Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 102-103 (21.12.1934)
- Date
- 1934-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S־r. 102^103, 21■ XII. 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 p וין r-N / '!t!v n ך *־י x*,״״/ ך y M %k ׳« Unn amerikanische Reisebriefe V*) Von Ernst Kahn ßlagwotic ohne Inhalt p|C Menschen lieben einfache Formulierungen, schlag- .״rtarti"^ üharakterisieningen, mit denen man sich beruhigen ״. Bis l20״ waren z. B. die Vereinigten Staaten ״das Land jcrl unerschöpflichen Hilfsquellen", dem Erschütterungen lhtJ oder höchstens ganz vorübergehend Abbruch tun ionnten. Frankreich war bis 1932 ״das glücklich ausbal,•meierte Litid olinc moderne Industrie, mit gesunder Landwirtschaft, kr'iftigent Mittelstand, jenseits des Weltverkehrs“, England galt u vor einer halben (iencration für ״das Bollwerk des Freihjitdcls“, aber aueli der etwas ״veralteten Staatsmascliiuc“ ״!# usw. Die Tatsachen haben uns zu einer Revision dieser "1)ןן ähnlicher Katalogisierung gezwungen, jjncs dieser Sehlagwortc im llandhueli der Banalitäten [Mcicluiot Amerika als den ״SchmcI/tiegel der Völker“, Die Erfinder dieser Weisheit (das Wort stammt von Israel Zang- #ill _ A. d. R.) und ihre Nachbeter gingen dabei von der unleugbare•1 Tatsache aus, daß die 125 Millionen Einwohner, mit gutiihntc von einer liaiulvoll Indianern, keine Autochthoncn!lüd, sondern eine bunte Mischung von Europäern jeder Spiel* jtf, vom Nordkap bis nach Sizilien und Afrikanern von überall her, wo SKIavcttjiigrcr ihre Beute fanden, und Völkersplittcrn aus mivali schein liebsten Teilen Asiens, Ozeaniens usw, Jdtmclzh'egcl“ Amerika Das Bild vom Schmelztiegel wurde aber erst verständlich durch die ehrliche Absicht, aus diesen Neuankömmlingen ein *inheitlicli cs Ganze «1 formen. Der Gedanke, sich vom Zustrom abzuschliclien, mußte solange als abwegig er* scheinen, als die Entwicklung förmlich nach Menschen schrie: [!war ja nicht so wie in manchen Teilen Europas, daß liier dn Volk chne Land nach Boden hungerte; nein, ein Land ctae Volk verlangte nach Siedlern, die Bahnen nach Passaliieren, die Industrie nach billigen Arbeitern, aber auch nach Itasscnabm Innern. Die naive Freude an der großen Zahl und die gläubige tiolfmmg vor allein durch ein vollkommen demokratisches Jdmkyslcm erhielten einen schweren Schlag, als sich unauflaljssm der Charakter, die Herkunft jenes Millionenstromcs änderte; schon das frühzeitige Zurüekdriingcn der einstmals \ollig beherrschenden englisch-schottischen Immigration durch üire wesentlich proletarischen irischen Nachbarn und das starke Henorjretcn einer deutschen und skandinavischen Schicht gab vor PO Jahren in den Kreisen der hundertprozentigen Amcri* liaer 711 Bemerkungen Anlaß, wurde alKr von der großen Mehrheit des Volkes mit vollem Recht gerne gesehen. Denn mm auch gerade dieses deutsche Element auffallend wenig Spi'.itiilcishuigcn hervorgebracht hat, so hat cs doch allcnt* Uta einen Musterbürger gebracht. Wo immer man im Wf hinkommt, hört man den deutschen Einwanderer loben. Er ist wohl der ordnungsliebendste Bewohner des Landes. Ras Problem der Einwanderung und die Problematik des ktaclzticgels wurde aber erst klarer, als jener Zustrom von den germanischen Völkern einerseits von «len ost- und siid* mmpäisclicn zuriiekgedriingt wurde und andererseits die Anfclitirißcn der dunkclhäutigcrcn Völker mehr in den Vordergrund traten. Hier hinwiederum muß mau zwischen den Neuankömmlingen und den altansässigcn Negern unterschob den. Für manche Einwanderungskandklaten, wie vor allem ,egen die befürchtete Massvniibcrschwcmmtmg der pazifischen Ruten durch Japaner und Chinesen, hat man schnell ent* schlossen