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Jüdische Rundschau · 1934-11-09 · Heft 90 (9.11.1934) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 90 (9.11.1934)
Date
1934-11-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 ,JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr■ »■ »■ XI. iw. Die wirtschaftliche Lage der Wiener Juden Von unserem Berichterstatter. J. R. Wien, 2. November 1031. Das Märchen vom jüdischen Reichtum ist längst als soleh es erkannt worden. Die Fiirsorgczcntrale der Wiener Kultusgcnicindc bietet ein geradezu erschütterndes Bild von der Not des jüdischen Wien. Der Zcntralkatastcr der I insorgczentrale der Wiener Kultiisgciucindc mit seinen 1200C) Akten von insgesamt 55 00(1 Personen ist das schweigende, aber tim so beredtere Areiiiv jüdischen Elends und Leides in dieser Stadt. Dabei muß man bedenken, daß in dieser Ziffer alle jene Fälle nicht berücksichtigt sind, bei denen es sich bloß um vorübergehende Maßnahmen gehandelt hat und auch nicht die Angelegenheiten der Wandcrfürsorgc, die besonders geführt werden. Ein geradezu trostloses Bild über die wirtschaftliche Verclcndung entrollt eine heule im Präsidium des Wiener Kul* tusvorstandes staltgcfuiidcnc Pressekonferenz, in der der Präsident, Staatsrat Dr. Fried man 11, und Vizepräsident Dr. Löwen herz über die von der Kullusgctncindc cingcleitctc jüdische Winter 11 ilfsa kt ion sprachen. Die Notwcn digkeit einer spezifischen jüdischen Winterhiifsaktion ist mit der Existenz einer spezifisch jüdischen Not in Wien begründet. Schon im vorigen Jahre kam die Wintcrhilfsaktion der Ocmcindc Wien vor- Wiegend den ausgesteuerten Arbeitslosen zugute. Da aber luder den Juden zu einem großen Teile Angehörige der freien Berufe sind, die niemals im Bezug der städtischen Arbcitsloscmuitcrstüt/iing standen, wurden sic trotz ihres großen Elends aus dieser Winterhilfsaktion ausgcschicdcn. Audi die staatlich durchgeführte Wintcrhilfsaktion, zu der die Judenschalt, wie zu allen anderen allgemeinen Notstands,iktionen, große materielle Mittel zur Verfügung stellt, kommt nur zu einem geringen Teile oder gar nicht den Juden zugute. Die Kiillu.sgemeinde ist gezwungen, eine besondere Winternotstnmlsnktion durchzuführcn. Im Jahre 1031/1032 wurden aus freiwilligen Spenden der (iemeindemitgiieder 150000 Schilling gesammelt. Das Jahr 1032/1033 ergab bloß 100000 Schilling. Etwa 05000 Mahlzeiten wurden verabreicht, 265000 kg Kohle verteilt 11. a. 111. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß die größte Position im ' Jahreshudgct der Wiener Kultusgeniciiide, das /.. B. im Jahre 1032 6 80(1005 Schilling und im Jahre 1033 über 7 00!)000 Schilling betrug, jene für Fürsorg czwcckc cimiimmt, und mehr als ein Drittel des gesamten Budgets, d. i. über 2 500 000 Schilling ansmacht. Um diesen gesteigerten Erfordernissen gerecht werden zu können, mußten umfassende Sparmaßnahmen durch Drosselung des Sachnufwandcs und Aliiiderung der personellen Lasten diirchgcführt, ferner ein 20 <y״igcr Zuschlag zur KuHiisstcuer erhoben werden. Zu der Not der einheimischen jüdischen Bevölkerung geseilte sich in den letzten anderthalb Jahren die Not der aus Deutschland nach Wien emigrierten Juden, deren Situation eine verzweifelte war. Unter der Acgidc der Wiener Kultus* gemeinde hat das ״Hilfskomitee für deutsche Ju* den“ bis zum Zeitpunkt der