Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 84 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Annahraoathluft lür dl# Di#ft«fag-Au0Kah• Montag 10 Uhr* ttr dl« Freitag-A tt«g ab• Mittwoch 13 Uhr <Faff1il<«nanf#igef» bi• D<m1*#rtta* 10 Ul») Li ifk 111 lg♦. kh ntft 1*35 mtsa t Ir- •i I; 1 iu j ך « 0< «*"#JO ךץ u ן ■ Am 14. Oktober ist, wie bereits kurz gemeldet, zum : ersten Male das Erdöl von Mossul durch die Roh-; fcnlcitnng in Haifa eingetroffen. Dieses Ereignis be- \ deutet nicht nur den Abschluß eines technisch und wirt- I sctiaftlich bedeutenden Werkes, sondern es ist ein äugen- : fälliges Zeugnis für die gewaltige Entwicklung und Um-; »•anditnig. die sich im gesamten Vorderen Orient vollrieht. Die Gebiete des Vorderen Orients waren schon früher in gewissem Sinne Einfluß- und lnteressensphäreu der europäischen Großmächte; aber erst in der Nachkriegszeit sind diese Interessen zu ihrer vollen Entfaltung gelangt. Die Verhältnisse haben sich wese ntlieh ge ä n d c r t. Durch die Revolutionicrung der Technik und des Verkehrs, vor allem durch Auto und Flug- Izeug, ist die früher außerordentliche beschwerliche Vcrbindung zwischen den durch Wüsten getrennten Ländern zu einer alltäglichen Angelegenheit geworden. Reisen, die früher mehrere Wochen in Anspruch nahmen, werden in wenigen Stunden zuriickgclcgt. Außer dem Personenwird auch der Warenverkehr intensiver, und vor allem wird die kulturelle und nationale Zusammengehörigkeit dieser Länder unterstrichen. Aber nicht nur in dieser Hinsicht vollzieht sich die ״E u r o p ä i s i e r u 11 g des Orients", die von Hans Kolm in dem gleichnamigen soeben erschienenen Buche (Schockcn-Verlag, Berlin) mit genauer Kenntnis der neuesten Geschichte und Entwicklung der in diesem Raum wohnenden Völker und mit eindringlicher Zusammenschau geschildert wird, sondern vor allem im politischen und nationalen Bewußtsein. Die neue Türkei, die mit rigoroser Entschlossenheit ihren Ausbau zu einem modernen europäischen Staat durchfuhrt, ist ein Orcnzfall, an den die anderen Länder noch nicht hcrankoinmcn. Aber auch das dieses Ländergebict in der Hauptsache bewohnende Volk, die Araber, hat in den letzten zwanzig Jahren gewaltige Veränderungen seiner inneren Struktur durchgemacht. Der moderne arabische Nationalismus zielt in mehr oder weniger klarer Form auf die Vereinigung und Unabhängigkeit der ara- ' bischen Länder hin. Gibt es auch in den einzelnen Län- ׳ dem noch Gruppen, die partikularistischc oder persön- : liehe Interessen über die nationale Idee stellen, so scheint sich doch die Linie der von den Arabern erstrebten künftigen Entwicklung klar abzuzeichnen. Dieser Tage fand sic einen unverblümten Ausdruck anläßlich der Enthüllung dnes Denkmals für König Feisal in Haifa. ln diesem großen, noch unerschlossenen Länderkomplex zwischen Haifa und Bagdad bietet sich ein weites Feld für aufbnuende Tätigkeit. Für die Juden, die >״ vielen Ländern Europas die Basis ihrer Wirtschaftliehen Existenz zu verlieren im Begriffe sind, könnte dies eine große Möglichkeit sein. Die Juden haben im Vcrlaufe ihrer Geschichte schon häufig bei ihren Wände- 'Ungen Länder wirtschaftlich befruchtet und an ihrem Aufblühen mitgewirkt. Nun ist das jüdische Volk von neuem auf der Suche nach Ländern, in die cs seine Wanderung lenken könnte. Das Hauptgebiet ist Palästina, das eine größere Zahl Einwanderer aufnimmt als alle?