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Jüdische Rundschau · 1938-01-04 · Heft 1 (4.1.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 1 (4.1.1938)
Date
1938-01-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄS TI NA- B LATT Das Experiment der Wirtschaft Einwanderung, Wirtschaftsfestigkeit, Lebensstandard Von unserem palästinensischen Korrespondenten g I. T € 1 A v i v, im Dezember 1937 PrDfungszelt Perioden der aufsteigenden Konjunktur sind in Palästina Zeiten der Experimente. Konjunkturen in Europa sind ein Wiederaufsteigen aus den Niederungen der Depression in die Höhen der blühenden Wirtschaft; in Palästina bringen sie eine Ausdehnung der Wirtschaft und ein Uebergreifen auf neue Gebiete. Einmal war es die Orangenpflanzung, die im Mittelpunkt der Investitionen stand; ein anderes Mal die Anfänge einer schüchternen, halb handwerklichen Industrie; ein drittes Mal der Ausbau des Handels aut moderne und komfortable Art; und schließlich wieder neue Industrie- Unternehmungen, dieses Mal schon auf anspruchsvolleren und breiteren Grundlagen. Da alle diese Versuche unter unbekannten oder halbbekannten Bedingungen unternommen wurden, trugen sie zu einem guten Grade den Charakter von E x - perimenten. Sobald die Konjunkfurwelle sank, mußte sich erweisen, ob diese Experimente einer andersgearteten und geschrumpften Wirtschaft standhalten konnten. In vielen Kreisen erhoffte man sich von der Depressionszeit auch eine Gesundung, denn sie erzwingt genauere Kalkulation, bessere Organisierung, die Ausschaltung der schwächsten Unternehmungen. Aber nicht mir der einzelne Betrieb mußte seine Stabilität und Leistungsfähigkeit erweisen, sondern der gesamte Wirtschaftsbau. So ist es erklärlich, daß heute Fragen laut werden, die weit ausgreifen: ״Hängt nicht sehr viel in der jüdischen Siedlung, wie sie sich in den letzten Jahren gestaltet hat, hauptsächlich von Kapital Zuflüssen von außen ab? Wird sich diese Wirtschaft auch ohne diesen vom Ausland kommenden Zustrom halten können? Haben wir es hier nicht mit einem künstlichen Gebilde zu tun, das sich selbst überlassen, über kurz oder lang zusammenschrumpfen und verkümmern muß?“ Diese Fragestellung tauchte — und das ist charakteristisch — während der Konjunktur nicht auf. Denn da empfand jeder die Einwanderung und den Geldzufluß aus der Golah als eine selbstverständliche und organische Erscheinung. Man nahm sie so natürlich, daß man vielfach bei der Anlage von neuen Geschäften und Betrieben sie als konstant und dauernd unterstellte und daher in dem Moment, wo sie sich stark verkleinerte, in Rcntabilitätssdnvierigkeiten geriet. Heute findet man wieder die umgekehrte Erscheinung. Unter dem Druck der bestehenden ökonomischen Schwierigkeiten und da man nicht weiß, wann der befruchtende Strom der Einwanderung wieder in mächtispr Breite zu fließen heginnt, stellt man sich — mit übertriebener und daher kurzsichtiger — Schnelligkeit um und verlangt von der Wirtschaft, daß sie sich unabhängig mache und gelöst von der Befruchtung von außen reüssiere. Beide Einstellungen sind falsch. An die letzte große Eiriwanderungswelle wurden übertriebene Hoffnungen geknüpft, indem man vor allem annahm und forderte, daß sie sich dauernd auf der Maximalhöhe halte und sich in Voranschlägen und Marktberechnungen entsprechend einrichtete. Heute besteht die Gefahr, daß man das Kind mit dem Bade ausschiittet und von der Wirtschaft erwartet und verlangt, sie solle sich auch ohne Hilfe von außen selbst tragen. In einem Kolonisationsland wie Palästina ist Immigration eine organische Erscheinung, die ins ökonomische Kalkül eingestellt werden muß und darf, denn der ganze Kampf des Zionismus geht ja nicht um Stabilisierung des Bestehenden, sondern um seine Erweiterung. Andererseits darf man auch nicht in den Prosperityfehler verfallen, die Einwanderung als ein Allheilmittel für alle wirtschaftlichen Krankheiten anzusehen. Auch eine Masseneinwanderung