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Jüdische Rundschau · 1934-11-30 · Heft 96 (30.11.1934) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 96 (30.11.1934)
Date
1934-11-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Predigt Von S. J. A ff!1 o 11 Unser Verwandter, der fromme Rabbi Asclicr Selig, sein Andenken rum Soffen, der Solm des heiligen Maggid, des Rabbi Henjamin von Zalos/c, seine Seele in <le11 Schiit/.• kammern des I liinniels, erwähnt die Sache nicht einmal an* deutungsweise. Aber;׳um (inten sei es dem Zatldik, Rabbi Meir von Sbarisch, gedacht, daß er mir erzählt hat, dal! unser Verwandter, der heiliffc Rabbi Benjamin, seine Seele in den Schatzkammern des Himmels, ein aufrechter Prediger war in den lieiliffen Gemeinden Zalcsz.czyki und Zaloszc, dali er dort begraben liegt und dal! er die Lehre hörte von unserem heiligen Rabbi, dem Baalschein tow, und von dem grntteu Maggid Dow Her von Mescritsdi und von «len grollten Heiligen der Zeit. Cr pflegte viel umherzmvamlern und öffentlich zu predigen, um die Herzen Israels zu Gott zitrö(kztifdhrcn. Und wer die Worte dieses Zaddik hörte, wich nicht von ihm, Ins er Bulle getan hatte. Seihst Menschen, die gegen alle Gebote der heiligen Lehre verstoßen hatten — wenn sie ihn hörten, erfüllten sie die Gebote und taten Gutes. Viele brachte er von ihrer Sünde ab, und solche, die schon versunken waren, int Unreinen, führte er wieder zum Guten, so dali sie gewürdigt waren, in! Paradiese zu wandeln. Man erzählte von ihm, er sei eines Tages in eine grobe Stadt, na mens Jassy, gekommen, in der es viele gab, die der Speisegesetze nicht achteten. Da stand er auf der Straße und rief: soll der nicht strafen, der die Heiden züchtigt*)? Und er sagte den Leuten von Jassy: der die Heiden züchtifft, auch euch wird er strafen. Da schrien sie alle weinend auf und gingen in sich. Und noch am seihen Tagc^ zerbrachen sie all das Gerät, in dem sic die verbotenen Speisen zubereitet hatten, und warfen es in den Fluß, daß dessen Wasser wie eine Mauer stand. Dreizehn Bücher hinterließ er, aber mir vier davon sind erhalten geblieben. Sie hat Rahhi Ascher Selig, sein Sohn, aus dem Feuer gerettet. Alle anderen aber stiegen damals, als Zalos/e abbrannte, in einer Flammenlohe zum Himmel. Schade um den Verlust so köstlicher Dinge, mit denen man viele hätte erquicken können. Nun waren die Auslegungen, die sieh ihm erschlossen hatten, die einfachen und die verborgenen, wieder ins Verborgene entglitten. Aber zum Guten sei es unserem frommen Verwandten, Rabbi Ascher Selig, ged,1־cht, daß er seine Seele daran setzte, um das, was erhalten geblichen war, drucken zu lassen. All sein Geld wandte er darauf, uiui eine besondere Hilfe war ihm seine erste Frau, die ihren Schmuck und silberne Geräte verkaufte. Noch weiter ging der Verzieht der zweiten, die sogar Hausgerät liingah und sich allen Unbilden der Zeit aussetzte, Rabbi Asclicr Selig aber war nicht von vornherein Rabbi, nicht Prediger, auch kein Warnler- und Sittenprediger, sondern ein einfacher Jude, der seine Geschäfte getreulich betrieb und dem Studium der Lehre bestimmte Stunden widmete. Einmal kam unser Verwandter, Rabbi Asclicr Selig, mit seiner Ware nach der heiligen Gemeinde Berditselicw. Heute ist Berditselicw als Handelsplatz nicht bedeutend, aber dalnals, zu Zeiten des Rabbi Ascher Selig, vor hundert Jahren und mehr, kamen alle großen Kaufleute zu Geschäften nach Buditscluw. Dort also suchte er alle Herbergen auf und fragte, ob