Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 2 7. 1. 1938• Fabius Schach — 70 Jahre Ara 10. Januar 1938 rückt wieder ein alter Vorkämpfer de» Zionismus und Teilnehmer am ersten (und zweiten) Kongreß in die Reihen der allen Qarde unser«■ Bewegung ein. Aus der Nähe von Riga stammend, aus einer Haskala-gesättigten, volljüdischen Atmosphäre, Nachkomme des berühmten Sitte Kohen, betätigte sich Schach in vielen jüdischen örganisationen, am nachhaltigsten als Mitbegründer und erster Sekretär der Vorgängerin unserer ZVfD,, der ״Nationaljüdischen Vereinigung" in Köln, deren Seele und treibende Kraft er war. Später verband ihn die zionistische Arbeit aufs engste mit Wolfsohn und Bodcnheimer, mit Birnbaum, Motzkin und Schmarja Lewin. Schach kam zum Zionismus mehr vom Religiösen und Sozialen, als vorn Politischen und Nationalen. Aber auch seine Tätigkeit als Beamter, Redner, Redakteur und Journalist war umfassend. Von seinen Schriften sei die Broschüre: ״Eine auferstandene Sprache“ (1891) erwähnt, mit der er auf die neuhebräische Literatur aufmerksam machte. Schach gab auch die ersten drei ״Jüdischen Volkskalender" heraus, die er zum § roßten Teil selbst schrieb. Seme Anklageschrift: ״Volks- oder alonjudentum“ war eine der ersten zionistischen Fanfaren gegen die Gedankenlosigkeit der Assimilation. Wenn sich auch in späteren Jahren Schachs Wege von der Organisation trennten, so ist er doch stets positiv und nationaljudisch eingestellt geblieben. Schachs 70. Geburtstag ist ein Anlaß zu einer kleinen Reminiszenz an einen bedeutsamen Augenblick der zionistisehen Geschichte, nämlich an die Formulierung des Ba selerProgram m s. Wenn d'eses ״für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ erstrebt, so war es Fabius Schach, der die Diskussion, die auf dem ersten Kongreß zu dieser Formulierung führte, überhaupt erst in Fluß gebracht hat. Nordau hatte dem Kongreß den einstimmig empfohlenen Entwurf des »iebengliedrigen Programmausscbusses vorgelegt, in dem nur von einer ״rechtlich gesicherten“ Heimstätte die Rede war und der durcii Akklamation angenommen werden sollte. Schach. widerspra׳ noch auch g; der Heimstät Sicherung. (H lieh - rechtlich Schach, ais ci wurde — wc , Weder 1 nationalen Erfordernis! nur ״rechtliche“ Sicherung brauchen ״völkerrechtliche“ (■״riiflungsansprache ״öffentaufgenommener Heimstätte‘׳ au Schach war Kritiker; so w methoden und gediegenen Yol Erziehungsmitte als temperamen gen; er geilic Literatur jener . ili-Ausi .'chfliel 1 eg׳, eder forderte jüdische Tt erte ^iidiS( Annahme. Kongreß ein positiver irctisclien Propaganda-; und Förderung einer -entliehen zionistischen : Kongreß sali Schach ur- und Erziehungsfra- )crtiinchte, verkitschte nvercine und andere ist Schach als jikiiunermüdlich scher Publizist im Sin tätig (und den Lesern der ״Jüdischen Rundschau" bekannt — A. d. Red.) Dr. BrunoKirschner, Haifa Von den Marranen. Am 16. Januar findet in O porto (Portugal) die feierliche Einweihung der neuen Synagoge, die als ein Zentrum 11er Marranen (zum Schein im 16, Jahrhundert übergetretene Juden) in Oporto und Nordportugais gedacht ist, statt. Die Marranenbewegung hat in