Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 97 (4.12.1934)
- Date
- 1934-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr- 97, 4. XII,4ג9ן Neue Schocken ״Bücher (S. J. Agnon, Und das Krumme wird grade. Ludwig Strauß, Uotscliaft. Zwölf Geschichten. Bücherei des Schockm-VetlagcB.) Die Bücherei des Jüdischen Hauses, von der an dieser Steile schon öfters dir Rede war, hat ihrer farbenbimten Reibe wieder zwei äußerlich wie innerlich schöne tiiiedcr eingeltigt. 111 herrlich warmem roten Kkidc lockt uns der alte ״t Icrzbrtidcr“, die besinnlich schöne Geschichte von Menarche Chajim, «lein Manne aus der heiligen '׳cmcuide Buczacz, der verstoßen und umherpetrieben war und abwich vom Wege des Herrn ״ und der ticnnocb nicht verstörte das Leben seiner Narlisten, also daß er mit Namen und Andenken bcinindtl winde 111 Im.h'L Wer sich noch der JahfC tr• irtnrrl, als die anBerordenilirli einfuldende, treue und v 1 rst.iiuliiisvolle UebrrhCt/ung dieser I r/,d1lu11R von Max Strauß zuerst erschien, der gedenkt des Liiulnieks, den dies •״'ik ostjiidisclicn Lebens, geholt aus der Hille alter Uebcrliefcruncr mit dichterischer Kraft, auf das westliche Judentum machte. Unterdes sind Ost und West einander in der Bitterkeit des Leidens und im Uchte neuer, Icidgcsrhöpftcr Erkenntnis näher genickt, als sie es dam,als waren, da man wohl zuerst dir kulturgeschichtliche Somlerlichkcit und dann erjt die Nähe und Menschlichkeit dieser jüdischen Oescluclitc vrm ״lebenden Leiclmam“ empfand. Wenn heute dieser Freund verjüngt wiederkehrt, so haben wir, so haben viele unter den westlichen Juden neue Wege gefunden!, ihm nahe 1 מ kommen. Einen der genußreichsten und besinnlichsten fand ich, als ich das schöne neue Büchlein neben die ן inginal-Ausgabe der Erzählung Agnons hielt, die damals mit den aus gleicher Tiefe der Volksseele geschöpften 11!!■strafionen Joseph Rudkos im Jüdischen Verlage (1919) ׳,rvrbien — und dir auch schon in die Ausgabe des Schocken- Veilages iibergegangen ist. Dann erhalt dies Büchlein, wie niii scheint, eine neue schöne* Aufgabe: in den jetzt überall auf;prießenden hchräisclien Kursen für Erwachsene konnte diese Agnonsche Erzählung —- eine der schönsten, die Agnon geschrieben hat -- gelesen werden, wobei die Straußschc I e icrset/ung als ״Schlüssel“ (nicht als ,,Klatsche", wie wir sagten!) den weniger Fortgeschrittenen manchen Schritt erleichtern könnte. Und so könnten die Freunde neuen und *lfm hebräischen Schrifttums in eine der schönsten Provinzen rfloses schwer zugänglichen weiten Reiches cingcfiihrt werden. Denn die Schriften Agnons stehen wie nur noch ganz w rriige außer ihm auf der Brücke, die unsere Vergangenheit mit unserer Gegenwart und Zukunft verbindet. * Ludwig Strauß, dessen inhaltsreiches Gedichtbuch ״Nachtwache״ kürzlich an dieser Stelle angezcigt wurde, heschenkt uns nach langer Pause - wem! ich nicht irre, zum ersten Male seit seiner Erzählung ״Der Reiter“, die uns unvergessen ist - - wieder mit einem Bande von Erzählungen m!'rosa. Unterdessen haben drei Gedichthände die lyrische Ende dieser creigiiissclnveren Jahre eingcsanimelt; und es sein• int mir, als ob sich der Einfluß dieses Schaffens jetzt .1׳,u 11 in der Prosadichtimg dieses Diciiters ־— denn das ist er wirklich — offenbarte. Nicht, als oh sein Prosastil nun ,, tisch“ geworden wäre, was man früher so nannte. Aber es ist, als ob Strauß in der strengen Schule des Gedichts die 11• vc Kunst jedes Dichters, sei cs in Vers oder in Prosa, :io! 11 tiefer gelernt hätte: die Kunst, die Goethe der reinen : r,.11 des Bralimaiieri iiacliniliiidc. Schöpft des Dichters reine 1!.,,סו Wasser wird sich hallen. — ln diesen Erzählungen ׳ ,!leicht nicht gleich stark in allen, aber bestimmt in den ..