Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 81 (9.10.1934)
- Date
- 1934-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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feil, 9. *1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 ti atw Ji« tli» ttnt irtfd י# ו 0|ן'~ iscurn fi#serflie nifat ״# sti«■ dÜ«n gen rim g!ui« f#«z Erfolgreiche Premiere Me im vorigen. Jahre _ hat. auch in diesem Jahre der ivlturbm»! SC'״L' '’«’]'s0״. ״llt ','11®1יי Stück eröffnet, dessen h ״inistr Jerusalem ist. ״Nathan der Weise«‘ und Stefan wii's ״Jeremias!1י|י'י’" s״;;;,rs« verschieden sie sonst sein einen gemeinsame11/ ״g: m beiden ist eine Tendenz, ^Paradox des Lehens der Juden in der Diaspora auf/״■ , Der ״Nathan'« gab 150 Jahre lang eine niißvcrstan• l’c Norm der Assimilation. Weit tiefer und aiifrüttclndcr ׳fift ״Jeremias“ in das jiidische Fühlen unserer Zeit ein :,ts nicht nur darum, weil hier einer der größten Stoffe j-r jüdischen (ieschiehte /um V^eirxvtirf eines Dramas genommen ,״r'lf, sondern auch weif der (legen stand »ms Heutigen L-jondcrs nahe ist. immer gab es bei «ns Juden doch Zeiten, 0 die Beschwichtigungsreden falscher Propheten, die die kcrannaltciulc Niederlage nicht sehen wollten, geglaubt wurt״ und erst wenn sie emgetreteu war, nach neuen Werten •puclit wurde. Is war ein gewaltiges Wagnis, an einen Vrcmias" heran/iigclicn. Stefan Zweig konnte cs, weil 1 in seinem eigenen Lrlcben in einer außerordentlichen U wo die Welt aus den Ihigen war und jeder kritisch finkende Unendliches leiden niulile, das tiefere Verstand• iiir die Vorgänge aufging, von denen unsere Bibel bc• richtet. Jeremias ist neben Moses der cin/igc Prophet, von dessen [(|u׳n wir eine genauere Kenntnis haben. Und ähnlich wie H,ecs ringt er mit dem Volke, das der Wahrheit und der (״rteslxitsehaft widerstrebt. Unsere biblische Ucbcrlicfcrung!;!!!liiert ohne Beschönigung die Unzulänglichkeit lind «;!!wache des eigenen Volkes. 111 tiefster psychologischer Vcidicit wird hier nicht nur das Verhalten des jüdischen Volkes in einem. bestimmten (icscbiditsnioment charaktcri• j!(rt, sondern wir erkennen daran die immer bestätigten (i1־״ct/c, wie jedes Volk reagiert, wenn ihm Schweres aber (׳!ncmicidliches zugemulet wird, dar zu sehr, so weiß scholl die Bibel zu berichten, ist das Volk geneigt, nur das ihm Angcncltmc zu hören und den Klarblickenden, der es vor Illusionen und Katastrophen schützen will, zu verwerfen, m verspotten, zu mißhandeln. Und immer finden sich der!äbcheii Propheten genug, die sielt durch billige Verhciflunjtn die (iunst des Volkes erwerben. Wer in Augenblicken nationaler Lxaltalion zur Mäßigung mahnt, zum ״Vcrz.icht'« auf irreale Hoffnungen, der gilt leicht als Volksfeind und ״Verräter'«. Jeremias ereilt dieses Schicksal, nicht verstander, ja nicht einmal angchört zu w erden, und dabei ver• brennt er vor innerer Not, er allein erfüllt von der Erkennt• a!t, daß Jerusalem vernichtet werden wird. Fine Unterwerfung, die dem Volk verhältnismäßig geringe Opfer aufcrlegt, dafür aber das (ianze rettet, erscheint dein Volke untragbar. Jeremias allein weiß, daß es nur eine andere Alternative jiM, nämlich den völligen Untergang, grenzenlosen Jammer in Tod und