Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 86 (26.10.1934)
- Date
- 1934-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653531--25925-2683092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 ׳JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 26. X, 1934 genwart gcgcnübcrstelvt, die zwar voller Aufgaben Ist, nber der G cseh I ossc n 11 ei t und Größe ermangelt. Auch bei uns ist die dauernde Beziehung auf die Geschichte üblich, selbst dort, wo die gegenwärtige Haltung dessen, der die Geschichte im Mumie fuhrt, ihrem Inhalt mir wenig entspricht. Und der Mangel an Unterordnung schließlich stellt eines der ernstesten Probleme einer jüdischen Politik dar. Es klingt wie eine Illustration zu Ereignissen im jüdischen Le* ben, wenn Wahl weiter sagt: ״Der Spanier lernt nicht vom Gegner, weil er nicht die kleine Seihstentäußerung aufbringt, ihm zu/tiliören. Jeder ist für sieh Mittelpunkt der Welt, mul wenn er sicli einer Partei verschreibt, so niemals ohne den stillen Vorbehalt, seiner besseren privaten Meinung unter keinen Umstünden zu entsagen." Wieviel Achnliciikeit hat diese Charakteristik mit jener bekannten amüsanten Erzählung von Scholeni Alejehem von der ״ersten jüdischen Republik“, in der die Schwachen des heutigen' Judentums auf diesem Ge• biete satiri eh gegc'lielt werden. Aber nicht nur bei der Darstellung des Volkse harak« fers der Spanier, sondern auch bei den Problemen, die iiir Land als solches bietet, ergehen sicli ganz überraschende Parallelen zu den Fragen, vor denen das jüdische Volk bei seiner Bemühung um den Wiederaufbau Erez Israels steht. ״Es galt, die erschlafften materiellen Energien neu zu bc• leben und ans dem Boden des Vaterlandes, dessen Felder ver• ödet, dessen Wälder verschwunden waren, versunkene Schätze zu suchen. Einst hatte sieh die von der Sonne durchglühte Erde in Giirteu und Wäldern verschwendet... Die spanische Sonne ist nur dort Triebkraft des Lebens, wo sic sich mit dem scgenspemlciiden Element des Wassers verbündet... ״Wasser und Brot!“ lautete, als die alten kunstvollen Anlagen verfie• Jen, der Notruf halb Spaniens.“ Und weiter: ״Spanien ist einst ein waldreiches Land gewesen... Die Berge wurden ihrer Waldungen entblößt. Die Wasser stürzten von den Höhen ungenutzt zu Tal und rissen vom felsigen Grund die trag* fähige Scholle hinweg, die der Baum verteidigt hatte." Die• Schule ״feiert mit den Kindern in jedem Frühjahr den ,Tag des Baumes‘.“ Und Wahl schließt diesen Abschnitt mit dem Satz: ״Vielleicht rauscht einmal aus dem Frieden grünwogender Wipfel Harmonie in den Zwiespalt der spanischen Seele.* All dies klingt eindringlich an die Probleme an, mit denen wir beim Aufbau Palästinas zu rechnen und zu kämpfen haben. Die Schwankungen des Gefühls Wir haben auf diese Zusammenhänge im Leben eines fremden Volkes hiiigcwicsen, weil sic eine symptomatische Bedeutung für die Bildung des Volkscharaktcrs bei allen Völkern besitzen. Es zeigt sich darin nämlich, wie stark die Erschütterungen der Oescliiehie ihre Ablagerungen im Seelischen finden und wie damit Hand in Hand nicht nur das Volk gewandelt wird, sondern auch das Land als solches sein Antlitz verändert. Wir Juden wissen genau, daß die Man* gcl, mit denen wir bei uns selbst zu kämpfen haben, durch die geschichtlichen Erlebnisse unserer Gemeinschaft