■•ו isten darunter) wird ein Bild, ein Klang — wie etwa in ׳Dr tiefsinnigen Kindergeschichte ״Der Klang“ — fest-; ,!־iitcn: und das Bild vertieft sieh vor unseren Augen, ״'V* Klang tont weiter in unserem Ohr, bis sich daraus ein V. ei!-Echo, ein kosmischer Klang, ein Ton aus der ״Harmonie d<׳r Sphären“ entwickelt. Das ist der verborgene Reiz dieser זיו-ז schlicht und einfach ci zählten Geschichten. Die erste der Geschichten ״Von meinem Großvater“ erzählt von seiner Müder Vater, dem seine Guttaten iin Leben und im Tode vc ׳״,Ken werden; wunderschön, wie hier der Punkc der Menschlichkeit in den wilden Kriegsgcscllcn und der Funke d<s Priestertunis in den landfremden jüdischen Bettlern aufohtzt — und wie beides endlich ein Tropfen aus der 1 ׳c׳■ lien ewigen Quelle erscheint. Gleiche Botschaft kündet!:!1• letzte Geschichte, die offenbar dem Dichter selbst so b! 1׳ utsam erschien, daß er von ihr den Namen der ganzen S,!m!düng entlehnte. Ein Zerrbild der Menschheit, die alte, ge .1 liminktc und verlachte Komödiantin im Gartenlokal, treibt z\1 ׳׳', unlöslich verbundene Menschen zur Verzweiflung, zur t'rkrntnis von der Ohnmacht aller menschlichen Hille am Nie luten; aber ein Kind, dessen Tränen so rasch trocknen ^וויוי* י'־־׳ י! «f/ ••N«•* tJ L und dessen kleine warme Hand so vertrauensvoll ■ich in die Hände der Großen schmiegt, gibt ihnen den ״unausspreehliehen Frieden“ wieder, den sic verloren hatten. Pas ist die Botschaft, die aus diesen reinen Bildern tönt — glücklich das Ohr, das sie vernimmt! B. B. St. Eine neue Studie über den Golem ln einer sowohl Im Umfang wie im Inhalt weit in,״ __״״..:״ r>;." ״n״r Rahmen Studie: j,Dic einer gewöhnlichen Dissertation iiinauspeh,.״ ’ Golemsage und ihre Verwertung in ,jCr י?,'ן מ•,ntu i-iimniir“ hat Beate Roscnfcld eine äußererI lieh wertvolle Arbeit geschaffen, die die Beachtung a||er verdient, deren Interesse sich auf die Entstehung rutig und Verwertung eines Sagcnstolfcs erstreckt (l)icA heit ist in der Germanistischen Reihe der von Paul Mol’ lind Friedrich Ranke hcrausgcgcbetien Serie ״Sprache ,! Kultur der germanischen und romanischen Volker“ Vcrf Dr. Hans Prichatsch, Breslau!0)4, als Band V erschien• Sehr aufschlußreich ist vor allein der erste (leider kiir,!״) Teil der Arbeit, der mit großer Sachkenntnis an tj!e ' Teil «ehr entlegenen jüdischen Quellen, inshesom!^ Midrasch und Kabbala, herangclit und das schon sehr zeitige Vorkommen des Golemmotiv* zeigt. Als wiehtii׳»». Ergebnis ist hier fcst/u halten, daß die Sage erst •’ 16, bis 17. Jahrhundert die Fassung erhalten hat, jn ,״!' "ן Iicn.e allgemein bekannt ist, d. 11. erst damals in Verbind״,! gebracht wurde mit der Person de» Rabbi Loevr s' wurde aber muh gleichzeitig mit Rabbi Elijahu' ,1' Clielm verknüpfl. — Per zweite Teil des Buches hchan«ut die Verwertung der Golems;!׳!