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Jüdische Rundschau · 1934-12-21 · Heft 102-103 (21.12.1934) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 102-103 (21.12.1934)
Date
1934-12-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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*21 .102103 •ז. XII, 1934 ן Cr DIS C H E RUNDSCHAU Seite 5 E T «ImL m *L״» David Friedländer Zum 100. Todeilng (Z5. Dezember 1934) Von Ludwig Fcuchtwangcr, München In circm schier klassischen Aufsätze .,Awduth h’thoch tliernlli“ (dein S'״,IC. •1;1*י!'־: «die äußere Gleichberechtigung llfn die iniu're Unfreiheit erkauft״) hat K eil ad Ha am vor jl I,ihren die mit der fni.inzipation gewonnene jüdische Situation יי Westeuropa schneidend gekennzeichnet (Max Brod j t;״ sei111־11׳ nruen Heine-Buch in neuester Zeit wieder an djc«e» aiil'viihlciulen Essay, der in Band I, S. 12t ff. der neuen rische ו Ach,ul Haam-Ausgabe und Bd, |, S. 246 der deut-!tlicn Am gäbe ahgedruckt ist, erinnert): ... Wenn unsere (Vfstcurnpaisehcit Brüder nicht durch die ihnen gewahrten Rechte gclessclt wäre״, käme cs ihnen gar nicht in den Sinn ... jlbsioiie» oder geistige Ziele des Judeiitmns zu suchen, so• jJllSc iiield unter ihnen die materielle, .,natürliche‘1 Mission Lies Lehenswesens erreicht ist, nach seinen natürlichen AnläCcn einer selbstverständlichen Entfaltung; seiner Kriilte und F,1'1ig׳keitet1 zuziistrelien. Die Juden hätten vor 100 Jahren ,Ir natürliches Selbstgefühl für ihre ״Rechte“ verkauft und ,ich damit in die Zwangslage einer ängstlich auf die Stimmung jtr Wirlsviilker lauschenden Rücksicht begeben. Achad Haam l'jlirj dann fort: ״I'>a ich wenigstens für einen Augenblick mich ivcgvvciitlen inöchte von dein furchtbaren materiellen und geiitiiicn Llcnd, das mich von allen Seiten in meiner östlichen Heimat umgibt, und Trost suche dort, außerhalb der Grenzpl.ililc, dort, wo es jüdische Professoren, jüdische Akademie- Jnitglieitcr ... gibt, — dann schillert mir auch dort, durch alle [lircnzeichon und Titel hindurch, eine zwiefache geistige Knechtschaft, eine moralische und intellektuelle, entgegen. Und wenn mir dann jemand die Frage vorlegcn wurde, ob ich diese meine Stammesgenossen um ihre ״Rechte“ beneide, dann würde ich fest und entschlossen mit einem fntschicdc-ien Nein! antworten‘‘. Max Brod, der die Berliner judenschaft vor 100 Jahren so glänzend versteht, unterläßt licht hinzü/ufügen: ״Bei prinzipieller Zustimmung zu diesem Weil Achad Haams darf aber doch eines nicht außer acht gelassen werden: die furchtbare, aller Menschentraft spottende Situation, in die sich gerade jenes Oe schlecht der »Erstlinge dcrAssimilationf unvorbereitet und plötzlich versetzt sah.“ Nur wer in die inner jüdische Lage in Westeuropa und im Osten, namentlich in Deutschland, von 1500—1800 mit allen Ihren grauenhaften Verfallserscheinungen — in eine äußerst plahrliche Zersetzung war in dieser Epoche auch das jiidisclie Eigcngut und die jüdische ücsamthaltung geistiger und materieller Art geraten — einen tiefen Einblick getan hat, kann ein gerechtes Urteil über die Vorkämpfer der Emanzi* pation der deutschen Juden, an ihrer Spitze David Fried- Uniler, fällen. Es mag richtig sein: ״Die Scylla der jiidisth:n Absperrung vermeidend, gerieten sie in die Charybdis der Sflbstaufgabc und der damit verbundenen Heuchelei und Hysterie״. Aber ebenso unverrückbar steht fest: Das Ziel an!ich, das Ziel der Befreiung aus dem menschenunwürdigen Psria-Dasein