Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1938-01-04 · Heft 1 (4.1.1938) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 1 (4.1.1938)
Date
1938-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2653549-2653550--31727-2683405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 1, 4.1. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Die Juden in Irland Zum Inkrafttreten der irischen Verfassung Die Namen der Juden Zwei Jubiläen Zu Neujahr werden es genau 150 Jahre, daß — laut einem von Kaiser Josef II. am 23. Juli verlaiitbarten Erlasse. — alle Juden der gesamten liabsinrgi .dien bibiander sich einen bestimmten Geschlechts- (F a m i 1 i e 11 -), s o w i e einen :: H|1r k Swjjft/ sr~\ »on ÖDttfS ©naben rnr?#ft . t mn#ftSa1fc1:, ju aiiaiSfircn OTclir« ’ . Äv'w4 חי ®ermanif«, £«ftjjrn u»D SB61;mcu ' $u •ptrjß«} ju 33urp»l> un& ' ' $u £D$r1n$rn x x, ■ £jt»SfrmfiNimj ifitr ttnf'rbnumyji, tic t*c: nm׳r «falle SRcnl 1>m mj pehribat״׳. imh am hrf!-J)c,1 TkrfaHTn, tmh ־. m. ttyem Pm»arfrt'־'a «׳[׳־!)־■!«in >n1f«n, irtnn tir fernen hfianmirrn(׳!..'־.re.umr.'i, u 1t hie uiuelne p׳.f : 5*n ferne« l'onlt• befaiwe.» »enaffitrpRi»״;;־Kuriffur afs. jamtftfc €ri>Wnfctt aUjjsmem oerorbnet .׳ I« J.; ' . ' . 2 . ׳ »ילNc 5ub<1tftl)aft in aif«'!1 ,prohn!}f!t ju wrfjitfffn,. . lag eui Kfccr ■DaiitU'artr für ferne g-amtüe — brr 3301׳munb;• ,für ferne ©aifcf!,. unh eine!eec Ich je, meber m her rarer* lieben gkiralf, ncef) unter einer ilermunDföäft o&er «ura׳ 'trf fiebenhc WonnSperfen »cm t־•־ Jäncr 1788,' 'einen be« «.•;{Hmmtm fuhren r ha« itriWi^e.Qe*• ' fd'I<cf}t tm lebincn ©ranbe, trn ©eifMcrfitenamcn ihu’ü .Peter*- ferhfiiratlH'׳.,!enen 11n׳c5 «taufte» aiuiehmen — ‘febe cm$drte fverfon aber ebne > einen fceiitfdjen ’-Pern'ameit fid) balftjfn, unb fcLjun 3ett SeixaS wfiütate 1ötihern teil. ' " . * §• *■ 2öe l'1t%r m her!«burijeir ©e«ii)t, obet.ncdj bem Orte, in? ftii» einet ciittrchtr für befiänhy, cfctr au!>; . m ■ \’ach einem Original im Jüdischen Landesmuseum Budapest. deutschen Vornamen beilegen mußten. Ab 1. Januar 1788 mußten die ßesclmeidungs- und Geburtsbiicher ohne Ausnähme in deutscher Sprache geführt werden. Dawiderhandelnden Rabbinern wurde beim zweiten Male Entlassung aus dem Dienste, Familienvätern Ausweisung aus dem Staate angedroht, ln die Konskriptionslisten des ersten Jahres wurden noch beide Namen, der alte und der neue, eingetragen, — für die Familienforscluing besonders wichtige Dokumente, wenn sie in größerer Menge vorhanden wären, — in den späteren erschien nur mehr der behördlich anempfohlene, resp. anerkannte neue Namen. Wie ersichtlich, eine praktisch-administrative Maßnahme also ״zur Vermeidung aller Unordnungen im politischen und gerichtlichen Verfahren“, wie auch im Privatleben: ohne unveränderliche Namen keine geordnete Verwaltung und Rechtspflege. Zugleich äußert sieli in dieser kaiserlichen Entschließung der Geist des erst jüngst (1782) erlassenen Toleranzediktes, das auf die Einschaltung der jüdischen Nation in das Erwerbsleben des Landes abzielte. Diese erste 1 nd für die Zukunft mustergebende Namensgesetzgebung war der erste Schritt zur Gleichberechtigung und Emanzipation vor Gericht und Gesellschaft. Für die deutsche Kultur in Oesterreich aber bedeutete diese ״Ver- Die neue irische Verfassung, die durch Festg'oltesdiens'e in den Dublincr Kirchen und Synagogen feierlich cingcfülirt wurde, garantiert ausdrücklich die Rechte der jüdisehen Gemeinden. Irland, von nun an ein selbständiger Staat, soll eine Art Kombination von Demo- und Theokratie sein, und zwar positiv-katholischen