Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2, 7.1. 1938 J 0 D! S C H *־ RUNDSCHAU Seite 5 Kleine Nachrichten Prof. Lopez in Mailand, ein bekannter Literaturkritiker und Historiker, feierte seinen 70. Geburtstag. Prof. Lopez ist Präsident der Zionistischen Ortsgruppe in Mailand. Die Schrott- und Metallgroßhandlung M. Stern AG., Essen, die mit einem Aktienkapital von 2,7U Millionen Reichsmark ausgestattet ist, wird an ein westdeutsches Montan-Korisortium übergehen. Bisherige Aktionäre waren u. a. Mitglieder des Vorstandes der Gesellschaft, so die Herren Hermann und Max Stern, Felix Raphael und Willy Colin. Die Gesellschaft besitzt zu 100 '>/״• drei andere, kleinere Handelsgesellschaften, die M. Stern GmbH., Berlin, die M. Stern Bahnbedarf GmbH., Saarbrücken, und die Stückblechhandel GmbH., Essen. Außerdem liegt bei ihr fast das gesamte Aktienkapital von 800 00!) Reichsmark der Ver. Flanschcnfabriken und Stanzwerke AG., Hattingen. Mit etwa einem Drittel ist sie beteiligt bei der Stahlhausbau (JmbH., Essen. Der Sejm-Abgeordnete R u b i n s t e i n intervenierte beim polnischen stellvertretenden Innenminister M. Korsak wegen Einführung eines ״Marktghettos“ für jüdische Händler in R a w a - M a z o w i e c k a. In seiner Antwort teilte der Vizeminister mit, daß nach Angabe des Provin/gouverneurs und der Lokalbehörden die jüdischen Händler freiwillig in eine Teilung des Marktes nach nationalen Gesichtspunkten eingewilligt hätten. Demgegenüber wiesen Sejmabgeordneter Rubinstein und Prof. Scharr darauf hin, daß die Juden in Rawa-Mazowiecka sich geweigert hätten, ihre Läden auf dem Markt in den nächsten drei Wochen zu öffnen. Senator Prof. Schorr traf in London ein, um an der Kampagne für die Juden in Polen teilzunehmen. Die Nachricht eines Londoner Abendblattes, wonach ״über die Frage einer jüdischen Einwanderung mich Madagaskar bereits ein Arrangement zwischen der polnischen und französischen Regierung erzielt worden“ sei, wird in Paris von maßgebender Stelle als ״völlig!infundiert“ bezeichnet. Die in Warschau erscheinende agudistische Tageszeitung ״Das jüdische Togblatt“ feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. In Munkacevo wurde eine Organisation der sozialen Hilfe für die karpatliorussischen Juden gegründet. In Bukarest wurde eine jüdische dramatische Gesell- Schaft gegründet, die die Absicht hat, ein jüdisches Theater in Rumänien zu schaffen. Ankündigungen aus dem Reich Breslau: Zion. Vereinigung. 11. Januar, 20.30 Uhr, Gartenstr. 25, Hebräischer Abend. Öffentliches Gericht: ״Die Juden Deutschlands und die hebräische Deu'cguiig'*. — Zion. Vereinigung. Misrachi, Wizo und Misrachi-Frauenbiiml: 13. Januar, 20.30 Uhr, Freundesaal. N. Graupertstr. 