die Türe frühzeitig fast ganz geschlossen. Dagegen w man machtlos gegen den zeitweise in manchen Städtern rieht unbeträchtlichen Zustrom der recht primitiven Mexikaner fdeT der ganz besonders bedürfnislosen Ankömmlinge von Costa Rica. &!u Ncgcrproblcm Die mengenmäßig allein ins Gewicht fallenden Elemente feiten die Neger und die Ost* b z w. S ü d e u r o p ä e r. Und hier will man zum Teil gar nicht den ״Schmelztiegel“ ubeiten lassen. Das gilt vor allem für die rund 10 Millionen Neger. Man hat vor dem Krieg bereits viel von den Negern ftsprochen und diese Frage als besonders kompliziert bcfehnct. Erst heute, wo sie sich in Bewegung gesetzt haben wd immer mehr ihr Schwergewicht vom Süden nach dem Norden verlegen, ist alles deshalb viel aktueller geworden, weil de fast hermetische Abschließung im Süden in den großen nordischen Städten nicht recht klappt. Obwohl auch in den *Wropolcii wie New York, Chicago, St. Louis mit dem ״sten Negermieter ein fluchtartiges Wegziehen der weißen "C'ölkerung ein setzt, ist offensichtlich eine recht lebhafte 1״ptime Verbindung vorhanden; denn die Zahl der Misch* *) S. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 89, 90, 93, 99. lingc steigt ebenso, wie hundertprozentige Negertypen immer seltener werden. Jene Ahscliiießimg der einzelnen Volk-steile in beson* deren Stadtvierteln beschränkt sich mm keineswegs auf die Farbigen. Auch jede europäische Nation hat in fast jeder amerikanischen Stadt einen oder mehrere Sonderdistrikte. _ Und das ist ja an und für sich deshalb recht verständlich, weil jeder Mensch gerade auf fremder Erde Aussprache in seiner Mutterzunge sucht, die Kirche seiner Heimat bevorzugt und in den Gewohnheiten des Essens und Trinkens nicht minder konservativ ist. Er kauft deshalb am liebsten beim Landsmann mul sitzt — soweit das erlaubt ist — in einer Kneipe mit hciiuatlichen Klängen. Die Einwanderungs frage Das Uehcrgewicht nicht englisch sprechender Einwan* derer verstärkte immer mehr den Ruf nach einer Sperrung der Grenzen; man wußte nicht recht, was man mehr fürchten sollte, eine Vermischung mit diesen angeblich tiefer* stellenden Elementen oder deren offensichtliche Absontlcru n g. Das, vermischt mit den lolmpolitischen Erwägun* gen der Arbeiterführer, hat kurz nach dem Kriege jene Ein* Wanderergesetzgebung eingeleitet, die in äußerst ausgeklügelter Weise den Zustrom besonders vom europäischen Osten so unendlich schwierig gestaltet. Jene gesetzgeberische Maßnahmen sind ja durch die langandauernde Depression derarlig wirksam unterstützt worden, daß heute die Aus* Wanderung die Einwanderung übersteigt. Wie die Haltung in der Elnwanderungsfrage künftig sich gestalten wird, das weiß man nicht, Vielleicht dämmert es den Amerikanern in einiger Zeit, daß auch dieses Land aller Vor* aussicht nach, wenn auch später als manche europäische Län* der, in das Stadium des Bevölkerungsrückganges cintrcten wird. Das mag noch 15 Jahre dauern. Dann aber wird dieser revolutionäre Vorgang für den noch halblccrcn nordamerika* nischen Kontinent ganz anderes bedeuten als für das über* völkerte England oder Belgien. Einstweilen aber ist eine Revision der Einwandcrimgs* gesetzgebung unter dem Gesichtspunkt einer rückläufigen Volkszahl natürlich in keiner Weise spruchreif. Die Arbcits* loscnlieere werden kaum durch einen schnellen Konjunktur* aufschwung so restlos in den Produktionsprozeß hincingcprcßt sein, daß cs an Menschen mangeln wird, wenn auch die wirtschaftlichc Gruudstimntung im Lande sich neuerdings gebessert hat. Und so muß etwa vom gesamtjüdischen Stand* punkt die Hoffnung auf Amerika als Aufnahme* bocken großen Stils für die jüdische Ucbcr* sclitißbcvölkerung