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Jüdische Rundschau · 1938-01-04 · Heft 1 (4.1.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 1 (4.1.1938)
Date
1938-01-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RONDSCHAB Nr. 1. 4.1.1938 Kleine Nachrichten Zwischen dem Oberrabbiner von Rom, Prof. David Prato (früher Alexandrien), und dem Rat der dortigen Jüdischen Gemeinde ist ein Konflikt wegen der zionistisehen Haltung Prof. Pratos ausgebrochen. Die nichtzionistiselten Mitglieder des Rates kritisierten diese. Prof. Prato wurde beurlaubt und hat sich auf eine längere Reise nach Aegypten und Palästina begeben. Prof. Brodetsky hat bei einem Besuch in Dublin mit De Valera die aktuellen Palästinafragen besprochen. Moses van Ge!deren, der Führer der Agudah in Holland, ist in Amsterdam gestorben. In Wien starb im Alter von 81 Jahren Redakteur Gustav Grünhut, der Jahrzehnte hindurch als Berichterstatter für Gcmeindeangelegenheiten tätig war. Grünhut wirkte in dieser Eigenschaft auch seinerzeit in der ״Wiener Morgenzeitung“. Hofrat Siegfried Gerstmann in Wien starb im 81. Lebensjahr. Hofrat Gerstmann war früher Direktor des Zentral- Tax- und Gebührenbemessungsamtes und galt auf dem Gebiete des Gebührenwesens als einer der hervorragendsten Fachmänner.^ Der Verstorbene war seinerzeit Präsident der Baron- Hirsch-Siiftung und viele Jahre Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde. Am 9. Januar findet in Uzhorod die Einweihung des neuen Schulgebäudes für die hebräische Volksschule und des hebräischen Gymnasiums statt. Dr. Walter Fisch el (Jerusalem), der vorübergehend in Amerika weilt, hielt mehrere Gastvorlesungen an jüdischen und!lichtjüdischen Institutionen. Er sprach u. a. im Jeschiwa- College in New York, im Hebrew Union College in Cincinnati, auf der jüdischen Lehrerkonferenz in Ohio, vor dem State Teaclier’s College in Chicago. Ein großer öffentlicher Vortrag fand in New York, im Temple Emami-El, statt unter dem Vorsitz von Edward M. Warburg. Die ״Jcwish Academy of Arts and Sciences in America‘1 wählte Dr. W. Fische! "zu ihrem korrespondierenden Mitglied. Rechtzeitige Information vor Auswanderung! Der Hillsverein gibt folgendes bekannt: ln letzter Zeit häufen steh die Falle, in denen Au.-wantlerer dadurch schweren Schaden erleiden, daß sie es versäumt haben, sieh rechtzeitig an sachkundiger Stelle zu informieren. Dies fuhrt leicht zur Außerachtlassung wichtiger gesetzlicher Formalitäten, die zur Erteilung eines Visums vom Einwanderungslande gefordert werden, und somit mindestens zu Zeit- und Geldverlusten für den Auswanderungswilligen. Häufig werden aber auch bei der Einwanderung selbst in Unkenntnis der Zollvorschriften oder der wirtschaftlichen Verhältnisse im Einwanderungslande Fehler begangen, die den Einwanderer teuer zu stehen kommen. Aus solchen Gründen liegt es im dringendsten Interesse des Auswanderers, sich b ei den zuständigen Berat u!1 g s - Ausreise zu erkundigen, und zwar gerade auch dann, wenn er eine finanzielle Hilfe nicht benötigt. Die Berater des Hilfsvercins verfügen über eine Fülle von Informationen, die für jeden Auswanderer von Wert sind. Fortbildung englischer Sprachlehrer. Die Schulabteiiung der Reichsvertretung teilt mit: An vielen Orten bestehen englische Sprachkurse zur Vorbereitung Erwachsener und Jugendlicher für die Auswanderung. Da die Lehrkräfte dieser Kurse bisher im allgemeinen wenig Gelegenheit zur Fortbildung im Englischen hatten, sind von der Schulabteilung der Reichsvertretung entsprechende Einrichtungen ins Leben gerufen worden. _ Alle Lehrkräfte, die in solchen Kursen englischen Unterricht erteilen, werden gebeten, sich in Verbindung zu setzen mit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Schulabteilung, Bcrlin-Charlottenburg, Kantstr. 