3-4, Tettka Levv-Stcin: ״Juden und Judentum in Amerika“. — Frankfurt a. M.: Jüdisches Lehthaus. Im Januar beginnen folgende Lehrgänge: 18., Messerer: Hebräische Lektüre; Neuhaus: Jiid. Recht; Kantorowicz: Peel-Bericht; Kantorowirz: Wohllahrtsptlege; Auerbach: Sprechen als Kirnst; Kraemcr: Erzicliungsf ragen; Kractncr: Werkarbeit; Lantos: Bewegungsspiele: Laquer: Pädag. Besprechung mit Kindergärtnerinnen — 19., Ilorovitz: Maiinonides; Rieß: Rilke; Galliner: Kunstwerke: Snloinon: ״Babbit•‘: Weil: Chemie des täglichen 'Lebens; Flörsheim: Grundlehrgang. — 20., Dienemann: Geschichte; Nucrnbcrg: Wirtsehaftslragcn; Joiowicz: Buchiührung; Gunderslteimer und Schönberger: Kunst- und KuHdcnkmä'er: Werner: Englisch; Haas: Grundlchrgang. — 22.. Bonn ranz: Zion. Politik. —24־., Hcscbel: Mose; Neubau״ Miscfma Schabbos; lAcnwege: Rcl. Vorschriften und Brauch; Cillv Neubau-;: Juden! umskiintle; Matzdorff: Wanderung; Matzdorff: Bcrufsfrngru des jüdischen Handwerks; Salomo״: Musik als schildernde Kunst; Joiowicz: Fit. Arbeitsgemeinschaft; Werner: Französisch und Englisch; Fink: Gesundheit sieh re; Flörsheim: Grundlehrgang. — 31., Merzbach.■ Einfluß von Klima und Witterung. — Hannover: JücI. Kulturbund. 8. und 9. Januar, 20 Ulir, Synagoge an der Bcrgstr. 8, Tanzabend Ruth Condell, Nellv Hirsch. (Am Flügel: Rudi Lehmann.) Familien-Nachrichten Frau Sofie B 1 u ni e n t h a 1, Saarlautern, beging am 3. Januar den 70. Geburtstag. Barmizwah-Tcrmine. Am 8• Januar (6. Schwat): Ilans Loewetithal, Sohn von Ludwig Locwenthul, Hamburg. — Am 15. Januar (13. Schwat): Günther I) i 1 1 1׳ n hc r ״er, Sohn von Alfons Dillenberger, Aschaffenburg, Roßmarkt 33 a, II. Juden und jüdisches im Rundfunk. X Freitag, 7. Januar: Prag (470), 15.50: Vortrag ״Das heutige Palästina". Preüburg (299), 19.15: Aus Offenbachs Operetten. Beroiminsier (540), 19.55: Vortrag Walter Victor: ״Lord llvrmi. das Schicksal eines Freiheit skanipies‘. — Sonntag, 9. Januar: Beromünster (540), 21.35: Daritis Milhaud spielt Brüssel (484), 22: Eine Mertelslunde bei Offcnbach. — Montag, 10. Januar: Budapest (550), 20.10: Konzert, Dirigent: Issay Dobrowcn. Briefe an die Redaktion Jüdisches Aktionsprogramm Mannheim, 4. Januar 1938 Sehr geeinte Redaktion! Ich las Ihren Artikel ״lm Wirbel der Geschichte'• in der Nummer vom 31. 12. mit Iresoliderem Interesse. Sie entwernicht auf die Fonnnüertmg fest, gelegt sein wollen, stehen die menhang. Wir werden gut daran halte dic-c Punkte wirklich für ein Ganze«. Dazu einige Bernerkungen: Mitten in der tmiversehen Bedrohung ihrer Existenz offenbart die Jtidenheit ihre ganze sehen noch Mittet ökonomisch Verbindung zwischen der Arbeit in Palästina und den Organi.ationen der Hilfe. Es gibt keinen den philanthropischen Fonds und Organisationen selbst, keine verbundene Philanthropie. Fs c\i- Situation der Juden in den Answanderungsländern ver'raute Ih rtrctitng unserer Eimv.mdeiungsintercs-cn außerhalb I’aliistinas. ׳ In eine Geschichtsepoche, in der Tatsachen geschaffen werden, die sieh gegen uns richten, treten wir mit unserem alten Grundsatz der Freiwilligkeit ein. Wir haben ein Recht, auf ihn. auf das, was wir damit erreicht haben, Wir besitzen keine ekütive, und unsere Teil- Macht. Da gramm .,fahr für dafür dir *lieber Hochachtung Dr. M Württembergische Gemeindetaßung. Am 19. Dezember tagte in Stuttgart die Israelitische Latidesversammlung für die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs. In den Oberrat wurde an Stelle von Dr. Manfred Scheuer Fabrikant Anselm Kahn I (Heilbronn) gewählt. — lieber die Bücherei des Oberrats hielt Leo Adler (Stuttgart) einen instruktiven Vortrag. — Der Präsident des Oberrats, Dr. Siegfried Gum bei (Stuttgart), gab Erläuterungen zu dem Tätigkeitsbericht und zum Haushaltplan, Die Ausgaben betragen rund 363 000 RM., die Einnahmen rund 83 000 RM. Die Umlage wurde auf 6,5 v. H. auf Grund der Rcichseinkommensteuer 1936 und 19,5 v. H. auf Grund der Vermögensteuer vorn 1. 