Europas pessimistisch bc* urteilt werden; für eine nicht allzu große Zahl deutscher Juden — das wurde früher dargclegt — mögen sich unter gcwissen Voraussetzungen liier Möglichkeiten bieten. Das schwere Problem jener Hunderttausendc, um nicht zu sagen Millionen armer Ostjuden, namentlich in Polen, wird durch eine Aufnalimebereitschaft Amerikas schwerlich in fühlbarer Weise gemildert werden. Denn die öffentliche Mei* Mung ist einheitlich davon überzeugt, daß in den ״Schmelzticgcl“ keine neuen Elemente aus slawischen oder südromanl* selten Ländern hincingcworfen werden dürfen; die darin brodclmlen Brocken erwiesen sich als zu schwer auflösbar. Die Politik der jüdischen Führer muß somit nach anderen Lösun* gen suchen. Das Mittelmeerbcckcn (auch außerhalb Palästinas) erfordert auch unter diesem Gesichtspunkt erhöhte Aufmerk• samkeit. Zusammenhalt der Nationalitäten Was aber wird in der Zwischenzeit fm ״Schmelzticgcl“ vor sich gehen? Einstweilen bröckelt cs nur sehr langsam an den Rändern dieser ״Staaten im Staate“ ab. Das gilt nicht etwa nur vom platten Lande, wo in einzelnen Gegenden, wie etwa in Pennsylvania seit Jahrhunderten, Deutsche sich mit ihrem Dialekt und merkwürdigen Sitten abseits vom Ver* kehrsstrom gehalten bähen, sondern auch in den Städten und besonders in den großen. Das hat noch einen besonderen Grund. Im Gegensatz nämlich zu all dem, was wir von Min* derb eiten in Europa gewohnt sind, bedeutet hier die Zugehärigkeit zu diesen Gruppen unter Umständen ein Aktivum — verständlich aus der eigenartigen politischen Verfassung heraus; der lokale Stadtverordnete, auch der Staatsabgcordnete und seihst häufig der Vertreter im Bundesparlament baut seine Wählerschaft stark auf Nationalitäten auf. Es gibt in der Parteimasebincrie mächtige irische und italienische, manchmal auch jüdische und deutsche Gruppen. Vom Bürger* scliaftsvcrtrctcr im Rathaus bis zum Senator im Kapitol hinauf fühlt sich der Gewählte — völlig anders als in der alten Welt — als der persönliche Vertrauensmann seines Wahlkreises, und manches, was der Fremde ohne weiteres als ״Korruption“ und mindestens als ungesundes Günstlings* wesen anzusclien geneigt ist, betrachtet der Amerikaner als selbstverständlich. Daraus ergibt sich last zwangsläufig, daß Aus dem Wochcimbsdinitt für Schabbat, 22. Dezember Ein Sproß vom Frudübaum Ist Josef, Ein Sproß vom Fruchtbaum an dem Quell. Von Schößlingen, die Mauer öberklelternd. Ihn kränkten und beschauen, Befehdeten der Pfeile Melder. Doch blieb sein Bogen fest. Gelenkig seine Arme und die Hände, Her von der Hand des Hehren Jaakobs, Von dort, dem Hirten, Felsen Jliraei», Von deines Valers Goll, der mag dir helfen, Und von Schaddal, er segne dich. Mit Segnungen des Himmel droben, MH Segnungen des Grundes, drunten lagernd, Mil Segnungen des Eulers und des Schoßes. Die Segnung deines Vater» überragt Die Segnung meiner Ahnen Bis an «Ile Grenze ewger HügelI Sie sollen sein für Josefs Haupt, Den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern. /. Rudi Moses, Kap. 49, Vers 22 — 26 (Aus Jakobs Segen). Ueberseiiunq von Hermann Schreiber in der neuen deutschen Bibelausgabe, Verlag Kauffmann, Frankfurt a. M. der aus einem derartigen Distrikt ins Rathaus oder in das Staats-Kapitol Entsandte einfach verlangt, daß soundsovicle. Stellen mit seinen italienischen, jüdischen, polnischen oder deutschen freunden besetzt werden. Und die Klubs dieser Gruppen wie ihre Straße!!feste brauchen keine Belästigung von der Polizei zu befürchten. Alles das kittet natürlich diese Massen und verhindert den Auflösungsprozeß. Und wenn der alte Witz, im sehr deutschen Milwaukee gebe es Geschäfte mit der Aufschrift ״One speaks