Beendigung seiner Arbeit im Sommer dieses Jahres insgesamt 300 000 Schilling aufgebracht. Im Zuge der zahlreichen sozialpolitischen Neuerungen hat die Wiener Kuliusgcineiiide in ihrer Fürsorgearbeit sich nicht ausschließlich aui die momentane Hilfeleistung beschränkt, sondern ein großes Netz produktiver Fürsorge ausgcsfaltet. Hier sind vor allein die nctigeschaffenc Einrichtung der (i e m i 1111 h - C11 es c d - Kasse, die Dar- Ichcnskasse zur Gewährung kleiner, unverzinslicher Darlehen an jüdische Handwerker und Kfcingewerbetreibende, ferner der reaktivierte Jüdische Arbeitsnachweis hcrvorztihcbcn. Leider weisen die bisherigen Ergebnisse einen starken Rückgang an Einnahmen gegenüber der wesentlichen Steigerung der Ausgaben auf, so daß die Aufrechtcrhaltting des Gleichgewichtes im Uemcindehaiishalte nicht nur in Frage gestellt ist, sondern ein bedeutendes Defizit droht. Um diese Gefahren zu bannen, tritt der Vorstand der Israelitischen Kultusgcmcimle nunmehr an alle Ocnicindcmitgllcdcr heran, um sie zur freiwilligen Leistung eines 20 ״/« i g c n Zuschlages zur Kuitusstcuer zu bestimmen. Die Eingänge sollen ausschließlich zur Deckung de» Fehlbetrages im Fürsorgewesen und für die bcvorstehende Wintcrhilfsaktion der Kultusgcmcinde Verwendung finden. Brief aus Spanien Barcelona, Anfang November Nach den Angaben der Fremdenpolizei hnt die Zahl der in Barcelona ansässigen Deutschen seit dein 1. Marz 1933 um ungefähr 3000 zugenommen. Die Mehrzahl der Ncuanköminlingc sind Juden, die jedoch zum erheblichen Teil nicht direkt aus Deutschland, sondern aus England, Holland, Frankreich oder verschiedenen Orten Spaniens kommen. Die Weitcrw.111derimg geschieht häufig auf Veranlassung der Hilfskomitees des betreffenden Landes. Der weitaus gröfltc Teil der Auswanderer bleibt In Barcelona, das gleichzeitig die der Grenze am nächsten liegende Großstadt und die einzige bedeutende Industriet!nd Handelsstadt Spaniens ist. Im verkleinerten Maßstab vollzieht sich hier dasselbe wie bei der Auswanderung nach Nordamerika. (JO י.י,יי der Einwanderer versuchen sich in der dem ,,Landungsort“ niidistliegeiiden Großstadt fcst/usctzcn, ohne den Versuch zu machen, weiter ins Innere vorztidrlngcn. M a d r i d, das au Bevölkerungszahl Barcelona gleichkommt. aber ein weniger reges Geschäftslebcn auf zuweisen hat und dessen Klima außerdem für den Ausländer nicht leicht zu ertragen ist, bat nur etwa 300—100 Auswanderer aufgenommen. Einige wenige Emigranten findet man auch in Valencia und S c v il I a, den Zentralen des Frucl1tex|K>rts, mul in Bilbao, dem Sitz der Eisenindustrie. Den Versuch einer landwirtschaftlichen Siedlung haben einige Auswanderer auf der zu den Balearen gehörigen Insel Ibiza gemacht. Die spanische Gesetzgebung macht Akademlkern die Ausübung ihres Berufes im allgemeinen untnöglieh, da Acrztcn, Rechtsanwälten, Ingenieuren, Architekten usw. Nicderlassungserlaubnis nicht erteilt wird. Einen Ausnahmcfall bildet die Ucbcrtragung einer Gastprofessur an der Universität Barcelona an den früheren Strafrechtler der Berlincr Universität, Professor G o 1 d s c h in id t. Gesetzlichen Schwierigkeiten begegnen auch Augestellte, da in den letzten Monaten die Erteilung der Arbeitserlaubnis an erschwerte Voraussetzungen geblinden ist. Insbesondere muß der ״jurado mixto", die fachliehe Vertretung der betreffenden