Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 89 (6.11.1934)
- Date
- 1934-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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* Von Ernst Kahn t -J L *d I ßlcttiw! Erlebnisse eines Wohnungsexp erien New York, im Oktober 1934. In der reichlich ausgestatteten Bibliothek der Youug Mcn’s HbrcW Association sitze ich und suche die Eindrücke der ״Lcn zwei M״״aU' ״ocllmals m Überdenken. Eine Studien- ,״von über 10000 km licet hinter uns. Sie erfolgte auf f.ladunfr amerikanischer Kreise, die von einer dreiköpfigen 1,1 ״,sehen Gruppe ein Gutachten über die Wohnungsfrage hatten. Das vorläufige Ende fand die ebenso lehrreiche r;f ,(,strengende Fahrt in Baltimore, wo die Früchte des iMcrncliniens mit etwa 60 Sachverständigen ans dem Riesen-!jidc endgültig fcstgclcgt werden sollten. Vielleicht geben Anteil *d Art der jüdischen Teilnehmer an dieser Konferenz bereits!(wisse Anhaltspunkte über die Rolle der Juden in der hie- *,cn (״■scIlschaft: Etwa ein Viertel der Anwesenden mögen litlcn gewesen sein. Aber wie verschieden nach ursprünglicher;,j jetziger Heimat, nach Beruf und Habitus! Da ist der!'(,,,cjrcrsobit des großen Philanthropen Julius Roscnwald It« seinem Landsitz am Lake Michigan hergeeilt, begleitet von (schwarzen) Direktor der berühmten für Neger erbauten j,icnttahl־Siellung in Chikago, um zu hören, wie man das Wohnungswesen für die Minderbemittelten weiter fördern i!(1n. Rer Typ des charitativen Juden deutscher Abstammung. \tbcn ihm die Nichte des einstmaligen Reichstagsführers liskcr, von ähnlicher Herkunft, am Thema stark inter-;<;icrt als Redaktionsmitglied des ״Stirvcy“, der führenden peruanischen sozialpolitischen Zeitschrift. Andere Typen inut der noch heute mit stark ungarischem Akzent sprechende c!״|(ep!.1ner der Musterstadt Cincinnati oder sein heute als Architekt beim Aufbau der berühmten Tcnncsscetalspcrre tätige liadsmann. Er war in besserer Zeit als Gehilfe eines eben-!,;]$ anwesenden älteren Kollegen mitverantwortlich für den lau des Bahnhofes in Cincinnati, ein Wunder an Schönheit t5E| guter Anordnung. Heute ist dieser große Könner froh, üJ er in einer der zahllosen Regierungsabteilungen in lisliington einen kleinen ],osten gefunden hat. Denn kein Be- 111׳ hat so fürchterlich unter der amerikanischen Depression ns leiden w ie dieser; denn kein Land baut zurzeit so wenig wie dieses. Als«: einstweilen wenigstens noch kein Einwandc* niipgcbiet für europaniiide Baukünstler. (Vielleicht ändert ich die Sitnr.tion in absehbarer Zeit.) N'cw York hat u. a. ein starkes Kontingent von Intcllckseilen, Wolimmgsreformcrn gesandt, darunter den Schöpfer er soeben cröffiictcn Wohnungsausstellung, einen aus Rusanien stamm enden Lehrer für Städtebau an der Columbiat'aivcrsität. Diese Ausstellung stellt in äußerst wirksamer leise Gutes und Schlechtes nebeneinander — wobei das Khiechtc meistens aus den hiesigen Elendsvierteln, das Gute Wig aus dem Deutschland der Nachkriegszeit stammt. Der New• York er Bürgermeister La Guardia versicherte mir bei der feierlichen Einweihung in gutem Deutsch, das er vermut- ,hin Triest von seiner jüdischen Mutter gelernt hat, wie