Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 92 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 92. Iß. Xt 1934 ,JÜDISCHE RUNDSCHAU Zum Gedächtnis Arthur Sakheims Jüdisches Theater heute Es gibt kein jüdisches Theater, vielleicht gibt es noch keines und wird es einmal eines geben — auf den Spuren und als Witktmg 11ml Nachfolge 1k־r Hahimah, von der inan sich freilich klarmachen muß, wieviel sie dem grollen Stanlslawski und ,imlern Russen verdankt. Abgesehen davon wird nur der hartgesottenste Theaterhistoriker rituelle 1 änze oder Ptirimspiclc als Regungen einer jüdischen theatralischen Kunst abschiit/en wollen. Nein, es gibt kein jüdisches Theater, es gibt nur jüdische Tlicatcrkiinxtler, die leben und arbeiten wollen — — lind also gibt es eine Buhne des Kulturtnindcs Deutscher Juden, sogar mehrere Bühnen in Berlin und im Reich, auf denen jüdische Bühnenkünstler, sprechend oder singend, um das Interesse des jüdischen Publikums werben. I)all von diesen Bühnen, die aus einem Notstand heraus entstanden sind, ans einem Notstand der Künstler und des an Kunstgenuß gewöhnten Publikums, keine neue Blüte und Richtung der Theaterknnst ausgehen kann, versteht sich von selbst. f)e1111 das Theater als Idee ist nicht nur au das Vorjiandcnscin eines Volks ganzen gebunden, während ja die deutschen luden sich bisher in ihrer Mehrheit als einen Teil des deutschen Volkes haben fühlen wollen, sondern es ist auch Ergebnis und Frucht eines GcmeinschaftsüberIltisses, fast könnte man sagen: des Uehermuts (Ucbcr-Muts) einer Gemeinschaft, die im Spiel sich und ihr Schicksal gespiegelt scheu möchte. Die Juden, In ihrer derzeitigen sozialen und gescllschaftliehen Verfassung, sind nichts weniger als eine «inheitliehe Schicht. Sie sind, dies natürlich ohne Wertung gesagt, die Trümmer eines Volkes, die sieh bisher und bis heute in die weitläufige Architektur und Struktur, sozusagen vom Keller bis unters Dach, eingefügt haben. Wenn, demnach, eine Reräsentanz aller in Deutschland verblichenen Juden das Publi• um der Kulturbundthcater bilden wurde, so hätten diese, trotz allem, eine Masse vor sich, die als Vertretung einer volksälmlichcn Gemeinschaft genommen werden müllte. In Wirklichkeit aber ähnelt die Zusammensetzung des Kulturblindes der der Volksbühnen insofern, als er den zur Theaterkunst drängenden jüdischen Mittelstand als Mehrheit umlallt. Die Anlässe, die diese Angehörigen des Mittelstandes zum Theaterbesuch heute bewegen, sind gesellschaftlicher und individucllcr Natur. Das Gesellschaftliche: Juden drängen zu Juden, zu den nach Schicksal und Gesinnung ihnen Gleichgestellten und Glcichgcordnclen, und somit drängen sie auch zu einem Theater, das ihr Schicksal und Ihre Gesinnung in irgendeiner Form aussprieht. FT wäre falsch, sei cs im optimistischcn oder pessimistischen Sinn, anzimehmen, daß dieses innerlich eng zueinander gruppierte Publikum sein Schicksal und seine Gesinnung als ausschließlich jüdisch empfinde. Dies kann vielmehr wiederum nur für eine Minorität innerhalb des mittelst,■indlerischcii Kulturhundpublikums angenommen werden. Die Mehrheit ist immer noch so disponiert, daß sic Jüdisches und Deutsches