man ein Zimmer für ihn hätte, und alle verminien, bis er zu einem Gastwirt kam, der ihn aufnahm. Da fragte er ihn, ob er nicht ein Zimmer für ihn allein hätte. Der Gastwirt wiederum fragte nach seinem Namen. Er antwortete ilun, ich heiße Ascher Selig. Und der sagte: viele Asclicr Seligs gibt es auf der Gasse. Da antwortete er: ich bin der Sohn des Maggid aus Zalosze. Als der Gastwirt das hörte, da gab er ilun sein bestes Zimmer, behaudelte ihn sehr ehrfurchtsvoll, nannte ihn Rabbi und fragte ihn, warn! der Rahhi zu predigen gedenke und in welchem Lclirhaus. Und der antwortete, dal! er am Donnerstag im kleinen Lehrhaus predigen wolle; nicht w׳eil er das wirklich beabsichtigte, somlem weil er darüber hinwegtäuscheu wollte, dal! er gar nicht predigen Koni tc und es noch niemals getan hatte. Bei sich selbst dachte er: bis Donnerstag werde *) Das Original enthält liier ein unübertragbares Wort* spiel zwischen Züchtigung und Jassy. — A. d. Ueb. Erstes jüdisches Erlebnis Von Ostjudentum, Franzos und der ״alten Generation" Wir leben auch in unserem jüdischen Bezirk in einer raschen Zeit: Während früher 25 oder 30 Jahre dazu notwendig waren, damit man sagen konnte, eine ״neue Generation“ sei auf den Plan getreten, genügen heute 10, ja 5 Jahre dazu, damit wir diejenigen als mehr oder weniger ״alt“ bcrächten, die vor ein paar Jahren in ihrer geistigen Entwicklung dort standen, wo heute die Front der Jüngsten ist. Besonders deutlich erlebt dies der Kreis derer, die selbst den Jahren nach noch nicht gerade zu den Alten zählen, aber das Glück hatten, schon in einer Zeit, die noch beruhigter sehiL'ii als die heutigen Tage, den Weg zum Judentum zu finden. Hinter ihnen steht heute die große Schar derer, die durch den Umbruch der;i tißcr e n Verhältnisse ihr Judesein erkannt und Kouscqncnzcn für ihre Haltung daraus gezogen haben. Wer schon vor 10 oder 15 Jahren aus der Sprache der Zeit, die auch damals für aufmerksame Ohren deutlich genug war, sein Schicksal und seine Aufgabe heraushöite und die Folgerungen hieraus für sich selbst zoo\ geljort heute schon zu den ״Alt^edicnten“; wenn er zio־־ lushseil arbeitet, ruht auf ihm nicht nur die Last der Arbeit im auliereii Sinne, sondern noch viel mehr die Vcrantwortung des Lehrenden, der aus einer der heutigen Generatiou schon fern scheinenden Vergangenheit die Güter unserer jüngsten Tradition überliefert. In diesem Zusammenhänge ist es vielleicht nicht ganz uninteressant, einmal über jene Erlebnisse zu sprechen, die etwa für Menschen maßgebend waren, die während des Krieges und kurz nach seinem Ende den Weg zum bewufir״J,l.tlC1,'.“!n1 ffliR^'n ,und aus dein damaligen Impuls die Kraft behielten, auch in Zeiten, in denen die Verlockungen des Lehens um 1111s stark waren und die Verwirklichung mdisclier Lehensideale in Palästina weit entrückt schien, ihren Weg 101t/usct/en. Wir sprechen hier nicht von denen, die im Fel seihst die gewaltigen Erschütterungen der kämpfenden neration initerlebtcn und von denen so mancher, wie es Ei hi nion an dieser Stelle treffend geschildert hat, die f Scheidung zum nationalen Judentum vollzog. Nur um wer Jahre Jüngere bildeten auch damals schon eine ״neue (U ,,ton ’ Kricgscrlcbnis in der Hauptsache aus zwe Hand vom Hörensagen her kannte und dadurch nicht dii so tiefgehend beeinflußt werden konnten. Aber auch hier!