kann ungesunde Grundlagen nicht heilen, sie kann sie nur für eine bestimmte Zeit fast bis zur Unsichtbarkeit überdecken. Importierte und einheimische Depression Die richtige Erkenntnis der im Lande herrschenden Verhältnisse wird erschwert durch die Ueberschneidung und Ueberdeckung zweier Arten von Krise. Wir haben einerseits wirtschaftliche Schwierigkeiten durch die Schrumpfung d ct Einwanderung. Andererseits entwickeln sich in Palästina bereits die ersten Anzeichen der ״normalen“ kapitalistischen Krisen, wie wir sie aus der europäisch-amerikanischen Welt kennen und die daraus entstehen, daß Produktion und Konsum nicht miteinander in Einklang gebracht werden können. Durch die Ueberschneidung der beiden Arten von Krise werden sie oft verwechselt oder auch übersehen. Freilich ist in der ökonomischen Literatur des Landes in den letzten Jahren vielfach auf diese Tat- Sachen hingewiesen worden, und sie wurden auch mit Ziffern und Beispielen belegt. Letzten Endes wird der Wirtschaftsablauf im Lande von vier Faktoren bestimmt: wir haben eine eigenständige jüdische Wirtschaft, die sich nach ihren eigenen Gesetzen entwickelt und sich aus eigenen Kräften speist. Dieser Sektor schmilzt mit den Jaiiren immer neue Teile in sich ein, die er aus dein zweiten Faktor, der ״Immigrationswirtschaft“ aufnimmt, wodurch er stärker und breiter wird. So gehören zum Beispiel Fabriken im Aufbau- Stadium, u׳enn sie Kapital und Arbeit atifnehmcn, aber noch nicht produzieren, zum (mmigrationsteil, ebenso Pflanzungen, bevor sie Frucht tragen. Mit dem Moment, wo die Produkte der Fabriken auf dem Markt erscheinen, die Orangen verschifft werden, gehören die Betriebe zur eigenständigen pafästinensischen Wirtschaft, und sie unterliegen in bestimmten Zeiten dem dritten Faktor, nämlich dem Aut und Ab, wie es sich innerhalb der Landeswirtschaft als eines jungen kapitalistischen Körpers abspielt. Schließlich wirkt als vierter Faktor der Weltmarkt mit seinen Schwankungen ein, dessen Launen wir gerade auf unserem größten Exportgebiet, dem Orangenmarkt, gut kennen. Wellenbewegungen auf lange Sicht Mit dem Moment, wo man die Prosperity schwinden und den drohenden Schatten der Krise am Horizont auftauchen sah, stellte man die ängstliche Frage, ob Palästina sich überhaupt halten könne, wenn nicht der dauernde Zufluß von außen käme. Man sprach von einem künstlichen, von öffentlichen Geldern gestützten Gebilde. Manche gingen so weit, zu sagen, daß, so wie man früher Juden nach Palästina geschickt hätte, um zu beten, und sie dafür mit Spenden aus dem Galuth erhielt, man heute in Palästina Menschen ansiedelt, ohne daß sie auf eigenen Beinen stehen können. Man muß aber bei einer palästinensischen Wirtschaftsbetrachtung eine Grundtatsache im Auge behalten: aut lange Zeit hinaus werden Einwanderungswellcn und -chben zu den normalen Lebenserscheinungen gehören. Wie immer sich auch die politischen Aspekte gestalten mögen, ob ein Judenstaat errichtet wird oder nicht — jede Lösung muß jüdische Immigration in sich schließen. Und diese wird auch bei bester Regelung nicht gleichmäßig sein, sondern sich i n Wellenbewegungen vollziehen. Daraus ergibt sieh, daß die Wirtschaft auf lange Zeit hinaus nicht aus ihren eigenen Kräften allein gespeist wird, sondern dazu auch neue Mensehen und neues Kapital aufnimmt und verdaut. Das ergibt dann Konjunkturen und Depressionen, deren Rückstöße man freilich durch weitschauende Politik stark abmildern kann Hält man sich diese Perspektiven vor Augen, so ergibt sich zugleich, daß — Judenstaat oder nicht — die erste Unterbringung dieser neuen Menschen nicht von den ökonomischen Kräften des Landes selbst geleistet werden kann und ihre Ansiedlung noch weniger. Es ist wichtig, diesen Punkt heute zu betonen, da vielfach falsche Ideen über die Möglichkeiten bestehen, die sich einem Juden- Staate allein durch seine Regierungsmaschinerie eröffnen würden. Richtig benutzt, kann diese