«■ in der deutschen Li** 18 t 11 r und gibt einen anschaulichen Ueberblick über hiI Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit, mit der dieses *von der Romantik an (Arnim) bis in die letzte Zeit hinein »ach der jeweiligen Zeitauffassung abgewandelt, verwertet de!! Ein Roman des neunzehnten Jahrhunderts Alfred Neumann, ,Neuer Cäsar“. (E. P. Tal-Verlag, Wien.) ,,Tragödie des neunzehnten Jahrhunderts" nennt Alfred Neumann im Untertitel den Roman Louis Bonapartes, Napolcons III., dem ein zweites, noch nicht vorliegendes Buch ״l)a* Kaiserreich“ folgen *oll.! 1er fi 11er 11(1(1 Seilen starke Band ״Neuer C ii s a r“ hcliandelt die Entwicklung des königlichen Bastards, der nicht einen Tropfen Nniioleouischrii Blutes imirlint, vom Kind zum Manu, getrieben von dem gefährlichen Ehrgeiz, seiner Mutter Hörtense, ßdrichen von den undurchsichtigen, wankelmütigen, hintergründigen Instinkten seiner Persönlichkeit — ois zur Usurpation des Thrones. War etwa ״Der Teufel“ eine geniale Konstruktion, *o analysiert Neumann diesmal, ohne eine ähnliche großartige Synthese zu finden. Seine Dramatik des Erzählens ist gewaltig. 111 Augenblicken der unmittelbaren Handlung werden manche Gestalten in jedem Wimpernzucken gegenwärtig, in jeder Pause zwischen den Worten, werden — wie aus ihrer Zeit hernusgenommeu — in Großaufnahme nahegerüekt. Dahinter bleibt das neunzehnte Jahrhundert allerdings weit zurück. Die Zeit selbst ist Staffage, die Menschen erstarren 11 is auf wenige Akteure zur Statisterie. Man könnte dieses fein durchdachte Spiel der Ucberwertigkcitcn und Minderwertigkeiten in ein anderes Jahrhundert stellen, und es würde nichts an Folgerichtigkeit und Bewunderung ver- Heren. Dieser Bruch zwischen den minutiös abgehorehten Herztönen von ein paar Menschen und der Maskcnhaftigkeit einer Zeit, die diese Menschen eigentlich erklären müßte, geht durch den ganzen Roman. Herbert Friedenthal. TicrbUchcr. Ein Buch, von dem man mit wirklicher Be• geisterunp berichten kann: Daschenka, Das Leben eines jungen Hundes, erzählt, gezeichnet, photographiert und erlebt von Karci Capck (Bruno Cassircr Verlag, Berlin, <1,80 RM.). In unserer harten Zeit ist dieses Buch eines Wcllfreundcs ein Lahsal für Auge und Herz.; denn es strömt menschliche Güte aus, gepaart mit Humor und Anmut. Die Zeichnungen sind witzig und köstlich, und eine Photographic dieses Hundes betrachten, Ist u׳ie Versenken in tiefe Weisheit. Capck, der tschechische Schriftsteller, ist schon von früheren Kinderbüchern bekannt; er steht an der Spitze der 42 Intellektuellen, die einen Protest gegen die anti« deutschen und antijiklischcn Ausschreitungen in Prag unterschrieben haben. Uebersctzcr sind Otto Pick und Vincy Schwarz. Ist es doch eine kulturelle Leistung für sich, daß einige Juden, Max Brod, Otto Pick, Paul Elsncr, das dichterische Werk der Tschechen der deutschsprachigen Weit vermitteln. — Noch ein Ticrhuch sei erwähnt, das Liebhabern amerikanischer Trickfilme (Mickey Mousc) Fmidc machen wird: Walt Disney, ״Die kleinen Schweine" (Verlag Williams ft Co., Berlin w 57, 2,50 RM.), die Erzählung von drei Schweinen, die vor dem Wolf fliehen; das Wichtigste sind die Zeichnungen und Bilder von jenem naiven amerikanischen Humor, der auch Alte jung macht, r. worden ist. N. Der Prozeß Jesu, nach den Zeugenschaften der Zeit dargestellt von Leo Weismantcl, Thomas-Verlag, Berlin- Südende. Brosch. 5,50 RM. Der bekannte katholische Dichter gibt von diesem so bedeutsamen Abschnitt der Geschichte, der zugleich ein wesentliches Stück der Geschichte unseres eigenen Volkes ist, einen in Sprache wie Inhalt gleich nackenden Abriß. Nach den mancherlei Versuchen, die in der jüngsten Vergangonhcit gemacht worden sind, dieses historische Drama darzustclicn, ist der neue Versuch, der von gläuhig-katholischcr Seite kommt, in seiner Eigenart besonders interessant und auch für uns in vieler Hinsicht aufschlußreich. Welsmantrl sucht, wie er in seinem Vorbericht seihst sagt, in den Stunden des Prozesses Jesu die Schicks,•!!