Charakters, wie es Irlands Ueberlieferung entspricht. Die Präambel zur Verfassungsurkunde erklärt die ״allerheiligste Dreieinigkeit“ zur ״Quelle aller Autorität und Ziel aller unserer Handlungen, des Einzelnen wie des Staates“, und in ihrem Namen ״bekennen wir, das Volk von Eire, in Demut unsere Pflichten gegenüber unserem göttlichen Herrn Jesus Christus, der unsere Väter durch Jahrhunderte der Bedrängnis aufrechterhalten hat“. Der Staat bestätigt (in Art. -14) ״die Sonderstellung der heiligen katholischen apostolischen und römischen Kirche als Hüterin des Glaubens der großen Mehrheit der Bürger“, und zugleich bestätigt er mit den protestantischen Kirchen und Sekten auch die jüdisehen Gemeinden: ״Freie Uebung der Religion ist garantiert, und der Staat verpflichtet sich, keinerlei benachteiligende Unterschiede anzuerkennen“. Grundsätzlich heißt es in einer offiziellen Verlautbarung, soll ״jeder Einzelne und jede Gruppe in der Gemeinschaft die gegebenen Rechte vor dem Gesetz voll und frei ausüben dürfen“; die Verfassung enthalte jede Sicherheit gegen etwaige Willkür der Exekutive. Die jüdische Gemeinde in Irland (Eire) ist nur klein: rund 4000 unter etwa 3 Millionen (davon 2% Mill. Katholiken). Die meisten wohnen in der Hauptstadt Dublin. deutschung der Juden“ eine ungeheuere Ausdehnung ihrer Machtsphäre in einer nicht-deutscnen Umwelt. Millionen von Menschen wurden seither — infolge des Klangs ihres Namens — dem Deutschtum zugezählt, wurden kraft ihrer Beeinflussung durch die gleichzeitigen deutschen Modernisierungsbewegungen begeisterte Adepten der deutschen Sprache und Literatur. Freilich reiften des Kaisers Blütenträume nicht zu rasch. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auch in den übrigen deutschen Landen (Breslau 1790, Westfalen 1808, Baden 1809, Preußen 1812, Bayern 1813, Kurhessen 1816, Sachsen-Weimar 1828, Württemberg 1828, Posen 1833, Sachsen 1834) mit ähnlichen Verordnungen die Namensetzung der Juden gesetzlich geregelt. Abgesehen davon, daß behördliche Rankünen oft — besonders im Osten — Widerwillen und Widerstand der jüdischen Bevölkerung gegen die neuen Verfügungen hervorriefen, wirkte die Gewohnheit noch lange nach. Da die Rufnamen sprachlich oft ein Gemisch von deutsehen, slawisch-polnischen Elementen oder eine Verballhornung hebräischer Stammlaute darstellten, die keineswegs hübsch klangen, wünschten einsichtige Christen ebenso wie Juden schon längst eine allmähliche Bereinigung und Aesthetisierung von deren Formen. Eben 100 Janre sind es jetzt, seitdem in den Dezemberwochen 1837 der Altmeister der Wissenschaft des Judentums, Leopold Zunz, ״zum zweitausendjährigen Jubiläum der von Juda Makkabäus gestifteten Befreiungsfeier (Channuka)“ sein grundlegendes Werk über ״Die Namen der Juden“ in die Welt schickte. Es war eine Verteidigungsschrift, zugleich eine mit dem Datenmaterial von tausenden Namen gestütztes Beweisverfahren, daß die Juden seit Jahrhunderten deutsche Namen (Zunz spricht immer nur von Vornamen) führen. ״In den Namen der Juden offenbart sich neben dem Kampf für Altertum und Selbständigkeit jederzeit der Einfluß der Kulturstufe, welche die Nationen (in deren Kreis sie leben) betreten haben.