English“, auch längst nicht mehr zutrifft, so gibt es doch in vielen Städten Amerikas ganze Straßenzüge mit deutschen oder jiddischen Namen und Anschriften. Ucbcr der unteren Ostscitc von New York z. B. leuchtet nachts mit riesigen Lichtleitern der Name des ״Forward“, der jiddischen in 200 000 Exem• plarcn erscheinenden Tageszeitung. Das judisdte Leben Hier interessiert ja wohl am meisten die Wirkung des Schmclztiegds auf die ihm übergebenen jüdischen Massen, lind da bestellt nicht der geringste Zweifel, daß zwar sehr eigenartige Transformationen ständig vor sich gehen, daß aber die Juden hier Juden bleiben, in ganz anderem Grade als etwa in Deutschland, und daß der eigentliche Ge* danke des ״Schinclzticgcls“ sich nur in äußerst begrenztem Umfange durchsetzt. Die Hauptverämlcrungcn hat Arthur Ruppin in seiner ״Soziologie der Juden" bereits sehr richtig als das weseut* liebste Charakteristikum in der Geschichte der letzten 30 bis 40 Jahre hcrvorgcliobcn. Die jiddische Sprache tritt rasch hinter der englischen zurück; und die Orthodoxie hat einen schweren Stand. Noch hört man namentlich aus dem Munde der älteren Generation viel jiddisch; sichtlich wird es aber zurückgedrängt, wie rein äußerlich die früher so häufigen ehrwürdigen Patriarchengestalten mit dem langen weißen Bart verschwinden und immer mehr auch bei den Juden der amerikanische Habitus in zum Teil recht athletischen Gestal* ten hervortritt. Denn es ist geradezu verblüffend, wie die günstigeren Lebensbedingungen den Habitus verbessert haben — eine Beobachtung, die ja dem Palästina besucher noch mehr in die Augen springen. Wenn die Olympiade 1936 die amerikanischen Sportsleute empfangen wird, so werden die Berliner überrascht sein, welche Champions die amerika• nischen Juden hervorgebracht haben. Und die religiöse Lockerung ist ebenfalls unverkenn* bar. Uin so stärker ist di« Selbstbesinnung der jetzigen Gene* ration auf ihre jüdische Zusammengehörigkeit. Die Assi* milationsbcstrcbungen, wie wir sie in Deutschland bis zu ihrem kläglichen Scheitern erlebt haben, sind hier nicht nur fast unbekannt, sondern sogar aus der Eigenart der Vcrhältnisse heraus unverständlich. Das geht fast bis zur Intoleranz; Mischehen, wie sic hier verhältnismäßig sehr selten ganz oben oder auch in den Massen — etwa an der Grenze eines jüdischen und eines italienischen oder irischen Distrikts — Vorkommen, werden meistens recht scharf verurteilt. Was bedeutet das für das Judentum: Jene für das Judentum welthistorische Verpflanzung von Millionen curo* päischer Juden aus der alten in die neue Welt hat deren Sprache, Aeußercs, Beruf und religiöse Formen gründlich ge* ändert — das Gemeinschaftsgefühl ist das gleiche geblieben. Die amerikanischen Juden werden durch ihre Qualität und Quantität in rasch wachsendem Maße die Führung in der Diaspora an sich ziehen. Mögen ihnen dabei Führer beschieden sein, die all das Wertvolle bewahren, was die euro* päischcn jüdischen Zentren in langen Jahrhunderten entwickelt haben! Möge der Schmclztiegcl alle Schlacken ausscheiden und das Ewige unberührt lassen! Ueberschwemmun^ in Tel»Awiw ®W henl-S'eaßa während eines Wolkcnbruches. Fatos Uv« DU״»« *•־ pj|: *-S!&־;#!, ׳'***'׳*'jumAF. 5 t ’ , l|. \ ' 4י" י־*'**" - ' ‘ W Im Jemcnilenvicrlel bringt ein Wogen an einer Straßen• hreuxung die Passanten für. >/1 Piaster durch einen So«, * Eine neuere Aufnahme des Berges Kenaan hei Safed, der in den jüngsten prozessualen Bodcnstreliighciten eine Rollo gespielt hat. Wie wir in Nr. 99 ehr ״Jüd. Rundschau" ge. meldet haben, ist ein Teil des Bodens nunmehr gerichtlich dm Juden bereits zugesprochen worden. Ueber einen Teil steht die Entscheidung des Gerichts noch aus