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Jüdische Rundschau · 1934-11-20 · Heft 93 (20.11.1934) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 93 (20.11.1934)
Date
1934-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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jupücnb Rundschau_ LIT E R A T U R - B L A T T ״■—« « -יי• M Ein jüdischer Roman Gcrson Stern: Weg ahne Ende. Ein jüdischer Roman. Erich Rei» Verlag, Berlin W 15. M. 5,50. per Weg ohne Ende ist die jüdische Wanderschaft von Bi! 1U Exil, die Flucht aus der Heimat, die keine mehr w jn diu nächste, die erst Heimat werden soll. ״Wohin ,.L״ wir, V.iterlehen?“ fragt in diesem Roman ein Kind, % die aus Prag vertriebenen Juden in der Winterkälte sich I den trostlosen Weg machen, und: ״Frag nit, Davidei", ,»!«■ortet der Vater, der armselige Schuster, ״wir gehn nicht, wjr wandern.“ Aber das Kind, mit der Auskunft nicht zu• Iricdcn, hurt nicht auf zu fragen: ״Ist wandern weit?" Die Vertreibung der Juden aus Prag fand 1745 statt; Friedlich der Große regierte schon, und die Aufklärung wurde!,ercits zur großen Mode. Aber infolge des Krieges mit dem K״I1ig der Aufklärung gab cs in Prag Pogrome und infolge (1(f Pogrome Gerichtsverfahren gegen Juden, wobei noch folterindriun<״׳te verwendet wurden. Die Gründe, die Maria Theresia zur Ausweisung der Juden aus Prag bewogen, waren nicht weniger zeitgemäß als diese Instrumente. Uebrigens (niclt Maria Theresia keine Rolle in diesem Roman, in dessen Weltbild die große Politik, die europäische Geschichte keinen Rjum haben; sie wird allenfalls in Nebensätzen sichtbar, kaum Wetterleuchten am fernen Horizont. Die Ereignisse sind von unten gesehen, mit den Augen des kleinen Mannes ,115 dem Ghetto und des plündernden Pöbels, des kleinen Beamten. Darum kann von den treibenden Mächten, Führern und Monarchen niemand in Erscheinung treten außer der einen Großnucht Gott. Die geschilderte Zeit und ihre Menschen erlauben keine andere Einstellung zu den Ereignissen, deren zwangsläufig religiöse Aufnahme den Autor weder hindert, historisch treu noch romanhaft spannend zu sein. Jede Plinse des Geschehens, jedes Detail der Beschreibungen von Oerttichkeiten, Sitten und Personen, auch der erfundenen, ist den Ueberiiefcrungcn ״cm,וß richtig und gefühlsmäßig echt. (Seihst kindliche Klein!(?- leiten mul Ungeschicktheiten, z. B. daß dem mit den Juden verhandelnden Landtagsvorsitzeudeu Böhmens von einem Bo• (eil «!geflüstert wird; ״Dringende Nachricht. Feststellung: Die Preußen rüsten“, können den Eindruck nicht aufheben.) Hier ist echtes Metall, wenngleich manchmal noch ungeprägt. Weil die Zeit der Handlung das zweite Viertel des 18. Jahr• hundert* füllt, entsteht ein Panorama des jüdischen Lehens in einem entscheidenden Ucbcrgang: das Frankfurter Ghetto wird gezeigt mit fanatischen Talmudistcn; ein Wcscrstädtdien, worin sich Juden ohne Ghetto-Beschränkungen ansicdein, da man sie braucht; das Prager Ghetto mit seinem Piimalor und seinen Gerechtsamen; ein später Nachläuter des Sabbathai Zwi tritt auf und frühe Chassidim tanzen; der arme Srhammcs, dessen Tochter an der Schwindsucht und am gebrochenen Herzen stirbt; der reiche Hoffaktor, dessen Tochter im Schloß des Duodezfürsten prunkvoll die jüdische Hochzeit feiert, und ein junger Feuergeist, aus dessen Munde schon die Menschenrechte sprechen. Das alles ist bunt und