ihm ie deutschen Leistungen im Klein Wohnungswesen, die er vor wißen Jahren an Ort und Stelle studieren konnte, als Vorbild dienen werden. Eine besondere Gruppe auf der Konferenz bildeten die hbeitc rv ertr et c r die, teilweise unter dem Einfluß jüfochcr Führer, neuerdings im Chaos und Elend der amerika* «dien Wohmmgsmiscrc stark aufklärtnd wirkten. Unter den Mz wcnigeri Neubauten, die man überhaupt in Nordamerika »reit sehen kann, macht eine wunderbare von der Gewerkehdt der Wirkwarenarbeiter errichtete Gruppe von Etagenwhnungen in Philadelphia viel von sich reden, deren genialer Erbauer, ein Russe, in seiner englischen Aussprache deutlich wät, daß er diese Sprache in Karlsruhe auf der Schule gelernt hat — Badisches Englisfh. Wie überhaupt ein einigermaßen geschultes Ohr jedem «er die Herkunft bestimmen kann (gestern abend im Om- 1'ta verblüffte ich zwei neben mir sitzende Mädchen mit der Bemerkung, ihre Wiege habe wohl zwischen Würzburg und Nürnberg gestanden; sie revanchierten sich prompt, indem sie mich als Frankfurter diagnostizierten — wa» zwar nicht ganz richtig, aber doch sehr geschickt war). Unter den Entschuldigten, zum großen Schmerz aller Teilnehmer Ferngebliehcncn, sind in erster Linie auch zwei Juden zu nennen: die ehemalige Direktorin des Wohlfahrtswescns tlcr Stadt Köln, die jetzt an einer westlichen Universität Sozialpolitik lehrt und heute schon als Autorität in den II. S. A. gilt, und der als russischer politischer Flüchtling schon viel früher hierhergekommene Leiter des größten jiddischen Blattes — ein Mann, der über deutsche Hnuszinsstcucr und entsprechende ausländische Gesetze besser Bescheid weiß als ich sogenannter Fachmann und der uns deshalb nicht bei unseren Formulierungen aus seiner reichen Erfahrung helfen konnte, weil er im fernen Kalifornien auf dem gleichzeitigen Gewerkskongreß zum Wohnungsbau aufrüttcln mußte. Bei manchen anderen Besuchern war ich mir über ihre Rassenziigchörigkeit im Zweifel. Wie schwierig dies manchmal ist, habe ich gerade hier in Amerika, wo man sich ttnverkcnn• bar sehr für diese Dinge interessiert, auf unserer Reise feststellen müssen. Einerseits sind mir trotz meines doch recht klaren Namens in unzähligen Tischgesprächen Urteile über* mittclt worden, die vielleicht meiner deutschen Staatsangehörig• keit, kaum aber meiner jüdischen Rassenmitgliedschaft zugedacht waren. Umgekehrt ist meine ausgezeichnete englische Kollegin, Miss Alice Samuel, infolge Ihres Namens meistens als Jüdin behandelt worden, obwohl sie zu ihrem Leidwesen ״nur“ eine keltische Samuel ist. Das Amüsanteste in dieser Beziehung widerfuhr dem amerikanischen Führer unserer Delegation, dem Abkömmling unga risch er Sachsen, Mitglied zahlloser deutscher Gesang- und Turnvereine in Clevcland und präsumtiven Bürgermeister diescr Stadt. (Er hat, wie viele Menschen, unverkennbar zwei recht verschiedene Profile. Und die böse Welt behauptet, daß er sich in Wahlzeiten von links für die Plakate in jüdischen und von rechts für die Anschläge in anderen Bezirken seines Wahlkreises photographieren lasse.) Kurzum — als ich am Abend des Versöhnungsfagcs in New Orleans einem dortigen Herrn im letzten