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Jüdische Rundschau · 1934-11-20 · Heft 93 (20.11.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 93 (20.11.1934)
Date
1934-11-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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. ג Kr, 93, 20• XI __ Von jüdischer Geschichtsbetrachtung D״;weite Vortrag in dem großen Zyklus des Berliner imjistIK” Lcl-rliauNCs ״T r a d 11 i 0 11 und Leb e 11“ führte 1״׳״llcrorüentlieli prägnanter Weise in die eigentliche ge ,!.fliehe Problematik hmem, Professor bmar * ־' «fflHi'tl * - I! m in liehe ,״nit im ebenso klaren wie packenden Ausführungen über jS Thema ״Zeiten jüdischer S leschichtc“ die g e s c h i c!11 s - Shilosop 11 i•' c 11 e 11 (1 r u 11 d 1 a g e n jüdischer (leschichts- Lfihimg i״ ‘,c״ jetdeii 100 Jahren. Unter dein Einfluß H0m »nt i t< f-U1t auch den Juden der geschichtliche Sinn «Irr auf, naelHlem wahrend des ganzen Mittelalters bis ' |g Jalirlumdert das historische Denken vcrlorcnpegangcn 0(! ״r erste unter den jüdischen Geschichtsschreibern, der lfljcr in Zusammenhängen (icschiclite schreibt, ist der heute ycr vergessene lose S a 1 v a d o r, der unter dem F.influll i״ französischen Revolution und Herders eine pragmatische •ijistclhiug gibt! die die ganze jüdische (icschiclite so auf-;jj a!s oh sie von Anfang an auf die Verwirklichung .״'er Idee (nämlich der Idee der Freiheit) liinge/iclt u(,c In ähnlicher Weise sieht Naclnnan Kr och mal die i,,torisch eit Zusammenhänge, wobei er, vielleicht unter dem fiiillu« Hegels, innerhalb der einzelnen großen Perioden .,c,s drei Stadien imterscliCKlet: Aufstieg, Keife und Verfall, jfoclunal war der Ansicht, daß das jüdische Volk schon drei- -11 solche Epochen erlebt habe: einmal von den Anfängen T,?um Einzug ins Land, dann die Blüte bis zu David und <jr)11f der Verfall bis zur ersten Zerstörung des Tempels. Die »eite Epoche gliedert sich für ihn in die Aufstiegszeit vom •jlnlonisclien Exil bis zu Alexander dem Großen, in die Reifezeit bis zu den Masmonäcrn und die Verfallszeit bis ■jr Zerstörung des zweiten Tempels. Die dritte Epoche zeri,HI dann in die Zeit von 70 bis 600, von 600 bis 1200 uivd 1020! ״« bis 1000. Die (icsi liichtsdciitung Krochmals bat ihren stärksten Sifdcrschlag in Graetz gefunden, der ebenfalls jüdische Geschichte ״konstruiert“; sie ist für Graetz gewissermaßen die jäte, die nie vollkommen zur Keife kommt, und sic schließt |Jf ihn die Aufgabe in sich, die Gottes- und die Staats- Jcc zu einer Einheit zu verschmelzen. Graetz unternimmt flwnfaHs eine Einteilung der Epoche, ähnlich wie Kroch- -i mir daß er in einzelnen Punkten die Grenzen eines 5'jJitirns anders bewertet als sein großer Vorgänger. Elbogeu -)b besonders die Gewissenhaftigkeit der Graetz- ,eben (ieschichtsschreibung hervor; cs ist typisch, daß Graetz den ersten Fand seiner Geschichte zuletzt geschrieben hat, -jtlidcni er nämlich erst in den 60er Jahren Gelegenheit •1:tc, Pa In.« ti na selber kennen zu lernen. Und in Verbin-;«5 mit dieser Ausweitung seiner Kenntnis des Landes Hub er auch nicht bei der pragmatischen Auffassung der indischen Geschichte als der bloßen Verwirklichung einer Idee sichen, sondern er entdeckt zugleich den jiidisehen Mensch cn. Er unterscheidet den jüdischen Stamm, itr der Leih, und die jüdische Lehre, die die Seele unserer Geschichte sind. |ft i*f: ׳1 Unter dem Einfluß Rankes erfährt die Geschichtsbctrach- Mng eine ,wesentliche Wandlung in der zweiten Hälfte des!