lebendig um die Haupthandlung gruppiert, deren , erster Träger sich zwischen den widerstrebenden Weserklein- Städtern rechtschaffen durchsetzt, deren anderer Träger, der nicht minder ideale, romantischere Sohn des ersten, In der Prager Katastrophe zugrunde geht. Und der eine erlebt die glücklichste, der andere die schönste unglückliche Liebesgesell ichtc. Es geschieht unheimlich viel in diesem umfangreichen Buch, das, wirklich ein Roman, den Lehensabriß zweier Generationell mit allen denkbaren Höhepunkten und Untiefen gibt. Mit einem Bruch zwischen den beiden Hälften, mit fast zu straffer Spannung und fast zu vielen Effekten in jeder Hälfte. Es ist wie das Bild einer Gebirgskette, worauf nur die Bergspitzen «1 sehen sind; allerdings sind cs wirklich Spitzen, und die Gipfelsucht des Autors, die uns die mühseligen Aufstiege vorcnthält oder erspart, ist eine gleichwohl kunstbildende und unbedingt mitreißende Leidenschaft. Das Ganze hat Stil. Selbst wo die Handlung Klischee- Mtcs streif!, bleibt der Ausdruck originell. Es ist ein Ton, der unserer Zeit aus dem Herzen spricht. Knappe, gedrängte Hauptsätze, Frage und Antwort, Schlag auf Schlag, ein Tromwlfeiier von Tatsachen und Reflexionen, «Ins reagiert aufs andere, eine unerbittlich klare und dichte Diktion, ein ge- 5under, jüdischer Stil: gescheit, aber nicht fibcrtiiftclt, derb, *ber zärtlich, herzhaft sinnenfroh, aber nie schwül sinnlich, traurig, aber vertrauend, übertreibend, aber nicht prahlerisch, «omm, aber nie bigott. Und die Sprechweise unserer jüdischdeutschen Vorfahren ist faszinierend getroffen, nicht kopiert ״«h karikiert, sondern neuerlcbt. Der Mangel solchen Scharf- *chützcnstils ist allerdings, daß inan nur Hochspannungen damit Ranz erfassen kann, aber die Dramatik des Ausdrucks ent- *priebt der Gcladenheit des Stoffes, der Zeit der Handlung ml der Hochspannung unserer Zeit. Aber nicht nur darum “ dcr historische Roman von 1740 zugleich unser Roman 1934. Sein Autor heißt Oerson Stern, «in neuer Name ur die Literatur, ein Qewimt nicht bloß für die Literatur, Leo Hirsch. ״״Ernährung und Diät״. Auf dem Schreibtische meines stant ein dickleibiges Buch, das hieß: ״Das Buch wi gesunden und kranken Menschen". Es hat in unzähligen a "יי FH1ler der laienhaften Behandlung verhütet, noch che Fsm-rl 'זח Haus kam. Eine ähnliche Rolle könnte in dem uienhame unserer Tage ein kürzlich erschienenes Buch j£ltn• das mir vorlicgt: H e t i H o r w i t z - S c h i 11 c r, Er- 3mg, und Diät (Berlin 1934, Philo-Verlag). Es Ist zum Glück nicht so dickleibig; auch behandelt es nur einen 0«» ״ .t1nen sehr wichtigen — Teilabschnitt der häuslichen d,' ndheitspflege. Es wendet sich an alle Väter und Mütter, י ן das körperliche Wohl ihrer Familie anvertraut ist. er״ .'v.1rd ein kurzgefaßter Querschnitt durch die Forschungs• *L,"״sc der Ernährungslehre gegeben; wie man z. B. Stoff- ״ w elkfänkheitcn verhütet, ihnen vorbeugt und zu ihrer Ver 114 J'cdl'ägt, das kann jeder interessierte Laie — und lerne»1» as, ־־ aus diesem faßlich geschriebenen Buch di״!' d'c Erörterungen der verschiedenen Diätsysteme In U... Grundrisse schließen sich — und das wird mancher fech* m?״. •Gichcnbcsorgcrln noch wichtiger sein — prak- 4» ״״'''ddhnien an; mit anderen Worten: Kochrezepte für KinüM .cl״edcncn Arten der Diätküchen. Ein besonderes kranlf* der Ernährung des Kleinkindes in gesunden und ... וי־יר׳ laT/vn rr«1,1 ״«י a »•»4 ..