Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 84 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 84. 19. X. 1934 \ Grundsteinlegung zur GntversIt.lsMtotk ta Jerusalem Jerusalem, 10. Oktober. (JTA.) In einem festlichen Rahmen fand am 10. Oktober die Grundsteinlegung zu der Roth schild - Hadassah ■Universitätsklinik auf dem Skopusberg, die mit Hilfe des Verbandes der jüdischen Acr/lc Amerikas und der Zionistischen Fraticnorganisalion ltadassah errichtet wird, statt. Bei der Grundsteinlegung hielten der stellvertretende High Commissioncr für Palästina, Clicfsckrctar John Hathorn Hall, der Präsident der Jewish Agency, Nahum S o k 01 3 w. der Vorsitzende des Keren Kajemeth, M. M. U 8 s is c h k I n, die Leiterin des Gesund• heits-Departements der Jewish Agency, Henrietta Szold, Univcrsitätskan/Ier Prof. J, L. Mag lies Ansprachen. Chef• Sekretär Hall gab bekannt, daft die Palästina-Regie• tun g demnächst einen Bauzuschtiß zu dem neuen Oesund• heits/entrum bewilligen werde. Die Veranstaltung wurde auf 260 Sender in Amerika übertragen. Die mnerzfonisüschcn Partei-׳ Verhandlungen in London Das Zionistische Hauptbüro teilt mit: Wie in der Presse angekündigt, wurde für den 15. und 16. Oktober eine Sitzung der vom Zionistischen Aktions• Comitee im April d, J. eingesetzten politischen Stu« dienkommission nach London cinbcrufcn. Die Exckutive erstattete einen Bericht über eine Reihe von Auge• lcgcnhciten von politischer •Bedeutung, worauf eine Aussprache folgte, an der sich alle Anwesenden beteiligten. Am I6. Ok• tober schloß Prof, lirodctsky die Beratung mit Worten des Dankes an die Mitglieder der Studienkommission für ihre Mitarbeit und mit dem Ausdruck der Genugtuung der Exckutive darüber, daß ihre Politik die einmütige Billig u n g der Kommission gefunden habe. Im Zuge der von der Zionistischen Exekutive mit den einzelnen zionistischen Gruppen emgcleiteten Besprechungen zur Befriedung der zionistischen Bewegung wurde in London die erste Aussprache zwischen Mitgliedern der Zionistischen Exekutive und Vertretern der Allge• meinen Zionisten veranstaltet. Die Verhandlungen mit den Vertretern der Wcltiinion der Zionisten-Revisionisten werden im Laufe der Woche fortgesetzt. Die Einwanderung im September Nach den Ziffern des Einwanderungs-Departements der Jewish Agency in Jerusalem sind im Monat September über die Häfen Haifa und Jaffa 3902 neue jüdische Einwanderer nach Palästina gekommen. Die Zahl der jüdischen Einwanderer, ilie in diesem Monat über die Festlandsgrcnzcn ins Land gekommen sind, sowie die Zahl der Touristen, die in diesem Monat die Erlaubnis zu legalem Aufenthalt im Lande erhalten haben, ist noch nicht bekannt. Insgesamt sind im Laufe der ersten neun Monate des Jahres 19'M 26 029 legale jüdische Einwanderer ins Land gekommen. Einschließlich der Zahl der jüdischen Einwanderer, die im Monat September über die anderen J.andesgrenzi'n angekonmien sind, und einschließlich der Touristen, die von der Regierung die Aufenthaltserlaubnis erhalten haben, wird die Zahl der legalen jüdischen Ein- Wanderer für die ahgetaufenen neun Monate hoher als 27000 Personen sein. In den gleichen neun Monaten des V3rj,ihres sind 20 137 jüdische Einwanderer nach Palästina gekommen. Zum Artikel der ״Times" In der ״T i m c s“ vom 17. Oktober erwidert der Verfasscr des am 5. Oktober erschienenen Artikels auf die Zuschriit von Norman Ben t wich, der einige Stellen dieses Artikels kritisiert hatte (vgl. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 81 «na 82). Der Verfasser stellt gegenüber Bcntwich — wie wir glauben mit Recht — fest, daß der Jüdische Nationalfonds nach seinen Statuten Arabern weder Boden noch Arbeit geben kann und daß die Beisan-Lnndcrcicn, auf die sich Bcntwich für seine These, es gäbe große Staatsländcrcicn, beruft, bereits vor 13 Jahren an die dort ansässigen Araber vergehen worden sind. (Man könnte noch hinzufügen, daß damals unter Sir Herbert Samuel auch Bcntwich in der Palästina- Regierung saß.) Weiter hält der Verfasser seine Behauptung bezüglich der Einwanderungsziflern aufrecht, da nach dem Bericht der Regierung im letzten Jahre 39000 Juden zu• gewandert sind, im Jahre 1925 nur 33 801. 0 */ל H י׳ fi׳ CU2* L'.::::* Dr. Weizmann begibt sieh Im Laufe dieses Monats nach Palästina, wo er seine Arbeit «Is Direktor des Daniel Sief!-Forschungsinstituts für organische Chemie in Rcchoboth aufnehmen wird. (Die Stiftung versendet soeben eine volle Darstellung der am 3. April 1931 vor sich gegangenen Er- Öffnungszeremonie, bei der Prof. Willstättcr die Eröffnung*• rede hielt, 111 Form einer bebilderten Broschüre.) Diu Londoner ״Times“ berichtet über ein Frühstück, das die londoner Wizo zu Ehren von Frau Dr. Weizmann vor deren Abreise nach Palästina veranstaltete. Frau Steif, Frau Goodman und Frau Weizmann umschrieben in längeren Ansprachen die Aufgaben der Frauenarbeit in Palästina und betonten insbesondere die Wichtigkeit einer Verwurzelung in der Landwirtschaft. Winston Churchill, der bekannte englische Politiker, mit dessen Namen als Kolonialmimstcr ein wichtiges Dokument der Palästina-Politik 1922 verknüpft ist, ist aut einer Orientreise mit seiner Gattin in Jerusalem zu kurzem Aufenthalt eingetroffen. Der Verwaltung« Uberschuß der PalSstlna-Reßicrung betrug nach soeben veröffentlichten amtlichen Zlffern Ende August £ 3,354.003, was einem vollen Jahresetat entspricht. Eine Abordnung englischer Rabbiner unter Führung von Oberrabbincr Dr. J. H. Hertz wird vom High Commissioncr für Palästina, Sir Arthur W a u c 11 o p c, empfangen werden, um mit ihm eine Reihe jüdisch-religiöser Probleme Palästinas, insbesondere die Erlassung eines Sabbath-Schut/gesetzcs, zu besprechen. Ferner wird die Abordnung die Frage der Gewährung eines Rcgicningszuschusscs an das palästinensische Rabbinat zur Sprache bringen. Aus Transjordanien wird gemeldet, daß die Wahlen der Vertrauensmänner der Bevölkerung, die ihrerseits die Mitglieder des neuen transjordanischen Pariam ents zu wählen haben, beendet sind. Diel ״Volkspartei", die offizielle Regierungspartei Em'ii Ab dal las, hat die überwiegende Mehrncit erhalten. ln Haifa wurde die Auktion der Parzellen des durch Trockenlegung gelegentlich des Hafenbaus neu gewonnenen Land Streifens längs des Hafens vorgenommen. Von 17 verkauften Parzellen wurden sieben von Juden, sieben von Araber״, eine von einer englischen Firma und eine von einer jüdisch-arabischen Lagerhaus-Gesellschaft erworben. Während die Verschiffung von Orangen aus Palästina vor dem 15. November verboten ist, hat die Verschiffung d er Grape Fruit bereits begonnen. Am 6. Oktober wurden aut dem Schiff ״Pilsna“ mehrere