״, ri! JL “ 1 f״r ,viclc RProchen — ist aus dem Erlcl r selbst etwas besonderes gewachsen: die Berührt ibe Vater und Bruder draußen im Osten mit den Massen jmiiMrncn Volkes gewannen; die Berichte von persön JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 96, 30 xi. ich meine Ware verkauft ״ml Bmlitschew verlassen haben. Aber als sich mm die Kunde verbreitete, der Solm des großen Zaddik sei in der Stadt, kamen viele ehrwürdige Fromme zu ihm, ihm ihre Aufwartung zu machen. Sic kamen zu ihm, begrüßten ihn und begannen, von den Worten de» lebendigen Gottes zu sprechen. Da grämte es Rahhi Ascher Selig, daß er die Dinge der jenseitigen Welt vernachlässigt und sich nur mit den Geschäften, die der Taff brachte, befaßt hatte. Und als sie gegangen waren, da verkaufte er alle seine Ware seinem Teilhaber, wandte sich selbst von allen Geschäften ab und saß, um zu lernen. Da kam Schlaf über ihn, er schlummerte ein. Und im Traum erschien ihm sein Vater und sprach zu ihm: was tust du liier, mein Sohn? _br , antwortete: ich kam, lim Ware zu verkaufen. Da fragte ihn sein Vater: was, mein Sohn, hast du den Leuten von Ikrdilsclu-vv gesagt, du würdest am Donnerstag <111 kleinen Lclirhaus sprechen? Und er antwortete: das habe ich gesagt, mein Vater. Da sprach sein Vater: predige, mein Solm, denn dir geziemt, zu predigen; wie du gesagt hast, so sollst du tim. Und er darauf: aber ich habe doch noch niemals in meinem Lehen öffentlich gepredigt. Sein Vater aber sprach: da du es einmal gesagt Imst, kannst du von deinem Wort nicht mehr abstehen. Doch einen guten Rat will ich dir geben, daß du nämlich im großen Lclirhaus und am Schabhat predigen sollst, Demi wenn du am Donnerstag sprichst, dann wird mancher kommen wollen, zu hören, mul es nicht können, weil er für seinen Unterhalt zu sorgen hat; Reiche also werden kommen, zu höre», die Armen aber können nicht kommen; und wenn du im kleinen Lclirhaus sprichst, wird so mancher kommen wollen und cs der Enge des Raums wegen nicht können, so dali die deine Zuhörer sein werden, die filier die nötige Ellhogenkraft verfügen, während die bcscheiilciien Leute liinausgcdrängt werden; und deshalb wäre es gut, im großen Lclirhaus und am Schablmt zu sprechen, wo alles Volk kommen und hören kann. Und er antwortete: aber ich kann doch gar nicht predigen I Aber sein Vater: wenn du hinaufsteigst, zu reden, werde ich dir zusprechen, was du sagen sollst. Da sagte er wieder: Vater, ich habe doch Angst vor der Öffentlichkeit! Und der wieder: ich verspreche dir, daß ich dir zur Seite stellen werde. Am folgenden Tage ließ Rabbi Asclicr Selig bekanntmachen, dal! er am Sch ab bat im großen Lehr haus sprechen werde. Und als der Schabbat herangekommen war, versammelte sich die ganze Stadt, ihm zuzuhören. Er aber hüllte sich in den Tallith und stieg hinauf. Dann begann er mit den Worten des lebendigen Gottes und predigte. Und seine Worte waren hcrzcrfrcucnd wie hei der Verkündigung am Sinai. Und gleich neigten sich alle Grollen vor ihm, nannten ihn Rabbi und sagten, seine Worte seien so schön wie die seines heiligen Vaters, dessen Verdienst uns schirmen möge. Deshalb sind die Empfehlungsschreiben der Großen der Zeit zu den Büchern des heiligen Maggid, die sein Sohn Rabbi Asclicr Selig drucken ließ, im Ton voneinander ver- ׳schieden. In einigen von ihnen wird Rabbi Ascher Selig ein hervorragender Gelehrter oder ein vollkommener Weiser genannt, in anderen aber wird sein Ruhm über alle Maßen gepriesen. Das eine war vor der Predigt, das andere aber nach ihr. Aus dem Hebräisdten übersetst von Gustav Krofanker Nicht zu vergessen .... Eine Chanukkah - Betrachtung Von Otto Abeles. Es ist nicht zu vergessen und man soll es recht bedenken: Die Makkabäer zahlten zunächst Fersengeld. Sie flohen aus Modcim und verbargen sich in Gcblrgshöhlcn. Der Politiker berichtigt diese Feststellung: ״Die Rebellen hat ton auf dem Marktplatz zu Modcim das Zeichen zum Aufstand gegeben und mußten sich vor den Machthabern und ihren Schergen in die Schluchten des Efraim-Gebirges zurückzichvn, um dort die Befreiung vorzubereiten.