~a 1/A.Ua *«sammen-?feilen, Tagen gewidmet. Arzt und Küche müssen zusammenfesÜnm! »"י dem Menschen, wenn er gesund ist, seine *> sein u Iu erl1altcn, und wenn er sie verloren hat, wenn ferbmii, יו *urückzugeben. Deshalb sei dem Büchlein weite Leitung gewünscht -ba—. . f? «1?«• •m 0m #וי Jsaaao«Eaa 4141 Ja» Na# 4»^ C»,«# 4L* C ' ' ' \ 1,ß dÜL %״ii) Iu«»✓ V#,# jLsk«•*• %ll I■) fl QUIZ IDAcClSGffS Max Brods ״Heine״ Sie war fast eine jüdische Notwendigkeit geworden: diese Auseinandersetzung mit Heinrich Heine. Alles, was über diese zentrale Figur jüdischen Dichtertums Im 19. Jahrhundert existierte, litt an einem wesentlichen Mangel. Die Ausbeutung des spezifischen Gehalts jüdischen Seins beschränkte sich Im großen und ganzen auf eine gewisse traditionelle Betrachtung. Das soll nicht die wichtigen und ernsthaften Arbeiten eines Max J. Wolff oder O. Fischer herabsetzen. Aber auch Biographien haben ihre historische Stunde. Ludwig Marcuscs hervorragendes, von Brod übrigens häufig mit großer Anerkcniumg zitiertes Heine-Werk erschien gewissermaßen eine Sekunde zu früh, obwohl es auch jetzt noch und für die Zukunft in seinen soziologischen Kapiteln gültige Bedeutung hat. Von Walter Victors spezialistisclicr Studie ״Mathilde" muß in diesem Zusammenhang abgesehen werden, ebenso wie von dem dieser Tage in Paris erschienenen Heine-Buch der Stresemann-Biographin, Antonina Vallenti n, das ganz aus der Oberfläche zeitlicher Parallelen heraus ■eine Aktualität schöpft. So wenig der Zeitpunkt dieser (im Verlag E. P. Tal) erschiencnen Biographie eine Zufälligkeit ist, so wenig ist cs die Autorschaft Brods. Nach dem Roman ״Die Frau, die nicht enttäuscht“, in dem er zum erstenmal den Begriff der ״Distanzliehe“ formulierte, mußte cs den Dichter reizen, für sich selbst und seine Arbeit den historischen Ahn zu finden. Und Brod hat erst neulich in einem Interview an dieser Stelle dies bestätigt, indem er Heine, den ersten Dichter jüdischen Stammes, der im deutschen Kulturkrcis ebenso starke Anfein• düng wie Popularität gefunden hat, als das erregendste Studieuobjekt für die Frage des ״Distanz-Deutschtums" bezeichnet. I* Heine lebte zu einem Zeitpunkt, an dem für einen Menschen seiner Art die vollendet klare Gestaltung des Lebens unmöglich war. Damit sind wir mitten In der großen revolutionären Abrechnung, die Brod mit dem ganzen Kornplex der ersten jüdischen Emanzlpatlonspc• rlode in Deutschland hält. Wir sind nur allzu gewohnt, die literarhistorischen Remi* niszenzen au die Zelt der Berliner Salons, an die Gestalten der Rahel Lewin und Henriette Hertz, um die sich damals die erlesensten Geister der deutschen Poesie scharten, unkritisch zu übernehmen. Der Anbruch freiheitlicher Morgenröte, der helle Glanz dieser ersten, so intensiven deutsch-jüdischen Verständigung blendet die Grundsltuation zu stark ab. Brod beschränkt sich ganz auf die historisch-objektive Kritik der betreffenden jüdischen Generation. Und er zeigt auf, wie dieses geistvolle Fraucngcschlceht der Berliner jüdischen Oe- Seilschaft uml mit ihm die ganze jüdische fntcllcktualität etwas unerhört Einschneidendes tat: sie vollzog den Bruch mit der bisherigen jüdischen Einhcitskultur. Dies geschah in einer Epoche, in der für die verlorene Stetigkeit nur die Schwärmerei, für den aufgcgchcncn Grund und Boden nur ein idccllcr Raum, in dessen Luit