1. 1935, veranlagt auf 1. 4. 1936, festgesetzt. Dabei sind die Nach- und Neuveranlagungen bis einschließlich 1. 1. 1937 zu berücksichtigen. Neben den Ausgaben für Kultus und Pensionen stehen außer dem Landschulheim Herrlingen insgesamt 16 Schulen unter der Verwaltung des Oberrats, die von 587 Kindern besucht werden. In den Dienst des. Oberrats wurde Dr. Simon Bamberger als Bezirksrabbiner übernommen. Im Haushaltplan ist ferner ein Beitrag zur Stärkung des Pensionsfonds vorgesehen sowie ein Beitrag für leistungsschwache Gemeinden. — Für seine Lehrer veranstaltet der Oberrat verschiedene Fortbildungskurse. Der Zusammenschluß der verschiedenen süddeutschen Landesverbände zu einer Süddeutschen Arbeitsgemeinschaft wurde gefördert. Fr machte sich insbesondere geltend bei den Kämpfen um die Unigestaltung der Reichsvertretung. Die Erklärung der Süddeutschen Arbeitsgemeinschaft zum Antrag des Preußischen Landes- Verbandes wurde einstimmig gutgeheißen. BRESLAU Donnorstag, 13. Januar, 20.30 Uhr Freunde-Saal, Neue Graupenstr. 3(4 JETTKA LEVY-STEIN, Berlin JUDEN UND JUDENTUNI IN AMERIKA Karten iu RM —,25, —,50 und 1,— bei den Buchvertrieben Brandete, Horwitz, Im Zigarrengeschäft Wolff, Keiler-Wilheim-Str. 96 98, Im Palästina- Amt, GartenstraOe 25, und an der Abendkasse Breslauer Zionistische Vereinigung WIZO, MISRACHI, Misrachi-Frauengruppe Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe Ln ekiWeU Die Jüdische Rundschau hilft Adressen suchen (Unter dieser Rubrik veröffentlichen wir Anfragen aus unserem Leserkreise bclrcffcnd den Verbleib vermißter Freunde. In .\!>;U1dcru11£ der ursprünglich nn dieser Stelle veröffentlichten Bekanntgabe ist zu bemerken, daß die Bei* filRuiiR von iiUuriuilimialcn Anlu״rt»chemen Ikh den lilr die« Hubrik bestimmten AnErugesi aus dem Auahmd zu unterbleiben bat. Diejenigen Lever, die über den Verbleib der Ccsinhlen Auskunft geben können, werden um Mitteilung ersucht.) Nr. 74. Moses Weiler oder dessen Nachkommen, in den 8Üer Jahren in San Quentin (Nordamerika, bei San Fraiizisko), aus Peckelsheim (Kreis Paderborn in Westfalen) etwa 1855 gebürtig, werden gesucht von Ernst Weiler, Berlin W 62, Wormser Str. 9. Nr. 75. Israel Feldberg aus Porlaijce (Polen), 1907 oder BIOs nach New York ausgütvandert, ferner die Kinder seines Bruders Fisdiel Feldberg (nach Südamerika ausgewandert) werden gesucht von Moritz Feldberg, Düsseldorf, Pionierstr. 80, nebst Geschwistern und lauten Rosia und Lencia Feldberg. Nr. 76. Frau Henny Meier (oder Mever) in Kassel, die Witwe v11״ Max Dessau1;11 ,'״!herstar.lt, aus erster Ehe, wird gesucht von Else Leopold geh. Perutz, Hamburg 20, Hayn* Straße 31, IV. Nr. 77. Familie Eisner (1880 aus Myslowitz O.