bedingt sind, und daß die Einwirkung von Jahrhunderten nicht in einer oder in wenigen Generationen aufgehoben werden können. Gerade in unseren Tagen, in denen das deutsche Juden* tum eine so tiefgehende Erschütterung nicht nur seiner äuficreu Lehensbedingtingen, sondern auch seiner seelischen Situatiou diirdimaclieii mußte, erweist sieii mit aller Deutlichkeit der enge Zusammenhang zwischen geschichtlichen! Erleben und seelischer Reaktion. Viele Juden, die ein äußerlich und psychisch gesichertes Leben seit Jahrzehnten geführt haben, die sich ganz eingebettet in eine nichtjiidischc Umgebung glaubten und in ihr oft eine fruchtbare Wirksamkeit, besonders auf geistigem Gebiet entfalteten, haben auf die letzten Erlebnisse mit einem starken Ressentiment geantwortet. In ver* gaiigcnen Perioden der jüdischen Geschichte, wenn Juden z. B. gezwungen wurden, 7.111 ׳ Waiidcrstab zu greifen und einen Kulturkreis zu verlassen, in dem sie oft seit vielen Generationeu gelebt hatten, besaßen sie noch die Bindung an ein inner* lieh erfülltes Judentum, und das, was ihnen an kultureller Verknüpfung mit ihrer Umwelt entzogen wurde, konnte durch ein* strömende jüdische Substanz, ersetzt werden. Heute ist das viel schwieriger. Die Wendung nach innen, zum Jüdischen, kommt nicht mehr aus natürlicher innerer Verbundenheit, sonderu aus dem Ressentiment gegen das Erlittene. Aber auch von liier aus wird von manchen ein neuer Weg des Lebens durch Konzentration auf die Reste jüdischer Substanz, in ihnen seihst gesucht. Dieser Weg ist gewiß im Instinkt richtig, da die Anreicherung jüdischen Wesens in uns eine notwendige Konsequenz der AusgHcdcrting aus geistigen Zusammenhängen mit der Umwelt sein muß. Es ist aber illusionär, wenn diese Wendung nur eine Hinwendung zur Vergangenheit des Judentums ist, in der Hoffnung, Lebensformen für die Gesamtheit wieder hcrauffiihrcn zu können, die das Judentum einst leben* dig erhalten haben, die aber in ihrer Isolierung einen wesent* liehen Teil ihrer Kraft verloren haben. Eine solche romantische Haltung 11mg dem Einzelnen für eine gewisse Zeit Befried!'• gung geben, besonders wenn er ernsthaft an das ״Lernen“ tm* serer überkommenen Güter hcrangcht; die Gefahr bestellt aber, daß der Augenblick kommt, in dem er erkennt, daß auch diese Inhalte allein nicht mehr genügen, um ihm die Sicher* heit eines vollen Lebens als Jude und als Mensch zu gewähren. Nicht weniger problematisch sind jene anderen aus der tiefen Aufwühlung der Gefühle im deutschen Judentum hervor* gellenden. Versuche, einen ״Ersatz“ für das zu konstruieren, was verloren gegangen ist. Diese Experimente, die sehr oft II egriffcdcrnichtjüd lachen Umwelt i n d a 8 Jü di sehe Leben übersetzen und mm gewisse Haltungen dieser Umwelt als dem Judentum adäquat bezeichnen, sind noch weniger geeignet, einen Ausgleich in unserer seelischen Haltung hcrbcizuführcii, weil ihre Brüchigkeit sicli sehr bald erweisen muß — handelt cs sicli doch hierbei um Ideengänge, ' die mit dem Judentum nicht das geringste zu tun haben und nicht einmal die verpflichtende Kraft besitzen, irgend etwas Bestimmtes für die Anreicherung des eigenen jüdischen Wesens zu fordern. Dies gilt sowohl von dem Versuch, ein mies Judentum von einer ״heroisch-soldatischen" Haltung aus zu schaffen wie auch von den Anlchnungs* versuchen an