letzter Zeit einen recht starken Umfang angenommen, und es ist der Tätigkeit des Marranen-Komitces und der Gebefreudigkeit insbesondere Sir □v Kadoories zu danken, daß die schöne neue Synagoge, mit der auch eine Bildungsstätte für junge Marranen verbunden sein wird, errichtet werden konnte. An der Feier wird der stellvertretende Vorsitzende uriserer Gcmcin^de^ Rrclitsaira'ah^ Dr. Alfred Klee,;!lieh lincr Jüdische Gemeinde hat für die Marranen-Svnagoge eine aus der alten Synagoge in der Heidereutergasse stammende Thorarolle gewidmet. KKL-Arheit in Oxford. zuerst nach Oxford kam, lud wenn ich 'nieht''h,11׳d״di" Sa" Büchsen ungekmrt bleiben י theoretisch möglich ist. Da 1 dig wechselt, erfordert cs vi zu verfolgen. Fm wurde da!1 Uns wird geschrieben: Als ich fe ich noch gar keine Erfahrung KKL. ich sah jedoch bald, daß, inielarheit selbst übernahm, alle curdem Bald war es klar, daß et ähr pro Trimester auf diese t unter der Summe liegen, die amlich die Studentenschaft stänei Zeit und Mühe, alle Büchsen er beschlossen, die Büchsen auf י zu beschränken. M. N. Drei Jubilare Prof. Dr. Moritz Borchardt 70 Jahre, Am 6. Januar beging Geheimer Medizinalrat Prof. Moritz Borchardt in Berlin den 70. Geburtstag. Prof. Borchardt hat als Chirurg einen außerordentlichen Ruf erlangt. Auf dem Gebiete der modernen Chirurgie hat er Bahnbrechendes geleistet und wurde schon im Alter von 39 Jahren zum Leiter der chirurgischen Abteilung am Rudolf-Vircliow-Krankcnhaus ernannt. Im Jahre 1920 erhielt er einen Lehrauftrag. Auch als Lehrer der jungen medizinischen Generation leistete er Hervorragendes, so daß seine chirurgische Schule, deren Praxis in der chirurgischen Abteilung des Moabiter Krankenhauses durchgeführt wurde, einen hervorragenden Ruf erlangte. Besonders auf dem Gebiet der Hirn-, Rückenmarkuna Nervenchirurgie liegen seine speziellen Leistungen. Sein Ruf drang in viele Länder, so daß Kranke und Lernende aus aller Welt zu ihm strömten. Auch als Mensch und durch seine vorbildliche Auffassung vom ärztlichen Beruf ist Moritz Borchardt ein leuchtender Vertreter seines Faches. Mit der unübersehbaren Zahl seiner Patienten und Schüler bringt auch die jüdische Oeffentlichkcit dem Jubilar ihre Gratulation dar. Prof. Adolf Goldschmidt, der bekannte Kunsthistoriker und langjährige Ordinarius der Berliner Universität wird am 15. Januar 75 Jahre alt. Prof. Goldschmidt wurde 1863 in Hamburg geboren und gchlug zunächst die kaufmännische Laufbahn ein. 1892 habilitierte er sich mit einer Arbeit über den Albanipsalter in Berlin, wurde 1904 ordentlicher Professor in Halle und kehrte 1912 als Nachfolger Wölfflins nach Berlin zurück, wo er bis 1929 als Kenner mittelalterlicher Kunst wirkte. Adolf Goldschmidt gehört zu der Generation jüdischer Kunstgelchrter, die wie Marc Rosenberg über Goldschmicde-Merkzeichen, Max Lehrs über den Kupferstich des XV. Jahrhunderts und Max J. Friedländcr über Altnicderländische Malerei durch grundlegende Werke gereinigtes und vervollständigtes Material für die Kunstwissenschaft bereitstellten. Seine Hauptwerke ״Die Elfenbcinskulpturcn der romanischen Zeit (1911—1926) und ״Byzantinische