-S. nach Brooklyn, Nordamerika, ausgewamtert), wird gesucht von Max Ticluuier, Gleiwitz O.-S., l.öschstr. 10 (fr. Königshütte, Ober-Schksieti). Nr. 7S. Sinion und Anna Osfrowiecz, seit 1931 in Tel Aviv, Ben-lehudastr. 5 (fr. Berlin N, Schwedter Str. 72), werden gesucht von Isidoi Kohane, Berlin S 42, Brandenburg- Straße 45. Nr. 79. Diamuiul, wohnhaft in Brooklyn (Amerika), geboren in Tyzian in Polen, ausgcwaiidcrt 1895, wird gesucht von Isidor Kohane, Berlin S 42, Brandenburgstr. 45. Nr. SO. Siegfried Neuhaus oder dessen Nachkommen, vermutlieh in Baltimore (USA.), dessen Vater Moritz, geboren in Baumbaeli, Bez. Kassel, wohnhaft in Hannover, gegen 1870 nach USA. ausgewandert, wird gesucht von S. Neuliaus, Herdeckc (Westfalen), Adolf-Hitler-Str. 14. Nr. 81. Die Kinder von Simon Sina (genannt Sina Max), zuletzt in Bendipo, Bcrnal-Street (Australien), werden gesucht von Natlialie Berg, Augsburg, Hakterstr. 8 II, bei \V. Fleimann. Nr. 82. Isaak Vogel, geh. 1870 in Freudenthal, 1901 nach London gegangen, wird gesucht von Isidor Vogel, Berlin C2, Oranienburger Str. 90. Nr. 83. Theodor Halberstamm aus Brody (vor etwa 45 Jahren nach New York ausgewandert), bzw: dessen Nachkommen; ferner Nathan und Fanny Neugeboren, zuletzt New York, 230 E. 3 Str., resp. ihre Kinder, sowie David Strimer, London E. .C, resp. dessen Kinder, werden gesucht von S. Streimer, Berlin W 50, Bamberger Str. 9;'III, v. Nr. 84. Willy Braun aus Bamberg (Bayern), 1904 nach Chikago ausgewandert, wird gesucht von Berthold Wolf, Ulm a. D., Schuhhausgasse DIL Nr. 85. Rose Aronsohn, früher Berlin N, Linienstr. 219, 1925 ausgewandert nach Brooklyn, wird gesucht von Sabine Schneck, Berlin NO 18, Strausberger Str. 39/11. Nr. 86. Die Nachkommen von Professor Prag, der vor ca. 50 Jahren in Liverpool (England) lebte, werden gesucht von Leo Polak, Dortmund, Zabernstr. 32. Nr. 87. William Heymann, in den 90er Jahren nach USA. ausgewandert, oder dessen Nachkommen werden gesucht von Toni Hermann, Berlin W 15, Bleibtreustr. 34/35. Nr. 88. Die Nachkommen von Rabbiner Moses, aus Grätz (Posen), vor etwa 70 Jahren nach Chikago ausgewandert, und seiner Gattin, geh. Strauß, aus Frankfurt a. M., werden gesucht von Frau Dr. J. Kramer, geh. Singer, Berlin W 62, Luthcrstr. 14. Nr. 89. Die Nachkommen dreier aus Grätz (Posen) stammenden Brüder, die vor etwa 100 Jahren die Namen Samuel Singer, Heimann und Rosenthal annahmen, werden gesucht. Singer ging als Kantor nach Güssing (Ungarn), Heimann nach Berlin. Nachricht an Frau Dr. J. Kramer, geh. Singer, Berlin W 62, Lutherstr. 14. suchen, den ״Dienst“ betreffend: Wahrlich, du hast mich zum Dienst verwendet ohne Urlaub. Und als ich dir zu Noph kündigte, da hast du mich nicht freigegeben. Herr, deswegen bin ich dir nicht gram, denn ich war ja dein Knecht. Glaube nicht, daß ich wiederum in Fruchtloses Rechten verfalle wie in alten Tagen. Alle Anfechtungen sind Überstunden und ich nehme und gebe wortlos hin, was du gibst und nimmst. Mein stärkstes Willenbegehren hab ich besiegt und gehe nicht nach Babel mit den