Augestclltengriippc, der Einstellung zustimmen. Keinerlei gesetzliche Hindernisse bestehen dagegen für Einzelhändler mul Vertreter, so daß sich der größte Teil der Einwanderer diesen Berufen zugewandt hat. In dem neuen ״deutschen Viertel“ Barcelonas, einem Netihatiblock an der Calle Muntancr, sind eine ganze Reihe jüdischer Geschäfte eröffnet worden, die mit der Kundschaft der Emigranten rechnen. So sind dort nebeneinander mehrere Lebensmittelgeschäfte, eine Wäscherei, ein Cafe und auch eine einem früheren Staatsanwalt gehörige Leihbücherei ent 1•tanden. Auch zu Geschäftszweigen, die nicht allzu tiefgehende Fachkenntnisse verlangen, z. B. zum Eierklciuhandcl, macht sieh ein starker Zustrom der Auswanderer bemerkbar. Die Emigranten, die mittellos und ohne Sprachkenntnissc nach Spanien kamen, nahmen zum größten Teil ihre Zuflucht zum Vertreterberuf. Mit Krawatten, Gürteln und Füllfederhaltern zogen sie von Geschäft zu Geschäft, von Haus zu Haus. Ihre schwere Aufgabe wurde ihnen durch die Liebenswürdigkeit der Spanier erleichtert, die dem Ausländer, der sich um Ihre Sprache bemüht, fast stets mit Hilftbtn und Langmut zuhüreu. '«■äkitü Kapitalisten sind nur in geringer Zahl nach w ausgewandert, so daß nur wenige bedeutende Gn11XTn erfolgten. Zu diesen gehört die I b e r 1 c a F i I״*!״ als erste Gesellschaft in Spanien, das bisher auf darf angewiesen war, Filme in spanischer Sprache dreht *r‘ Iberica bat auch einige Künstler, wie den Operetfmk״ nisten Jean Gilbert, nach Spanien gezogen. Eines'?0‘ bedeutende Nciigrundiing ist das Einheit»״,״■ geschält U n i b ,ו , »las Im Mai dieses Jahres FiLu'* Barcelona und Madrid eröffnet hat und eine gante f 1״ von Emigranten eins (eilen konnte. Immerhin hat ein recht erheblicher Teil der AmwuxW. In Spanien keinen festen Fuß fassen können und ist nach Deutschland zurück, zum Teil nach anderen lind» besonders auch Palästina, weitergezogen. . c״ °,r Iran Nationen besteht 5(ןו_ dem Hilfskomitee in Barcelona, das seine Arbeit vorlaut»»121 fortsetzt, ein Jüdischer Jugend verein, der in liclicn aus jungen Emigranten besteht, während die im *״״״ dieses Jahres gegründete Zionistische Verein!»«, neben Emigranten auch einige alteingesessenen Zionist™» ihren Mitgliedern zahlt. Die Tätigkeit beider Vcreinit״n,I besteht vorläufig in der Veranstaltung von Vortragsabend« Eine jüdische Frage bestellt in Spanien bisher!114»’ Die Zahl der seit der Vertreibung im Jahre lEB bi»!5 cingcwandcrtcn luden betrug nur etwa 10000. Die von Z* Arzt und Politiker Pulido geführte Bewegung, * zT noch heute spanisch sprechenden Nachkommen der im Mit*? alter vertriebenen Juden die spanische Staats,vnrehörirtrt wieder ״!erkennen und sic möglichst nach Spanien mrad führen will, hat ebensowenig Widerhall gefunden »rf« # vereinzelten antisemitischen Kundgebungen spanischer Fl schistcnführcr, Walter A brahamsohi Juden auf den Philippinen Manila, Mitte Oktober, Das jüdische Leben in Manila, das in den letzten )!k. ren ziemlich ruhig war, und sich mir auf die Gottesdienst; an den Feiertagen beschränkte, ist in den letzten Monaten in Bewegung gekommen. Es gibt in Manila eine kleine Sn• agoge, in der die Juden ihren Gottesdienst abhalten. S*e setzen sieb aus Juden aus den verschiedensten Ländern 1«. sammen, amerikanische, spanische, türkische, griechische, 11• rische und auch deutsche Juden bilden die