in einem Bilde sehen und ercnneii möchte. Welche Folgerungen sich daraus für das Repertoire der Kiilturbundbiihnen ergeben, ist ohne weiteres klar: cs muß gemischt sein in seinen Anknüpfungen an die seelischen und kulturellen deutschen und jüdischen Werte. Wozu man bemerken muß: gemischt braucht nicht ״gemischt" zu sein. Viel stärker aber als der gesellschaftlich-jüdische Anlaß scheint uns der individuelle Anlaß zum Theaterbesuch unter den Knlturbiiiidlem wirksam zu sein. Ihn kann man sehr banal benennen: jüdische Liebe zur Konst im allgemeinen und zur Biihncnkunst im besonderen. Ans dieser längst traditionell gewordenen Liehe ist die Gewöhnung an den Theaterbesuch hervorf'cgangcn. Zu der Gewohnheit, ins Theater zu gehen, kommt linzti, daß das von erhöhten Sorgen und verminderten Abwcchshuigcn begleitete heutige Lehen der Juden iiu hesonderen Maß narb Zerstreuung und Seibstvergessenheit verlangt. Man braucht das Theater nicht so sehr als Spiegel wie eine echte Gemeinschaft denn vielmehr als Blendwerk der Kunst, so wie man die Sommerfrische oder eine Kur braucht. All diese psychologischen Voraussetzungen im Zuschauerratim des Kiiitiirbundtlicatcrs werden hier nicht zuin Vergehliehen gestreift. Denn sie sind die Grundlegung für alle künstlerischen Möglichkeiten auf der Bühne. Diese muß sich immerfort das eine Vorhalten: wir können keine ״jüdische“ Bühne sein, denn eine jüdische Bühne gibt es nicht, und wir haben nicht einmal ein Publikum, das eine solche zu empfangen bereit wäre. Wir haben ein Publikum, dem Kunst schlechthin und insbesondere Theaterkunst ein Bedürfnis geworden ist, zu dessen Befriedigung wir da sind. Das J ״fische ist demnach für die Kulturbundtheater das Problem und tias Problematische, die große Angelegenheit und die grolle Verlegenheit, Mau soll sieh nichts vormadicti und cinhekeiuicn, daß der assimilatorische Zustand ries deutscheu Judentums, der heute noch eine RenUt.it ist, um die man streifen, die inan alter nicht bestreiten kann, auch die kleinsten Ansätze zu einer eigenen Kultur und sogar zu einem eigenen Gesicht der jüdischen Bühnen erschwert. Die frage nach dem Repertoire ist durch den opportunistischen Satz zu beantworten: ■erlaubt ist, was gefällt. Damit ist über die pionicrliaite oder gar heroische Mission der jüdischen_Theaterülnmg das Urteil gesprochen. Und damit steht ah existen/entscheidend die gleiche Fragte auf, die sieli jeder andere, private Theaterleiter immer hat stellen müssen, und die schnoddrigerweise zu lauten pflegte: wie gehe ich meinem Affen Zucker? otler: weiche ״Kunstwarc" muß ich bieten, daß mein Besucher gern kommt und wiederkommt? Damit aber sind wir beim Kernpunkt unserer Ausführungen angelangt. Er läßt sich mit dem geflügelten Wort des großen llurgschaiispidcrs Baumeister ausdriieken: ״Speelt man god!" Ja, das und nichts anderes ist es: es kommt für die Kulttirbundthcater, die auf keiner festgefügten cinheitliehen Kulturgemeinsdiaft, auf keinem einheitlichen nationalen Empfinden und zuletzt auch nicht auf dem einheitlichen Kunstwollen eines Standes oder einer Schicht beruhen, einzig und allein darauf an, die artistischen lind technischen