״deren Länder. Palästina hat eine Sonderstellung, es ist völkerrechtlich als das Land des Jüdischen National- ״cims anerkannt, und die ständig wachsende Judensied- ״1״g in Palästina ist nicht nur wegen ihrer Kapazität, sondem auch wegen der einzigartigen Möglichkeiten für najionalcs Eigenleben unvergleichbar. Wenn in die Nach- ״»dänder Palästinas Juden in größerer Zahl cimvandcrn s°Hlen, muß von vornherein klar sein, daß solche Einwanderung einen ganz anderen Charakter hätte als die nach Palästina. Denn selbstverständlich erstreben die Juden in diese!! Ländern keine politischen Sonderrechte, ln dieser Beziehung scheinen noch viele Unklarheiten zu bestehen, da die jüdisch-arabische Spannung in Palästina 1״re Wirkungen auch auf andere arabische Lander aus-??strahlt hat. Zwar ist cs künstlich, wenn man die Vor-??״ge in Französisch-Nordafrika mit dem jiidisch-aratsclicn Gegensatz Palästinas in Verbindung bringt, aber!n Syrien und Irak haben wir bereits antijüdische De- B?°nstrationcn erlebt, die direkt mit Palästina zusammen- ,!11Ren. Es ist seit je unsere Ueberzcugung, daß das Nisch-arabischc Problem nicht in Palästina allein, son- *fn nur im Zusammenhang ganz Arabiens gelöst wer-?. k5׳nt1; schon darum, weil Palästina als Wirtschaftss ,et ^ן zu k|ejn js{ untj nur ajs eine starke wirt- '".3”liehe und industrielle Basis des ganzen arabischen seinen gesicherten Platz finden kann. Die wirtaftliche Annäherung dieser Länder liegt im palasti- 5»sehen und im jüdischen Interesse. Aber, auch eine t Reidvsbisdizof zur Juden fz&ge In der Berliner I c s s i 11 g - I I o c 11 s c 11 u I c hielt Dienstag Reichs b i s c!ו o f Müller einen Vortrag über die cvangcliscltc Reichskirche. Im Verlaufe dieses Vortrags kam er auch auf den Arier Paragraphen in der Kirche zu sprechen, der, wie er sagte, außerhalb Deutschlands Anstoß erreg? habe. Der Vortragende legte dar, daß die Verkündung des l:v,1ugcln;'ns in einer Gemeinde nur durch Menschen möglich ist, t. L die besondere menschliche Wesensart ihrer Gemeinde,ingehörigcii kennen. So wie man zu Chinesen nur Missionare schicke, die die chinesische Art genau kennen und bestrebt ist, dahin zu wirken, daß die chinesischen Christengemeinden auch möglichst bald chinesische Pfarrer erhalten, ebenso könne eine deutsche Gemeinde nur einen Pfarrer haben, der selbst von deutschem Wesen ist. Daher müssen Menschen jüdischen Blutes ausscheidcn. Essel unrichtig, daß der (ilatihc an das Blut einen Widerspruch zum Christentum bilde. Vielmehr sei das Christentum Anerkennung göttlicher Schüpfimgsordnung, und ebenso wie eine Eiche nur Eiche bleiben und nicht mit anderen Baumarten gekreuzt werden kann, so sei auch der Mensch in seiner hlutmnßigcn Eigenart gottgewollte Schöpfung und jede Mischung zersetze dieses Wesen. Früher,'so sagte der Rcichsbischof, konnte man die Erfahrung machen, daß Juden ihre Kinder taufen ließe 11, weil sie glaubten, ihnen darfurch das äußere Fortkommen zu erleichtern. Daher müsse man, wenn ein Jude sich taufen lassen wolle, die Frage stellen, warum er dies tue. Will er wirklich aus Ueberzcugung das Christentum annehmen, so mag er cs tun; will er aber dann Pfarrer sein, dann müsse man ihm sagen, er solle innerhalb der jüdischen Gemeinschaft das Evangelium predigen, für deutsche Gemcindcu sei er ungeeignet. Aus diesem Grunde müsse auch die Kirche den Arierparagraphen durchführen. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kam der Vortragende auf die Beziehungen zwischen Christentum und Judentum zu sprechen und äußerte seine (bereits aus früheren Berichten bekannte) Auffassung, cs sei falsch, zu behaupten, das Christentum sei aus dem Judentum hervorgewachsen. Es sei vielmehr im Kampfe und im Gegensatz zum Judentum entstanden. Die Juden hätten alic Männer, die ihnen die Wahrheit verkünden wollten, uingcbracht. — Zu dieser Auffassung haben wir bereits bei früherer •Gelegenheit bemerkt, daß sie sieh mit der jüdischen Anschaming von jüdischer Geschichte und Religion nicht deckt. Es gab innerhalb des alten jüdischen Volkes innere Kämpfe politischer und religiöser Art, wie auch bei anderen Völkern in alter und neuer Zeit. Die Durchsrhnittsjiidcn des Altertums waren wohl nicht weniger empfindlich als andere alte und moderne Völker gegenüber Menschen, die durch Strafreden und durch schonungsloses Aufdecken der Sünden ihre na• tiotiale und menschliche Eitelkeit verletzten; aber das jüdische Volk als ganzes hat diese Männer als Propheten Gottes zu den cigcn'lichcn Repräsentanten seines Geistes und Ethos erhoben. Die religionsgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen Judentum und Christentum sind von vielen Forschern und Theologen aller Nationen behandelt worden; cs ist nicht unsere Sache, hier auf dieses historische Problem cinzugehcii. Aber es ist für uns Juden von großem Interesse zu erfahren, welche Anschauungen in den das Judentum betreffenden Punkten der höchste Würdenträger der evaiv gcliselien Kirche Deutschlands vertritt. nationale und politische Abgrenzung wird sich leichter ergeben, wenn man nicht nur an Palästina, sondern an das ganze arabische Territorium denkt. Und in diesem Rahmen könnte dann durch wirtschaftliche und intcllcktucllc Initiative von Juden den Arabern eine gewaltige Hilfe erstehen. Das Eintreffen des Irnk-Qcls ln Haifa erinnert aber auch aufs neue an die gewaltigen Interessen, die England hier fesseln. England hat durch den Ausbau des Halens von Haifa, durch die geplante Haifa—Bagdad-Balm, die Errichtung eines Flugverkehrs- Zentrums in Haifa und schließlich durch die Pipe Line gezeigt, welche Bedeutung cs diesem Punkt zumißt. Niemand kann daran zweifeln, daß England diesen auch für den Weg nach Indien so wichtigen Platz, nicht räumen wird. Aber die englische Politik zielt darauf ab, seine Interessen durch friedliche Mittel zu sichern. Es .lut dem Irak eine beschränkte Unabhängigkeit gegeben, und als Mandafarnincht Palästinas und Transjordaniens arbeitet es darauf hin, auch mit den Arabern dieser Länder zu einem Ausgleich zu kommen. Dabei geben die Engländer der Phraseologie große Freiheit; sic gestatten sogar in Haifa die Errichtung eines Denkmals, auf dem die Losung der arabischen Unabhängigkeit eingegraben wird, ein Vorgang, der sich sonst gewöhnlich erst nach Erlangung der Unabhängigkeit zu vollziehen pflegt. Die Engländer sind der Meinung, daß sie ihre Positionen leichter durch freundliebes Entgegenkommen sichern, als in einem aufständischen Gebiet. Innerhalb dieser Gesamtpolitik ist auch die Politik Sir Arthur Wauchopcs in Palästina zu betrachten. Wauchope hat die jüdische Arbeit gcschützt; unter ihm sind jährlich etwa 40 000 Juden ins Land gekommen und er hat genau vor einem Jahre die als Protest gegen die jüdische Einwanderung veran- .staltete arabische Demonstration blutig nicdcrgcworfcn. Aber er hat die Araber später durch Milde wieder zu versöhnen gesucht und ist jetzt in London, um ein neues Proj ekt der Verfassung Palästinas zu beraten. Er erklärte, er werde diese Verfassung auch gegen den Willen eines Teiles der Bevölkerung durchführen. So