des von Verachtung und Haßaffekten umspülten Ghettos, der Weg in die allgemeine Kultur, war ein hohes Ziel, der höchsten Mühe edelster Juden wert. In der Tat erschien damals kein Preis zu hoch (übrigens bei allem Riehttngen des deutschen Judentums), für den die Freiheit zu erreichen war. Einem David Friedländer standen nicht die unmißver-!ländlichen Erfahrungen des ganzen letzten Jahrhunderts zu Gebote. Er wollte nur unter allen Umständen, um jeden Preis, »us dem Ghetto hinaus, für sich und die preußischen, die Bcr- 1זזו״ Jüdin, die er vertrat. So nachsichtig man auch von der strengsten jüdisch, und nur jüdisch betonten Seite her der Gestalt und Wirksamkeit eines Moses Mendelssohn bis beute begegnet, seinem Freund und Schüler, der den dcutsrlien Juden praktisch mit einer unerhörten Zähigkeit und Zielstrebigkeit die Emanzipation erkämpfte, dem Führer der «Oeneraldcputicrten“ der jüdischen Gemeinden Preußens, der <be wcchselvolten Bemühungen und Vorbereitungen zur Eintiürgerunj; der Juden in das preußische Staatswesen und damit i״ der Folgezeit in übrigen deutschen Staaten unermüdlich Wide, dem zweitgrößten öffentlichen ״Fürsprech“ der dcut- *r|1cn Juden, dem Bicdcrmeier-Schetadlan David Friedländer Mt man nicht das die ganze Situation berücksichtigende Verständnis widerfahren, das die Folge eines unvorcingcnom- "'cnc״ Studiums seiner ausgedehnten und in die Tiefe gehen- "e# Wirksamkeit sejn könnte. Von Heinrich Heine über Graetz bis zum jüngstem natio- ™•jüdischen Beurteiler bricht inan über David Friedländer den «b. Noch bei seinen Lebzeiten hat ihm Heine den Rang eines genialen Helfers und Arztes an dem schwer erkrankten jiidi- *dien Corpus abgesprochen und ihn (in einem Brief an Wohl- Ml vom 2. April 1823) als einen ״Hühneraugenoperateur“ gc- ״"oi,en< ״durch dessen Ungeschicklichkeit und *spinnvvebige j *״״״״ftbamlagc Israel verbluten muß“. Heine wirft ihm und; ״ ץReform“ im allgemeinen eine VcrprotcsJantisierung des Judentums vor; die Reformer unter der Führung von Fried- *1 er wollen nichts anderes, meint er, als ״ein «vangcli- I «״M Christentum unter jüdischer Firma“. Heine nahm die | d'-־s orthodoxen Chacharn Bcrnays gegen die Hamburger I rn Tempclrcformer und auch gegen die Berliner Libc- | wn, die nach seiner Ansicht dem Judentum neue Dekoratio- ■!״״nU״d KulisBC״ «nd dem Souffleur statt eines Bartes ein I י י׳ j’5 Büffchen geben woben. Viel gröberes Geschütz fährt I Mf: er nennt Friedländer einen ״Flachkopf“ und spricht I ״״״ ''eformbestrebungen die geistige Folgerichtigkeit ab. I wiirt a״tC m1r a'Kk־rer Gedanken wieder und plapperte Stich-;; 111 ״ac'1“• ״Mit dem praktischen Judentum hatte er gcf del« Und sich einige erborgte Gedankeniappcn von Men-! gin»0 ,, Msammcngcflickt,... die ihm als geläuterte Reli• # |.n״ ®a"en'> -.. er dünkte sich darum unendlich vorgeschrit- < p: ' Al,c*' d*e neuesten Darsteller wie Dubnow werden der | nRCsetz.lichkeit der Gestalt nicht gerecht; und wo sein H wic ״" n״r gestreift wird (zuletzt von guten Kennern der Zeit fl die * */,et'er< Siegfried Ucko, Fritz Bamberger), merkt man gl bei .11* ,Kfeifliche Voreingenommenheit. Wir glauben, daß 1 *ine ״ f.AI,lel.'״U|,g der fundamentalen Irrtümcr Friedländcrs S in j hlßc• überlegene Beurteilung ex tune, aus der Zeit, I dies״ und ihren Bedingungen, ferner ein Einblick in I 1»״ge Leben von 1750-1834, in «die Original-Urkunden Und Briefe in Ihrer seltenen Fülle, auch seine Absichten in ein freundlicheres Licht rücken würde« David Friedländcrs leben lief zeitlich dem von Goethe ziemlich genau parallel. I)ic ersten Zeiten seines Wirkens sind noch tief in die Epoche des Barock-Jmlcii und der Aufklärung eiugefaticht. 