Wurzeln zwar wachsen, aber nicht Full fassen konnten, gefunden wurde. Als,, Heine zum Deutschtum hinstrebte, war er ihm verfallen. Es war die inbrünstige Hebe, die nicht fragte, on sie erhört wurde. Und als er später so großen Erfolg und ebenso große Gegnerscliaft fand, da dauerte cs lange, lange, bevor er seinen eigenen Standort sich erkämpfte. Allerdings ist cs gerade das Große an Heine, daß er niemals sein Judentum verleugnet«. Er tat den Schritt aus jüdischem Mittelalter in die Neuzeit, ohne daß ihm jemand dabei helfen konnte. Denn die zeitgenössischen Juden waren anders als er. Sie, die ihm oft an jüdischem Wissen weit überlegen waren, versagten vor den Problemen des Tages. Heine — seine Taufe war für sein Bewußtsein völlig unerhcblich — behielt sein Selbstvertrauen und das Bewußtsein seiner volkhaften Eigenart. Aber er war einsam damit. Die Emanzipation ha.ttc zwar Schranken niedergerissen, doch naturgemäß noch keine allgcmelngiiltigen Formen der Seihstbewahrung in der freien Luft gestalten können. Der Einzelne hatte hier seinen individuellen Kampf durchzufechten. Just das, was Heine oft vorgeworfen wird, das Bunte, sich bisweilen Widersprechende seines Wesens, das als irrliehterierende Zickzacksprünge genialisch-haltloser Art seine Definition in lexikalisch-knappen Fehlurteilen findet, wird von Brod als jeweilige Kampfphase um Selbsterhaltung und Treue zu eigener Art sichtbar gemacht. Heine hatte Mut, den Mut des Mannes, der auf sich seihst gestellt war und nicht den Zusammenhang mit seiner Vergangenheit verlor. » Heines Liebe zum Deutschtum wird zu einer der rührendsten Phasen seines Lebens. Ob er In Westfalen dem Herzen der Bauern alte, verträumte Erinnerung an Widukind ablauscht, ob er als Hörer Schlegels in Briefen an Fritz von ßeughem gegen das römische Recht als Fremdkörper im deutschen Gemeinschaftsleben wettert oder in den Briefen aus Berlin den König und die preußischen Offiziere lobt und den Segen der allgemeinen MilitärdicnstpfliEtit, der die Jugend vor der Gefahr der Verweichlichung schütze, preist — überall stellt er eigentlich im Oegcnsatz zu dem Bild, das die Gegner von ihm entwerfen. Rührend, wie er im Kulturverein von Zuuz Arminius als Muster des großen Patrioten, der alles wagt, darstcllt oder später als Emigrant (nach der Schilderung Heinrich Laubes) In Paris mit der schneidenden Klinge seiner Schlagfcrtigkeit Deutschland gegen alle französischcn Vorwürfe verteidigt, so daß Alexander Dumas es beklagt, daß Frankreich einen solchen Patrioten nicht für sieh adoptieren könnte. Gerade denen, die diese Seite des Heincschcn Wesens abstreiten, bereitet Brod in seinem Buch einen witzigen Reinfall. Er zitiert seitenlang Vers und Prosa, die sich kritisch mit dem damaligen Deutschland beschäftigen und auf die sich als ״typisch jüdisch" der Durchschnitt der Heinc-Oegner sofort bcwcistriumphicrcnd werfen würde. Plötzlich aber enthüllt er die Autoren: Arnim und Oocthe, Schiller und Brentano, Uhland, Grillparzer und Rückcrt. Und man sicht, wie wenig Objektivität in der üblichen Kritik an Heine aufgebracht wird. Ein Trick, der im Rahmen eines Werks, das so tief an die Dinge herangeht, durchaus gestattet ist. * Denn Brod schürft ganz auf den Grund. Er geht nicht achtlos an Heines Mängeln vorüber. Der Platen-Konflikt, die Börne-Polemik, die Uebcrsehätzung gewisser reimseliger Lyrik zum Schaden anderer