158. Neuregelung in der Gesundheitsfürsorge. Mit Wirkung ab 1. Januar hat die Reichsvertretung (Zentraiwohlfahrtsstelle) eine neue einheitliche Regelung auf dem Gebiete der jüdisehen Gesundheitsfürsorge geschaffen. Organ der Gesundhcitsfürsorge in den verschiedenen Fürsorgehe'zirken ist der ehrenamtliche Bezirksarzt, ihm obliegt die Aufsicht über die An- Stalten, Schulen, Berufs,aushildungsstütien, Kindergärten und Horte seines Bezirkes. Er wirkt außerdem bei der’Verteilung der Mittel für die Tuberkulose- und Heilkurenfälle seines Bezirkes mit. Durch diese Regelung soll insbesondere die Ge- Sundheitsfürsorge-Bescheiniguiig der in den letzten Jahren neu geschaffenen jüdischen Einrichtungen gewährleistet werden. Lord Melchett schwer erkrankt London, 2. Januar. Henry Lord Melchett ist vor einigen Tagen an einer schweren Herzattacke er• krankt. Die behandelnden Aerzte haben ihm für die nächste Zeit absolute Ruhe vorgeschrieben. Nach den letzten Meldungen ist im Befinden des Patienten, der im 40. Lebensjahr steht, eine Besserung eingetreten. Lord Melchett ist in liäuslieber Pflege und weilt in seinem Landhaus Sharnbrook (Bedfordshire). Lord Melchett, der zweite dieses Namens und Sohn Sir Alfred Monds, ist bekanntlich Vorsitzender des Council der Jewish Agency und begeisterter Zionist. Die Nachricht von seiner Erkrankung hat in jüdischen Kreisen große Teilnahme hervorgerufen. Die jüdische Welt wünscht ihm baldige völlige Wiederherstellung. ״Hilfe und Aufbau“ Rabbiner Dr. Leo Ba eck, Präsident der Reiclisvcrtretung der Juden in Deutschland, hat zu 5״ Jahre Hilfe und Aufbau“ folgende Erklärung abgegeben: ״Fünf Jahre Hilfe und Aufbau erzählen von allem, was dem Tage gegeben worden, und von dem, was für eine Generation geschaffen worden ist. Innerhalb des geruhigen Daseins darf der Beistand im Nahen der Gegenwart bleiben. In einer Zeit wie der, durch welche wir hindurehgehen, tritt die Zukunft mit ihrer Weite vor den Blick dessen, der um die Verantwortung weiß; ein deutliches Bild von dem, was sein soll, muß vor ihm stehen. Zu allem Helfen gehört eine ewisse Phantasie, eine Fähigkeit, in das Empfinden des nderen hineinzukommen. Der Aufbau eines neuen Oeschlechts, wie er von uns gefordert ist, verlangt von dem, welcher den Weg bahnen will, wie ja auch von denen dann, die ihn gehen, noch mehr: die schöpferische Phantasie. Sie gibt unserem Zentralausschuß sein Eigenes.“ Ein führender französischer Jude gestorben. Unser Pariser K.-Berichterstatter schreibt uns: Der Groß-Rabbiner von Bayonne, Ernest Ginsburger, wird im Januar im Rahmen der großen Pariser freien Sprechtribüne ״Club du Faubourg“ über das Thema ״Die Juden der biblischen Zeit“ einen Vortrag halten. An diesen Vorfrag wird sich eine öffentliche Diskussion über die Lage der Juden in der Welt anschließcn. — ln diesen Tagen wurde in Paris Albert Cahen, eine der führenden geistigen Persönlichkeiten des französischen Judentums, zu Grabe getragen. Nach glänzenden Univcrsitäts- Studien wurde Albert Canen zum Professor an der Universität ernannt und dann von der