י. Jahrhunderts, vor allem durch die Ablehnung jeder Konstruktion. Man geht an die Quellen heran, an die Akten und Urkunden, und vor allem schaffen die großen Ausgra b 11 n g cn eine sehr viel größere Ucbcrsicht über ie Zeiträume, als man sie vorher hatte. Der Durchschnittsmcnsch wird nun auch in der jüdischen Gc- Kliiclitsschreibnng Gegenstand der Darstellung; die Wände- ־jngen und Wirtschaftskäinpfc der Massen beginnen ׳zu ■tcrcssicren. Man lernte, daß kein Volk isoliert lebt, iifl Palästina eine Brücke zwischen Asien mul Europa war ■ad daß die israelitische Kultur nicht aus sich seihst heraus;wachsen, sondern durch viele Einflüsse gestaltet ist. Gibt nn aber selbst zu, daß die jüdische Geschichte nicht, wie k älteren Historiker meinten, ein bloßer Ablauf von Ideen >1r, so wird man doch nach Ansicht Elhogcns nicht ver- Unncn können, daß eine Idee die ganze jüdische Geschichte hndurcli sich als wirksam erwiesen hat: die Gottesidee, ':c hat überall den Juden die Kraft zur Selbstbehauptung und mm Martyrium gegeben. Dadurch, daß Dubnow nach Elbo-;015 Meinung dies nicht hinreichend berücksichtigt, sonfern diese Kraft ins Säkulare gezogen hat, ergibt sicli ja dieser Geschichtsbetrachtung ein nicht voll zureichendes Md der jüdischen Entwicklung. Was Dubnow bei seiner Darstellung vorgeschwebt hat, war der unverwüstliche Lehens w i 111 der Juden. Die Bedeutung seiner Darstellung J'Eg! vor allem in der Verbindung mit den allgcmcin-gcschicht- *lien Zusammenhängen. Die Ausführungen Prof. Eibogens fanden den lebhaften Mall der überaus zahlreich erschienenen Zuhörer, die mit?״Iler Aufmerksamkeit bis zum Schluß gefolgt waren. N. Kinder des Landes Ein Besuch im Kibbuz Naane ln Naane arbeitet eine größere Anzahl von Chain- ו״יס aus Deutschland zusammen mit einer Gruppe aus der palästinensischen Jugend, die zur Landarbeit über- Begangen ist. Aus diesem Grunde dürfte die nachfol- Sende Schilderung besonders interessieren. (Red.) Eine Gruppe junger Freunde hat mich eingeladcn, sie ״ ihrer Kwuznli zu besuchen, und gern folge ich ihrer EinlaunR. Ohnehin ist es öde int Hause geworden, seitdem der PS'adlichc Kreis, der es sonst belebte, davongezogen ist. ״? wc״de ich der Stadt den Rücken und fahre hinaus ms wtiendc Land. 0 dcm übervollen Zuge mit seinem Durcheinander von ,"חך, Sprachen, Tempera menten finde ich gerade noch ein sehe י1')'1״ ״" ’״ in meine Gedanken an die jungen Men "• zu denen ich fahre, cinspinnen kann: jungen Men* י ■VI• •tmiV) Vl>1a|(11111vn יו״״יו• , stammt aus einer Familie des ״alten Jischuw“; der von rj Cln Handwerker, hat sich emporgearbeitet und sich (lfn Anschauungen seiner streng orthodoxen Umgebung t״l vvenm ,-ו״r ,־ “ ..., י; ן». r CI״F entfernt. Den Sohn hat er — unter Opfern י it1(1;t!}mr1as!llm geschickt, wohl in der Hoffnung der meisten * L cl,c" Eltern: daß einmal ein berühmter Gelehrter aus ־; tu ,״!Cr!Jc" st)llc• Aber Dan )tat nur das bestandene Abii i;K? ®״gewartet und ist dann zusammen mit den Freunden Vater [".J״Rl’ndbund in die Kwuzah cingetreten, lind der «ich nach der ersten Enttäuschung damit abge- ’?'r hat len, El ton JlaA!1, der olivenfarbene Marokkaner mit den schwc* Mutt״ICIllal.ischcn Gesichtszügen, ist bei seiner verwitweten hu? ״•"V1ncr Kellcrstube aufgewachsen. Er hat sich jahrc- 114;'״ Schulgeld selbst verdient und hätte — dank seinem ״Mtn l״ Arabisch — längst einen kleinen Regicrunpspostcn kn* ,1״ ,liC״i aber seit Jahren ist das Zentrum seines Le- : KwuJ,,r .JUßcndbund, und als sein Freundeskreis sich zum später*!1• eü 0״tscliloß, ist er mitgezogen. Er hofft, daß er '« Mutter zu sich nehmen kann. f<L״r'5L *®t der Sohn eines zionistischen Beamten in )05!.