Voraus- Setzungen des Thcaterspicls vorbildlich zu erfüllen. Nur darin können sie ihre Existenzberechtigung erweisen. Lind dies bedeutet wiederum: sie müssen sich nach ihrem schauspielerischen und andern künstlerischen Kräften orientieren, und sie müssen, vorher, darauf aus sein, das lksterrdchbare an diesen Kräften um sich zu versammeln. Alan wende nicht ein, dfes sei ein mageres, weil seihstverständliches Ergebnis unserer Untersuchung, Dieser Einwand ist deshalb nicht richtig, weil cs notwendig ist, die Kulturbundtheater von Verpflichtungen zu befreien, die sie immftp;- lieh erfüllen können, und sie dafür um so eindeutiger mit der Pflicht zu konfrontieren, die sie, wenn sie nicht selbst ihre Existenz negieren wollen, unbedingt erfüllen müssen. Sic sollen sich nicht Jüdisches anscliininken, das Schminke bleiben muß, und sie Rollen nicht nach dem großen klassisehen Repertoire greifen, dessen Bewältigung durch nur jüdische Kräfte noch im weiten Feld steht. Sic sollen vielmehr die jüdischen Darsteller zu Höchstleistungen treiben, die jen* scits der konventionellen Kunstübung liegen, Man ist weder ein Nörgler noch übelwollend, wenn man fcststellt, daß in dieser einzigen Richtung, die zu verfolgen den Kulturbundhiilmen übrig bleibt, noch nicht allzuviel geschelicn und erreicht ist. Sowohl die Zusammensetzung des verflossenen und zukünftigen Repertoires, noch der darstellerische Rang der bisherigen theatralischen Leistungen entsprechen dein zu setzenden Ziel. Es ist, auch für den Kritischen Zuschauer, leicht und bequem, klein beizugeben und sielt das Loh für treu bewahrtes Wohlwollen zu holen, Indent man sich und andere damit tröstet, man dürfe nicht Unmögliches verlangen. Die geistige und sonstige Situation der deutschen Juden ist so, daß sie untereinander und voneinander das Unmögliche, auf gut Deutsch: das Höchstmögliche verlangen müssen — und warum sollten sie, eieren anerkanntes Qu alltätsgefiilil dabei auf dem Spiel stellt, gerade vor dem Theater, das ihnen eine aus dem Boden gestampfte Orgattisation geschenkt hat, mit ihrem Forderungen kapitulieren? Schlechtes und inittelniiifligcs Theater ist schlechter als kein Theater. Gutes Theater ist geistige und seelische Wohltat Daß sic uns werde, darum müssen wir kämpfen. Es ist nicht bloß ein Kampf für uns, cs Ist auch der Kampf für die jüdischen Schauspieler, um deren Erziehung und Entwicklung es geht, und von denen jeder ein Recht darauf hat, bis zu seinen letzten Möglichkeiten getrieben zu werden. Der Antrieb, der Trieb muß von den Besuchern ausgehen. Die Vollstrecker auf und hinter der Bühne haben ihn zu erkennen und zu verwirklichen und — sic itaben dankbar dafür zu sein, daß inan ihnen einen strengen Maßstab entgegenbringt und nicht die kleine, graue Maßstabslosigkcit. Hermann Sirtsheimcr. Der 50. Geburt-,tag des Juden und Zionisten Arthur Sak. ' lieiin, der am 27. Oktober dieses Jahres von seinen Frct,in<w und Verehrern geleiert worden wäre, soll nicht vorüber! im gangen sein, ohne de : allzu früh Verstorbenen mit cinDm ■ Zeilen zu gedenken. Arthur Sakheiiti wurde bereits <|״Hrcj! seine Doktorarlieit über L, T. A. I loffm.mil bekannt, (lattncli erst viele