Elfenbein- Skulpturen des X. bis XIII. Jahrhunderts“ (1930—1934) sind Musterbeispiele wissenschaftlicher Akribie, fn seinen Arbeiten über frühmittelalterliche Bronzetüren und deutsche Buchmalere! der karolingischen und ottonisehen Epoche weiß Goldschmidt mit vorbildlicher Sachlichkeit aus dem Detail das Ganze zu erschließen. Der Ernst und das Verantvvortungsbewußtsein des Historikers erklärt die Strenge seiner Methode. Zucht und Ernst seiner Schule wirkt bei seinen zahlreichen Schülern im In- und Ausland weiter. Dr. Irmgard Schüler Au» Oslo wird uns berichtet: Am 27. Januar begeht die wissenschaftliche Welt den 50. Geburtstag eines Mannes, der von den wissenschaftlichen Kreisen seines Fachgebietes als die größte Kapazität bezeichnet wird. V. M. Gold- Schmidt bekleidet in Oslo eine ordentliche Professur für Mineralogie und Geologie. Er ist zugleich Direktor des geologischen Museums der Osloer Universität. Der Jubilar wurde in Zürich geboren als Sohn des vor einem halben Jahr verstorbenen Professors Heinrich Jacob Gold- Schmidt. Als der Vater im Jahre 1901 zum Professor der Chemie an der Kgl. Frederiks-Universität in Oslo ernannt wurde, kam auch er nach Norwegen. Im Jahre 1929 erhielt Goldschmidt einen Ruf nach Göttingen; seit Frühjahr 1936 ist er wieder Professor in Oslo. Prof. Goldschmidt fungierte als Vorsitzender im Rohstoffkomitee des norwegischen Staates 1917-1930. Er erhielt 1912 den Fridtjof-Nansen-Preis, ist '!irendoktor von Freiburg i. Br. (1931) und Utrecht (1936). Fa Jahre 1929 wurde er Ritter der 1. Klasse des St. Olav- Ordens. Prof. Goldschmidt ist Mitglied der Wissenschaftsakademien von Oslo, Stockholm, Leningrad, Göttingen, Halle, Wien, Rom, Ehrenmitglied und korrespondierendes Mitglied einer Reihe von geologischen und mineralogischen Gesellschaften! in Europa und Amerika. Die Hebräische Universitat Jerusalem hat in ihm einen warmen Freund und Förderer. Er ist Vorsitzender des ״Kollegiums der Freunde der Hebräischen Universität“. Auch die jüdische Wissenschaft und die jüdis׳-tv• Welt werden ihm ihre Dankbarkeit nicht versagen. Rabb. Julius Samuel, Oslo Jüdisches aus Stockholm Von unserem Berichterstatter H. R. Stockholm, 5. Januar Der Palästina-Film der ״Hatikwah“ erlebte seine schwedische Uraufführung am 2. Januar im Stockholmer Gemcindesaal, der bis zum letzten Platz gefüllt war. Ernst Blumenthal, Jerusalem, hielt ein״ kurze Ansprache. Sodarin verlas Frl. Jossie Granditz, ky ein von Franz Arnheim verfaßtes Gedicht: ״Erez Israel“. Der Film IFESTfl Strample, siriGhuiaren j tiHsetie, I Btn.-scnöneCg.ן Qrunewaldstr. 56 | a.Bay.PI. Tel. 71 3813 | hinterließ bei dem Publikum stärksten Eindruck. Als Vor- *piel zeigte man den Film der ״Jüdischen Runds c h a 11“, der allgemeines Interesse hervorrief. Die Berliner Malerin Lotte Laserstein stellt erstmalig in der Stockholmer Galerie Moderne aus; ihre realistische Kunst (besonders schön die beiden jüdischen M:idchenköpfe) machte auf Presse und Publikum einen guten Eindruck. 