Gemeinde. Dis Interesse an der Gemeinde war nur sehr klein, man ging eher aus Tradition als aus innerer Ueberzcugimg zum Gottesdienst. In der ersten Hälfte dieses Jahres trafen hier eine Reihe junger deutscher Juden ein, denen cs auch Verhältnismäßig schnell gelang, sich in den Wirtschaltsprozell einiugjicdcrn. Im August kamen weitere junge Juden in Manili in, die nicht gleich Stellen fanden. Erst nach den hohen Fein• tagen konnten sic Arbeit finden. Anfang Juli hatte ein Redner der Zionistischen Organisation, der Ostasien bereist, über Palästina und die Judcnfrage gesprochen, tind die anschließende Geld- Sammlung hatte einen hohen Betrag ergeben. Auch für die jüdischen Kinder war inzwischen ein Sonntagsunter• rieht eingerichtet worden, wo sic in erster Linie Hebräisch und Geschichte lernen. Art! Vorabend von Rosch Hascliawt gaben die Kleine» in der Synagoc durch Vortrage und Lied« ein Bild ihrer Arbeit. An den Feiertagen kamen die jungen deutschen Judencs sind jetzt etwa zehn — in Verbindung zu anderen 0«•!iieimlcangelrörigen. Die Folge war die Einrichtung ein« S t u d i e 11 k u rs cs, der jeden Sonntag in der Synagoc zusammenkommt und dort jüdische Probleme behandelt. Die Verschiedenheit der Herkunft bedingt auch eine grolle Man■ nigfaltigkcit des Programms, in dessen Mittelpunkt die Be* handlung der Judcnfrage stellt. H. t Erinnerungen eines Berliner Juden Von Arthur Eloesser V. Akademische Jahre (6. Fortsetzung) Im Herbst 1888 hatte ich das Abiturieiitencxamcn bcstanden; ich wollte nun Geschichte studieren und stand mit dieser Absicht etwas mutlos da, wo ich auf,־tilgen und wie ich zu den ״Quellen“ gelangen sollte. Hinterher erkenne ich, daß die ״besonderen Schwierigkeiten“, vor denen ich gewarnt worden war, auch vor dem Eintreten praktischer Widerstände auf die Riehtring oder Richtungslusigkeit meines Weges einwirkten. Es gal! für diesen Fall keine Tradition in meiner Familie und auch nicht in ihrem näheren Umgang, Schließlich entdeckte man in der weiteren Bekanntschaft einen jungen jüdischen Historiker, den die ,,besonderen Schwierigkeiten“ bald in ein skandinavisches!.and verwiesen und der mir eine Empfehlung ftn den damaligen Privatdozenten Ignaz lastrow!unterließ. Der spätere Rektor der Berliner Handelshochschule hatte wenige Jahre vorher mit seiner ״Geschichte des deutschen Einheitstraums“ einen bedeutenden Litcraturprcis gewonnen. Von seinen sehr gediegenen Ratschlägen, besonders das Stu* drum der Geschichte durch juristische und staatsrechtliche Vor- Lesungen zu unterbauen, machte ich einen zu weitgehenden Gebrauch, und ich hörte vieles, was mir gerade im Anfang nicht helfen konnte. So ging ich auch zu Adolf Wagner, der im Gegensatz zu seinem großen Rivalen Gustav Schmollet in seiner geschliffenen Art nicht geradezu antisemitische Beitierkungen, doch solche gegen den jüdischen Geist der Wirt- Schaft machte, 11 ווd ich saß da als Anfänger mit dem Gefühl: Man muß das hinnchmcn, wenn man von solcher Autorität etwas lernen will. Mein erstes akademisches Erlebnis War das Kolleg von Heinrich von Treitschke, dem größten akadcrnischcn Redner, den ich je gehört habe. Wenn die Rede des früh Ertaubten, dessen Brust zuerst wie ein Blasebalg in langen leeren Zügen fauchte, endlich frei geworden war, glich sic einem Katarakt, der prasselnd und donnernd Stämme zu entwurzeln, Lawinen und ganze