Augenblick einen Korb geben muBlc, weil der Rabbiner mich zu einer wichtigen Besprechung cingcladen hatte, da telephonierte mein Freund an seinen ungarischen Sachsen, ob er nicht an meiner Stelle bei ihm ״anbeißen“ wolle. Ja — eine schwere Wissenschaft, die Rassenkunde! Zwei Konferenzteilnehmer aus New York, den Leiter einer großen Stiftung und den Direktor einer der wenigen erfolgreichert Baugenossenschaften, hafte ich nach einer billigen Bleibe in dieser Metropole gefragt. Beide — mir bis dahin völlig unbekannt — hatten mich sehr dringend aufgefordert, ihr Gast zu sein. Beide — das sei hier ausdrücklich festgestellt — waren Ostjuden. Das ist kein Zufall. Ucbcrall in den Vereinigten Staaten — das sei jetzt schon festgestellt —־ fand ich die Ostjuden besonders hilfsbereit. Und nicht nur in Amerika.. Die gleiche Erfahrung sammelte ich In England. Und der einzige osteuropäische Jude, den ich in London kenne, schrieb inir im März 1033 einen dringenden Brief, daß ich sofort zu ihm kommen müsse. (Ich habe in England wesentlich vermögendere und mir viel länger verbundene westeuropäische Beziehungen!) Das amerikanische Judentum I. Die Tatsachen Wir haben viel von der ״Völkerwanderung" gehört und gelesen, die das Altertum abschließt. Numerisch ist ihre Rolle bescheiden gegenüber jener gewaltigen Bewegung, welche die jüdischen Massen im letzten halben Jahrhundert vom Osten nach Westen, von den slavischcn nach den amerikanischen Gebieten verschoben hat. Nirgends ist das fühlbarer als in den Vereinigten Staaten: denn in dieser Zeitspanne wuchs hier die Zahl der Juden von etwa 300000 auf heule 4!/* Millionen. 8er Empfang des Barons und seiner Frau in Meir Schefeja bei Sichron Jakob am 10. Mai 1925 bei seinem letzten Besuch in Palästina ׳ ןיין ~ד-ן~ .V>■ J t d recht*/ in **®״״״tl, der Barm R*ihi süMtndi Uuischkin, stehend Sohotoiu während seiner Fesfreds. Sifwnd Lady Samuel, Sfr Frau. Ringsum stehen Kolonisten von Sichron Jakob und Kinder aus dem Kinderdorf Meir Sehe/eja. Der Baron im Gespräch mit dem damaligen High Commteioner Sir Herbert Samuel, während seines Aufenthalts in Palästina im Mai 1925 Fast ein Drittel aller Juden sind damit in diesem einen Land und sie bilden hier annähernd 4 <y» der Bcvöike* rung gegen >/.״'" ׳ am Ausgangspunkt dieser Periode. Man muß sich diese und andere Mengenangaben vor Augen halten, wenn man die Bedeutung der amerikanischen Judcnheit für ihre Brüder in anderen Ländern, aber auch die Rolle der Judcnheit in Nordamerika erfassen will. Die Bedeutung in den einzelnen landestcilen wechselt natürlich ebenso wie sic zwischen Stadt und Land, zwischen Weltstadt und Provinzplätzen wechselt. Bekannt ist ja die ganz eigenartige Stellung New Yorks, von dessen 7 Millionen über ein Viertel (etwa 1,80 Miß.) Juden sind, wobei die nicht cingcmcindctcn Vorort- und Nachbargcmcindcn wie Newark» Jersey City, Elizabeth, Hobocken, New Rochclle usw. mit weiteren hunderttausend unberücksichtigt blieben. Einzelne große Stadtteile zeigen eine jüdische Majorität. Oroß-New York beherbergt somit mehr Juden als West-, Süd- und Nord* curopa einschließlich Deutschlands! Gemeinsam mit diesem Europa ist die Tendenz nach der Oroßstadt unverkennbar, wie folgende Tabelle veranschaulicht: Die Vertellanq der Jaden In den Vereinigten Staaten Ende IM1 Ort Zahl In Prozent d«r EUiwohntrxah! la Pfot^nl d#r »iittriksniich•• Juden New York 1 800 000 25,6 40 Chicago 310 000 8.9 6,9 Philadelphia 250 000 12,5 5,6 Boston 87 000 . 