*stunden der Menschheit zu deuten. Wir werden auf diese bedeutsame Schrift demnächst noch ausführlicher eingchcn. Andreas Hcusfer über Germanentum, Deutschtum und Hsbrher des Alten Testaments“. (A. neuster, üerinancnüm Verlag Carl Winter, Heidelberg 1944.) Andreas Fkuslcr, der ausgezeichnete Kenner des » manisch-nordischen Altertums, hat kürzlich in der bei Vfint;ז in Heidelberg erscheinenden Sammlung ״Kultur und Spricht“ ein knappes Händchen ״G crmancntu m“ veröffentlicht das in sieben Kapiteln eine Einführung in das Lehens• und' Foringcfühl der alten Germanen vermittelt. — Auch <km Juden von heute sagt dies Buch manches Wissenswerte. Heilster spricht von dem oft mißverstandenen Unterschied zwischen Germanentum und Deutschtum, den nicht nur Fontanes Kantor Jalinkc, sondern auch mancher Fachmann verkannte und findet ihn u. a. in der bewußten und wohl, tätigen Aufnahme fremden Volksgutes: ״Ist es wahr, was man heute so oft hört: das von Fremden oder nach fienulcn Vorbildern Geschaffene könnten wir wohl jahrhundertelang an beten und nacliahmen, «he; früher oder später stelle sich heraus, daß cs unserm innersten Wesen fremd geblichen sei? Das müßte ja wohl die Religion zumeist treffen; die christliche Religion ist das unvergleichlich wirksamste Fremd• gut ... Aber ist nicht tm!et׳c ganze Geschichte eine Widerlegung solcher Sätze? Unsere iltgerinaiiischeii Vorfahren, soweit wir sfe erfassen —• nehmet wir die isländischen Sagamemchtn zu llilfel — sind sie uns ,unmittelbarer vertraut', leichter nachfiilitbar als die Grrclien Homers - oder die Hebräer des Alten Testaments?‘ -- ״Die deutsche Art beruht gutcntcils auf der Beiniscliuiig südlicher Säfte zum gcr׳ manischen Stolle. Wäre cs möglich, unsere Volkscrzichung ins Germanische rück/ulildcn: das müßte wohl hinaeslaufcn auf eine Entdciitschnng — vielleicht eine Vcrengtnmlerung oder Verschwedung. Aber wer sieht denn im Deutschtum eine verschlechterte Ausgabe res Germanentums?“ — ״Ein wahr• Haft reiches Volk“, tagt mein verewigter Lehrer Jakob Burckhardt, ״wird dadtmh reich, daß cs von andern vieles übernimmt und weitcrbiUct,“ I.; Geschichte der Krise. Entwicklung und Lösung. Von Richard Lewinsohn (Morus) E. P. Tal Verlag, Wien. Obwohl die Wcltwirt cliaftskrise der letzten Jahre noch 'nicht vorbei ist, glaubt Mirus doch, daß der Tiefpunkt über׳ schritten ist. So gibt er cne exakte Chronik der Ereignisse, die als Stütze des Ocdiiihtnisscs in dieser ereignisreichen Zeit vielen willkommen ein wird, zninal der Verfasser mit Sachkenntnis und in a!sprechender Form alle Daten zu♦ sammentragt. Wer? Was? Warum? 613 tragen und Antworten, ein Quer׳ schnitt durch das iudentun von Dr. E. Grünt hat und O, Üutschiik, Komitiissons-Vcrlag der Varia-Verlagüui lieferung, Berlin 1935. 1,51 RM. Dieses Büchlein sucht in Rahmen einer großen Zahl Art wie auch des aktuellen jütischen Lehens, insbesondere Palästinas berücksichtigt sind, in zweiten Teil des Büchleins werden die Fragen beantworte. Sowohl für den Gebrauch etwa bei Heimabenden wie juch als unterhaltendes und belehrendes Gesellschaftsspiel (tirlte sich die Verwendung des Buches empfehlen. yoche 0• lf net, |0«ePh® ■' AegypU', « 11 und ■יי ■ t unu ßr1!,'׳ Pi1־;! bis Tu1 der י י״י kehrend .; Ihm de An!*ß 1'.h gfniciti /׳a bestimi■ '• Ciiintß! 1 ׳ des I': , 1 dischee (j‘. ״|)R'il:l Niel! *ond spric fi;; Da» lU* ׳ Zweck I.' oehmciäl ׳ 1.'