Gebirge hcrabzuschlcudern schien. Die Wirkung war unbeschreiblich, besonders wenn ein letzter vulkanischer Gluistrom den Satz hervorbrachte: Dann greifen wir zu der ultima ratio regum, dann schlagen wir! Worüber Treitschke auch sprach, die Zielpunkte seines Berscrkcrzorncs wurden immer wieder getroffen, ״die alte Dame, die zu Windsor ihren Tee trinkt“, die dem Berliner Kongreß ihren jüdischen Premierminister Beaceonsfietd zugemutet hatte, dann Eugen Richter mit der gesamten antibismarekschcn Onpo- ®!חסוי, dann die Juden im allgemeinen, die der deutsche H1&10• nker in seiner nicht allzu fernen liberalen Periode noch . «unstiy genug beurteilt hatte. Eigentliche Schüler gingen kaum hervor aus einem Kolleg, an dem Treitschke nfcht mehr arbeitete, das er Jahr für Jahr auswendig und mit derselben Leidenschaft vortrug, und so bin ich auch daraus ohne cigentliehe wissenschaftliche Belehrung oder Anleitung zu den Quellen hervorgegangen. Die Stöckcrschc Bewegung war damals auf der Höhe, kurz bevor die Entdeckung des Scheitcrhaufenbricfcs die , Abwehr Bismarcks und die Entlassung Stöckers als Hofprediger zur Folge hatte; sie wurde nicht nur in Versammlungen 811sgetragen, sondern auch auf der Straße und besonders in einigen Studentenlokalen, wo es mit Bestimmtheit zu Prügeleien kam. Das machte sie auch anziehend. Es bildete sicli an der Universität eine jüdische Landsmannschaft, meistens aus wohlhabenden, stattlich gewachsenen Jungen, die cs sich zur Ehrensachc machten, jeder Provokation cntgcgeimigehcu und soviel wie möglich Mensuren zu liefern. Zerhauetiere Gesichter als bei dieser Makkabäergarde, die aber gar keine jüdische Kultur- Politik führte, habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Die Gegensätze in der Studentenschaft wurden hauptsächlich bei den Versammlungen vor den Ausscliiißwahieii ausgelochtcn, im allgemeinen mehr durch eine möglichst schneidige Selbst- Vorstellung der Kandidaten als durch eine Redekunst, die auch den Gegner hätte überzeugen können. Nach einem Duell mit tödlichem Ausgang wurde der Ausschuß aufgelöst, cs schien einige Ruhe eingetreten zu sein oder wenigstens das Resultat, daß die Verbindungen, immer mehr voneinander abgekchrt, ihr korporatives Eigenleben noch höher!!!!!zäumten. Als für mich die Frage eines Anschlusses auftrat, geriet ich fast in dieselbe Ratlosigkeit wie der Wissenschaft gegenüber. Die jüdischen Kommilitonen gingen zum größten Teil in die Wissenschaftliehen, nicht farbentragenden Verbindungen, die sic durch keinen numerus clausus oder sonstwie abwehrten; es gab da einen allgemein-wissenschaftlichen Verein, einen juristischen, einen für Naturwissenschaft und Medizin, cs gab keinen, der sich gerade meinen Studien anschloß, und so blieb ich völliger ״Fink“ oder Eingünger. Dann waren an schlagenden und farbentragenden Verbindungen noch Burschenschaften da, die einen gemessenen Prozentsatz hochqualifizierter, also mögliehst assimilierter oder in ihrer Rasse schwer erkennbarer Juden aufnahmen, neuerdings auch die sogenannten Reform- Burschenschaften, die, aus demokratischer Gesinnung hervorgegangen, überhaupt keinen Unterschied machen wollten, Von solchen Korporationen wurde Ich wohl gekeilt, wie es In der Studentensprache heißt, aber das freundlichste Zureden konnte mich nicht zum Beitritt verführen. Auch sie standen unter dem Gebot der