preußisc 11 - konservative Anschau■ י M, .mra SU! יי f |f!p<m!n1tk VrrHotfn] Aus •lern soeben bet Nicola ZanlchclU, Mognei, tr schiene■ nen ersten Band der ״Memorw" des berühmten Italienischen Staatsmannes veröffentlichen wir mit Erlaubnis des Verlages einirr interessante Stellen. Luigl Luzalti, geboren 1811 in Venedig und gestorben 1927 in llom, Professor der National- Ökonomie in Mailand, Padua und Rom, war seit 1891 fünfmal italienischer t'inanzminisier, 1910 außerdem nlinlstrr für Landwirtschaft, Minister des Innern und schließlich Minister- Präsident. Obwohl ln der liberalen Acra aus dem Judentum ausgetreten, bekannte er sich doch stets als Jude, trat für die Verteidigung unterdrückter Juden ein und bekundete In den letzten Jahren seines Lebens auch Interest» für das Palüslinawvrh und dia Universität Jerusalem. Red, Pie Mpr-mle Kriiim-nm!; bewahrt der siebenjährige Luigi Lus* Za Ui tm die Re volulion vom Jahre 1848, deren Auswirkungen er in dem d.imnh i) Irrrcii hisehcii Venedig «liebt. Ich war damals sieben Jahre alt und besuchte eine jüdische Privat schule, die in der Nähe unseres Hauses gelegen war, als die ersten Nachrichten von der Revolution in Venedig eint rafen. Ich hatte den Haß gegen alles Oester* rcidiischc gleichsam mit der Muttermilch eingesogen, denn meine Familie verabscheiifc die fremde Herr* schaii, und die Ereignisse wurden von allen mit Dankgeheten begrüßt. Als «ine Nationalgarde gegriin• det wurde, wurde mein On• kcl Giuseppe, ein starker Mann, vier ein ausgr/.ciclt• neter Fechter war und aueli sehr gut mit einem Gewehr umgehen konnte, in ihr Offlzier. Mein älterer Bruder D a v i d trat in die söge• nannte ״Garde der Hott* nuiig" ein, in der Knaben von neun Jahren aufwärts aufgeuommen wurden. Da icli zu jung war, lernte ich wenigstens Schießen und Si Fechten. Inzwischen machte icli alle Schrecken der Bc- Schiebung Venedigs mit. Bald saht Rh -den Tod In dreifacher Gestalt durch unsere Stadt wandern: als Huri* ger, Cholera und Bombardement. Wir wechselten mehr* mals die Wohnung lind flüchteten schließlich in einen Kahn, um den Kanonenkugeln tmd der Cholera zu entgehen. Trotzdem erkrankte mein Bruder au der schrecklichen Krankheit, und meine Mutter zog sich durch die Aufregungen ein Herzleiden zu, dem sic auch später erliegen sollte. Dann kamen die Oesterrcichcr zurück, und Ich weinte damals vor Verzwciflung. Die Siclhing der jüdischen Familien war damals in Venedig nicht unangetastet. Langsam ringt sich der junge Luiratti, der in einer sehr frommen Familie aufwüchst, *u einer kritischen Stellungnahme seinem Glauben gegenüber durch. Meine Mutter hatte, obwohl sic vielleicht etwas von meinen Zweifeln ahnte, ein solches Vertrauen zu mir, daß sic mich eines Tages sofort rufen ließ, als sic den Bestich einer katholischen Familie empfing, die Schlechtes über die Juden sprach. Sic forderte mich auf, auf die Beschuldigungen zu antworten, aber da ich aus den törichten Bemerkungen unserer Gäste keine tragische Angelegenheit machen utld auch keinen ernsten Streit hcraitfbcschwörcn wollte, holte ich ein Blich und sagte: ״Wollen Sie wissen, was der heilige Bernhard sagt: UM Judaei desunt, pejus judaizarc dolemus Christianos foencraforcs." ״Unter den Juden wie unter den Katholiken finden sich Wucherer.