י:; Rosen z‘, ' Ausspr ' 1 ihn vH ׳ gebaut Ciiai'u" R‘l;• d« <1 hat C.l. F Hinwe י f Stich w, י 2. P"Rsh\n■■' unsere ,׳... der B,;,(g "i, •dt! wir a,y1 Phant.!' Sicher ctrnf ürupi tun k P immeiji sein, was c volle und Sie st ganz . erseht* U Nicht ■«« richtip'e kann ,.•1) diraißf; Sciiol1 י׳ n iprü־.»״ weite', habet ׳[ hibliU׳• Sforir י Familie «chlcli I. schenl1׳ denk«(! in sc,1 . Perc.t", * der s*;' Ki man %, ■ Atme, Vj Man ׳[׳, ein י Scha 1,1! 1 Wüstenflug Von Helene Han nah Thon, Jerusalem 1 ie Sterne stellen noch am Nachthimmel, als das Auto dir Zir France mich ruft und ich leise das Hotel veri! ־׳ Der Flugplatz ist weit vor den Toren von Damask »1 s, und die ganze Stadt schläft. 1111 Wartesalon auf dem Flugplatz steilen sich allmählich die übrigen sieben noch schlaftr^nkcncii Passagiere ein — zwei kleine Schulmädchen sind darunter, die ganz allein zu den Eltern nach Bagdad fliegen sollen — und wenige Minuten vor '35 Uhr geht man auf das Flugzeug zu, das mit weitausgebreitden Schwingen dastellt und in der Rotation des Propellers wie in innerer Erregung zittert. Vor dem Einstcigcn ein Ahscliicdshlick auf die Welt diesseits der Wiistc: über den Bergen von Damaskus steht leuchtend der Morgenstern, und Palmen ragen schwarz in den ersten Schimmer der heraufz.ichenden Morgenröte. Man läßt sich auf einem der bequemen Sitze nieder, stopft sich die vom Begleitpiloten ,angebotene Watte in die Ohren, und schon beginnen die Räder des Flugzeuges über den glatten Samdtoppich dahinzurollen. Plötzlich sicht man, daß zwischen Erdboden und Flugzeug ein kleiner Zwischenraum entstanden ist, der sich von Sekunde zu Sekunde vergrößert, und ein ans Staunen und Beglückung gemischtes Gefühl erfüllt den Reisenden: ich fliege, fliege dem Morgenrot entgegen! Aus dem fahlen Tageslicht beginnen alle Erscheinungen klar herauszntrcten, und ich spüre, wie meine Sinne sich spannen in einer nie zuvor gefühlten Wachheit. ׳ Die Wüste hat unmittelbar, nachdem die grüne Oase Damaskus mit ihren Feldern, Palmen und dicht gesäten Feilar.hendörfern entschwunden ist, begonnen. Eine endlose Welt von Sand und Feldgestein hat sich aufgetan. Anfangs ist der Weg begleitet von den Höhen des syrischen Gebirges, das schließlich zur Ebene hinabsinkt. Auch die Büschel von Steppengestrüpp, die zu Beginn des Fluges den Boden bedecken, werden seltener und hören bald ganz auf. Scharfe Linien durchziehen das Gelände — Wadis, die im Winter den Karawanen reichlich Wasser liefern mögen, jetzt aber wie trockene. Me Straßen erscheinen, Audi sic sind bjld nicht liieiir da, und die ganze Welt Ist nur noch eine dnzige Sand- und üestcintläclie. Unverändert über endlose Einöde geht der Flug dahin: Klippen lieben sielt aus dem gelben Sandboden, weiße Salzlagcr tun sieh auf, Flußlaufe scheinen daliinzitzielicn, und mitunter erscheinen auf der weiten Flüche große, scharf umzirkelte Kreise wie ausgctrockiictc Seen. Aut einmal wird cs mir klar: hier war ja das Meer, noch vor wenigen Ewigkeitsseknnden hat hier die Sintflut gestanden, und nur vor einem Weilchen halten die Wasser sich verzogen, und die ausgesandte Taube ist mit einem Oclblatt zurückgckchrt, Ich w׳ciß nicht, was die Gelehrten dazu meinen, ob auch sie der Ansicht sind, daß die Sintflut bis zum Norden der Syrischen Wüste gereicht hat — in mir jedenfalls kann niemand mehr die Ueberzcugung zerstören, daß das, was ich aus der Höhe herab sehe, die Welt Ist auf die ״es herabregnete 4P Tage und 40 Nächte, bis alles Wesen auf der Erde vernichtet war". —׳ Als wollte das Schicksal es mir vergönnen, das