״[!. Stellung. Er hat die sorgfältigste Erziehung ge- ' di* das Land zu bieten vermag, mit Hauslehrern, ׳JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 11—s,r #94־ Iu4l n די 1 י f ד־ '*־' י’; ך»ךןן i , 4 '%» J 14 iJkW.«״J 16*4 ».4 U*. ■ffTI" II P II illg LZ __nn i*‘‘«J \dßj iibJ , יי Zu einem Vortragsabend 11**4 in der Kant-Gesellschaft Von David Theodor Litt, der bekannte Leipziger Piillosoplücprofcssor und einer der bedeutendsten Pädagogen der Gegenwart, sprach an dein letzten Vortragsabend der Berliner Ortsgruppe der ״Kant-Gescllscliaft“ in einer meisterhaft lebendigen Rede über seine Besorgnisse um die heutige Auffassung der Zusammenhänge zwischen Philosophie und Zeitgeist. Sowohl die Thesen Litts wie besonders ihre leidenschaftliche Umkämpfung in der nachfolgenden Diskussion waren auch für den Zionisten — hei aller dringend gebotenen Zurückhaltung in spezilisch deutschen Fragen — von packendem Interesse. Litt erkannte das Recht des Zeitgeistes auf Bcrüeksichtigütig in der Philosophie restlos an, und er berief sich dabei dauernd auf Hegel. Auch Hegel erklärte ja sein eigenes Denken und das Schaffen jedes großen Philosophen als ״solldarisch“ mit dem Geist seiner Zeit. Aber, so fügte Litt warnend hinzu, Hegel ließ mit Recht nur jenes Denken als ״Philosophie“ gelten, das seine Zeit wirklich ״i n G c - danken erfaß t“. Das Volkstum, die Rasse und alle anderweitig bedingten irrationalen Eigenheiten und Sehnsüchte einer Gemeinschaft können zwar allein den natürlichen Roh- Stoff für das historische Wirken dieser Gruppe hergehen. Aber wahrhaft bleibende Schöpfungen kann ein Zeitalter oder ein Volk mir dann aufbaucn, wenn cs die Kraft erwirbt, dieses dunklere Triebleben durch die Macht des Geistes zu bändigen und zu geistiger Gestalt werden zu lassen. Hegel forderte deshalb nach Litts Deutung, daß sich das irrationale Getriebe menschlichen Empfindens und Strcbcns überall durch die Hingabe an die ״Sache selbst“ läutern müsse, und das wäre hei dem Philosophen durch die sachliehe Arbeit an den ewigen Problemen, die uns durch die grüßten Denker der Menschheit, durch Plato, Spinoza oder Kant entfaltet wurden. Dilthey und die Gegenwart aber ließen die Philosophie demgegenüber oft viel zu sehr in den Befangenheiten einer ungeklärten ״Weltanschauung“ stecken. Man glaube da, eine Rasse oder eine Zeit könnten sieh bereits ohne weiteres ״zum Ausdruck bringen". Aber es fehle dabei jeder Maßstab zur Scheidung zwischen dem Wcsentlichcn und dem Zufälligen im Zeitgeist, zwischen dem Entscheidenden und Belanglosen, zwischen den echten Kräften einer Rasse und ihren partikulären Schwachen. Erst durch die Arbeit an diesen Fragen kann sich das Ocsicht einer Rasse und einer Zeit formen. Vorher bleibt alles an ihr vage Möglichkcit. 