1111 Stockholmer ״V e c k o - J o u r n a 1 c n“ sprechen sich verschiedene schwedische Persönlichkeiten über das Fliichtlingsproblem in Schweden aus und fordern die Allgemeinheit zur positiven Mitarbeit und Hilfe auf. ״Es sei der nordischen Staaten unwürdig“, so schließt der Artikel, ״daß eine ältere jüdische Frau zwischen den skandinavischen Staaten hin und her reisen müsse, ohne sich länger als drei Monate irgendwo aufhalten zu dürfen/■ jüdisches in Schweden. Zu dem in Nr. 101 (1937) veröffemlichten Artikel über Judentum in Schweden erhalten wir noch folgenden ergänzenden Beitrag: Das Landsehulheim ״K r i s t i n e h o v“ in Südschweden wurde 1m April 1934 von Dr. L. Posener und seiner Frau mit der Unter- Stützung schwedischer jüdischer Gemeinden gegründet. Es hat sich in den vier Jahren seines Bestehens aus kleinen Anfängt 11 zu einem umfangreichen Betrieb entwickelt, der heute 4ü Schüler und einen Stab von zehn Fachlehrkräfter: umfaßt. Außer den eigentlichen Schülern werden in Kristinehov noch acht Chawcroth des Makkabi Hazair betreut, die dort ihre hauswirtsehaftliche Hadisrharah durchmachen. Die Schule hat sich für ihre pädagogische Arbeit zwei Hauptziele gesetzt: sie will bei der ihr air-Tirauten jüdischen Jugend Liebe und Interesse für die praktische Arbeit wecken, und sie will ihr einen Vorrat geistigen Wissens vermitteln, der es ihr ermöglicht, ihr späteres Leben sinnvoll zu gestalten und auszufüllen. Die praktische Ausbildung umfaßt in der Form einer Vorlehre Unterricht in Gartenbau, Tischlerei und Schneidern. In der schulischen Arbeit werden neben den allgemeinbildenden Fächern des geistes- und naturwissenschaftlichcn Unterrichts besonders Hebräisch und Englisch als Pflicht und Französisch als Wahlfach gepflegt. Starker Nachdruck liegt auf den jüdischen Dingen. Hier dient vor allem die intensiv betriebene Palästinakunde dazu, die Verbindung mit dem Aufbau im Lande herzustelien. Die jüdischen Feste spielen eine wichtige Rolle im Leben des Heims. Die Schule hat sich auf Grund dieser Tendenzen immer mehr zu einem Mittelpunkt jüdischer und zionistischer Arbeit in Südschweden entwickelt. Sie bildet auch das Zentrum für eine ״Aeltercn-Hachscharah-Gruppe“ des Makkabi Hazair. Die Chawerim erhalten hebräischen und englischen Unterrieht von Lehrern der Schule und haben auch sonst weitgehend Gelegenheit, an der geistigen und Gemeinschaft*- atmosphäre aes Heims, an schulischen und festlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Dr. Ernst M. Wolf <ke.frütkk Hi■ Am der ״JflJISUIKN HUNDSCHAU“ \um 3.1.1913: ln London hat sich ein ״Albanisches Komitee“ gebildet. In der ersten Resolution, die diese Korporation verschiebt, wird u. a. für die ״Muselmanen und Juden“ der Balkanländer Schutz und Anerkennung ihrer Rechte gefordert. Signor Ernesto Nathan wurde zum scchstenmal zum Bürgermeister von Rom gewählt. Auf ihn fielen 59 von 70 abgegebenen Stimmen. Wie in früheren Jahren fand auch in diesem Jahre an einem Channkahahcnd die Generalversammlung der Mitglieder von Tel Aviv statt... Der Voranschlag für das kommende Jahr, der vom Vorstand der Generalversammlung unterbreitet, wurde, beträgt 18 090 Francs. ״Damit du lebest“ Aus dem Jirmijah-Roman ״Höret die Stimme“ Von FRANZ WERFEL 5. Fortsetzung■ Als er aber durchs Tor hindurch den ersten Schritt in die