“ Ist manches von Zunz’ Ausführungen auch veraltet, die Thesen seines Aufsatzes haben sich auch im letzten Jahrhundert sowohl bei zunehmenden wie bei abnehmenden Emanzipationstendenzen bewahrheitet. Dr. A. Fürst, Budapest Leo Baeck-Ehrung. Zu dem in der Nummer 104 veröffentlichtcn Aufruf führender jüdischer Persönlichkeiten zur Errichtung eines Leo-Baeck-Haines in Erez Israel, wird uns noch mitgeteilt, daß Spenden für die Pflanzung des Haines auf das Postscheckkonto des Keren Kajemeth Lejisraei (Jiidischer Nationalfonds, E. V.) Berlin 28 247 zu überweisen sind. Sie sind erst verhältnismäßig kurze Zeit im Land, drei oder vier Generationen. Viele kamen aus Rußland, manche aus Deutschland, und interessant ist, daß im anderen Teil von Irland, in Ulster, ein aus Deutschland stammender Jude, Otto Jaffe, 1901 Oberbürgermeister von Belfast war und später auch die Geschäfte eines deutschen Konsuls dort wahrnahm. Das Haupt des irischen Judentums, Prof. Isaac Herzog, wurde bekanntlich im vorigen Jahre zum Oberrabbiner von Erez Israel erwählt. Die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden sind normal. Ein großes irisches (Oppositions-) Blatt schrieb kürzlieh: ״Hier in Irland sind die Juden nicht eine abseits lebende Gruppe: sie sind ein Teil der Nation, zu deren Wohlfahrt sie m so reichem Maße beigesteuert haben.“ Natürlich wäre es töricht zu übersehen, daß gewisse judenfeindliche Strömungen da waren und da sind. Erst vor wenigen Tagen bildete sich in Dublin ein Verein ״zum Schutze der Christen“ und propagierte den Boykott der jüdischen Geschäftsleute. Die Dubliner Fianna Faii (de Valeras Partei) trat allerdings sofort auf den Plan: jeden Versuch, in Dublin oder sonstwo in Irland eine antisemitische Kampagne ins Werk zu setzen, werde sie energisch bekämpfen. Vor längerer Zeit hatte de Valera selbst Anlaß, sich zur Judenfrage zu äußern. Es wurde behauptet, er sei jüdischer Abstammung, und daraufhin erklärte er im Parlament, er habe nicht einen einzigen Tropfen jüdischen Biutes in seinen Adern. Freilich greife er die Juden nicht an und wolle ihre Unbeliebtheit sich nicht zunutze machen. C. C. A r o n s f e 1 d, London Englische Neujahrsauszeichnung Unter den diesjährigen Neujahrsauszeichnungen Ist be* merkenswert, daß die zwei höchsten Beamten der Palästina« Regierung Orden erhielten: Sir Arthur Wauchope wurde mit dem ״Order of the Bath“ dekoriert, der Chefsekretär ־*!jr ff 1 Miß Harrict Cohen Mr. Meperslcin Au.Undsfotoi William Battershill mit dem ״Order of St. Michael and St. George“. Der Oberrichter von Palästina, Trusted, wurde in den Ritterstand erhoben (mit dem Titel Sir). Für öffentliche Dienste in Palästina erhielt Itta Y e 11 i n, die Gattin David Yellins, den britischen Reichsorden. Zwei jüdische Beamte der Palästina-Regierung, Jacob Kisselov und Salomon W e i ß b e r g, erhielten gleichfalls kleinere Auszeichnungen. Auch sonst befinden sich eine Anzahl jüdischer Namen auf der Liste der Ausgezeichneten. Zu ״Kiiiglits Bachelor“ wurden ernannt: Col. Philip Carlebach, Kommandant des Ausbildungsregiments in London, für Verdienste in der Rekrutenaushildung; ferner Edward William Meyerstein für große Spenden an Krankenhäuser und für Gcsimdheitszwecke. Im Indiendienst wurde der Beamte Hyam Shalom Israel ausgezeichnet. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die Pianistin Harrict C o h e n für ihre Verdienste in der Musik und insbesondere die Förderung des Interesses an englischer Musik im Auslände den Orden des British Empire erhielt. ״Damit du lebest“ Aus dem Jirmijah-Roman ״Höret die Stimme“ Von FRANZ WERFEL Schon als sie durch das Tor der Freistadt Mi/.pa eingingen, schlug ihnen das Entsetzliche entgegen, das sich in dieser Nacht zugetragen hatte. Das Haus des Statthalters war von einer jammernden, fluchenden Menschenmenge belagert. Jirmijah und Baruch wurden erkannt. Die Wache ließ sie in den Hof des Palastes ein. Inmitten eines dumpf murmelnden Münnerkrcises