hundert Kisten Grape Fruit nach Deutschland verladen. Am 10. Oktober fand in Anwesenheit des Vorsitzenden des Jüdischen Nationalfomls, M. M. Ussischkin, die Grundsteinlegung zu der nach dem verstorbenen Präsidenten des Zionistischen Aktions-Comitts, Leo M 01 z k i n, benannten neuen städtischen Mittclstandssicdlüng im Haifa Bay- Gebiet Kfar Motzkin statt. Der Bau von 100 Häusern wurde sofort in Angriff genommen. ln Jerusalem befindet sich gegenwärtig der Holländer van Kt! f fei er, Generaldirektor der Gesellschaft zur Oewinnung von Land aus der Zuidcrscc, wo bekanntlich 250000 ha zwecks Besiedlung trockciigclegt werden sollen. Van Kuffcler wurde von der Pa lest! ne Po tash- Gesellschaft berufen als Sachverständiger in der Frage der Ausdehnung der Arbci• teil am Toten Meer. Eine jüdische Abordnung hat Im Weißen Hause Vorgesprochen, um Präsident Koascvelt bekanntzugeben, daß sein Name in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eingetragen worden ist. Die Zcntralvcrwaitung des Jiddischen Wissen• schaftlichcn Instituts in Wilna hat beschlossen, einen Weltkongreß für jiddische Wissenschaft und Kultur cinzubcrufen. Am 15. Oktober hat der frühere langjährige Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgcmcindc, Gcncraloberstab«• arzt Prot. Dr. Alois Pick, seinen 75. Geburtstag gefeiert. In London verstarb im Alter von 84 Jahren der berühmte Physiker Sir Arthur Schuster, Professor der Physik an der Universität Manchester. Er wurde 1851 in Frankfurt a. M. als Kind 'jüdischer Eltern geboren. Im Alter von 52 Jahren ist In New York der jiddische Dichter A. M. Diilon einem Herzschlag erlegen. Dillon, der seit dreißig Jahren in Amerika lebte, stammte aus dem Kreise Grodno in Polen. ... . .״״V״ ....... ... Jerusalem It. ״Palcor• ,,״ Bagdad alarmierende Nachrichten cingelrollen. Vor ku zer Zeit hat die Regierung damit begonnen, die R|b|, rungsämtcr von Jüdischen Beamten zu f 1' bern. Ein großer Teil von ihnen wurde bereits entfernt ״ die übrigen stehen, wie mitgeteilt wird, kurt Vor Ihrer’ Dg lassung. Unter den Entlassenen befinden sich auch der Sekretär des Wirtschaft** und Verkehrsministeriums und «t stellvertretende Direktor von Post und Telegraph, lg Rcgicrungsschulen wurde eine Prozentnorm für (ן dis che Schüler eingeführt. Manche Schulen lehnen א ab, jüdische Schüler überhaupt aufzunelimen. ״ Die Malllparlcl für den Legislative Connefl Wie ,,Palcor“ mitteilt, hat kürzlich eine Reihe von fi, ratungen der M u f t i - P a r t e i in Jerusalem stattgefumu" Auf ihnen wurde die Frage behandelt, oh sich die Partei ״ den Wahlen zu dem von der Regierung geplanten Legi! lative Council beteiligen soll. Nach stürmischer Debittp wurde beschlossen, sich am Legislative Council zu beteili. gen, selbst wenn die Fragen der Einwanderung und aj Bodenkaufs der Kompetenz des Legislative Cauncil tat zogen sein sollten. ” Pafjzwang für Transjordanier Einwohner Transjordaniens konnten bisher ohne p,g | und Ausweispapiere Palästina betreten, diese Bcstimmm» 1 war wohl der letzte Rest der Vorstellung von der orgmi. I sehen Zusammengehörigkeit Palästinas und Transjordanieni 1 nachdem diese beiden Gebiet« in zwei verschiedene po||]! tische Einheiten getrennt worden waren. Diese Bestimm!)