Regierung in das Unterrichtsministerium als Generalinspektor des Unterrichtswesens berufen. Er hat bei der Organisation des höheren französischen Bildungswesens eine wichtige Rolle gespielt. Aufs tiefste mit der französischen Kultur verbunden, über deren klassische Periode er bedeutende Werke veröffentlicht hat, hat sich Cahen stets als gläubiger Jude empfunden. Er hat neben seiner Tätigkeit im französischen Bildungswesen auch an dem Unterricht an den rabbinischen Schulen in Paris mitgewirkt. Nach seinem Rücktritt von seinen staatlichen Aemtern hat sich Albert Cahen ganz der jüdischen Arbeit gewidmet und wurde in das Konsistorium gewählt, wo er das Amt des Vorsitzenden der Verwaltungskommission übernahm. Er trat ferner in den Verwaltungsrat der ״Alliance Israölite“ ein, in deren Rahmen er die Unterrichtskommission leitete. Die französische Regierung hat seine Verdienste durch das Kommandeurkreuz der Ehrenlegion geehrt. Persönliches. Prof. Dr. Adolf L 0 e w y, der langjährige Leiter des Schweizer Forschungsinstituts für Hochgehirgs- Physiologie und Tuberkuioseforschung in Davos, ist am 26. Dezember gestorben. Er wurde 1862 in Berlin geboren. Sein Onkel war Prof. L. Waldenburg, der Laryngologe. Prof. N. Zuntz machte Loewy zu seinem Mitarbeiter und unternahm mit ihm die Monte-Rosa-Expedition und veröffentüchte mit4 ihm u. a. das Werk: ״Höhenklima und Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen“. Als 1922 das Schweizer Forschungsinstitut gegründet wurde, wurde Loewy zum Direktor gewählt. Viele grundlegende Arbeiten, vor allem über die Physiologie des Höhenklimas, stammen von ihm. In London erschien sein letztes Werk: ״Pathologie of the High Altitude Climate“. E. W. Druckfehler-Berichtigung. Die Bildunterschrift auf der Bilderseite 1937״, eine Rückschau in Bildern“ in der vorigen Nummer muß richtig heißen ״A4 r s. Edward Jacobs“ und nicht, wie irrtümlich angegeben, ״Miss“ Jacobs. Die Bewegung: gegen, den Judenslaaft Stellungnahme amerikanischer Zionisten New York, 30. Dezember. (Palcor.) Die fortgesetzte Tätigkeit gewisser jüdischer Kreise gegen einen Juuenstaat haben die Entrüstung vieler amerikanischer Zionisten hervorgerufen, die jetzt Vorbereitungen zu einer Gegen propaganda treffen. Louis Lipsky gab heute in einer Anspräche in Pittsburgh seiner Entrüstung über die Tätigkeit verschiedener Gegner der Gründung eines Judcnstcates Ausdruck. Dieselbe Entrüstung wurde von J. r i s 11 m a n, dem Herausgeber des ״Jewish Morning; Journal“, in einem Leitartikel dieser Zeitung ausgedrückt. Lipsky verurteilte im Verlauf seiner Ansprache die Aktionen von Lord Samuel, Lionei Cohen und Norman B entwich und charakterisierte diese Persönlichkeiten als die Vertreter von Kräften, die sich bemühen, die Aussichten eines Judenstaates in Paiäs'ina zunichte zu machen. Er forderte die Zionisten Amerikas dringliehst auf, Massendemonstrationen zu veranslaiten, um Großbritannien zu überzeugen, daß die amerikanische Judenheit einen Judenstaat wünscht und in ihm die beste Lösung der gegenwärtigen Situation erblickt. Jacob F i s ii m a n greift in seinem Artikel Zionisten und Nichtzionisten an und erklärt, daß jede Tätigkeit zur Bekämpfung des Teilungspiancs eine Verletzung der Disziplin des Zionistenkongresses darslellc. Er erinnert die Zionisten daran, daß beim Kongreß beschlossen wurde, die Exekutive zu bevollmächtigen, alle Möglichkeiten zu prüfen. Daher sei es ein Bruch von