15 Jahre (von 1771-1780) schritt er als treuer, begeisterter Wcgcberciter neben Moses Mendelssohn einher, der auch nicht um eine Haaresbreite von der Beobachtung des Rvligionsgesctzcs abwich. Auf diesem Weg folgte ihm Friedländer nicht, um so rückhaltloser blieb er Vollstrecker des Memlclssoliiisclieu Streben*, seine Glaubensbrüder ohne Vorbehalte mitten in die deutsche Kultur hlneitmiführen. Die Von ihm dazu gebrauchten Mittel trugen ihm den Unwillen der Mitwelt und die schlechte Zensur der Nachwelt ein, Sein Angebot an den Probst Teller, das In die Zeit seines praktischen, mit allen Listen geführten Kampfes um die Aufnahme der Juden in den damaligen Staat als vollberechtigte Staatsbürger fiel, ist häufig mißverstanden worden. Friedländer wollte mit dieser, das Angebot enthaltenden, 1799 anonym erschicnenen Broschüre, die sich als ״Sendschreiben an Seine Hochwürden, Herrn Oberkonsistorialrat und Probst Teller zu Berlin, von einigen Hausvätern jüdischer Religion“ bczcichncte, die Juden in ihrer Erkämpfung der bürgerlichen Freiheit unterstützen. Er, der Aufgeklärte, der mit hingehender Treue das Werk Moses Mendelssohns vollenden wollte, hatte nicht die Absicht, das Judentum preiszugeben, er meinte, mit einem Namenswcehscl, gleich wie seine ״unaufgeklärten“ Brüder mit einem Schiiuij-Iia-Schcm den Todesengct abzulenken versuchteil, er glaubte durch Aufgabe des Wortes ״Jude“, mit dem Schwinden dieses Wortes, auf das der Haß und die Vcrachtung von Jahrhunderten sich gesammelt hatte, seiner Religion und seinen Stanimcsgeiiosscn eine würdige Stellung neben dem Christentum erstreiten zu können. Dies ist gewiß ein schwerer Mißgriff und zeigt, wie verständnislos jene Generation gegenüber tieferen geschichtlichen Bindungen war; aber — so paradox cs klingt — Friedländer wollte dadurch das Judentum ״retten“. Das Sendschreiben spricht In höchsten Ausdrücken vom Adel der jüdischen Religion lind Sittlichkeit. Man solle mir den Juden die christlichen ״Gcscliichtswahrheiten“, die keine ״Verminftswahrlicitcn“ seien, etwa den Glaubenssatz von der Gottcssolinscliaft Christi erlassen, so seien sic bereit, ״gcwisse Zeremonien“ der protestantischen Religion anzunehmen. Gebe cs so einen Weg, vollberechtigte Söhne des Vaterlandes zu werden — das war der Zweck des Sendschreibens — so solle er gegangen werden, und wäre dazu auch das äußere Zeichen des Eintritts in das Christentum, die Taufe (bei gleichzeitiger Bewahrung des Judentums!) nötig. An Fried-!anders ununterbrochener, unzerstörbarer Anhänglichkeit an die alte jüdische Gemeinschaft, die er mit diesem grotesken Mittel eines freiwilligen Mnranncntums rehabilitieren will, ist trotz allem nicht zu zweifeln. Seine Pietät für seinen großen Lehrer, dessen hundertjährigen Geburtstag er noch 1829 mitfeiern konnte, sein unausgesetztes Bemühen, die jüdische Gemcinscliaft in jeder Richtung, wirtschaftlich, geistig, moralisch zu fördern, ungerechtfertigte Angriffe und Diffamierungen von ihr abziiwchrcn, leuchtet aus jeder Zeile, aus jeder Aeuficrung von ihm durch. Es ist daher keineswegs ein Wider- Spruch, wenn der unentwegte Kämpfer fiir jüdisches Ansehen und Gleichberechtigung dein 1819 gegründeten ״Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“ beitrat, dessen Zielen