“ Der Historiker fügt hinzu: ״Als der Landpriester Math ,• jenen Juden erschlug, der die symbolische Hamllu״״*jis Ablaßes zu vollziehen sich anschickte, als sodann ein t u dien Erweckter unter den Schergen der Unterjocher ein'n! bad anrichtyte, gab es noch keine ״Makkabäer“. VUcißt denn nicht, daß nach diesem Auftakt, vier bloß" Cin , d( war und noch lange kein Anbeginn, die Rebellen in (|r״ ״ n »ich widerstandslos hiiischl.ichten ließen? Erst bis Math e und seine Söhne den unheilvollen Lin(lul) der Assidacr broche 11 hatten, begann die Aera der Makkabäer.“ .' Und der Taktiker belehrt mich: ״Arge Vcrkcnmimr j Situation. Sie ergriffen die Flucht? — Nein. Sie zogen L! Freiheit. Nach jenem historischen Augenblick rief bekam,tr, der Makkabäervater: ״Wer den Bund hält, zu mir!1 — ,״) erfolgte in ansdnvcllcndeni Zuge — die Behörden von Mo*1’'1 waren durch den Putsch wie gelähmt — die Sezession a? neuen StidStruppc, die siel! unter der Parole ״in tvran1?״! gesammelt hatte. Was du Flucht nennst, war der Mar?!, zum Sammelplatz.“ Sl1 m Ich aber bleibe dabei und sehe "in den Tagen UM_ Chamikkalik'stes bewundernd dieses Bild: Die ersten (Mwi^ > bäcr auf der Flucht. Ja, sic flohen, die Ersten, sie flohen aus diesem ״t[u liehen Bezirk der hellenistischen Dialektiker, die ihnen d« Primitiven, rnit dem Maulwerk weit überlegen waren' $״! rannten. Ohne Rücksicht darauf, daß sie nach der Tat j״f dem Marktplatz bestimmt keinen heroischen Eindruck mach!״ Sie rannten mit keuchenden Lungen aus der Stadt bis in <w verborgensten Bergsdilucbten. ' Fort, fort, fort! — Die hier kriegen uns wieder unter denen sind wir nicht gewachsen. ' Die er zahlen in wolilgcsctzteii, unwiderleglichen RcJtn man müsse doch nicht in geistiger Beschränktheit verkümmern' man brauche doch nicht ״Barbar“ zu bleiben, man solle do-jj mit dem Fortschritt gehen und sich zur hellenischen Kultur dnrehringen. Ein differenzierter Hchräcr werde sich d«dh nicht von diesen ungehobelten, ungebildeten Provinzlern, von diesen groben Bauern fausten einschüchtern lassen, von dinm verbohrten Fanatikern, die mit ihren Quadratschädcln durch die Wand rennen wollen. Auf die Schrift, auf den ״Kund“ berufen sie sich? — U'i! kennen die Schrift auch. Haben etwa Abraham, Isaak und Jakob, die man doch Stammväter nennt, in allen Stucken dm Bund gehalten und sich nicht gegen das Gesetz vergangen? Ja, die Hellenisten, die sich in den Gymnasien den Leih salbten und darüber spöttelten, daß zum Tempel keine Stufen fuhren dürften, auf daß keine Blöße des Körpers sichtbar werde — ja, die jungen Herren der guten jüdischen Oe«l|. Schaft hatten griechische Logik gelernt und sich in der Wechselrcdc geübt; gegen die war nicht auf/ukomiwn. Und die anderen, die mit Augcmerdrehen psalmodicrtoi (das erste Buch der Makkabäer hat ihre Rede verewigt: Lasset uns einen Bund mnclicn mit den Heiden umher und ihren Gottesdienst anucluncn, denn wir haben viel leiden müssen, seit der Zeit, da wir uns von den Heiden abgesondort haben. ...), — wie konnten die ersten Makkabäer neben diesen gcfinkelten ״Volksfreunden“ bestehen, neben diesen jovialen Klerikern, welche den früher streng gehaltenen Hebräerinneii den Anblick des nackten ()ricclicnsports gönnten, Was hätte es gefruchtet, auf Diebstahl und Verschleppung der Tempelgcrätc, auf Verunglimpfung der teuersten Heilig, tümer hiitzuweiscn, wenn andere Männer mit Emphase sich rühmten, sie hätten an ihrem Leihe eine gewisse Operation vollziehen lassen, um unter Schmerzen zu erweisen, auch Hebräer seien der llcllcnciikultur würdig geworden.... Nein, da war mir die Flucht aus der vergifteten Atmo■ Sphäre am Platz, nach der ersten Erschütterung das Hinausrennen in die reine Luft der jüdäisrhen Berge. Dort konnten ihnen die hundertmal überlegenen Assimi• lauten nicht nahekommen. Dort konnten sic sich in ihrem Willen festigen. Dort erhob sich aus ihrer Mitte der ״Mint• merer“. Dort vollendete sich das Geschlecht der Makkabäer, <las dann mit eisern ein Besen den Unflat aus dem Lande fegte. Und siche! — l>ort erhöhten sich die Seelen der Ein* fachen über das gleißende Geschwätz der komplizierten Hellenisten. Es entstand das Buch Daniel. mehr als den exotischen Reiz, der mit der Erzählung von Fremdartigem besonders dann verbunden ist, wenn der Erlebende einem nahe steht, sondern hier trat das große Erstaunen über ein jüdisches Leben an uns heran, von dessen Existenz wir vorher bewußt kaum etwas w'ahrgenommen hatten und das uns in der Not des Krieges mit aller seiner Innigkeit und Problematik berührte. Wer die Literatur des deutschen Zionismus in den allerersten Nachkriegsjahren verfolgt, wird immer wieder Heinerkeu, wie stark die Flamme in der damals jungen Generation gewesen ist, die durch die teils direkte, teils mittelbare Beziehung zum Judentum des Ostens erweckt worden ist. Und all diejenigen Menschen, die seit jenen Tagen in der Arbeit für die Renaissance des Judentums stehen, haben zumeist eines gemeinsam: Gewiß sind es Erkenntnisse über die J u d c n f r a g e, die sic bei ihren Entscheidungen leiten, aber stärker noch als diese Erkenntnisse ist das G e f ii 111, d a 1! e i 11 V o I k w i e d i c Juden lebt, selbst wenn die äußeren Bedingungen und der Druck der Geschichte noch so schwer sind, und daß aus den lebendigen Kräften der Menschen, die existieren, sich noch Ungeahntes in der Zuk u n f t entwickeln läßt. So steht an der Wiege der zionistischen Ent- Scheidung jener Generation, der ersten Jahrgänge dieses Jahrhunderts das Erlebnis eines lebendigen Judentums im Osten. Viele von uns haben damals — mancher bewußt und mancher aus Zufall — nach den Büchern gegriffen, die über das Leben jener Teile des jüdischen Volkes bcricliteteu. Gewiß mag manches in der Literatur des Ostjuden• tums und über das Ostjudentum uns cin falsches Bild vom wirklichen Leben geben. Wohl bestellt, wenn wir — und das war für fast alle damals Jungen die einzige Möglichkeit — Scho lern Aieichem und Pcrez. und alle andere« in deutscher Ucbersctzung lesen, die Gefahr der Verzerrung der Realitäten, und mancher hat sich in späteren Jahren darum bemühen müssen, ein allzu sentimentales Bild zu berichtigen. Diese Gedanken tauchen in unseren Tagen auf, wenn man bemerkt, wie die heute jüngste Schicht nicht nur in der zionistischen Bewegung, sondern bei all denen, die zmn Jüdisclicn hin tendieren, geneigt ist, in Erkenntnissen des Verstandes, in der zufälligen historischen Situation der deutschen Juden und überhaupt in Aeulicrlichcm den "cvvcßfffund ihrer jüdischen Entscheidung zu sehen. Mit Recht wird von allen