Maschinerie eine Reihe von Flindernisscn hinwegräumen, die heute die Siedlung hemmen. Die großen Mittel jedoch, die für neue Siedlung, für die Unterbringung größerer Immigrantenmassen notwendig sind, müssen nach wie vor von der Judenheit der Golah (die die Einwanderer ins Land schickt), geliefert werden. Bisher hat jede neue Einwandcrungswelle im Lande einen neuen Wirtschaftssektor gebildet, der später mit der älteren Wirtschaft verschmolz, sie veränderte und verstärkte. Es war bisher niemals möglich festzustellen, wie und aut welcher Höhe sich dieser bodenständige Wirtschaftskörper gehalten hätte, wäre er nicht nach einer bestimmten Zeit von neuen Immigrationswellen mit lebenspendenden Stoffen bereichert und in den Uebergangsperioden aus nationalen Quellen gespeist worden. Und es wird auch in näherer Zukunft niemals möglich sein, das festzustellen. Denn auf lange Zeit hinaus wird die palästinensische Wirtschaft Sektor auf Sektor ansetzen, neue Einwanderungswellen empfangen, sie abschwellen sehen, unter den Rückstößen dieses Abscnwellens leiden, die neuen Elemente unter Schwierigkeiten assimilieren und schließlieh wieder neue Immigration aufnehmen. Der gesamte Körper ist auf dieses Wachstum eingestellt, erhält erst dadurch seinen Sinn Je nach dem Reichtum und der Eignung der Immigration werden die Rückstöße in den Zwischenzeiten stärker oder schwächer spürbar sein, je nach der Größe und der gesunden Widerstandskraft der Wirtschaft werden sie leichter oder schwerer überwunden werden. Ehe jedoch der Sättigungsgrad Palästinas für die Immigration nicht erreicht ist (und die Experten sind sich ja durchaus nicht einig, wann dieser erreicht sein wird), besteht gar keine Möglichkeit, die oben erwähnte Frage zu beantworten, oh die Wirtschaft im Lande sich aus eigenen Kräften halten kann. Die Ein w ander ungistein organischer Teil der Palästina Wirtschaft, und wenn nicht ein politisches oder sonstiges Unglück die Immigration plötzlich für lange Zeit drosselt, werden wir gar nicht die Möglichkeit bekommen, die jüdische Wirtschaft in statischem Zustande, unabhängig von Zuflüssen von außen zu untersuchen. Es ist nur selbstverständlich, wenn in Krisenzeiten die nationalen Instanzen (wie jede Regierung) überall stärker eingreifen und helfen müssen. Natürlich wird jeder einzelne Betrieb sich so bald wie möglich auf eigene Beine zu stellen suchen, und die Wirklichkeit allein zwingt ihn dazu. Das Ideal einer von äußeren Kräften (und das heißt sowohl nationalc Fonds wie auch Einwanderung) unabhängigen Wirt- Schaft ist ein Schemen, denn wenn sich das Nationalheim entwickeln soll, wenn es dynamisch und nicht statisch gedacht ist, so braucht es für sein Wachstum sowohl öffentliche Gelder wie Immigration. Der Lebensstandard Ist somit die Frage nach der ״Unabhängigkeit“ der jüdischen Wirtschaft eine heute theoretische und deshalb utilösbare, so gibt es doch eine Teilfrage, die sich in der tägliehen Realität sehr energisch aufdrängt. Sie lautet: Welchen Lebensstandard kann die palästinensische Wirtschaft den Juden bieten? Die Höhe des Lebensniveaus hat sich besonders in den Jahren der Konjunktur außerordentlich gesteigert, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande. Das lag nicht nur an der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung, die dazu führte, daß mehr «nd besser produziert wurde als früher. In der Hauptsache ist der größere Komfort der Jahre 1934—1936 darauf zurückzuführen, daß eine große Einwanderung aus Mitteleuropa, insbesondere aus Deutsch- 1 a n d ins Land kam, die aus dem gehobenen Mittelstände stammte, größere* Kapitalien und die ״Tradition eines bequemen Lebens mitbrachte, in dem gutes Wohnen, entsprechendes Essen, gepflegte Kleidung, Ausnützung verschiedenster arbeitsparender Maschinen, Interesse für Bücher und künstlerische Dinge weit verbreitet war. Es war kein Zufall, daß gerade die Einwanderung aus Deutschland eine Revolution im Wohnen und in der Ausstattung dgr Wohnungen sowie im Detailhandel mit sich brachte. Die Ansprüche, die ein Einwanderer aus dem Jemen an zivilisatorische Errungenschaften stellt, sind nicht höher als Ur. Weizmann besieht igle vor einigen Tagen den Hajen von Tel Aviv- Links: Der Direktor der Anglo-Palestinc Bank Iloofien; rechts: l'rmi Vera Weizmann Foio:!.