111 der sehr erregten Diskussion suchten junge Nationalsozialisten darauf liinzuweiscn, daß die Gegenwart sehr wohl in der Annahme einer ״Rassenscelc״ den Forderungen Litts, soweit sic berechtigt wären, Genüge leisten könnte. Die Rassenscelc sei vielleicht etwas ״Imaginäres“, und doch sei der Glaube an sie unentbehrlich. Litt cntgcgnctc darauf, das Sprechen von einer Rassenscelc könne nur zu Mischbegriffen führen, die Biologisches und Geistiges heillos vermengten, während gerade die Wissenschaft liier klar trennen müsse. Aber die zahlreichen Fragen, wie nun die Wissenschaff tatsächlichen Bindungen zwischen dem Leben der Rasse, der Seele und des Geist« beschreibend gerecht werden, und wie sie hier konkret normativ, sittlich lenken kann, blieben natürlich bei der Knappheit und Schärfe der Aussprache ungeklärt. Professor Wich mann wies in besonders ernster Bewegfheit gegenüber Litt darauf hin, daß es in der Geschichte eines Volkes auch Situationen geben könne, in denen selbst für die Philosophie nur die Sorge um die biologische Basis des geistigen Seins bestimmend sein dürfe. Und ein dritter Redner machte geltend, daß der Nationalsozialismus auch heute die ״alten, ewigen Probleme“, die ihm aufgegeben waren, sehr ernst nähme, indem er etwa in der Welt des Mittelalters umt der Gegenwart das germanische Christentum von nicht-germanisch-christlichcn Gcistescleinentcn überall zu sondern suche. Daß aber das ganze Christentum für den Deutschen ewig Problem bleiben müsse, weil es dies bisher war, sei keineswegs erweisbar. Litt aber hielt dem entgegen, daß das Deutschtum dann sein gesamtes bisheriges Geistesleben aufgeben, seine gotischen Dome zerschlagen und seine ganze Musik vernichten mußte, wenn es sich so vom Christentum lossagen wollte, Denn das Durch leben des Christentums habe den deutschen Menschen so entscheidend mitgeschaffen, daß dies nie wieder rückgängig gemacht werden könne. Zu solchen Problemen des Deutschtums steht dem dcutsehen Juden der Gegenwart selbstverständlich keinerlei Recht der Meinungsäußerung zu. Aber die Ergriffenheit, mit der hier um die allgemeinen Fragen ״Geist und Rasse“, ״Philosophie und Geschichte“ gerungen wurde, kann auch den Zionisten nicht unberührt lassen. Der ״Völkische Beobachter“ vom 14. November scheint arizunctimen, daß die jüdischen Teilnehmer der Versammlung selbstverständlich nur die Partei Litts genommen hätten. Tatsächlich war der Beifall, den Litt fand, spontan sehr groß, da er dialektisch und an oratorischer Eleganz seinen Opponenten, wie diese selbst einräumten, weit überlegen war. Aber nur unentschuldbar kurzsichtige und oberflächliche Juden könnten den Ernst verkennen, mit dem auch die Gegner Litts sich um Klärungen mühten, zu denen heute jede alte Traditionsgcmeinschaft aufgerufen ist. Es wäre unverzeihlich verantwortungslos, und es läge außerdem nicht im mindesten im Sinne Litts, die Antworten, die Hegel und die er selbst hier gab, bereits für irgendwie abschließend zu hallen. Die Problemlösungen, die hier genannt wurden, weisen höchstens In die Richtungen, in denen weiter gedacht werden muß; aber’sie selbst bleiben noch — xvesentlieh bewußt — formal. Hegel verzichtete sogar eingestaiidencrmaßen darauf, das Wesen eines Zeitalters von vornherein zu bestimmen und ihm von der Philosophie aus irgendein ״Sollen“ vorzuschreiben, ״Die Eule der Minerva“, so heißt Hegels drastisch Schwerintitiges Wort in seiner Rechtsphilosophie, ״beginnt erst mit der ciiibrechcnden Dämmerung ihren Flug... Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lehens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sich nicht verjüngen, sondern mir erkennen.“ So mündet Hegels Gcschichts- und Moralphilosophie schließlich in eine — freilich sehr tiefsinnig begründete — ״Erfolgsethik“. Und sie weigert sich, von sich aus konkrete Ziele der Geschieht*- cntwicklung zu prophezeien oder auch — sittlich zu fordern. Wer aber doch durch das Schicksal getrieben wird, die ״Eule der Minerva“ schon am Tage, vor dem Einbruch der Dämmerung, aiifstcigen zu lassen, der kann sich heute nicht mehr (wie dies anscheinend attch Litt nicht tun will) nur zu Hegel zuriiekfNichten. Er muß selber neue Arbeit wagen. Und das jüdische Volk ist beute gewiß nicht weniger als das deutsche vor eine neue Prüfung jener uralten Fragen gestellt, was denn nun eigentlich sein Wesen, was seine Seele sei und was nur abstreifbares, ja verwerfliches Beiwerk. Deshalb aber wäre cs gewiß beschämend für uns und es müßte sich an uns seihst am schwersten rächen, wenn wir innerhalb solcher Auseinandersetzungen, die auch unsere eigensten Angelegenheiten betreffen, nur für die größeren redncrischen Fälligkeiten Partei ergriffen, oder wenn wir uns blind nur jener Seite zuwenden wollten, von der wir (noch tlazu völlig grundlos) eine beruhigende Umgehung jener Fragen erhofften, die heute die ganze geschichtlich(! Welt in Erregung halten. Sinn zionistischer Erziehung muß es bleiben, jedem Juden die Sinnlosigkeit des Ausweichen* vor solchen Entscheidungen sichtbar zu machen. Aber auch jeder Zionist, der Anspruch auf historische und philosophische Denkfähigkeit erbebt, muß sieh beute klar darüber werden: die Lösung aller Gegcnwartsaufgaben durch die allgemeine Berufung auf irrationale Volkskräfte und Rassefähigkeiten ist ebenso aussichtslos wie einst die Versuche der viel zu siegesgewissen Aufklärungsnpostcl des 18. und 19. Jahrhunderts, die alle Rätsel des Daseins durch die bloße Vernunft des Menschen rasch zu entwirren hofften. Nur eine schwer erkämpfbare und nur eine viel sei• tige Bindung der Irisfinkt- und Vernunftkräfte einer Gemcinschaft kann hier helfen. Musik-, Turn- und Schwimmunterricht, und jahrelang schien es, als zöge es ihn vorwiegend zum Genuß der ästhetischen Lcbcnswcrtc. Der Jugendbewegung ist er einige Kindheifsjahrc hindurch aus dein Wege gegangen, weil er — als verantwortlieber Charakter — ihre strengen Forderungen fürcli• tote. Daun hat sic ihn in seinem 14. Jahr doch ergriffen und ihn vollständig verwandelt. Als überzeugter Pionier und als geistiger Führer seines Freundeskreises ist er mit diesem nach dem Abiturium aufs Land gegangen. Schwerer als ihm ist es seiner Kameradin Mirjam geworden, den Widerstand der Eltern gegen ihren Eintritt in die Kwuzah zu überwinden. Auch Miriam stammt aus gehobenen bürgerlichen Kreisen: ihr Vater ein erfolgreicher Rechts• anwait, ihre Mutter eine noch jugendlich-schöne, in der Gesellschaft gefeierte Frau. In Auflehnung gegen den bürget• liehen Lebensstil der Eltern legt Miriam seit Jahren Wert auf einfachste Kleidung, ein äußerst frugales Leben und Gewöhmmg an körperliche Arbeit, Etwas älter als ihre Klassen• kameraden, ist sic schon früher als diese in die Kwuzah cingetreten. Und schließlich gehört zu diesem Kreise Brach a, die Jemenitin, die im Waisenhause erzogen wurde und nach Jahren harter, einsamer