“ ״Es gibt wenigstens unter den Juden ungen — und schließlich von der Ucbernaliine eines rein formalen Nationalismus durch den Revisionismus. All diese Experimente führen aus dem Bezirk des historisch gewachsenen Judentums hinaus, ohne in ihren An- Fängern Kräfte zu wecken, die eine Sicherung ihrer jüdischen Existenz gewährleisten. HätUtfm diensiofy: Neue Lebensbasis Man versucht sehr oft, cu־cn künstlichen Gegensatz zw!• sclicn einem religiös•kulturell bestimmten und einem nationalen Judentum zu konstruieren. Aber nicht Treunurig, sondern Synthese ist heute geboten! sie ist einmal von der Erkenntnis getragen, daß wir die Einordnung in dic Kulturtradition des Judentums brauchen, und daß eine der Ursachen unseres Unglücks ist, daß die Kraft dieser Kuiturfaktoren in uns so schwach geworden ist. Damit aber ist untrennbar die Teilnahme der heute lebenden Juden an den Bestrebungen unseres Volkes verbunden, seine äußere Lebensform auf eine neue Basis zu teilen. Diese Neuformung des jüdischen Lebens, deren Mittelpunkt in Palästina liegt, ist die zweite Komponente, aus der heraus sich das leben jener Generation erneuern kann, die besonders schwer das Erleben der letzten Vergangenheit durchgekostet hat. Dies ist kein Schritt zurück 1n eine Vergaiigcniidt, die endgültig abgeschlossen ist, und auch keine Angleichung an Parolen, die der nichtjüdischen Welt entnom• men sind, sondern cs äst die Eingliederung des Einzeinen, der lange in der Gefahr lebte, in der Welt draußen verloren zu gehen, in das jü* dischc Volk, wie cs heute besteht und sein Schicksal gestaltet. Es ist nicht Romantik mit einer Abwendung von den Realitäten des Lebens, sondern gerade die Hinwendung zum realen Dasein, das in sich die Elemente der Vergangenheit alltäglich zu neuem Leben erweckt und darum ebenso gegenwärtig-real wie liistorlsch-bcdingt ist. In uns Juden liegen die aus der Vergangenheit über« kommenden Kräfte, die eine Zukunft hcraufführeii, die anders aussehen wird als Vergangenheit und Gegenwart und die daher eben so sehr Fortsetzung unserer Geschichte wie B ruc h mit all dem ist, was uns nicht mehr lebenskräftig erscheint. Diese Tendenz allein vermag unserer Oencration des dcutsehen Judentums neue Lebenskraft zu geben. Dabei ist es oft genug ein Zufall, wo der!Einzelne lebt: Ob in Palästina oder in den Ländern der G a 1 u t h. Das Qesetz, unter dem das jüdische Leben stehen kann, ist überall das gleiche. Diesicher mehr Wucherer als unter den Katholiken", antworteten die Gäste. ״Das galt mir für die Zeit", erwiderte ich, ,4, die Juden weder ein Hnmlwcrk noch Ackerbau betreiben durften, sondern auf Geldgeschäfte angewiesen waren. Heut« ist die Zahl der jüdischen Wucherer sehr klein.״ Unsere Gäste schwiegen. Ucbcr/eiigtc ich sic? Man findet eher Zugang zu der Meinung eines politischen Gegners als zu den verhetzten Gefühlen eines religiösen Fanatikers. Damals wagte ich zum erstenmal meiner Mutter, die über meine An!, wort entzückt war, davon zu reifen, daß nach meiner An. Behauung alle großen Religionen verschiedene Klänge eint[ göttlichen Harfe seien. Mit Mrlwrlm Jiibicn, im Hvtltet d«׳s Jahre» 1858, naduk-m *j *eine <l>,11tntti«l«;tu11!eu in Venedig beendet h-it, wird Luigi Lenaui Dürer der Dnivcrsiiat Padua. Hier erwacht er allmählich lU-w11C! *-m H-iner *müilt-ii Anfg iIk׳. Das damals erwachte nationale Gefühl und der Wunsch