Jaltre ais Dramaturg im Hamburger Kammer spiclhaus Erich Ziegels und später im gleichen Amte unter Weiebert am Frank hirter Schauspielhaus. Er schrieb ♦inp. Dramen von Wert, deren letztes, der ״Zaddik". ihm bcsoL ders am Herzen lag, außerdem eine jüdische Literatur« ’ gcscliichte ״Das jüdische Element in der Weltliteratur'׳, j. der er mit einem barak-phantastischen Stil das ganze Schrift. ’ tum von zweitausend Jahren der Welt gewissermaßen, »! den Kopf warf, ein Buch von aternraubender Spannunj.; hat durch Wort und Schrift die Sache des Judentums mit stärkster Geistigkeit allezeit verfochten, und dem aufko®, iftcndcn Palästina galt seine aufhorchende Liebe, wenn w ,sich auch dem politischen Leben stets ferngeh,ilten hat. Seine Frau und sein Sohn halten bald nach seinem Tode den Weg ׳ hinüber gefunden und sind bereits seit längerer Zeit In dm Aufbau des Landes hineingewaclisen. Wer Sakhtim kannte wird Ihm stets ein liebendes und ehrendes Andenken bo! wahren. Eni 11 Bernhard Cohn. Pädagogische Woche des Frankfurter ״Phllanlroplns״ Das PhilantreMtiii, «las vor 130 Jahren gegründet wurde 1 und in seiner pädagogischen Haltung naturgemäß ein Kimj seiner Zeit war, bat sich im Wandel der Zeiten neue Ziele! und Aufgaben gestellt, und bemüht sich heute, den : sehen Erfordernissen der neuen Zeit gerecht zu werden. Von diesen Erwägungen aus tritt die Anstalt mit einer ״Pädagogischen Woehe“, die vom 25. bi* 30. Nov, stattfimlet, und zu der auch der Präsident der Rekhsvertie* tiing, Dr. Bacck, sein Erscheinen zu gesagt hat, an die OcffrntHchkcit. Es sind 213 Unterrichtsproben vorgesehen, die sämtlich nur von Mitgliedern des Lehrerkollegiums gegeben werden (Deutsch, Geschichte, Musik, Hebräisch, Französisch Englisch, Biblisch« Geschichte, Palästinakumlc, Probleme des Judentums der Gegenwart, Religiöse Probleme, Pentateuch- Interpretation, ״Gesamt-Unterricht“, Sport und Turnen, Bio. logic, Rassenkunde, Chemie, Physik, Wirtschaftskunde) und fünf Referate (1 Tas Philantropiii irn Lichte der Vcröffcnt• lichungcn seiner Lehrer von 1801 bis 10] I; Kind, Kuret und Handwerk; das Judentum in der neuesten französischen Ute» ratur; zur Psychologie der jugendlichen Aussage; soziale Schtiljugendarbeit und Schulhygiene). Ferner finden zwei Vor« tragsabende (Soziologie der Juden und Jüdische Motive in der bildenden Kunst (mit Lichtbildern), sowie zwei Kunstabende (Jüdisches Erleben im deutschen Kulturkrcisc und ״König Saul“ als Uraufführung der neu gegründeten ״Spiekchir“) statt. Um möglichst vielen Interessenten die Teilnahme an der Woclte zu ermöglichen, wird auf Wunsch für kostenlose Unterbringung und Verpflegung gesorgt. Auskünfte erteilt das Sekretariat, des i'hiiantropins, Frankfurt a. M., Hebclstr. 1L Dr. S.L. Jüdisches Im Rundfunk. Dienstag, den 20. November! Riga (583 nt), PI.15 Uhr: Zum Gedächtnis des W. Todes« tages des Baritons Josef Schwarz. — Bratislava, 21,5) Uhr: Hebräische Lieder. - Riga (38i in), 23.13 Uhr: Werke von Anton Rubinstein anläßlich seines 4«. Todestages. — Frei* tag, den 23. November: Paris (1618 m), 13 Uhr: ״Voix d’lsracl“. — Luxemburg (1304 in). 