Dichtungen Heines finden In Ihm einen durchaus nicht nachsichtigen Beurteiler. Aber schon In der Erörterung der politischen Haltung Heines, seiner Nei* ung zur konstitutionellen Monarchie als dem politischen Weg er Mitte, die ihm die bittere Feindschaft der radikalen ,deut• sehen Emigration einbrachte, erwachen tiefe philosophische Erkenntnisse, die sich dann später in der Brodschen Syn* tlicsc vom ״N a ti 0 na 11111 m a n i 8 in us“ zu jener Form heutiger deutsch-jüdischer Philosophie steigern, die In ihrer Reinheit und Weisheit nicht unbedingt auf den Zuspruch der Masse rechnen kann. Kassen mäßig-Bedingt es und allen Menschen Gemeinsames, wie vereinigt sich das? Aus einem Oebirgscrlebnis wächst Brod die Erkenntnis. Ein Satz weht ihm in reiner Bergluft zu:!,D ic Gipfel sehen e in a n de r". I leine wird gleichzeitig zum Symbol, wie deutsche Sprach« und jüdisches Blut •kn so mischen kamt, daß das Werk aus dieser Mischung in die Welt der Gipfel hincinragt. Ganz behutsam versucht Brod» dies zu umschreiben und findet für die Definition Heine» — also für das Schicksal eines jüdischen Dichters deutscher Zunge — eine Anzahl Leitsätze: 1. Heine wollte deutsch sein und war auch In einer ge« wissen Bewußtseins!.ngc fest davon überzeugt, es zu sein. Dies war also als Wollen eine Realität und echt. Dies Wollen Ist gleichzeitig eine Entwicklungsphasc in der jüdischen Oeschichte und gehört organisch in die Entwkklungslinle des Judentums. Für die deutsche Entwicklung ist cs Von ge« ringem Belang. 2. Für deutsche Kunst und Kultur sind derartige Lektun« gen nun mindesten als Randerscheinungen bedeut« sam und bereichernd. 3. So große Kluft kann nicht zwischen zwei Völkern sein, daß Verschiedenheit in sekundären Punkten den Zu« sammenhang im Wesentlich-Menschlichen hinderte. 4. Richtige Haltung des jüdischen Dichters deutscher Zunge zur deutschen Kultur ist die der Ü i s t a n z I i e b e. Distanz« Hebe Ist ein dialektischer Begriff. Wer liebt, will Distanz aufheben. Wer Distanz hält, verletzt die Liebe. Die Seelen« haltung des Juden ist eben nicht leicht. Im übrigen kann diese Mitte nur gelebt, nicht abstrakt umschrieben werden. Sie erfordert als Korrelat eine starke Verankerung des Einzelnen Im Judentum. Hier zitiert Brod Felix Weltscn, dem er such die Heine-Biographie widmet: ״Distanz halten kann nur, wer selbst auf seinem Platze steht. Distanz verlangt ein Gleich« gewicht der Kräfte; nur der aber kann dieses Gleichgewicht wahren, der der lockenden Welt der fremden nationalen Kultur sein eigenes sicheres jüdisches Ich entgegensetzen kann." 5. Heine konnte von solchem Gleichgewicht nichts ahnen. Er ist der für seine Zeit optimale Fall jüdischen Volksinstinkts. 6. Nach der ethischen und soziologischen Erforschung der jüdischen Assimilation ist jetzt eine grundsätzliche pAcsthetik der Assimilation" atiszubildcn. Wie bildet sich jüdischer Geist in eine fremde Materie hinein? Hier führt Brod die Gefahren des Mißlingens, und die Möglichkeit des schöpferischen Irrtums aus. Spiritus flat ubl vult. Notwendigkeit doppelter Gnade für einen jüdischen Künstler, der, In. ,niclit-jiidisclicm Material schafft. Jüdische Vorgänger Heines von Jona b. Abraham Gorni und Süßkind von Trfm« berg an. Sicher ist, daß die Entwicklungsgeschichte der Mensch heit theoretisch eines Tages wieder zu anderen Deutungen Heines kommen kann. Aber das reicht irr