Jag eine in blutige Laken gehüllte Gestalt auf dem Steinpflaster. Es war Gedaljah, den der Künder in seinem Traumgesicht erblickt hatte, von vier Schwertern durchbohrt. In Wirklichkeit aber hatten nicht vier, sondern zehn Schwerter den Rücker! und die Brüst Gedaljahs zerfetzt. Das Allerschlimmste an diesem unsägliehen Verbrechen aber bestand darin, daß es in der Zeit vor der Jahreswende in Israel verübt worden war, in den Tagen, da Mardukh Gnade ergehen ließ und in einem eigenen Befehl an Nergal Nebusaradan jeder weiteren Austreibung ein Ende gesetzt hatte. Das Sainmcllagcr in Rama sollte unverzüglich aufgelöst und die dort Gefangenen ohne Ansehung ihres Standes und ihrer Vergangenheit freigegeben werden. Zugleich war ein Vergebungsspruch über das ganze Land erlassen worden, der alle Flüchtigen betraf, die sich diesseits und jenseits der Gemarken verborgen hielten. Von diesem Gnaden- Spruch war niemand namentlich ausgenommen, nicht einmal Einathan, der alte Kriegsheld, und Prinz Ismael. So hatte es feschehen können, daß Ismael, dem einige Tropfen von lavids Geblüt durch die Adern flössen, unvermutet und ungestraft mit einer Schar seiner engsten Gefährten vor einigen Tagen in Mizpa aufgetaucht war und sein Haupt vor Gedaljah gebeugt hatte. Unter den niedergedonnerten Männern, die den blutigen Leichnam umhockten, befand sich ein jüngerer Mensch, den Jirmijah und Baruch aus Schaffans Halle im Tempel flüchtig kannten. Er hieß mit Namen Jochanan, Sohn Karechs, und schien sich in der Verwirrung zum Wortführer und Schicksalslenker aufgeworfen zu haben. Aus seinem Munde erfuhr Jirmijah den Hergang des Verbrechens, das nun auch die Hoffnung des letzten Restes vernichtete. Jirmijah sah stumm auf den verhüllten Körper im blutbesudelten Laken nieder. Die im Hof versammelten Männer redeten schreiend auf ihn ein. Jochanan unterbrach mit dem stolzen Wink des neuen Wortführers das jammernde Stimmengewirre: ״Nun haben wir dir“, sprach er zu Jirmijah, ״gar sehr durcheinanderschreiend, den ganzen Schrecken berichtet, der uns heimgesucht hat und noch immer heimsucht... Was aber wird fernem geschehen?... Müssen wir fliehen, sollen wir bleiben?... Ein Tartan und mehrere andre Männer Babels sind erschlagen worden... Der Großherr wird Rache an uns allen nehmen und uns töten, daran ist kein Zweifel... Mein Rat ist deshalb, daß wir ziehen nach Aegyptenland, ehe noch Nebusaradan Meldung nach Babel erstattet hat... Andre unter diesen Männern haben wieder andre Rats-Gedanken ... Möge daher unser Flehen vor dir niederfallen.“ (Karechs Sohn sagte das mit gekünstelter Unterwürfigkeit.) ״Bete zum Herrn, deinem Gott, für diesen ganzen Rest, denn Spärliches ist von einem großen Volke übrig geblieben, wie du mit Augen siehst... Es mache uns aber der Herr, dein Gott, den Weg kund, den wir gehen, und die Tat, die wir Jirmijah betrachtete durch einen Spalt seiner Augenlider diese erregten Männor, die hin und wider rannten, sich die Bärte rauften, die Hüften schlugen und grimmig einander anfuhren. Bitterkeit stieg in seinen Mund, da er nun des Geblendeten dachte und des Elendvolkes, das noch immer unterwegs nach Babel war, wohin ihm selbst der Herr den Weg vertreten hatte. Doch mit großer Ruhe sprach er zu Jochanan und den andern Männern im Hofe des Ermordeten: ״Ich hab’s gehört ... Und wäll zum Herrn, unserem Gott, beten und seine Antwort erflehen ... Euch aber werde ich kein Wörtlein der wahren Wahrheit vorenthalten...