Not. Und selbst als die Erkenntnis von der htrannahcmlen Katastrophe bereits allgemein geworden ist, stlhst als die Stadt gerettet werden könnte, läßt der Zorn «1 die Leidenschaft diese AToglkhkeit entgleiten, denn Vernunft und Realpolitik schweigen in solchem Augenblick vor der Eitelkeit. Ohne einen anderen Weg zu sehen, schlägt der Honig den einzigen sielt bietenden Ausweg aus. So ist der Untergang da. Daß der Untergang des jüdischen Reiches nicht zum Untergang des Volkes wird, ist der welthistorischen Tat der Propheten zu danken, die durch ihre Deutung, daß wli die Zerstörung des Reiches nicht etwa das Werk ' irrmder Götter — wie sonst in der Antike allgemein angc* aommen , sondern das Werk des Judengottes seihst ist, kr das Volk für seinen Abfall straft, dem Volk den Glauben in die Möglichkeit einer Umkehr, einer Rettung gelassen üben. Solange Israel übermütig ist, trifft cs der ganze «IjM |h• ■י!*נ * n:|d1e ׳"®א* ״׳ M ■־!®f ■ «!rf I vl«t' «fif1' m 'm «fm• Ifro•' L 5 Jmmias mit Miner Mutter (Frits Wirten und Lilly Kann) König Ztdrhija (Ben Spanier) 1m<f Jeremias —־־——"־—...**י ■ 1 k st Daruoi {rttnnerj . Mit tu Im Rat« des Königs: Paschur 1 (Nunbfrg), Ztdthija (Btn Spanitr), K Nachum (Pdsn), Imrt (Wolfgang) \j S'1 Rschts: Chanania (Martin Brandt) NC. ׳ - _ ' «f 1 Ui 3 Socmvaftld, 4 m4 S Abribim ״/; , *t ■ ‘ »V , 1־' . }*; :MV; ■ ׳ ׳ | 1 .\ 1 '! 1 3. Bild des Propheten, dem gestraften Volk aber bringt , ros* und innere Aufrichtung. Ralicl weint u 1 ihre Kinder, ״*> Jcrciiija, aber sie werden zurückkehl :11 von allen «wen der Erde, und Gott, der sie heimgesuaht hat zu וי,'1*™1''ס w ird über sie wachen, zu hauen und zu pflanzen, ih. t c Selbständigkeit ist nicht das höchste Gut; dem W,L1Rcn F«'״d® Widerstand zu leisten, ist Starrsinn, dfl un<!l״R und Selbstverniehtimg, aller das Leben auf ,!,11K®•1 Hoden Jerusalems, wo allein der Dienst Gottes h«״ c* werden kann, ist ein Ziel, das Israel nie aufgebe!* ,״ru «״;I auch Jeremias nicht aufgibt. Stefan Zweig "«זי nicht mehr die Worte Jeremias׳, sondern die seiner s nen Generation, wenn er den Propheten sagen laßt; 011״ wer vertrauet, dem ist cs erbauet, Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!“ n<i 1ks Volk antworten läßt: ״Der Glaube ist unser Jerusalem“. Jerusalem“ kann niemand stürzen, aber auch ״ kann es fassen, und vieldeutig ist es geworden m Utin״l?atcn Zeit. So sehr, daß eine moderne jüdische Gene- AnJL, zeitbedingten politischen oder auch philosophischen ^nnbM^P״ als das ״Jerusalem des Herzens“ verkünde״ ts; N!cl>t das hat der Prophet gemeint, und wir wollen 1 " mc'nt aus Stefan Zweig heraiislescn. , ist zerstört, und das Volk zieht in die Ver• das Hs״' A^cr crfüllt von der Gottesbotschaft hebt es tÄt ruU.P*• Oer Feind, der chaldäischc Hauptmann, ist erstaunt, ,*'tlt d» ״ ׳"״wie Sieger gehen sie einher... nie »־® ״ Volk wie dieses“. Das Volk wandert durch die Zeiten, unendliche Straßen des Leides entlang. Jeremias aber, Ihr Führer, nimmt «in Stück der Erde Jerusalems in sich auf: ״Erde, du heilige Vätererde, Schenke Mir ewig Begehren und ewigen Brand, Ewigen f lunger und Heimverl.uigen Nach Zion, unserm verlorenen Land.