Glück des aus Urncbeln auftauchcmicn sagenhaften Almen Noah heim Anblick des ersten neuen Lebens in der zerstörten Welt nachzucmpfinden, sehe ich in «liesein Augenblick Lebendiges in der Ferne auftauchen: eine Karawane auf der Straße, auf der seit undeiiklichen Zeiten Karawanen ziehen und der auch das Flugzeug folgt. Minutenlang schwankt der lange Zug der Kamele bedächtig dahin, dann entschwindet er in die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Aber andere seltsame Gesichte tauchen auf der Erde unter mir auf: eine Weile ist es, als zöge sich am Horizont ein riesiger Sec dahin mit schattenhaften Palmen- Wipfeln an seinen Ufern — ich weit) nicht, ob es eine Luft- Spiegelung ist oder ein Wahnbild meiner angespannten Phantasie. Im Sande erscheinen hier und da Formen, die ich mir nicht zu deuten weiB — sind es von Sandwirbeln zufällig erzeugte Unebenheiten des Grundes sind es Zeichen, durch weiche die Karawanen sieh verständigen, oder eine mystischreligiöse Schrift?_ Ein flach auf dem Boden liegendes riesengroßes Gebilde sicht aus wie eine Astarte mit ausgebreiteten Armen — hat der Wind sie gestern zufällig hierher geweht, oder trieben die Priester des Königs Ncbukadnczar hier ihren geheimnisvollen Wüstenklüt?. In mitten der mit Ewlgkcitssnrift auf den Wihünbndm geschriebenen Zeichen crscheinci plöt/lleh in der Ferne Häuser und Höfe, und ztigleRi spürt inan ein cigentümliebes Gefühl int Kopfe: in den Ohren sticht cs, die Halsmuskcln scheinen anzuschwellen tim die Kehle ausziitroclnen; man sieht hinaus: cs geht abwärt.• den Häusern entgegen, und nach wenigen Minuten laufen «ie Räder «les Flugzeuges tiber festem Gruiul: Landung in Rutha, wo die Grenzen vf> Syrien, Irak und Transjonlanicn siel, berühren. Es Kt zil fliegen, aber cs ist auch schön, das Flugzeug zu veflassen und in laugen Atemzügen die noch morgenntnio Wüstenhift cinmatnum. ich bücke mich, hebe eine Hanavon Sand auf und lasse ihn langsam «Weh meine Finger rinnen, den Sand, der meinen Almen diel Füße verbrannt und!tut Schwielen bedeckt hat. ' ״ Nach kurzer Rast, wahrend dcrii «las Flugzeug frisch trn Benzin versorgt wird, geht es weitet in den Östcn, das Lana des Sonnenaufganges hinein. Eines Augenblick lang lall« mir meine Mitreisenden ein; sie timflas Hei che, was S|C.V“" her taten: sic schlafen oder — unhPrcifliciierweise! — irgendeinen Schmöker aus «ler kleiitn Bibliothek des rlug- Zeuges. Ich bin wictler allein mit dd einsamen Wilde. Einsam? Warum nenne ich sielciitsatn? Da doch 01 Steppen und KarawanenstraBcn witWln von lebendige״ Schatten; aufgestiegen aus dein Schale der Vergangcnneu grüßend die Erliin ihri-s Schicksals. IH große Karawane, a vorhin vorbeizog, sie trug ja den Vatii Abraham, der m seinem Weibe Sarai an der Spitze cincsWoRcn und mächtig«• Stammes auszoc aus Urkasdlm in das innd Haiiran. An <ף verkohlten Resten des großen Lagerbiers rastete eine Schar der aus dem zerstörten Juditlande in die bany* Ionische Gefangenschaft Entfilrten und hieltneer* schau über die, welche den Leiden dV Wüstenwanderung widerstanden hatten. Oder waren es die jus dem Babytomer״ lande Zuriickwandcrndcn? Waren cs ihrcWs neue den in die Gefangenschaft antretenden Enkel! P . Aber neben den Schatten, deren Erfalfcingen ich *״^ *י über Jahrtausende hinweg im Blute tragcjiullen »ich uie ־״ alten Karawanenstraßen, über denen ich lege mit frcinay"׳ feindlichen Heerscharen: Sumerer, Akadierb nttitcr losen *• tm der Völkerwiege zwischen Euphrat unqTigti» ״®י 15 sin ■;t