ein völlig anderes Grundprinzip als ratio und Aufklärung zugrunde lag. Es ist «ine Verkennung der Gestalt Friedländcrs und seiner sich über Generationen erstreckenden bedeutenden Wirksamkeit, wenn der neueste Biograph des ״Kulturvercins“, Siegfried Ucko, die Mitgliedschaft Friedländcrs als einen ״lebenden Anachronismus“ bezeichnet. Der Schöpfer des ״Lesebuchs für Jüdische Kinder zum Besten der jüdischen Freyschule“ aus dem Jahr 1779, das ״Sendschreiben“ an den Probst von 1799 und die Mitgliedschaft am Kulturverein von 1819, das sind keine einander abschließenden Erscheinungen. Der 79jährige Friedländer bezeugt in einem Brief an Moses Moser, der zu den Gründern des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden gehörte, seine unbegrenzte Verehrung für Moses Mendelssohn und weist eine Redewendung des jüdischen Geschiclitsschreihcrs Jost mit aller Schärfe zurück, worin dieser von der ״Maske und der Heuchelei“ Mendelssohns spricht. David Friedländer, dein Geschlecht der ״Erstlinge“ der Emanzipation angchörend, ihr Führer und ״Fürsprech“ führte die Juden aus dem Ghetto und hätte sie dabei fast aus dem Judentum selbst lierausgcführt. Seine Illusionen und Irrtümcr waren die Illusionen und Irrtümcr seiner Generation; in jenem Sendschreiben an Teller ist die große Täuschung am handgrciflichsten: ״... Der mächtigste Gewinn (1! — A, d. Red.) für die Juden ist auch wohl der, daß die Sehnsucht nach dem Messias und nach Jerusalem aus den Herzen sich immer mehr entfernt, so wie die Vernunft diese Erwartung als Chimäre immer mehr verwarf. Immer möglich, daß einzelne in Klausen verschlossene oder sonst von den Weltgcschäftc-n sich entfernende Männer noch dergleichen Wünsche unterhalten in ihrem Gemüt; bei den! größten Teil der Juden, wenigstens in Deutschland, Holland und Frankreich, findet der Gedanke keine Nahrung mehr und wird endlich bis zur letzten Spur vertilgt werden.“ Die Geschichte und die ״Vernunft“ haben diese Deutung und Prophezeiung widerlegt. Trotzdem ist die Gestalt David Friedländcrs aus der Geschichte des dcutsehen Judentums nicht wegzudenken; David Friedländer hat den ehernen Reif des Ghetto gesprengt und den Weg ins Freie gewiesen. Von der Freiheit einen besseren Gebrauch machen als cs die Enthusiasten taten, die den ersten Schritt in das Licht zu machen glaubten und dabei Unbefangenheit und innere Freiheit trotz Ehrenzeichen und Titel verloren, ist einer neueren Zeit aufgegeben, die noch vor der Lösung ihrer Aufgabe steht. Friedländer war ein Mann dreier Generationen. Nicht er — ganz gewiß nicht sein verschnörkelt erdachtes ״Sendschreiben“ — hat die Berliner Taufbewegung zu Anfang des 19. Jahrhunderts beabsichtigt. Daß diese radikale Assimilationsbewegung einsetzte, deren Vorbote er ,war, ist eine Wirkung der Zcitvcrhaltnissc. Die ״aufgeklärten“ Juden hatten jedes Gefühl für die tiefe Bedeutung von durch Abstammung und Geschichte geprägtes Wesen verloren, sie wollten um jeden Preis die Zusammenhänge mit ihrer Vergangenheit und ihrem Volkstum lösen. Der Gedanke, europäische Kultur zu ergreifen und doch das eigene Volkstum zu bewahren und zu bejahen, lag fern., Ihn konnte vielleicht erst ein späteres Ojeschlecht, das durch die Assimilation durchgrgangen war, er« fassen. Die noch heute in Friedländcrs Fußtapfen Wandeln« den dürfen sich auf ihn nicht berufen; denn sie haben nicht mit Mendelssohn und seiner Zeit den Rausch der ersten Be* Führung mit Europa mitgemacht, und ihnen kann