Arbeit dank den Jugendbund-Kamcra• den den Weg aufs Land fand. Es gehört dazu auch Amnon, der bildschöne, immer lustige Kolonistcnsohn aus Galiläa, und B r 11 r i a, ein körperlich und geistig wenig entwickcltes Mädchen aus unglücklichen häuslichen Verhältnissen, das die Kameraden mitgenommen haben, weil sie fürchteten, daß sie — allein gelassen — iiir trübes Leben nicht ertragen würde. Zu diesen jungen Menschen und ihren Gefährten gehe ich nun, nachdem der Zug gehalten hat, durch blühende Felder und junge Weingärten, clie sie selbst angelegt haben. Auf dem Feldweg kommen mir einige der bekannten Jungen und Mädel entgegen, alle kräftiger, härter geworden. Mit ihnen gehe ich in ihr Zelt- und Barackendorf, tn dem 200—300 junge Menschen leben. Mit Stolz zeigen sie ihre Felder. Ställe, Gemüsegärten — auch einen Blumengarten haben sie sich, trotz des Mangels an Arbeitskräften, angelegt. Sic erklären ihre Siedlung, zeigen ihr Ambulanzz.immer, ihre Bibliothek, ihre neue elektrische Kiicho. und warten gespannt, was der Gast zu ihrer Kinderstube, (In der es schon drei Banles gibt!) sagen wird. Sic sind jung, froh, kindlich, aber sie sind auch voller Ernst und Verantwortung — das beweisen die Gespräche beim Abendessen, in denen vorwiegend von der Arbeit des heutigen und des morgigen Tages clie Rede ist, das beweisen noch mehr die Verhandlungen in der danach tagenden Vcrsammhing, an der die jungen Burschen und Mädchen lebhaft teilnchmcn, bis einem nach dem andern nach der schweren Tagesarbeit die Augen Zufällen. Auch eine große Anzahl ״Neuer“ gibt cs hier — junge Einwanderer aus Deutschland und anderen Ländern, die sich in manchen Dingen noch stark von den Kindern des Landes unterscheiden mul offenbar ה!warten, ob sie sich in der Lebensform, die hier von den ״Zabrcs" geprägt wurde, cinlebcn können. Einige Gruppen unter den Landeshindern haben es sich ausgesprochen zur Aufgabe gemacht, die Brücke zwischen den ״Alten“ und den ״Neuen“ zu schlagen. Am Abend weist mir Mirjam ein Bett in ihrem Zelt an, das sic sonst mit zwei Freundinnen teilt, von denen eine heute ausqiiarticrt wurde. Ein wenig erschüttert cs mich doch, als ich die Behausung des Mädchens sehe, die noch vor wenigen Monaten ihr eigenes luftiges Zimmer besaß, in dem alle Möbel, Bilder, Farben nach eigenem kultiviertem Geschmaek ausgcwählt waren; — jetzt hat sic nichts als eines von drei harten Feldbetten, eine Ecke an einem Brettertisch und eine zugcdccktc Kiste, auf der in einer Milchflasche ein paar Blumen stehen. Und morgen, früh um vier Uhr, wird der Traktor an den Zelten vorbcirollen, und sie werden aufspringen und ohne Frühstück zur Arbeit laufen, um sich nicht zu verspäten, und am Ende eines langen Arbeitstages werden sie wieder in ihre engen, herben Zelte kriechen. Aber sic sind froh bei diesem harten Leben und sind verantwortlieh und lieben ihr Land bis zur Leidenschaft. Sie eben dem, der von dem Widerstreit der guten und der cdcnklichen Elemente in unserem Lande erschreckt ist, die Zuversicht,. daß schließlich doch das Beste, das in unserem Volke lebt, in unserer Jugend siegen wird. Helene Hanna Thon, Jerusalem. Der Tenor Stabinski wurde nach Holland für die dortigen Festspiele verpflichtet, I ' י‘ i \ *i I. I f;1 ij» ו ■ji 1; r ■ I l;■־, r s $ l! i' :■׳: .'H v ' ‘ב י I. ‘ 2? t

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