(»; ermöglichte den unbehinderten Zuzug von Arabern über '• die transjordanisciie Grenze und wurde daher von jüdischer 1 Seite au( das schärfste bekämpft. * Nunmehr ist der bisherige Zustand abgeändert»«, den. Wie die arabische Presse Palästinas mitteilt, hat du! Gouverneur von Es Salt in Transjordanien einen Erlab her. ausgegeben, wonach alle transjordanischcn Bürger, die nacl Palästina fahren wollen, sicfi Auswelspapiere besorgen müssen. Ohne Identitätskarte Ist künftig das Pasiier« der Grenze verboten. Ein Vorschlag zur Verfassung Palästinas ln der Zeitschrift ,,Dublin Review“ (Okfo ,׳ ber 1934) behandelt Douglas W. Duff (früher Polizei•; Beamter in Palästina, der von der Judenheit wegen sein« ‘ Einschreitens an der Klagenlauer am Jom Kippur 1923 s 7t.! scharf befehdet wurde) unter dem Thema ,,Das neue 2k* 4 und das alte Grabmal“ die Frage, was geschehen müsse, m Palästina aus seiner heutigen unerfreulichen sozialen Ent• Wicklung hcrausziihriiigcM. Nach einer eingehenden Schilderung des bisher im Lande Geleisteten tritt der Vcrfjötr für die Selbständigkeit Palästinas ein und sagt u. a.: Es gibt eine Lösung, die Palästina zu einem starke» und unabhängigen Staat machen würde. Zunächst muß Eng• lattd mutig sein und sich dem Sturm entgcgcnstcllcn, den die moslemischen Agitatoren in Jerusalem und Jaffa ent• fachen werden. Und vor allem muß man die jüdische Einwanderung im großen Maßstab erlauben. Zehn* tausende der besten Juden warten darauf, und es ist K»u» für alle in Palästina, für das Achtfache der jetzigen jüdischen Bevölkerung — und dies, ohne einem einzige« Araber weh zu tun. Man muß jüdische Kantone in Palästina schaffen. Man lasse ihnen Autonomie inner• halb ihrer Grenzen und alle diese Kantone einer Bunde!• rcgicrung in Jerusalem unterstehen, die ihrerseits wiederum in der Außenpolitik der jetzigen Mandatarniacht unterstehen müßte. Der Verfasser schlägt drei jüdische Kantost vor: der erste westlich des südlichen moslemischen Staate* von Bab-el-Wad die Straße Jerusalem—Jaffa entlang *adlid! Ramleh bis Tcl-Awiw, wobei Jaffa als arabische Stadt ita׳ genommen sein müßte. Der zweite Kanton müßte nördlich vom ersten bis *um Karmel sich erstrecken; der dritte könnte den Rest der Ebene Jcsreel einschließlich S1W cinnchmcn. Für die in Palästina ansässigen Christen wünscht d« Verfasser einen Kanton mit Nazareth als Hauptstadt. Dit konfessionell stark umstrittene Gegend van Bethlehem bi* Ramalla müßte unabhängiges Gebiet werden. Der Verfasser meint, der arabische Charakter sei •* beschaffen, daß die palästinensischen Muslim durch jed« Anzeichen, daß die jüdischen und christlichen Kantone sie« selbst zu schützen vermögen, sofort zur Aufgabe jeder Idee einer Plünderung veranlaßt würden. Ein jüdisches Obdach Besuch im ״Shelier" in London Unweit von dem lärmenden Getümmel der Highstreet von Whitechapel stellt in einer Nebenstraße, zwischen gelblichgrauen Wohnhäusern, Lagerschuppen, Fabriktiirmen, eilige• klemmt bi jene stillose und doch großartige Häßlichkeit des arbeitenden London, ein mehrstöckiges Gebäude aus roten Backsteinen, das jüdische ״Sheltcr“. Dieses Haus in all seiner schmucklosen Kahlheit ist inmitten aller Unruhe ein Ruheplatz für die Rastlosen, ein Heim für die Heimlosen, ein Nest für die sturmzerzausten Zugvögel, welche ihre Heimat verlassen müssen. Es ist ein Haus für wandernde Juden, von Juden gebaut, ein wundersames Zeichen der Eintracht