••■r Dünn» die eines Fellachen. Für ihn genügt ein Lolin, der für einen Einwanderer aus Polen unter dem Existenzminimum liegt, und ein Mittelständler aus Deutschland wieder hat weit höhere Bedürfnisse als sein Arbeitsgenosse aus Ost- Europa. Unter diesen Umständen ist vielfach die Einwanderung nach Palästina für einen Mann aus einer Kleinstadt Polens eine Standardhebung, er gewöhnt sich an zivilisatorische Annehmlichkeiten, die er in seinem Heimatlande nicht gewohnt war. Für den Einwanderer aus Deutschland ist die Sache oft umgekehrt. Er muß, wenn er nicht sehr viel Kapital mitgebracht hat oder ungewöhnlich viel verdient, von seinem Standard nachlassen, manchmal aus einem Mittelständler zum Proletarier werden. Heute ist im Zusammenhang mit der Depression der Lebensstandard natürlich allgemein stark im Sinken, Da die schrumpfende Kaufkraft nicht allein die Arbeitslosen berührt — die ja immer noch eine relativ geringe Zahl der Gesamtarbeiter umfassen —, sondern auch fast alle Arbeitenden, da die Löhne sinke n, die Geschäfte schlechter gehen, überall gespart wird, ist die Senkung des Lebens- Standards eine durchgehende Erscheinung. Vermutlich wird sich das in der kommenden Konjunktur wieder zum Guten wenden, besonders wenn die Einwanderung von entsprechenden Mitteln begleitet ist und aus Komfort gewohnten Ländern kommt. Abstrahiert man aber einen Augenblick von der Imrnigration und ihren Folgen, so erhebt sich die Frage, welchen Standard die palästinensische Wirtschaft als solche zu bieten vermag. Die Frage ist, absolut gesehen, heute ebenso wenig zu beantworten, wie die frühere, ob die Wirtschaft sich ohne Mittel von außen zu halten vermag. Denn der Standard ist ja die Folge der wirtschaftlichen Produktivität. Ls gibt aber hier noch eine Eigentümlichkeit, nämlich die Beeinflussung des jüdischen Standards durch den arabischen. Jüdische Arbeit findet in der arabischen ihren billigeren Konkurrenten, jüdische Produkte — heute nur landwirtschaftliche, weil es arabische lndust״:cn kaum gibt — stoßen auf wohlfeile arabische. Ueber die Landesgrenzen hinaus muß die palästinensische Wirtschaft mit den Nachbarländern rechnen, die einen sehr niedrigen Lohn- und Lebensstandard haben, und zwar überall, von Irak bis Aegypten. Es ist einleuchtend, daß die Existenz großer, aut niedrigem ökonomischen Niveau lebender Blocks geeignet ist, den Standard der jüdischen Wirtschaft herabzudrücken. Die Entwicklung des letzten Jahrzehnts hat jedoch andererseits gezeigt, daß der höhere Standard der Juden auch den arabischen beeinflußt. Der palä st inensische Araber erhält heute sehr viel höhere Löhne als der in Aegypten oder Syrien. In dieser Entwicklung liegt der Schlüssel für die Lösung des schwierigen Problems. Das letzte Ziel einer palästinensischen Wirtschaftspolitik muß die A 11 g 1 e i c h n 11 g des arabischen an den j ü - discheti Lebensstandard sein, und 7.\?ar durch Hebung des niedrigen und nicht durch Senkung des höheren. Selbstverständlich wird ein solcher Prozeß sehr lange Zeit in Anspruch nehmen, er läßt sich jedoch durch eine zielsichere Politik — wie sie in dieser Richtung zum Beispiel im projektierten Judenstaate geboten wäre — beschleunigen. Der Einfluß der benachbarten, mit der jüdischen eng verflochtenen arabischen Wirtschaft ist einer der Faktoren, die den jüdischen Lebensstandard auf absehbare Zeit hinaus aut einer relativ bescheidenen Stufe halten müssen. Weiter Eine Straße in der ersten Bau• sparsiedlung Palästinas, der ״Schechunath Tel Korati“ it) Ness Zionah.

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