Stadt tut, wirft sich auf ihn der würgende Pestgeruch, den Jerusalem aus faulendem Fleisch und verkohlendem Schutt weit hinaus.sendet ins Land. Zion, die hochgebaute, die freudige, hat sich in einen einzigen Stinkpfuhl verwandelt, in eine riesige ״Zisterne des Königssohns“. nur tausendfach greulicher noch. Ja, hinabgestürzt in den Stinkpfuhl hast du die 1 ochter, die Purpurgewandete, die der jungen Hamutal glich, die Schöngeschmückle, Ueppige, mit ihren gemalten Brauen und vergoldeten Nägeln, unausdenklieh, unausfühlhar. Was sind Gesichte der Nacht, auch die schärfsten, gegen dieses Gesicht, des hellen Nachmittags, der das Entsetzen in Gold faßt, ohne Kummer'? Ich hab’s ja geschrien und ausgerufen und ahgemait, immer lind immer wieder. Doch ein bläßlicher Vorschauen nur waren die Angstgesichte, Herr, die du in mir erwecktes;, ״egen dieses, gegen dieses Wahrgcsieht! Hier durch diese Gasse bin ich geeilt und habe zum Gcspötte der Buhen geschrien aus meiner Angst: ״Sehet euch um und rufet die Klageweiber zuhauf, daß sie kommen! Sendet zu den kundigen Frauen, damit sie sich beeilen und ein Jammergeheul über uns erheben!“ Ja, du hast sie schnell gesandt, die Klageweiber. I'lügelschlagend krächzen, schrillen und kreischen sie hoch über mir. Wie treu hältst du dein Verspreche■»! Gleich dem Dünger liegen die Leichen, wie Garben hinter dem ausschreitenden Schnitter, die niemand aufliest und bindet. Wehe, nicht nur gehalten, sondern verzehnfacht hat die Erfüllung dein Wort. Und ich habe gehofft bis zur letzten Stunde, daß auch in dir Uebertreibung ist, wie in des Menschenkindes Rede. Wahrhaftig, nun ist der Tod in all ihre Fenster gestiegen und in die Hallen der hohen Paläste gestürmt. Die spielenden Kinder »t«״ hat er an der Hausmauer zerschmettert und die fliehenden Jünglinge in den Rücken getroffen. Wonne der Mütter, duftiges Lebensfleisch, Milch und Blut ohfte Falsch, schöncschwungcne Hände und Füße, Gliederchen voll süßer Zier, ast du sie nur gepflanzt, um sie zu zertreten!? Ich komme um Antwort, unnachgiebig an diesem Tage. Ich betrete zum letzten Male dein zerstörtes, entweihtes Haus, um zu sehen, zu hören, zu wissen! Darum dringe ich mit zusammengebissenen Zähnen durch diese Hölle, die kein Traumreich ist wie Apeps Gau in der Amenti, sondern Wirklichkeit! Unaufhaltsam geht Jirmijah diesen schwersten Weg all seiner \Vege, schwer nicht allein für die Seele, sondern auch für die Füße. Wie vermöchte man rasch vorwärts zu kommen in diesem beständigen Trümmersturz und Stcinschlag, der alle Gassen verlegt und unkenntlich macht, so daß man nicht weiß, ob man innerhalb oder außerhalb der zerhlimmerten Häuser wandert. Es Ist wie ein sinniger Fluch, daß der Tartan nur diesen einzigen Weg offen'häll, der Jirmijah zwingt, die ganze Stadt vom Süden her zu durchqueren, um zur Burg und zum Tempel zu gelangen. So geht kein Stäubehen seinen Sinnen verloren. Auf und ab führt die schreckliehe Wanderung. Hier muß ein Stockwerk erstiegen, dort eine Sturzgrolte durchkrochen werden, um auf der Gasse weiter zu kommen, die keine mehr ist. Der Fuß stolpert bei jedem Schritt, bleibt zwischen Quadern hängen, um die es