Disziplin, wenn gegen die Tätigkeit der Zionistischen Exekutive Propaganda getrieben werde. Fishman erinnert ferner an den Kampf innerhalb des amerikanischen Zionismus im Jahre 1921, ais gewisse Zionisten den Versuch machten, die Ansichten des Welt- Zionismus zu mißachten, und eine klägliche Niederlage erlitten. Er führte weiter aus, daß die Masse der amerikamsehen Judenheit für die Errichtung eines Judenstaates sei, daß aber ihre Ansicht von gewissen Sprechern falsch dargesteift werde, die die Beschlüsse des Kongresses übergehen und ohne jede Autorität reden. Die Zionistische Organisation von Amerika hat ein Komitee eingesetzt, das aus zehn Pe. ,oneu bestellt Und mit der Aufgabe betraut wurde, die Haltung der amerikanischen Zionisten fcstzuiegen und zum Ausdruck zu brinen. Ferner ist ein umfangreiches Programm in Vorereitung, das dem Zweck dienen soll, die amerikanischen Zionisten und andere Juden auf die Gefahr einer passiven Haltung gegenüber der Kampagne gegen Teilung des Landes und gegen einen Judenstaat aufmerksam zu machen. (Dazu muß bemerkt werden, daß der gegenwärtige Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas ein entschiedener Gegner des Teilungsplanes ist und daß Amerikas größter zionistischer Verband, nämlich die ״Hadassah“, erst kürzlich auf ihrer Jubiläums-Jahrestagung gegen den Teilungsplan Stellung genommen hat. Es handelt sich hier also offenbar um den Ausbruch eines innerzionistischen Konfiiktes in Amerika, eine Fortsetzung der Züricher Debatten, in einem Zeitpunkt, wo es darauf ankäme, angesichts der drohenden Gefahren und der veränderten Situation eine neue konstruktive Politik 711 suchen und sich geschlossen hinter sie zti stellen. — A. d. Red.) Jüdische Komponisten beim Internationalen Musikfest In London. Dieser Tage hat in London unter dem Vorsitz von Sir Adrian Bo ult, dem Musikdirektor des englischen Rundfunks, die Kommission getagt, der die Auswahl der Werke für das im Juni in London stattfindende Internationale Musikfest oblag. Unter den sechsunddreißig Komponisten aus siebzehn verschiedenen europäischen und Ueberseeländern, deren Arbeiten zur Aufführung angenommen wurden, befinden sich die Juden M. Rosenthal (Frankreich) mit dem Orchesterstück ״Jeanne d’Arc“, Karol Rat■ haus (London) mit dem Streichquartett Nr. 3 und Aaron Copland (Vereinigte Staaten) mit dem Orchesterstück ״El Salon Mexico“. Das Musikfest, das diesmal ein besonderes künstlerisches Ereignis zu werden verspricht, wird mit Unterstützung der Londoner Zeitung ״The Daily Telegraph and Morning Post“ und des englischen Rundfunks vorbereitet, der seinen gesamten Musikapparat zur Verfügung gestellt hat. M. C. Felix Langers dreiaktige Komödie ״Die Welt als Theater“ gelangt Mitte Januar in tschechischer Uebertragung am Landestheater in Brünn zur Uraufführung. mals noch hast du das ״eredet. was du reden solltest. Der Herr, dein Gott, scheint der leibhaftige Widcrsprec her alles guten Beginnens und Ermessens zu sein ... Wer ver- Sichert uns, daß Babel Frieden gibt und nicht Hache nimmt? ... Das Wort des Herrn, deines Gottes'■׳ . . Es ist ein Wort, das deine Lippen bilden. Wenn Babel aber Rache nimmt, dann hast du dich nur verhört, weiter nichts ... Im schönen Hause der Knecht si liaft jedoch ist sicherer Friede für uns .. ״Das kommt nicht 1 gewisser Assarjah tal! ־ ־ Wort führ, , scliri Geht - , . ivkige, Zattsigc, den du seit Ewigkeit mit dir schleppst, Imt es dir eingegeben, dein Ohrenbläser ... Glaubst du, wir wissen nicht, wohin Barucb zielt, der uns alle haßt und an Babel ausliefern möchte? ...