Lebendigen, sondern nach Aegypten mit den Toten, da du es gebietest. Eines aber, Herr, verstehe ich an der Liebe nicht, die in dir ist. Du befiehlst uns in deiner Lehre, gerecht zu allen Fronenden zu sein. Mit mir aber bist du so hart umgegangen wie die Gesetzesbrcclier in Israel mit ihren Sklaven, Vergib, Herr, wenn ich Törichtes in mir rede, es dringt ja nicht über die Lippen. Ich klage nicht, daß du mich schonungs- 108 aussandtest: Spring dahin, spring dorthin! Sprich dies, Sprich das! Ich bin gesprungen und habe gesprochen, was mich in den Block, in die Gewölbe und in den Stinkpfuhl brachte. Noch tausendmal mehr hätte ich tun wollen und ausstei n, wenn’s nur ein wenig gefruchtet hatte! Der Leih, den du geschaffen hast, kann ohne Nahrung nicht sein, die Seele aber, die du geschaffen hast, nicht ohne Lohn. Meine Seele jedoch nährtest du mit Vergeblichkeit von Anfang an. Und nun der Gerichtstag da ist, nun gibst du mir nichts als mein nacktes I.ehen zur Beute. Dieses aber kann mein Lohn nicht sein, denn es wäre schlimmer als kein Lohn. So oft du mich, den Knecht, zu deinem Dienste verwandtest, da hast du mit deiner Stimme klar und deutlieh gesprochen. Doch wenn ich dich suchte, ich, Ji rmijah, ein Hinfälliger und Bedürftiger, da entzogst du dich meiner Liebe und gabst mir keine Gemeinschaft. Hörst du mich, Herr, der ich hier schweige, aus dieser Vernichtung zu dir schreien!? Um eine Antwort, um ein Zeichen deiner Liebe schreie ich nach all diesem Strafgericht, das du über die Lebendigen bringst, die ohne ihren Willen ins Leben getreten sind! Nun werde ich mich sammeln, Herr, und dein zerstörtes und entweihtes Haus betreten zum letztenmal, ehe ich hinah/iehe unter verlorenen Schatten zu den Schatten des Westlands. Wenn ich dein entehrtes, verheertes Haus betrete, Herr, Herr, die Kammer deines Allerheiligsten dem Hohenpriester gleich, dann gib mir meinen Lohn, dann sei auch au da, dann zeige dich!! Jirmijah erhebt sich von seiner Unterredung, deren Gegensprecher in seinem Innern geschwiegen hat. Das Ungeheure, das er zum Lohn fordert, ist weit mehr als Gesieht, als Raunung, als Wort. Er wagt gar nicht zu denken, was es sein könnte. Langsam verläßt er den stürzübersäten Wachtliof und gelangt bis zum Torbau Huschalischim, der nur wenig Schaden gelitten hat. Solange der Tempel stand, hatte niemals ein Mensch sein Geviert in völliger Einsamkeit betreten. Jirmijah ist die erste Seele, die dem Hause des Herrn, das nun in Schutt liegt, ohne Gemeinde naht. So allein ist er jetzt, wie er’s einst im Traumgesicht vom Taumelbecher erlebt hat, da er als Iloherpriesler des Oloms seine tiergestaltigen Gäste empfing und bewirtete. Damals freilich lag das bleierne Zwielicht des Weitendes über Moriah, während der Himmel sich jetzt mit immer tieferem Golde füllt. Jirmijah, der Letzte aus Priesfergeschlecht, der den Tempel durchschreitet, kostet jeden Schritt aus, feierlich. Er durchwandelt den äußeren Vorhof. Die Säulen der umlaufenden Hallen stehen noch zum großen Teil. Das Dach aber, das sie trugen, ist zusammengekracht. Ueberall qualmt das verkohlte Gebälk. An