stehen wir jetzt vielleicht vor einer ent sc heidenden Wendung der Palästina-Politik. Die Jcwish Agency und alic verantwortlichen jüdischen Stellen haben sich gegenüber dem Projekt eines Legislative Council auf eine Politik der N011-Cooperation festgelegt. Nicht nur in Palästina, sondern auch in anderen Ländern wie England und Amerika ist von jüdischcr Seite heftig gegen den geplanten Legislative Council protestiert worden; Die englische Zeitschrift ״The Near East and Iudia“, die die Resolutionen der Londoner Konferenz, recht unfreundlich kommentiert, meint, ein Gesetzgebender Rat würde die Möglichkeit zu einer gegenseitigen Annäherung von Juden und Arabern bieten. Die zionistische Welt ist nach allen ihren Aeußerungcn eher der Meinung, daß. der Gesetzgebende Rat eine Tribüne für antizionistische arabische Propaganda und schließlich auch ein Mittel zur Behinderung der jüdischen Arbeit wäre. Ohne in die Einzelheiten dieses schwierigen Themas cinzutreten, droht jedenfalls die Möglichkeit, daß dieses Projekt zu einer ernstliehen Störung der eng lisch-jüdischen Be- Ziehungen führt. Sollte England an seinem Projekt auch gegen den jüdischen Widerstand fcsthaltcn, dann würden wir in Palästina ein Vertretungsorgan ohne Juden haben. Es ist klar, daß sich die jüdische Welt mit einem solchen Zustand nichtabfindenkönnte. Wichtiger aber als die Institution selbst, die ja nach offiziellen englischen Erklärungen keine große Machtbefugnis haben wird (Einwanderung und Bodenkauf sind ihr völlig entzogen), ist die politische Konstellation, die dann entstehen würde. Die ohnedies vorhandenen Tendenzen Englands, mit den Arabern zu einem modus vivendi zu kommen, würden auf natürliehe Weise verstärkt, wenn nur die Araber mit den Engländern in der Verwaltung des Landes kooperieren. Auf der anderen Seite ist sich wohl jeder Zionist darüber klar, daß die jüdische Aufbauarbeit und die jüdisehe Einwanderung auf die Unterstützung der Mandatarmacht angewiesen ist. Wir glauben darüber hin* aus, daß auch eine Verständigung mit der arabischen Welt eine unerläßliche Notwendigkeit für das Gelingen des jüdischen Werkes ist. Dr. Wcizmann hat in seiner Rede in London gesagt, die Juden seien gegen den Gesetzgebenden Rat, außer wenn dieser als das Resultat einer jüdisch-arabischen Verständigung zustande käme. Vielleicht gibt der jetzige Konflikt Gelegenheit zur Aufrollung des G c s a in t p r o b I e m s. Die jüdische Not ist groß. Das Auswandcrungsbcdürfnis wächst von Jahr zu Jahr. Die Juden bringen vieles mit, was die arabischen Länder brauchen. Palästinas Nachbarn blicken mit Neid auf den ökonomischen Aufschwung dort. Die Europaisicrung des Orients schreitet vorwärts. Juden können wieder Mittler zwischen Ost und West sein. Es wäre eine politische Großtat, wenn es gelänge, über die engen .Tagesfragen hinaus diese grollen Perspektiven eines künftigen politischen, wirtschaftlichen und geistigen Neuaufbaus der orientalischenWcltzur Diskussion zu stellen. Wir haben mit gewissen festen Realitäten zu rechnen, dazu gehört das Vorhandensein der Araber, dazu gehört aber auch die Eigenart der britischen Politik. Mit diesen Gegebenheiten sich auscinandcrzusctz.cn und auf ihnen die jüdischc Politik in Palästina und int Vorderen Orient aufzubaucn, ist die einzige praktische und auf die Dauer erfolgvcrheißende zionistische Politik. Kurl Blumcnfeld '■ ' “ eröffnet am ZS. Oktober In Berlin dl« ״Jüdisch• Lehrstätt• Ch. N. Blalik•' (Näheres In der Anzeige Salt« 13)