Schneidigkcit. Es war die Epoche des drohend gesträubten Haby-Schnurrbarts, der abgehackten, der Im Befehlen wie im Gehorchen kurz militärischen Redeweise, Ich trank und focht nicht ungern, aber Ich hatte keine große Lust, auf Befehl zu trinken und das kameradschaftliche Zutrinken als große Zeremonie mit steif ansgcstrecktcm Arm und mehr drohender als einladender Gebärde auszuüben. So blieb ich draußen und verkehrte mit Freunden meist kleiner Fierkiniit, die cs weniger bequem haften, jüdischen und thrrt• liehen, mit denen man einen Gedankenaustausch über die der Zeit und ihre besonderen Aufgaben führen konnte. I* soziale Frage war am Ende der achtziger Jahre mit höchster Dringlichkeit aiifgegebcn, und sic schien auch nach lauf», zähen Debattierabrndcn mehrere Male von uns gelöst N™ zuletzt von seiten des historischen Materialismus, als des«8 Bruder in der Literatur durch die Zola, Tolstoi, D«töjorw Ibsen und schließlich Oerhart llanptinann der Natural1«’J> aufzutreten schien. Was uns in Wahrheit verband, war aber irrt1׳ eine nationalistische oder materialistische Denkweise, somlcfl eine ethische Verantwortung, die wir jungen Akademiker uns»1״ erlegt hatten, eine apostolische oder messi,־mische Sorg« die Menschheit, um eine neue große Gerechtigkeit. Und so U hörte es sich, daII auch Juden dabei waren, doch ohne «■י■ eigene Partei zu bilden. Wir waren im Gegenteil untern ander sehr uneinig, und jeder behielt sich sein eigenes ז׳ gratnm vor für die soziale Hebung und sittliche Veredele״) der Menschheit, , Ein frühes Semester verbrachte Ich in Genf, tim »r zösisch zu lernen; nach der Rückkehr vollzog sich eine Acm rung meines Studiums. Ich hörte als Nebenfach Gcnmn״ ‘ bet Erich Schmidt und machte es bald zum Haupt׳ ׳11״׳ dieser außerordentliche akademische Lehrer uns vor allein , einfachen, dann anspruchsvolleren Aufgaben zum wjssens׳w, ן liehen Mitdenken und Mitspüren erzog, um nicht R Forschen zu sagen. So gelangte ich endlich an die ״wuc״ ' Von seinen seminaristischen Hebungen, die der neueren ״U sehen Literaturgeschichte galten, waren die jüdischen*0״^; litonen besonders ungezogen, weniger von der! Grammatik mit Gotisch, Altnordisch und Althochdeutsch•; Entscheidung hafte verschiedene Gründe. Die jüdisch«1!- > denten, wenn sic sich nicht taufen ließen, haften nur v י ringe Aussicht auf eine gymnasiale Anstellung; cs zog *1; nach derjenigen Seite, von der aus sich mehrere Aw«* . der Berufswahl eröffneten. Wenn sie nicht in die Univcr karricrc ein ginge n, noch dazu mit der Resignation, dins ‘ zur höchsten Würde des Ordinarius gelangen würden, so . ten die Geleise auch anders gerichtet werden, auf «ne >; Wissenschaftliche, eine journalistische, eine dramaturgisch ׳ sonst benachbarte Tätigkeit. Vielen von Erich*״״ : Schülern, welchen Stammes auch, war es überdies mem » ob sie später In irgendeiner freien Form durch K« , Schrift lehren würden oder in der hierarchischen ״״י vom Katheder herab; gerade die Beschäftigung mit «er tur, die doch von einer mächtigen Bewegtheit der. 'ר ße ausging, ließ sie um die bürgerliche Sicherheit amtcnlaufbahn wenig besorgt sein. Es waren auch zu rischen Produktivität bestimmte Menschen dabei m ״ rechtschaffenen Drang, sich durch einige akademische; nichst eine gründliche literarische Ausbildung י״ *מ (Schluß folgt)

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