nach Selbstbestimmung war von den Regierungen wieder unterdrückt worden, und der herrschende Zustand crwtdtt in mir, der ich alle Grausamkeit und Ungerechtigkeit aU| tiefster Seele haßte, ein Gefühl der Verwirrung und Vet. zwciflung. Alles schien mir trostlos und öde. Noch immer hatte Id, mein erstes, imghicklirhcs Liebcscrk-biiis nicht verschmerzt, tmd (las einsame, monotone Leben, das ich lulirte, trug nickt dazu bei, mieli auf/ulicitern. Dazu brachte cs mich zur R,. serel, die Dinge um midi in einem derartigen Zustand JU sehen: eine Jugend, die allen ernsten Problemen gleichgültig gcgentiberstaiid und deren geistige Bedürfnisse durch eine obcrlläclilielie Zcihmgslektiirc vollauf befriedigt wurden, die traurige politische Lage des Landes und eine literarische und wissenschaftliche Bewegung, die sich damit begnügte, Italiens große Traditionen zu pflegen und für die Leistungen anderer Völker überhaupt kein Verständnis iiatte. Das alles *fand Ip! heftigsten Widerspruch zu meinem glühenden und ungeduldigen Streben, und die sclticksalergebene Ruhe, in der meine ge. samte Umgebung befangen war, wurde immer mehr zu einer Qual Iiir mich. Ueberall mußte ich sehen, wie der Unglück, liehe Zustand der Dinge die Untätigkeit und Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen rechtfertigen sollte. Es war der alte Fehler meiner Nation: nichts kann sie in dem Oefühl ihrer Unschuld erschüttern, die Ursache aller Uebel wird stets nur in äußeren Umständen gesucht, und niemand denkt dar», auch nur den Schatten einer Verantwortung auf sich zu nehmen. Nach Beendigung »einer UnivvrsilUtssludKn, die ihn *on det I’hihj-ophie zur Nationalökonomie hittführen, beginnt Luigl ha■ miti in Venedig Vorlesungen m hallen und dabei jenen Gedanken zu entwieketn, der, ihn schon in Padua ständig hc-scfräfligt kt: die; (•riindiihg von Volk-blinken, wie sie in I )ent «:bland SibuJlK• Delitzsch mit großem Erfolg in Angriff genommen halft, Ueberall, wo sielt mir Gelegenheit bot, warb ich für den Gedanken der Volksbanken und Vorschußvereine: in den Vorlesungen, in Zeitungsartikeln, in Gesprächen mit den Gondolieri und Arbeitern jeder Kategorie, teil erkannte, dal sic einem dringendsten Bedürfnis entsprachen uni daß die Zukunft auf ihnen aufgebaut sein würde. Denn das Kapital ist gleichsam das Reservoir, durch das eine Nation die ver• brauchten Keifte erneuert und ihren Reichtum begründet Ohne den Zufluß der Ersparnisse alter muß das Kapital eines Landes sich verflüchtigen und zu Ende gehen. Immer wird die Zukunft des Einzelnen ungewiß bleiben, und wenn schon der Reiche in seinen Handlungen stets mit Bedacht Vorgehen muß, so ist der kleine Mann tausendmal mehr in Gefahr, unter die Räder zU geraten. Ersparnisse aber können die Furcht vor dieser Gefahr mildern und das Leben sorgloser und leichter machen. Die Votkshanken und Vorschußvcrcine konnten aber nach meiner Meinung noch eine andere wohltätige Wirkung haben: das Proletariat auf eine höhere Kulturstufe zu heben. Die Vorteile, die diese Institutionen boten, mußten durch Rechtlich• keit und Ehrlichkeit verdient werden, und der Wunsch, sich ihrer zu bedienen, begründete noch keinen rechtliche« An• Spruch auf sic. Wie in der sittlichen Weltordnung gehen auch in der ökonomischen die Pflichten den Rechten vor. Ich fohlte damals, daß wenn meine Idee nicht verwirklicht wurde, «* keinen anderen Ausweg gab als den Kommunismus oder Systeme, die ähnliche Prinzipien haften. In der folgenden Zeit führt der Weg Luigi Liiiratti* *•*Ü aufwärts. Von Venedig wird er au die Universität in Mailand t*• rufen, von dort nach i’adun. Man vertraut ihm iiffenUirhe Ark-iit» an, wie die Organisation der ilatienisthcn Objekte auf der W!