Bezirke, die hier nicht zur Diskussion stehen. Zur Diskussion steht Brods ״Heine“ und von ihm ist zu sagen, daß erst der ganze analysierende mächtige Aufbau der Situationsstruktur die großen Schlußkapitcl ermöglicht, in denen statt der üblichen Scntimcntalismcn über Mouche und Matratzengruft die Voll« endung des Heincschcn Weltbildes gezeigt wird. Hier er« scheint Heine als der erste Exbtcnzialphilosoph, dessen Be« kehrung nicht zu einem Dogma, wohl aber zu dem Bekenntnis menschlicher Ohnmacht vor der Unendlichkeit (Brods ״edles Unglück") führt. Freilich, Heine gehört nicht zu den größten unter den Menschen, gehört nicht zu den ״Jeschiwah «hei maalah““, deren Lehrer Laotse, Plato, Moses, Oocthe und Thomas von Aquino sind, sondern zu jenen Wegbereitern der Menschheit, die schwankten, irrten, ״von einem Extrem ins andere fielen“, die aber als Pioniere gelten werden, wenn man von denen spricht, die eine Sendung hatten. Manfred Georg. Emil Bernhards Drama ״Der Brief des Urin" ist von def H a b i m a h In Tcl-Awiw zur Aufführung angenommen wor« den und wird demnächst in Szene gehen. Es ist das erste Werk des Autors, das 1009 in Reinhardts Kammcrspielcn zur Uraufführung kam und seitdem über zahlreiche deutsche Bühnen ging. Wie erinnerlich, ist es auch zu Anfang diese* Jahres durch eine Gruppe junger Schauspieler hier in Berlin wieder herausgebracht worden. ״Der Morgen“, Philo-Verlag, Berlin W 15. Der November* Leitartikel des ״Morgen“ beleuchtete als ״Umschau״ einige aktuelle Erscheinungen des jüdischen Lebens. Ignaz May« bau in setzt eine Serie früher in dieser Zeitschrift erschle« nencr Arbeiten fort unter den! Titel ״Die jüdische Geschichte des deutschen Judentums“, in der er die Emanzipation al» eine auch für die heutige religiöse Situation des deutschen Judentums grundlegende Tatsache verteidigt. Hugo Berg« manns Aufsatz zur ״Religiösen Situation in Palästina" stellt eich in den Dienst der religiösen Entwicklung in Palästina, deren Oefalircnpunkte und Hoffnungen er aus der Fülle per« sönllchen Erlebens darstcllt. Rudolf Hallos Untersuchung Ober ״Die christliche Wissenschaft vom Judentum" klingt aus in ein,Bekenntnis zu wissenschaftlicher Gesinnung, das als Vermächtnis eines zu früh Dahingegangenen erschütternd wirkt. Im Feuilleton zeichnet Leo Hirschs Geschichte ״An der Grenze“ das Leben einer ostdeutschen Kantorenfamilie. Der Glosscnteil bringt eine Darstellung von Kan Joel» Lebeaswerk aus der Feder seines Nachfolgers Herman $ ehrt״! len« b a c h. Buchbesprechungen und kleinere Arbeiten schließen •Ich an. Die Mitteilungen der Großlogc für Deutschland Bnc Brlss für Oktobcr/Novembcr sind‘als r cstnummer zum Ordenstage dem Thema ״Das jüdische Haus alt Kraftquelle der Erneuerung jüdischen Lebens" gewidmet. Das schön au *gestattete Heft enthält Beiträge von Leo Bseck, Anna Lcwv, Dr. Meycr-Spanlcr, Eise Rabin, Breslau, Abraham Loeb, Berlin, Moritz Werner, Frankfurt a. M., Rahel Wiach« nitzer-Bernstem, Erna Stein, Berlin, Magnus Davidsohn. Fritz Engel, Erika Löwenstamm u. a. Bibliographie des jüdischen Buches, 2. Heft 5694, Joel Sänger, Frankfurt a. M, — Auch das 2. Heft dieser ßibHo« graphie, das letzt vorliegt, ist sehr nützlich und »teilt für jeden, der sich über die Büchererseheinungen auf׳ jüdischem Gebiet informieren will! einen vorzüglichen Ueberblick dar.

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