verantwortlichen Instanzen der Blick auf unsere Oe schichte hingclcnkt, damit die Mensehen den Weg zur Vergangenheit finden und sich als Glied einer großen, über Zeiten und Länder gehenden Entwicklung• enipfiuden lernen. Aber man sollte daneben auch jene Erlebniskräftc wieder stärker in den Vordergrund stellen, die in der Berührung, und sei cs auch nur der geistigen, mit den grollen Massen unseres jüdischen Volkes im Osten, seinen Fehlern und Tugenden, seinen Freuden und Sorgen liegen. Ä Einer derer, die für viele Juden des Westens ein Zu• ׳ gang zum Leben der ()stjuden in früheren Jahren und JiHr• zehnten bildete und auch in der Zeit um das Kriegsende ha manchen hingen viel bedeutete, ist Karl Emil Franzos. Es ist merkwürdig: Franzos, der im Osten geborene Jude, hat das Leben der Völker zwischen ״D011 und Donau“ in seinen Romanen und Novellen nicht nur mit großer Eindringlichkeit geschildert, sondern dabei im Grunde eine durchaus sich'• bare Tendenz der Assimilation vertreten. Di«*« galizische Jude war ganz und gar in deutscher Sprache und Kultur aufgegangen, und irgendwie schwebte ihm der ״<• danke vor, daß das Judentum des Ostens den Weg aus de» unsichtbaren ühettomauern hinausfinden müßte. Nicht umsonst hat er unter den deutschen Juden der letzten Jahr• zehnte des l«L Jahrhunderts so starken Widerhall gefunden. Und doch liegt in seiner Schilderung auch für uns mehr *» ein ethnographischer Wert (wenn auch nicht zu verkennen w, daß man sehr viel »her das Leben in den kleinen Matlt« Galiziens und Südrußlands, wie es vor 50 Jahren und noc früher gewesen ist, hierbei lernen kann): wer mit wacnc Sinnen von den Konflikten liest, die immer wieder in r« zos’ Erzählungen aiiftauchen, wenn Menschen aus dem | hundenen Leben der jüdischen Gasse durch ihren w« oder durch die Verkettung der Umstände liinausstrcben, w gerade das Positive des jüdischen Zusammenhanges finden und wird gefühlsmäßig sehr stark beeindruckt s Gewiß ist nicht alles, was Franzos gesagt hat, unserer verständlich, wohl müssen wir das Bild vom jüdischen ben, das er gegeben hat, nach mancher Richtung korr i reu, aber hei all dem kann er auch für die heute ״Junffs ׳ die den Weg zum Judentum suchen, cin wertvoller *nr sein, wie er für so manchen in jenen Jahren der Kriegs• ersten Nachkriegszeit ein starkes Erlebnis gewesen 1* ist darum zu begrüßen, dal! seine hauptsächlichsten 1 jetzt wieder stärker propagiert werden (Brandus sene lagsbtiehhandlung, Berlin W 5(1). Niemand von uns weiß, welche Entwicklungen "!י* JujjJ die Zukunft bringt. Wer heute Lernen der ist, rl,c() Weg zu sich selbst erst jüngst gefunden bat, kann ״ bereits ein Lehrender und Gebender wcrdei > eine ״neue Generation“ hinter ihm sich eien jüdischen cinordnet und in jüdische Zusammenhänge geistig «'11»״ י j״ werden will. Um dies zu bewältigen, gilt cs> m!11 Daten und Zahlen zu kennen, sondern das J udentu solches in allen seinen Verzweigung *יי, n c r geschichtlichen Würde und in scj״ *u,' genwärtigen Leben zu erleben und sich ,selbst die Substanz zii erwerben, die für ein (?*״* . als Jude ׳ausreicht. Der Kontakt mit dem ''csef״, j,el!te Judentums im Osten wird, so meinen wir, auch für a|t־ sich Mühenden nicht weniger wertvoll sein als fuj ,״Jti| Generation“, die vor einem oder zwei Jahrzehnt* gestoßen ist und von der diese Erinnerungen t sollten. A« Hi»'• ist, u׳ daß die j; וי'ן auf J ,! Parte ihres ■ 1 ״ ״Kiilr ,!׳ von v L ä;, mach;;j die d י K. 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