sich schon giftig grün rankt wie aus einem fauligen Sumpf. Mitunter aber tritt die Sohle auf Weiches, Giltschiges, und dann fährt es wie ein Blitzschlag durch das Leben des Lebens. Verdreht und verkrümmt liegen sie da im Schutt, die Kinder Rahels, und blecken ihre schwarzen, oft schon geplatz.ton Angesichter höhnisch zum Himmel. Jedes dieser toten Kinder Rahels ist eine unnachgiebige Frage an die Undeutlichkeit Zebaoths. Jirmijah nimmt all diese Fragen in die »einige auf. Die Geier mit ihren rötlich langen Rumpelhülsen im struppigen Gefieder lassen sich durch seinen Schritt nur wenig stören. Sie hüpfen zwei Ruten weiter und sind wieder bedient. Dann und wann prellt die niedrig schleifende Kruppe einer prallgefressenen Hyäne blitzschnell ins Gemäuer wie ein unanständiger Gedanke. Manches Haus hat der Gerichtstag plötzlich überrascht. Das zeigt der mit Bechern und Schüsseln gedeckte Vatertiseh, der aufrecht steht in schreekerstarrter Traulichkeit. Nur die Stühle sind beim Aufbruch der vergeblich Flüchtenden umgeslürzt. Endlich hat Jirmijah die Unterstadt, die Unterwelt überwunden und steht vor dem Südtor der Hofburg. Hier haben die rasch hcrangeführten Geschütze Babels riesige Breschen in die Mauern gelegt und die Torflügel eingetrümmert. Ueberall sieht man die Spuren der letzten Schlacht, die iin innersten Bezirke die königliche Leibwache den Eindringenden geliefert hat. Wurfspeere, Stoßlanzen, Pfeilbündel, Schleudergeschosse liegen zuhauf, und das weiße Steinpflaster ist schwarzgemustert von vertrocknetem Gallenblut. Hier atmet Jirmijah ein wenig auf. Der Tartan war selbstsüchtig genug, die Leichen der im Kampf Gefallenen ins Kidrontal hinabschleudern und verbrennen zu lassen, damit die Schatzgräber Babels kein Gestank und keine Seuchenangst bei der Arbeit störe. Jirmijah durchschreitet das Burgtor. Noch immer glimmen und qualmen die tausendjährigen Zedernbalken des zusammengesunkenen Libanon« aldhauses Gericht shalle und Thronhalle, die AintspliUze, die Wohnpaliiste, das Frauenhaus, die Nebenbauten, die Stallungen, Vorratshäuser, Wachtzimmer, Türme, rauchend Sturz neben Sturz, Schutthaufen bei Schutthaufen, aus denen Flammen schlagen. Auf dem Wachthof seiner Gefangenschaft läßt sich Jirmijah nieder. Er sendet seinen wieder ruhigen Blick aus. Wie klein ist dies alles doch im Baufall, was ihm einst im Baustand so groß erschien! Jedes zerstörte oder abgetragene Haus, Und sei es ein Palast Mardukhs gewesen, ist in seiner Nichtigkeit erschreckender als ein Grab. Fs zeigt, wie wenig Fläche, wie wenig ״Stelle“ der Mensch mit seinem ganzen Lebenswirbel und Machthaben zu bedecken vermag. Plötzlich wird Jirmijah zornig über sich selbst, daß er Baruch als höchste Verheißung auf dieser tödlichen Erde zugesprochen hat, er würde sein!,eben ״zur Beute“ haben. Nun versteht er den Jünger, der dieses Wort grimmig zurückwies. O klägliche Verheißung, nichts anderes zur Beute zu haben als dieses Leben; noch einige Tuge oder Jahre länger sich hinschleppen z.u dürfen, nach solchem Dienst, nach soviel Plage und Vergeblichkeit! Jirmijah beginnt inmitten der zerstörten Burg eine Unterredung mit Adonai zu 2554^7