auch nicht zugute gehalten werden, daß sie nicht wissen konnten, was der Judenhdt 1834—1931 widerfuhr.; Der Gründer der ersten jüdischen Schule David Friedländer ist der Gründer und Organisator der ersten jtidisrhrn Schute mit deutscher Unterrichtssprache und mit Profanunterricht. Man hat sich daran gewohnt, die von ihm 1778 errichtete ״Jüdische F r e i» c hu I e“ in Berlin als Anregung und Vorbild des 11m die Wende des 18, und 19. Jahrhunderts entstehenden Schulwcrks, der Einrich« tungrn in Breslau und Seesen, in Dessau, Frankfurt, Hamburg und Wolfrnbüttel zu betrachten, Ein unmittelbarer Einfluß durfte jedoch nur auf die Errichtung der Willirlmsehule in Breslau bestanden haben. Im übrigen zeigen die Entstehung*- motive, die Entwicklung und die charakteristischen Züge mm* Bestens so tiefgreifende Verschiedenheiten wie die Persönlichbeiten, deren Werk die einzelnen Schulen waren, weiterhin wie• das jeweilige Stadium der vielgestaltigen, in stetem Wechsel befindlichen Emanzipationsbewegung und endlich wie die geistige Beschaffenheit der betreffenden Gemeinde, bzw. Gemeinschaft, in deren Schoß die einzelnen Anstalten er* *t-nden. Die Persönlichkeiten, von welchen das neuzeitliche־ jüdische Schulwesen ausging, hatten nur das gemeinsam, de ft sie mit ganz wenigen Ausnahmen keine Pädagogen und keine Schul* männer, sondern Politiker und Gelehrte waren, Ihnen ging cs viel weniger um erzieherische, als um kultur e 11 e Ziele: sic wollten den Juden den Weg aus dem Ghetto zeigen und sic von äußerlichen, im Sinne einer Trennung wirkenden Besonderheiten befreien. Nach ihrem Willen sollte der iiidisch-dcutsche Jargon durch reines Deutsch, der mir in Gcuäclitnis- und Disputieriibungcn bestehende kasuisti» sehe Talmuduntcrricht durch ״Kenntnisse“ ersetzt werden. (Unter ״Kenntnissen" verstand man in jener Zeit der Standes* erzichung in jüdischen Kreisen die Kenntnisse für den Kauf« manns- und Handelsstand, der allein Juden aufnahm.) Diese beiden fast das ganze damalige Judentum beherrschenden Ziele erfuhren bei den Srhulgründcrn jedoch ganz individuell ge* färbte Ausprägungen. Eine zweite Verschiedenheit der Schulen bedingte der Zeitpunkt ihrer Entstehung. So hat die Friihzeit der Eman* zipation, aus welcher die Berliner Schute stammt, einen aus* gesprochen jüdisch-hcbräischcn Charakter. In den Schulen pflegte man dementsprechend jüdische Bildung (wenn auch nicht mehr den Talimidismus), die um das Deutsche erweitert wurde. Als später um die Erlangung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung gekämpft wurde, legte man in den Schulen (großen Wert aut praktische Fertigkeiten, man trieb also jüdische ßerufsiiolittk (Frankfurt hatte direkt eine Fland* wcrkcrklasse). ln diesen Jahren verlor sich der jüdische Akzent, bzw. er verwandelte sich; im Mittelpunkt stand jedoch jetzt das Deutsche. Das Jüdische hatte sich auf das Religiös-Kultische verengt; es ging also nicht mehr um jüdische Bildung, sondern um Befähigung der Kinder für den Gottesdienst. Die Wandlung brachte, wie in das Juden timt als Ganzes, auch in die Schulen weltanschauungsmäßig bedingte Unterschiede. So gehörten Seesen und das Frankfurter Philanthrop!n zur religiösen Reform, während die aus den gleichen Jahren stammende Talmud-Thora in Hamburg der anstürmenden neuen Zeit trotzte und auf traditionellem Bo* den blieb. Und etwas ganz Verschiedenes mußte endlich aus den Schulen werden, ob sic, wie in Frankfurt und Flambtirg, als seelisches Hinterland