Wanderung. Auch dort bewährt sich eine manuelle Ausbildung sehr gut, setzt sie doch junge Menschen sehr bald in die Lage, den Eltern bei der Existenzgrundung materiell zu helfen. Ein besonders schwieriges Problem stellt die Entscheidüng darüber dar, in welches Land der junge Mensch auswandern soll. Schon bei B e g i n n der Ausbildung, d. h. etwa mit 15 Jahren, muß diese Entscheidung vielfach getroffen werden. Dies gilt ganz besonders für die Ausbildung in der Landwirtschaft, die im allgemeinen nur in Palästina Chancen bietet. Alle gutgemeinten Pläne über eine Oruppensiedlung außerhalb Palästinas sind, soweit es sich nicht um die quantitativ bisher geringen Untcrbringungs-!•Möglichkeiten in den siidamcrikanUclieii Ica-Kolonien haufielt, Luftgespinste geblieben, so daß man sagen kann, daß eine Ausbildung für die Landwirtschaft mir dann nicht mit Rücksicht aut Palästina erfolgen sollte, wenn der junge Mensch persönliche Beziehungen zit jüdischen l.andwirteii in der Welt draußen hat. Im allgemeinen also bedeut ft die!andwirtschaftliche Ausbildung zugleich bereits die 1 ntseheidüng für Palästina, ln der Handwerker-Ausbildung ist eine so frühzeitige Entscheidung noch nicht nötig. Hier aber tritt der Faktor der s p r a e h I i c h c n A u s b i 1 d u n g auf, der gleichfalls eine verhältnismäßig frühzeitige Entscheidung erfordert, wozu noch das Problem kommt, daß je nach dem Wechsel der Aufnahmemöglichkeiten der Ucbemcdäiider andere Sprachcrfordcrnisse während der Ausbildungszeit sich geltend machen. Man kann im allgemeinen feststellen, daß die Sicherheit für ein Vorwärtskommen des jungen Menschen in erster Linie in der Qualität der Ausbildung liegt. In diesem Zusammenhänge drängt sich die Fragt• nach der Schulbildung auf; es ist wünschenswert, das neunte Schuljahr, soweit es möglich ist, zu absolvieren, da ein möglichst fundiertes Schulwissen die spatere Arbeit sehr erleichtert. Aber auch die Aushildungsimiglichkcittii selbst, die uns zur Verfügung stehen, sind in der letzten Zeit nicht allein quantitativ in der Landwirtschaft wie im Handwerk gewachsen, sondern auch ihre Qualität hat sich sehr gehoben sowohl nach der systematischen Seite hin als auch im Hinblick darauf, daß heute eine dreijährige bandwerkliche Lehrzeit die Regel ist. Etwas leichter als bei den Jungen liegt cs im allgemeinen bei den Mädchen, die in die Berufsausbildung eintreten. Hier gibt es sehr weitgehende Chancen für die hauswirtschaftliche Ausbildung und auch eine Reihe weiterer Arbeitszweige, so daß die Möglichkeit, sie in die Berufsarbeit zu bringen, größer als bei den Jungen ist. Dennoch bestehen auf diesem Gebiete besondere Probleme, insbesondere weil ein Teil der jungen Menschen sich ״verkrümelt“, d. h. zum Teil in den Familien festgehalten wird, zum Teil jeder berufspolitischen Kontrolle sich entzieht. Die Aufgaben, die auf diesem Gebiete gegeben sind und vor den in Frage kommenden jüdischen Instanzen stehen, sind außerordentlich große. Man kann feststellen, daß insbesondere seitens der Reichsvertretung und ihrer Organe wie auch durch die Gemeinden in Zusammenarbeit mit den großen jüdischen Organisationen und Jtigendbünden sehr viel geschehen ist. Es wäre eine < iefalir, wenn die lntentionen dieser Instanzen durch gewisse sentimentale oder soziale Vorurteile, die allmählich wieder aiifziitauchen scheinen, durchkreuzt oder zumindest in ihrer Wirkung abgeschwächt würden. Notwendig ist, jeden einzelnen Fall aufs sorgfältigste zu prüfen und denjenigen Menschen, bei denen die entsprechenden sachlichen und persönlichen Voraus- Setzungen vorliegen, den Weg auch in geistige oder kaufmännische Berufe, die sie draußen verwerten können, zu ebnen. Im allgemeinen aber muß der von tler Jugend seihst mit so großer Begeisterung liesclirittcne Weg des Heberganges zur manuell-prod uktiven Arbeit in ihren verschiedenen Formen auch weiterhin die Grundlage der Berufsentscheidung bleiben. Es geht dabei nicht um die Verwirklichung von Idealvorstellungen oder Dogmen, sondern um die Bereitmaclumg unserer jungen Menschen für die Lebensaufgaben, die sie in der Welt draußen erwarten. Aus diesem Grunde gilt es, gerade in den nächsten Wochen, die für viele Jugendliche die Zeit der BerufsenUcheidung darstellen, informierend und anfkläreml zu wirken. oe. mit unseren gewiß nicht kleinen Problemen fertig zu werden haben, und daß wir andererseits in vielfacher Beziehung in Analogie zu Kirchen und kirehenähnliehen Gebilden beurteilt und verwaltet werden, kann zu einer Lähmung unserer Arbeit führen. Wenn auch dieses Problem in erster Linie den Staat angelit, von dessen Maclitspruch wir in jeder Beziehung abhängig sind, so dürfen wir uns doch nicht verschweigen, daß wir dort, wo eigene Initiative zumindesiens den Grund für Neuregelung und staatliche Bestätigung hätte bilden können, im vergangenen Jahr kläglich versagt haben. Wer in den letzten Wochen die Zeitungsdebatte zwischen dein Preußischen Landesverband und den Süddeutschen Verbänden gelesen hat, konnte schon aus der Argumentation erkennen, daß wir in den Fragen unserer innerjüdischen Verwaltungs- und Organisation»• reform nicht weiter sind, als wir in dieser Beziehung seit vielen Jahren kommen konnten. Wenn wir uns dazu noch erinnern, welche unwiederbringlichen Wochen und Monate wir im Frühjahr und Sommer 1937 mit Streitigkeiten und Schlimmerem unter den jüdischen Hauptinstanzen verloren haben, so ist das eine bittere Feststellung. Wenn nicht das Urteil: ״Zu spät“ dieses Kapitel unserer Gcincinschaftsauf« gaben abschließen soll, muß die Ratstagung die Initiative zeigen, wenigstens das Problem in seiner ganzen Schärfe zu sehen und die Hindernisse hinwegzurüumen, die einer Lösung entgegenstehen. Auf allen Gebieten des jüdischen Lebens hängt die Bewältir gung unserer Aufgaben ebenso von der Sachkunde wie von der inneren Haltung ab. Gegen den Strom schwimmen bedeutet im geschichtlichen Leben eine einzigartige Leistung vollbringen, die nur gelingen kann, wenn jeder einzelne sich bewußt ist, daß er gegen die Tendenzen der Massenpsychologie ankämpfend, sich seihst in den Dienst einer groß«! Aufgabe zu steilen hat