vielen Stellen flammt es von neuem auf. Babels Schatzruber haben die Steinplatten der Pflasterung aufgestemmt, ie Gemächer der Priester, die Zellen der Schriftmeister eingerissen. Selbst die Predigtkanzcln hat man abgetragen oder umgestürzt, unter ihnen golderfüllte Schlupfwinkel vermutend. Jirmijah überquert den Schutt der geborstenen Dalle. Dann streift er die Schuhe von den Füßen. Er steht im inneren Priesterhof. Sein Zwerchfell krumpft sieh zusammen. Sie haben den riesigen Brandopferaltar wcggeschlngcn und abgerissen. Nackt steigt der heilige Fels aus der Erde, auf dem Abraham seinen geliebten «Sohn hinzugeben nicht gezagt hatte. Auch der Anblick des entblößten üpferfelsens erfüllt die Seele mit Schauder wie Aufdeckung von Totqpgebein. Das eherne Meer mit seinen zwölf mächtigen Kupferrindern ist verschwunden. Vermutlich hat es Gnade getunden vor Mardukhs Kenneraugen, ebenso wie Boaz und Jachin, die ehernen Säulen mit ihren Granatiipfelhäuptern, die im Sonnen- und Mondlieht Funkelnden. Aus der Höhe des mittleren Heiligtums selbst schlägt ein matter und träger Brand. Babel hat die beiden Seitenflügel mit den zweimal neunundneunzig Schatzkammern durch Spitzhacke und Stemmeisen völlig zusammengeschlagen. Zwischen hochgeschaufelten Schuttbergen klaffen tiefe Höhlen im Tempel Felsen, von Lattenzüunon lind Arbeit sgerüsten versperrt. Die Mauerwände des eigentlichen Heiligtums hingegen sind völlig unangetastet geblieben. Hier hat man auf Mardukhs Geheiß viel Vorsicht walten lassen, damit keine Handbreit von der edlen Täfelung im Innern, vom lieblichen Zierwerk im Zedernholz und von den feingehümmerfen Goldplatten Schaden leide. Auch der aus Sandelholz ohne Nagel und Niete gefügte Fußboden und die Decke aus Oleastcrholz, das niemals seinen Duft verliert, ist sorgfältig entfernt worden. Nur das Dachgestühl aus starken Tannenbalken glüht und knistert noch in der Höhe von dreißig Ellen. Es tut not, daß der Letzte, der pricslcrlich dieses Haus betritt, großen Mut fasse, denn in der furchtbaren Einsamkeil der Verwüstung ringsum benimmt ihm die Scheu den Atem. Lautklopfenden Herzens setzt Jirmijah die Sohle aut die Stufen, die zur Schwelle der Räume emporführen, welche die Einwohnung umschließen. Er vergißt in diesem Augenblick alles. Er vergißt die Schändung dieses Ortes. Er vergißt, daß ihm der Tempel seit langen Zeiten nur wenig mehr bedeutet hat. Er vergißt sogar seinen unnachgiebigen Willen, Antwort zu bekommen, die mehr ist als Gesicht und Raunung. Jetzt ist er wieder der Jüngling jener alten Pcßaehnacht, der erschauernd ausgesondert ward, Zeuge zu sein und zu sehen. Und er sieht das Heilige zuerst. Drei späte Sonnenstrahlen dringen durchs verkohlte Balkengcrippe und erhellen ein nüchternes llochgemach. Nackte Wände, nackter Steinboden, von dem die schmiegsamen Sandeltafeln abgelöst sind. Eine öde, hochgebaute Scheuer aus grauen Quadern! Geraubt ist der Leuchter, der goldene Räucheraltar, der Tisch der heiligen Brote. Auch der vierfarbige Vorhang aus schwerem Wundergewebe ist fort. Leer klafft der Türrahmen ins Allerheiligste... (Schluß folgt)