• us-tcllung in Paris im Jahre 1807, und zweimal iwcheinuxkr wird tr Generalsekretär des llandelsinmidctiums. Als Pizsidrat einer partamenlariselien Koiiniiivüon sihließt er im Jahre Ü" die wi1blig>(en IliindeKvrrlräj;.: Italiens mit den eiirapikd1™ Großmächten. Fr erzählt selb.l, wie er als VierunddrciBigj»h>f״ von Thiers in l’aris empfangen wird. In aller Kürze versuchte ich, ihm 711 beweisen, daß die Zölle bisher Frankreich so gut wie keine Einnahmen gehraem. dagegen dem Handel mit den Nachbarvölkern sehr geschadet hatten. Ich erinnere mich noch ausgezeichnet, wie mich fl״ Alte mit funkelnden Augen voll Ungeduld fragte: ״Junger Mann, welches sind eigentlich Ihre ökonomisch® Anschauungen?“ ״Herr Präsident", erwiderte ich, ״wie können Sie dies® Jungen Mann mit einer solchen Frage erschrecken? Vi׳c1u 1נ mir erlauben, werde ich ihnen mit einer Anekdote antworte״, eile man sich von dem großen Goethe erzählt. Ein« T*p fragte ihn sein Licbiiiigsschüler nach seinen religiösen «־״ Behauungen. Darauf antwortete ihm Goethe: ,Wenn ich ® ® Kunst denke, brauche ich die Götter Griechenlands und Koi״•! wenn ich mir das Weltall vorstellc, bin icli Pantheist, u״״ dein moralischen Problem gegenüber bin ich Deist, «•״ ähnliche Antwort muß ich ihnen, Herr Präsident, auf '1 Frage gehen. Denke ich als Kaufmann und muß je״ Exportmöglichkeiten meines Landes betrachten, so חוס Freihändler; muß ich die junge Industrie Italiens *chin: ׳ werde ich Protcktionist; ja, Ich werde mich sogar ,Lj hibitlonisnuis bekennen, wenn irgendein anderer Staat fl*f. r ’sgelit, durch künstliches Drücken der Preise itahents Industriezweige zugrunde zu richten. Wenn ich die lutere» meines Landes vertrete, bin ich bereit, mich jeder Dokttm bedienen.“ Thiers legte mir mit einem Lächeln die Hand »81 ' Schulter und sagte: ״Junger Mann, durch diesen Mangel an einer Ökonomist" Einstellung werden Sic cs einmal sehr weit bringen. Der erste Band der Memoiren Luigi Lumtth reicht ra> zum Jahre 1875. Erst die spätere Zeit sollte beweisen, *« 'י Thier» mit seiner Voraussage hatte. AI* Abschluß möge״ f k. f Worte stehen, die Luzratti im italienischen Parlament im sprach, und die all eine Art Glaubensbekenntnis ausgelfgt »״״ können. ״Ein Staat Ist ein großes Gedieht, in dem alle und Akkorde verschmelzen. Keine Theorie, fleht ses zu erkennen und sich ihm in freier Entscheidung Unter ...... ......... . Einsatz aller Kräfte einzuordnen, ist unser« Aufgabe und Konzentrierung und die der Dezentrierung, nicht die ״ zugleich der Weg, um aus dem Zustande der Ungeklärten und freien Uebereinkommens und die der absoluten StaawrV״ schwankenden Gefühle heraus zu einem innerlich erfüllt«! •'önnen ihn erklären. Um den Staat zu begreifen, bra״«" und sinnvollen Leben zu gelangen. KL.?c 4"p, zusammen, und alle zusammen hinterlasse״ «t g langen, immer eihen Rest, der unbegreiflich Ist, jene* Oeheinmib ״״ ־י■,""־־ ....* das Leben einer großen Nation begründet.“