“ Jirmijah stand in dem allgemeinen Streit, ohne den Aland aufzutun, ais ginge ihn dies alles nichts mehr an. Nachdem der Zorn der Männer erschöpft war, sagte er mit sonderbarer Gleichgültigkeit: ״Rest, Jchudas, ich werde mit dir nicht kämpfen, denn nicht wider mich irrst du, sondern wider deine eigene Seele ... Ihr habt entschieden ... Tuet, wie es euch gut dünkt, und rüstet zur Reise .. «Joehanan aber faßte Jirmijah mit umklammernden IIanden an, als wolle er ihn gefangen setzen: ״Ja, wir rüsten gar schnell die Reise“, rief er aus, ״dich aber nehmen wir mit uns ins Haus der Knechtschaft ... Als Pfand des Herrn, deines Gottes .. Jirmijah schüttelte ihn verächtlich ab und sagte sehr müde: ״Nicht müsset ihr mich zwingen, freiwillig gehe ich mit euch, vor euch ... Dies ist ja mein Auftrag... Denn wo ihr seid, muß ich sein ... Dort, unten aber in Taphanches und in Noph werdet ihr zerrinnen und zu Schatten der Unterwelt werden, die nicht wiederkehren .. Damit wandte er sielt ab und ließ die Verdutzten stehen, ln seinem Herzen aber war eine unbekannte und schreckliche Befriedigung darüber, daß der Rest das letzte Angebot des Herrn ausgeschlngcn hatte. Dreiunddreißigstes Kapitel / IM TEMPEL Noch stehen die Mauern Jerusalems bis auf die äußeren Ringe Ephraim und Benjamin, die sogleich nach der Eroberung geschleift worden sind. Babel laßt sich Muße, Fest« um. Stark de!1^ Erdboden gleich zu machen. Zuerst soll das Fleisch aller Erschlagenen und von der Pest Hingerafften, die auf den Straßen und in den Häusern umhcrlicgen, von den Knochen gefault sein, damit die Seuche nicht um sich greife. Während die Vögel in ziehenden Wolken den Himmel des ganzen Landes beleben, sind sie über Zion als stetigmassige Wetterwolke zusammengebalit, die sich schwärzlich kräuselt, aber rieht weicht. Den Vögeln des Himmels setzt das Getier des Feldes und das Gewild der Wüste gierige Nebenbuhlschaft entgegen. Das lungernde Bcsatzungshecr Mardukhs, das in vorsichtigem Abstand vor den Mauern zeltet, läßt Luchs, Fuchs und Wildhund, Wolf, Schakal und Hyäne ruhig als willkommenes Putz- und Scheuervolk gcwähren. Erst bis der Tod trocken und gefahrlos geworden ist, soll das letzte Werk der Zerstörung beginnen. Ueber das träge Besatzungshecr ist ein grämlicher Großtartan gesetzt, ein älterer Mann, den der nicht besonders ehrenvolle \Y'achtdienst an diesem Gestade der Y'erwesung milchtig verdrießt. Er und seine Leute beneiden die Kriegsknechte, die ihre Pflicht auf dem flachen Lande erfüllen oder gar schon nach Babel abgezogen sind. Wenn Nergal sein Wesen mit Ninurtu vertauschen muß, so ist dies stets eine Ilerabminderung seines Stolzes und Wohlbefindens. Der verdrießliche Tartan hat seinen Dienstsitz vor dem Quelltor in einem Lusthaus der königlichen Gärten oufgcschlngen. Dort muß jeglicher vor sein Antlitz treten, der aus irgendeinem Grunde die vernichtete Stadt zu betreten wünscht. Der Befehlsliaber, der, wahrscheinlich auch aus Mißlaune, stets gepanzert und behelmt vor dem Lusthauso sitzt, schlägt jedoch jedermann diesen Wunsch ab, ausnahmslos und in allen Fällen, handelt es sich selbst um einen Sohn, der den Leichnam seines Vaters sucht. Jerusalem darf niemand betreten, Ihre Steine gehören nicht mehr der Stadt selbst an, geschweige denn dem ausgetriebenen