“ Nach diesen Worten blickte er noch einmal auf die blutige Gestalt hinab, der alle Weisheit und Milde und Hoffnung nicht dazu geholfen hatte, ein wüstes Volk zu beherrschen. Dann führten ihn die Männer unter dankbaren Preisungen (alle seine Weissagung erfülle sich) in Gedaljahs Haus, damit er dort mit seinem Jünger wohne. Am Abend aber, da die Lampe noch brannte, setzte sich Baruch an Jirmijahs Lager und versuchte ihn: ״Warum willst du viel beten“, fragte er, ״und den Herrn bemühen, wissen wir beide doch, was wünschenswert ist und was diesem Reste einzig frommt ... Er möge im Lande bleiben, damit dieses Volk nicht völlig verschwinde ... Wegen Gedaljahs wird der Großherr seinen Willen nicht ändern ... Er hat genug und übergenug von uns und eines nur begehrt er, nichts mehr zu hören ... Möge Jirmijah schon morgen zu ihnen sprechen: Bleibet im Lande!“ Jirmijah aber hatte sien aufgerichtet und musterte Baruch mit spöttisch-grimmiger Aufmerksamkeit: ״Du sehr Verständiger“, nickte er, ,,noch immer hast du nicht ausgelernt ... Wie erinnerst du mich jetzt an den Tag, da du unter Ahikams Söhnen dich meines Joches im Tempel schämtest und auf deinen eigenen Klugsinn so eitel warst!... Das war’s ja, was mich von euch unterschied, von Schaffans Söhnen und dir ... Ihr wußtet immer, was morgen geschelten wird ... Nur ich, der Weissager, wußte cs nie ... Würdest du etwa als mein Bote einen Auftrag vermelden, den ieji dir nicht erteilt habe? ... Da siehst du es nun ... Und ich soll zu diesen Unglückseligen Worte der Botschaft aus mir selbst hervortäuschen, nur weil sie mir richtig dünken und ich mit kräftigem Herzen ihre Erfüllung herbeiwünsche!? ... Geh und lege dich schlafen! ... Weil du mich aber versucht hast, will ich heute nicht schlafen, sondern um Weisung flehen ..." Zehn Tage und zehn Nächte nahm Jirmijah nur wenig Speise zu sich und besiegte fast gänzlich den Schlaf. Er lag auf der nackten Erde und betete um Antwort, wie er’s versprachen. Der Herr aber entzog sich den Kräften seiner Seele und ihrer harten Bemühung sehr lange. Es schien ihm zu gefallen, die reine Wahrhaftigkeit des einzig Ge-Horchenden auf Erden bis zur Neige freudig zu erproben. Erst als Jirmijahs Körper zusammenzubrechen drohte, erging seinem Geiste am zehnten Abend klare Raunung. Als die Sonne wieder hochstand, trat Jirmijah vor Jocha• nan, die andern Männer und das ganze Volk, den Gottes- Spruch zu sprechen. Zuerst aber fragte er sie: ״Habt ihr mir nicht zugeschworen, nach der Stimme des Herrn zu handeln, ob es euch gefällt oder nicht gefällt? .. ״Das haben wir dir zugeschworen bei seiner Zeugen- Schaft“, riefen einige mit Biederkeit durcheinander. Jirmijah aber sah weit über die Menge hinweg, als er zu künden anhub: ״Höret die Stimme! ... Rest dieses Volkes, wenn du im Lande bleibst, spricht Adonai, so will ich dich bauen und nicht einreißen. Fürchtet euch nicht vor Babel, vor der ihr euch fürchtet ... Wenn ihr aber redet: Nicht wollen wir wohnen hier, sondern nach Aegyptenland ziehen, keinen Krieg zu sehen, keinen Hornklang zu hören, nach Brot nicht zu hungern, dann höret noch einmal die Stimme: Ziehet nicht in das Haus der Knechtschaft! ... Doch wisset, ihr Männer, Sünde gegen eure eigene Seele begeht ihr, wenn ihr zuerst zu hören verlanget und dann nicht höret ...“ Nach diesen klaren Worten trat eine betretene Stille ein, die sich jedoch schnell in einen erregten Wirbel löste, denn in den verflossenen Tagen hatte sich die Waagschale zugunsten Aegyptenlands geneigt, dessen eifrigster Fürsprecher Jochanan war. Dieser aber ließ den Künder hart an, nicht anders, als es die Könige zu ihrer Zeit getan hatten:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.