12.15 Uhr: Schallplattee* kon/ert: Der Betlelstiidcnt als Kur/npereite, vorgetragen von Richard Tau her, Vera Schwarz und dein Chor und Or« ehester der Berliner Staatsoper. - Riga (583 m), 2) Uhr? Ouvertüre und Arien aus den ״Hugenotten“ von Mcycrbeer. — Sonnabend, den 21. November: Riga (583 m), 17 30 Uhr: Orientalisch« Musik auf Schallplattcn. — Brünn (325,4 in), 20.2(1 Ultr: Besprechung von Joseph Roths ,,Radetzky-Marsch1‘. — Riga (383 m), 21.30 Uhr: BronisUr Hubermahn auf Schallplatte!!. Am 9. Nov. starb in Florenz Frau Regina Olschki, geh, Caro, Oatlirt des bekannten Verlegers, dessen Veiütfrnt« lichungcn des öfteren in unserem Blatte Erwähnung landen, Die Verstorbene hinterläßt ein dauerndes Andenken als un« crmiidlichc und aufopfernde Wohltäterin. Palästina war dal dauernde Ziel ihres Interesses und ihres Wirkens. Erinnerungen eines Berliner Juden Von Arthur Elocsser (Schluß) Denke ich an die damalige Kameradschaft zurück, so entdecke feit in der jüdischen, die ja von vornherein zu einer gewissen Irregularität des Weges bestimmt war, außer einigen Dozenten lind Gymnasiallehrern spätere Literaten, Dramaturgen, Theaterdircktnrcn, Antiquare, die cs durchaus mit einem zünftigen Wissenschaftler autnehmen konnten, nicht zuletzt auch Verleger, von denen der eine das Werk Stefan Georges aufcnomincn lind als wesentliche Aufgabe seines Unternehmens is zmn Tode des Dichters und darüber hinaus gepflegt hat. Iler hitzige Felix Hollunder aus Rafibor, so leidenschaftlich als Freund und als Feind, wie nur ein Jude sein kann, einer der ersten Parteigänger des jungen Gcrhart 1 laiiptmann, dann Majordomus von Max Reinhardt, kam schon in diesen Studentenjahren mit einem recht stürmischen Berliner Roman heraus, sehr zum Vergnügen von Erich Schmidt, der jede Selbständigkeit und Eigenart, auch die borstigste oder oppositionellste, gern gelten ließ. Ais Vorbild galt vor allem der ehedem Ahrali.itnsohn genannte Otto Bralim aus der strengen liistorisch-kritischen Schule von Wilhelm Scherer, der seine Eignung zu einem sehr ordentlichen Professor besonders durch seine Kleist-Biographie erwiesen hatte; er versorgte auch neben Theodor Fontane, der seinen ״kleinen Braltm“ sehr hochschätzte, die Theaterkritik an der Vossisclten Zeitung, die damals ebenso viel wie ein akademisches Katheder galt. Als er von der literarischen Bergpartei der Freien Bühne aus au die Spitze des Deutschen Theaters gelangte, waren wir die treuesten Oalcriehesuchcr und streitbarsten Mannen in den Entschckhmgshäinpfeii für Ibsen und für den jungen Gcrhart Hauptmann. Es waren nicht nur mehr oder weniger bewußte Motive der Berufswahl, die uns in das Seminar von Erich Schmidt zogen. Mit unserem Erich, wie wir ihn nannten, kamen wir früher zu einem selbständigen kritischen Verhalten. Bei aller Redlichkeit und Genauigkeit der wissenschaftlichen Arbeit war cs der jüdische Sinn für die Form, der sich von ihm ermutigt fühlte; die Nachlässigkeit gegen die deutsche Sprache, ein Ausweichen vor prägnanter Stilgebung wurde bei ihm nicht geduldet. Mögen verhältnismäßig viel Kritiker aus seinem Seminar hcrvorgegaiigcn sein, so daß man zuweilen von einer Suprematie seiner Germanisten und besonders der jüdischen in der