ein« größere jüdische Gemeinde hatten, die ihre geistigen Kämpfe auch in die Schule hi nein trug, oder ob — wie in der Abgeschiedenheit von Dessau, Seesen und Wolfenbüttel — die Schulen weniger beeinflußt von außen — aus ihrer immanenten Entwicklung heraus eine pädagogische, keine politische oder religiöse Prägung erhielten. Auf jeden Fall ist Entstehung und Entwicklung des jiidi* sehen Schulwcrks in Deutschland nur aus der jeweiligen gcistesgcschichtlich bedingten Konstellation heraus zu be* greifen. Fricdlanders Gründung, die Berliner Frei« schule, hatte ausgesprochenen St.nidcscharaktcr: sie wollt« die jüdischen Kinder zu gebildeten Kauflcuten erziehen. Metho* disen ging es dem rationalistischen Aufklärer Friedländer darum, die verdorbene jüdisch-deutsche Sprache durch reines Hebräisch auf der einen Seite, durch reines Deutsch auf der anderen zu ersetzen. Solange Friedländer die Schule leitete, nahm die jüdische Bildung einen ebenso breiten oder noch breiteren Raum ein wie die deutsche, nur dominierte an Stelle des Talmud die Bibel. Und ein von Friedländer herausgegebenes ״Lesebuch für jüdische Kinder“ schöpfte seine« Stoff überwiegend aus jüdischem Ocistcsgut. Erst unter der Leitung des Kantianers Bendavid (seit 1805) hörte der jiidi* sehe Unterricht, jedoch mir vorübergehend, auf. Bendavid hatte auch christliche Kinder aiifgcnommen, die später (1819) auf Anordnung der Regierung die Schule wieder verlassen mußten. Die Freischule hat ihren Charakter als Armenschule niemals verloren, und sie mußte aus finanziellen Gründen 182S schließen, da die Gemeinde sie trotz Zunz’ inständiger Batte schritt nicht unter ihre Fittiche nahm. Die im Todesjahre Mendelssohns eröffnete Samson• Schule in Wolfenbüttel war — einer Stiftungshestim* mung entsprechend — zuerst ein Bcth-hamidrasch zur Aus- Bildung von armen ßachurim. Hauptgegenstand des Unter* riclits bildete also dort noch der Talmud; Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch Bibellesen wurden daneben sehr stief* mütterlich behandelt. Diesen Charakter verlor die Samson- Schule bald; 18tK1 erhielt sie weltlichen Anstrich, ohne daß die jüdische Bildung vernachlässigt worden wäre; 1810 wurde sie Bürger-, 1888 Realschule, und seit 1909 bis zu ihrer Schließung (1928) hatte sie nicht mehr den Charakter einer Schule, sondern eines Internats. Von irgendeiner jüdischen Zielsetzung findet sich später keine Spur mehr, ebenso wie auch der hebräische Unterricht immer geringere Bedeutung hatte. Die J acobsohn-Schule in Seesen machte eine andere Wandlung durch. Eröffnet wurde sie aus jüdischpolitischen Gründen: sic sollte'die Emanzi pationsbestrebunge« der Juden in beruflicher Hinsicht fördern. Jacobsohn betrachtetc die Errichtung der Schule nur als Glied in der Kette *einer vielseitigen Bemühungen um die Judenemanzipation״ Aus diesem Grunde bestimmte er sie auch von vornherein für jüdische und christliche Kinder. Zunächst sollte die Anstalt ״Rcligions- und Industrieschule“ sein, aber ihr eigentliches Gesicht erhielt sie im Zusammenhang mit den religiösen Rcformbestrchungcn Jacobsohns. In Seesen wurde nun erstenmal die Orgel iin Gottesdienst gespielt und das deutsche Gebet und Gcmciiulclicd cingcführt. Später wurde aus der ursprünglich Standescharakter tragenden Schule eine Stätte zur Pflege der allgemeinen Menschcnbildung. Diese huma* nistische Tendenz ist der Schule dann bis zu ihrer Schließung

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