10,9 1.9 Cleveland 87 000 9,3 1.9 Detroit 73000 4,5 1.6 Baltimore 70 000 8.5 1.6 Loi Angele» 70 000 5,4 1,6 Newark 69 000 14,8 1,5 St. Loui» 52000 6,1 1.2 Restliche 80 Groß* »tädte über 20,1 100000 Einwohner 905 000 5.1 Somit in Orten unter 16,1 100000 Einwohner 727 000 0,9 Zusammen | 4 500 000 | 3,58 100 Wieder fällt in dieser Tabelle — die nicht auf amtlichen Zählungen, sondern auf Schätzungen beruht, die ganz einzigartige Bedeutung New׳ Yorks auf: 40 ׳״« aller amerikanischen Juden leben in New York! Das erklärt sich nicht nur durch die allgemein zu beobachtende Anziehungskraft der Metropole; hinzu kommt in diesem Falle die Tatsache, daß der weitaus größte Teil der Einwohner hier landet und hier ״hängen״ bleibt. In weitem Abstand folgt die Riesenstadt Chikago mit ״nur“ 9 ״,b jüdischer Einwohner. In dieser Beziehung ist der Einschlag größer in Philadelphia; wobei die Nabe New Yorks oder die bedeutende Konfektionsindustrie mitgespiclt haben mag; die enge Verbundenheit mit der Metropole ist fraglos der Grund, daß in Newark (am andern Ufer des Hudson) ein jüdischer Bcvölkcrungscinschlag von fast 15 ®/o anzu• treffen ist. Ganz augenscheinlich ist der Gegensatz zwischen Oroßstadt und den übrigen Landestcilen: liier weniger als 1 der Einwohner jüdisch, dort fast 12 *0! Immerhin trifft man auch in den kleineren Orten fast überall bis hinunter auf zahllose Dörfer heute einen jijdi• sehen Einschlag an, von dem noch zu sprechen sein wird. Doch genug der Zahlen! Woher sind die Millionen Juden gekommen? Und in welcher Reihenfolge? Es sind unverkennbar drei Stadien zu erkennen: eine erste, in das 17. und 18. Jahrhundert fallende Immigration von Spaniolen, eine darauf folgende wesentlich zahlreichere Einwanderung von deutschen Elementen mit den Haupt* jahren 1818—1870 und schließlich die eingangs erwähnte Völ* kerwanderung vom Osten, die cinsctztc mit den berüchtigten Zarencrlasscn zu Beginn der 1880er Jahre. Beruflich sind naturgemäß in einem Lande mit derartigen Massen In allen Zweigen Juden stark vertreten. Es ist eine bekannte Tatsache, daß in der amerikanischen Arbeiterbewegung die Organisation der jüdischen Gewerk״ , schäften früher bahnbrechend wirkte, was freilich auch recht nötig war; denn die jüdische proletarische Massenciinvandc* rung, namentlich in den 80er und 90er Jahren, bildete ein willkommenes Ausbeutungsobjckt für rücksichtslose Arbcitgcher und namentlich Zwischcnmeistcr. In weiten Teilen des Bekleidungsgewerbes war und ist fast die gesamte Arbeiterschaft jüdisch. Und wenn man abends nach öcschäf‘,5- Schluß etwa durch die ausgedehnten Konfektionsviertel New Yorks geht, so sieht man fast ausschließlich jüdisches Prolet»• riat, das zum recht erheblichen Teil jiddisch spricht und jiddische Zeitungen liest. Aber auch der Kleinhandel Ist stark jüdisch; die La* dengeschäfte sind durch das ganze Land in einem sehr erheb•