eines verfolgten und zerstreuten Volkes, Hierher kommen sic aus allen Enden und Ecken der Erde, um sich für wenige Tage zu .sammeln und dann ihre Wanderung forizusdzen. Denn immer «och führt ein breiter Waiidernngsstrom der Juden von den östlichen Ländern nach Amerika, und für diese Reisenden bedeutet London den Kreuz- und Haltepunkt der Fahrt, wo sie von den mächtigen Ucbcrscedainpfcrn aufgenommen werden. Ein halbes Jahrhundert früher Irrten die scheuen und hilflosen Auswanderer ohne Rat und Schutz in London umher. Viele waren mittel- und obdachlos, andere wurden zur leichten Beute der Strolche und Betrüger, die an den Ufern der Themse aut ihre Opfer lauerten und die Unglücklichen oft ihrer letzten Barschaft beraubten. Frauen und halbwüchsige Mädchen wurden damals durch heimtückische Versprechungen in Laster und Elend gelockt, viele der Auswanderer gingen zugrunde, von den trüben Strudeln der Großstadt verschlungen. Dieser beklagenswerte Zustand wurde von einem großherzigen Juden erkannt, der selber einmal als Auswanderer von Polen gekommen war, um in London durch seine besonderen Gaben Vermögen, Ansehen und gesellschaftliche Stellung zu erringen. Vielleicht konnte er noch aus eigener Erinnerung die trostlose Verlorenheit jener losgerissenen Seelen begreifen, und so wurde Hermann Landau zum Gründer dieses einzig-, artigen Asyls. Er fand Freunde und Helfer, und cs entstand nach schwierigen Anfängen das erste Haus in der Lemanstreet, das vierzig Jahre lang tausende von durchreisenden Juden ■ beherbergte. .Was Ist alles in diesen Jahrzehnten an menschlichem ,Schicksal, an menschlichem Leid durch dieses Obdach hindurch* geflutet. Die Katastrophen, an denen unsere jüdische Geschichte leider so reich ist, überschwemmten das Haus immer wieder mit unvorhergesehenen Massen von Auswanderern. 1885 gegründet, nahm es die vielen Opfer der russischen Pogrome auf, um sie nach Kanada, Südafrika und Amerika wcitcrnilciten. Aber schon im Jahre 1900, infolge des Burenkrieges, strömten diese anscheinend Geborgenen von Südafrika zurück, um nach Rußland zurück zukehren. Der russischjapanische Krieg brachte im Jahre 190000 16 4־ Flüchtlinge, für welche das Komitee des ״Shclter“ ein eigenes Schiff mit koscherer Küche, jüdischer Bedienung tind Synagoge ausrüstete, um die Heimatlosen nach Argentinien zu verfrachten. Während des großen Krieges kamen aus Belgien und Frankreich 10000 Flüchtlinge in das ״Shclter“, unter ihnen auch viele Nichtjuden, die, dem Orundsatz des Heims entsprechend, ebenso liebevoll atifgcnotnmcn und beraten wurden wie Juden, Und zwischen diesen ungewöhnlichen Ereignissen ein unaufhörlkher, nie versiegender Menschenstrom von Wanderern, kostbares menschliches Strandgut, das geborgen wurde. Allmählich war das Haus ln der Lemanstreet den Anforderungen nicht mehr gewachsen und machte vor vier Jahren den! schöneren, mit allen Mitteln neuzeitlicher Hygiene gebauten Heim in der Mansclstrcct Platz. Dieses Haus kann 150 Menschen beherbergen. Es hat große, luftige Schtafsäte, gekachelte Baderäume, abgetcilte Zimmer für Krankheitsfälle, Es enthält neben der Einrichtung einer modernen Massenküche weitläufige Büroräume und diicn lichten Spciscsaal. Trotz ewigen Kommens und Gehens, trotz des unaufhörlichen Wcchseis von Mensehengeslchtcm, wird dieses Haus von einer liebevollen