Volke, sondern Babel. Babel aber vermutet, daß noch viele und große Schätze nicht gehoben sind. Nnch dem Fall der Stadt hatte man sie achtundzwanzig Tage lang um und umgewühlt, denn als sehr reich galt ja der Gott Jakobs und seine Bürgerschaft. Alles Winkelwerk des Temnclbcrges war aufgesprengt und nach Gold und Edelstein durchforscht worden, ebenso wie die andern Stadthügel, in welchen die Grundfesten Zions wurzeln. Dann erst hatte man an siebzig Stellen zugleich Feuer in den verschiedenen Bezirken gelegt. Die Stadt aber ist groß und das ]׳'euer geht, nachdem es seine erste Gier gestillt hat, hartnäckig und sparsam mit seinem Futter um. Auch jetzt, nach so vielen Ta״en, glost es noch allenthalben. Da und dort springt יזין"»: •lieh eine Flamme hoch auf. Dicke Rauchbänke liegen über der Tcmpelstätte. Der Tartan weist Jirmijah mit seiner Bitte nicht ab. Drei Jahre lang ist er belagernd vor dieser Stadt gelegen, kennt den ruhmvollen Mann des Stadtgottes und weiß, daß Murdukh ihn allen Männern dieses bedenklichen Volkes vorzieht. Aus diesem Grunde entschließt sich der verdrossene Nergnlidc sogar, den Friedensgruß des Gottesmenschen brumtuend zu erwidern. Trotz der ausnahmsweisen Bewilligung ist er aber vorsichtig genug, Jirmijah eine Bedeckung von zwei Waffenknechten anzubieten, zum Schutz vor dem Gewild in der Abendstunde, wie er behauptet. Diese Bedeckung aber soll weniger den sonderbaren Heimkehrer schützen als etwaige verborgene Schätze, die nur den Priestern bekennt sind. Jirmijah lehnt jeden Schutz ab, und der Tartan beschließt daher, ihn heimlich überwachen zu lassen. ״Was willst du, was suchst du dort im Tempel?“ erkündigt er sich mit schlecht verhehltem Argwohn. ״Antwort“, versetzt Jirmijah gelassen, unter welcher Ein- oder Zwcisilbigkeit der Kriegsmensch sich nichts denken kann, was ihn aber über die Absichten des Gottesmenschen beruhigt, der, wie alle Narren dieser Art, keinen Sachen, sondern nur Werten nachzujagen scheint und deshalb keine Gefahr bedeutet. Der Tartan winkt den Wachen. Der Weg wird Ireigegeben. Der erste Schreck, der Jirmijah anfällt, ist die Schöndüng der königlichen Gräber. Babel hat bei Davids bestatteten Söhnen dem erhabenen Gcschlechte angemessenen Totenprunk vermutet. Die gierigen Grabschatider aber waren enttäuscht worden, denn keine goldenen Wägelchen und Thrönchen und Putztischchen und hunderterlei Kostbar-Liebes war bei den Königen Jehudas mitvermauert. Die Aermlichkeit des Pompes, die das erhabene Geschlecht des Geizes oder der Totenverachtung zieh, erfüllte die Beutesucher mit Zorn. Zur Rache streuten sie die Gebeine umher, obgleich dieses auch in ihrem Ilerzen eine große Sünde war. Jirmijah schreitet rasch mit verhülltem Haupt an der Schändung vorbei. Der Anblick nackten Totengebeines ist nicht minder peinlich als der Anblick einer entblößten Scham, denn das Geheimste wird in beiden Fällen wehrlos preisgegben. Nun liegen sie durcheinandergeworfen, die Schädel und Knochen der Könige, die seit Davids Tagen geherrscht, gut oder böse. Jirmijah gedenkt der fünf Könige seines Lebens. Vieren davon hat er in Treue gedient. Nur Konjah und Zidkijah haben das Leben zur armseligen Beut© behalten, beide in Ketten, der eine geblendet. Klopfenden Herzens geht Jirmijah durch dieses Strafgericht, das dem Hause Davids bereitet ward, indem die Erde diese Gebeine ausspie. (Fortsetzung folgt)

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