Literatur- und Theaterkritik sprach, aber diese Kritik der Kritik war auch meistens eine jüdische, cs wurde allen seinen Schülern eine gründliche wissenschaftliche Ausbildung mitgegeben und das hohe Verantwortungsgefühl, ohne das eine kritische Tätigkeit nicht gedacht werden sollte. Der Weltmann Erich Schmidt war auch ein Mann ohne Vorurteil. Ebensowenig wie in seinen gesellschaftlichen Beziehungen machte er unter seinen Schülern einen Unterschied nach der Konfession oder der Rasse. Es war nicht so, daß er unser ״Anderssein“ vergessen hatte oder daß wir cs zu vergessen hatten; cs wurde vielmehr die damals so gern umgangene Frage recht freimütig besprochen, wenn irgendeine Veranlassimg es ihm ratsam machte. Als ich im Hauptfach Germanist geworden war, ergab sieh mir der beste kameradschaftliche Verkehr aus der gemeinsaiticn wissenschaftlichen Beschäftigung, ,die überdies keine Einseitigkeit duldete uml eine vielseitige Berührung mit allen Gebieten der Oeisteswisscnschaft voraussetzte. Die Frage, ob ich einer Verbindung mit oder ohne Farben beitreten sollte, hatte sieh dadurch für mich erledigt. Wir waren eine konfessionell sehr gemischte Gescilschaft, so etwa hall» und halb, vertrugen uns ausgezeichnet, debattierten, wenn wir Lust hatten, und tranken, wenn wir Durst hatten. Unsere kleine Gesellschaft, durch ernste geistige Interessen verbunden, durch die neuen Erscheinungen in Literatur, Kunst. Musik immer frisch angeregt, dazu studentisch vergnügt uml höchst übermütig, war eng genug verwachsen, um sich nicht zu «inem Verein mit irgendeinem Statut reglementieren zu müssen. Die nie durch unterschiedliche Abstammung angc• fociiteile Kameradschaft hat fürs Leben vorgehnltcn. Allerdiiijrs ist das gut vierzig Jahre her; die Reihe der Toten ist in solchem Zeitraum sehr viel länger geworden ais die der Lebenden, zu deren Aufzählung ich durchaus nicht mehr die Finger einer Hand brauchte. Jm wesentlichen ist davon nur Max üsborn geblieben, der sich in doppelter Hinsicht vor uns auszeichiictc, einmal dadurch, daß er mit mancher frohliehen Eigenheit der Heimat aus dem Rheinland stammte und das andere Mal dadurch, daß er von der Germanistik zur Kunstgeschichte abschwcnktc, als auch er den Zugang zu einer akademischen Tätigkeit durch die ״besonderen Scliwic* rigk eiten“ gesperrt fand. Die deutsche Literaturgeschichte oder die Germanistik war in Berlin schon durch mehrere jüdische Dozenten vertreten, die iin besten Fall als Extraordi« narien mit einem umschränkten Lehrauftrag sitzen blieben, Da saß Ludwig Geiger, der Sohn von Abraham Geiger, mit einem etwas schöngeistigen hinter der damals maßgebenden Scherer-Schule zurückgebliebenen Betrieb, dann Richard M. Meyer, in der altgcrmanischcn Dichtung so gut zu Hanse wie!11 der modernen Literatur, dann Vor allein Max Herrin,mit, der spürsamstc, durch glückliche Entdeckungen und scharfsinnige Kombinationen bewährte Kenner des deut« selten Humanismus, dem erst eine politische Umwälzung he« Regnen mußte, um ihn zu dem höchst verdienten Ordinariat gelangen zu lassen. Trotz alledem dachte Ich an nichts als an eine akademische Laufbahn, auch ais meine Freunde aus dem Symposion, schon