häuslichen Atmosphäre durchwärmt. Das warme jüdische Herz klopft in diesen Wänden, und die Oäste dieses seltsamen Hotels, in dem sie keinen Pfennig zu bezahlen brauehe», fühlen sich völlig zu Hause, besonders dank der Fürsorge des leitenden Ehepaares, welches die Ankömmlinge betreut. Nirgends wie in diesem Hause kann man die tragische Unrast und Heimlosigkeit erleben, welche das jüdische Volk ohne eigene Schuld von Land zu Land treibt. Nirgends aber auch inmitten von Menschen, die sich wildfremd sind, den sonderbaren, einzigartigen Zusammenhang fühlen, der die Juden durch die Jahrtausende zusammen gehalten hat. Da sitzen sic an den langen, freundlich gedcckfen und nnt Blumen geschmückten Tischen, nach Sprache und Herkunft ihrer Länder gesondert. Dort drüben der Tisch an der Längswand ist mit Polen besetzt. Ein Transport von hundert Menschen ist heute erst angckoxnmen,. um in zwei Tagen nach Argentinien zu fahren. An. dem kleinen Scitentisch haben W*1 die d cu t sc h c n Juden zusainmcngcfundcn, Emigranten, «* ihre Arbeit in Deutschland verloren haben und ein« nf״t Existenz suchen. Zwischen dem westlichen Tisch und <W östlich-polnischen scheint trotz aller Nachbarschaft eine m«»• würdige Ferne zu liegen. Sie sprechcri nicht dieselbe Sprach(, andere Kulturen haben ihre Gesichter geprägt, aber da«dw Schicksal hat sic schon heute vereinigt, und sic fühlen hier W diesem Hause vielleicht ganz deutlich zum ersten Male, 0׳״ sic ein Volk und eine bchicksalsgemcinschaft sind. Die Polen haben ihre Hüte beim Essen aufbelialtw• bärtigen Gesichter der älteren Männer haben etwas vefj sunkcncs, still Verträumtes, als ob sic innerlich sängen «״* die Kette des stillen Gebets nie abbrccheti würde. Die J!״• geren, manche halbwüchsige Knaben, haben den Blick nie außen gewandt, sie wollen sich noch ihre Welt erobern, ui» die weite Reise lockt wie ein Abenteuer. Ein scchzehnianng״ Junge, hellblond, mit einem frischen, hübschen Gesirat zählt, daß er allein zu seinem Vater nach Argentinien fsnn. ״Meine Mutter und meine kleineren Geschwister sind noen1 Polen“, erzählt er in Jiddisch. ״l>ort geht es sehr senkt״• Aber ich werde dem Vater helfen, untl dann lassen wir * nachkommcn.“ — , ״Ich habe meinen Mann fünf Jahre nicht gesehen", k“*j eine Frau mit derben, fast bäuerlichen Gesichtszügen, an du Kleid sich drei Kinder klammern. ״Ob er noch die wiedererkennt?“ — .,j Schweigsam, mit dem Lächeln eines seligen Glücks, « an diesem Tisch eine blutjunge Mutter mit einem Sans1'"• an der Brust. Sie gibt dem Kinde zu trinken, während ס Mann, auch noch ein Jüngling, sorgsam die Kissen W Kind richtet. Diese Auswandcrcrfamilic, unberührt v» 0 Trubel und Lärm der Stimmen, scheint in ihrem Glut* gefestigt, daß sie Zeit und Raum vergißt. Wo sie 5״>d■ ״ Heimat. Man muß immer wieder diese schöne ... das Kind bctrachlen, die an Bilder biblischer Schönnen intiern, und unwillkürlich fragt man sich: in weicht auku wird dieses Kind .hineinfahren? ״־,״je Aber alle Fragen verstummen, alle trennenden zwischen den einzelnen Gruppen fallen, als einen Tag 'P*. das Neujahrsfest beginnt. Der Gottesdienst ft«“« einem kahlen Raume statt. Ein Vorhang von Rupfe« 3 ״, durch das Zimmer gespannt, hinter dem die Frau*« Das Weinen ihrer Stimmen mischt «Ich mit dem Owang Vorbetcra zu dnex schluchzenden Melodie. Urslte *״״*