um ihren meist kargen Wechseln aufzuhclfcn, sich früh und lebhaft im Journalismus zu tummeln begannen. Meine Familie erwartete in dieser Hin* sicht von mir keinen Beitrag, zu den nötigen Opfern an Ge* dulil mit Hilfe entschlossen, bis ich ihr Professor sein würde. Außerdem hatte ich keine Ahnung oder bildete mir ein, keine Ahnung zu Itahen, wie man einen Artikel Zusammenzimmern lind mit Selbstvertrauen drauflos kritisieren könnte. Es wir wohl ein redliches Widerstreben dabei, in der Hauptsache aber eine Schüchternheit, die nicht nur in meinem Fall »״ eine auch jüdische Eigens« haft aulzutrctcii pflegt. Schließlich war doch ein jüdisches Schicksal oder «ine Vorlicrbestiffl* miiiig tätig, so daß alle Arbeit, die ich zu streng rissen« scliaftlieheii Zwecken betrieb, nicht einen Univcrsitatsilozen« ten, sondern einen freien Schriftsteller und besonders eine« Theaterkritiker von langen Diensten hervorbringen sollte, ü* Icii durch mein Genier Semester irn Geruch der Bclicrrsclttine der französische Sprache stand, veranlalltc mich Erich Schm״' zu einer Dissertation über die ältesten deutschen IMoiiere- Uebcrsetzimgen. i'iir diese Aufgabe mußte ich mir die not״ sehr primitiven Zustände der im 17. Jahrhundert entstehen* den iicutschcn Tlieatcrkiiltur gegenwärtig machen, für mein Habilitation bestimmte ich eine Abhandlung über die G'• schichte des bürgerlichen Dramas in Deutschland. חיץ ohne meine Voraussicht hat diese Schrift über meine Lau!* bahn entschieden; einige Jahre nach ilircm Erscheinen ',er״ anlnßte sie die Leitung der ״Vossischcn Zeitung“! ייזייח *r Paris, wo ich noch romanistkehe Studien trieb, * Theaterkritiker zu berufen, und diese Stellung bei unsere alten Familicnblntt durch Vorgänger, wie Theodor rontan, Otto Uralun, Paul Schlcnther besonders geweiht, g*״ al meinem geduldigen Vater als vollgültiger Ersatz luf akademisches Kailicdcr. _ . . Als ich das Buch nach vierjähriger Arbeit mcl^ Gönner Erich Schmidt endlich überreicht hatte* ״״.?,״ er cs wohlwollend auf und mich seihst in ein freuimscn iiehes Verhör, das mit der warnenden Einleitung ®eg* .’ Sic werden sich gewiß in Berlin habilitieren wollen, wo Ihre theatergeschichtlichen Interessen am besten P"'ß*n, jje ncn. Aber hier sitzen mm schon die drei ״anderen una * kommen auch nicht weiter. Vielleicht entschließen sie doch für Heidelberg oder Frei bürg, aber da steht ״ י״״״ו der der... und der... im Wege. Die ganze Angeleff־ן 1״ wäre vereinfacht *— ich muß schon die Frage an J»1e len״ — wenn Sie sich entschließen könnten.*• Notm »ן״ Professor, sagte Ich, ich kann mich nicht «nncN Darauf drückte er mir die Hand. Und mit der Profw*״ es vorbei. JÜD |,B*£ kräf paß öriH ן er ״ vriiU׳, lieh••1 fad blit׳; warp; man,1 lieb ‘ , seit, '׳ stau, eine : Sittfl| '• »•ui '■ gen' Star: den *mI ׳׳ irb,, sich Fig.|1 des' ' übe״ jair! Etf'i '■;«׳a, f'f; üb« j« i Be! ' ais ׳־ B*k‘ zw aut. < Sd bat!" her! : Be;׳ Be•'' dal, voi.J sät''י wev! m׳'s mr; ers .}■ ha,•׳ ׳•«!■ du tl!־ b'־ CIL, .־ brit i«Qf es (׳,־. he►׳״ de, / Hu* . ist*,; st*«, ka.J ’ 5 V«ft Sch:׳ sic•״- sii1 da‘,; fet j«'» Ai H ur bi *t fr! V K 1■ I!i 1 w Zl! f B.;׳׳ ui< »;׳11 ff 3. d:%. P.T S׳: f