“ Nicht ״Geist“ allein, der ln den Wolken schwebt, nicht ״Volk“ allein, das der Erde nur allzusehr verhaftet Ist, sondern Volk und Geist, Erde und Himmel, und zwischen ihnen der Mensch mit seiner ewigen Aufgabe, -- das ist Judentum. Und ein jüdischer Dichter deutscher Zunge hat hier nach/udiclitcn versucht, was uraltes jüdisches Erbe und geheiligte Erinnerung ist. Das Drama unseres Volkes rollt vor uns ab; es verschweigt nichts von Engblick und Vermessenheit, von Qualen und Schlägen, und endet dennoch tröstlich, im Wissen von dar Ewigkeit von Volk und Schicksal. m ״Jeremias“ ist unseres Wissens zum erstenmal in liebräischcr Sprache, und zwar von dem palästinensischen Arbeitertheater ״Ohel“ aufgeführt worden. Nim veranstaltet der Bcrliner Kulturbund die deutsche Uraufführung. Es war «ine bedeutende Leistung. Zum ersten Male hat das Theater des Kulturbundes wirklich Massensz.enen gestaltet, und der Regisseur Fritz Jessncr gibt in diesen Szenen sein Bestes. Das Volk bildet wirklich eine harmonische agierende Einheit, und die Bewegungen sind von stärkstem inneren Rhythmus erfüllt. Wie das Volk sinnlos jubelt, w׳ic einer den anderen übersteigert, wie tolle unfu tdiertc Gerüchte die Menge erfassen, wie es <1011 unerwünschten Störer wegstößt und wie cs dann in seiner Not 11m Hilfe schreit, das ist so natürlich und bewegt dargestellt, daß man unmittelbar vor der erlebten Wahrheit steht. Und ebenso stark wie im Schauspielerischen waren die Massenszenen im Bildhaften. Den Jeremias gab Fritz W i s t e n. Es war eine Figur, die man nicht vergißt. Das geheimnisvoll Visionäre haftet ihr an, nur manchmal schien uns ein zu irdisches lächeln den Mund zu umspielen. Man könnte sich den Jeremias mit noch mehr Hoheit denken. Aber der gepeinigt«, ruhelose, mit Gott hadernde Mensch war erschütternd. Die Leistung als Ganzes ist ein unbestreitbarer Höhepunkt in der Laufbahn dieses begabten Schausniclrrs. Neben ihm ist in erster Linie Walther Hertncr als Uarttch zti nennen, dessen knabenhafter Liebreiz und edle, sccIcnvoUc Haltung und Gebärde den Jünger des Propheten besonders sympathisch macht». Der schwache König Zedckija wurde von Ben Spanier mit so viel Würde versehen als ihm zukommt. Ergreifend in Ausdruck und Rede war die Mutter Lilly Kann. Martin Brandt traf sehr gut das falsche Pathos des Liigcnprnphetcn Channiia. Daneben sind zu nennen Siegmund Nunberg (Paschur), Siegfried Urias (Ahimclcch), Fritz Ritter (Isachar) und in kleineren Rollen Fritz Lion, Arthur Peiscr, Martin Wolfgang, Ernst Lenart. Das Bühnenbild von Heinz Cond oll vermochte die großartigen Perspektiven der heiligen Stadt vor uns hinzuzaubern und damit dem Spiel den rechten Hintergrund zu geben. Die Schlußszene mit ihrem Melodram fiel stark ab. Gerade dieser Teil mit seinen Versen bietet erhebliche Schwierigkeiten, aber Jcssncr hat keine endgültige Lösung gefunden. Die Ekstatik der neiiaufkcimendeii Hoffnung auf den Trümmern der Stadt läßt sich nicht zu beschaulichen Litaneien verharmlosen. Die Premiere des ״Jeremias“ fand zugunsten des Zentralausschtisscs der deutschen Juden statt und soll eine Aktion für Hilfe und Aufbau einlcitcn. Die Notwendigkeit und Bedeutung dieses Werkes der Selbsthilfe wurde vor der Vor- Stellung in Ansprachen von i)r. Siegfried Moses, dem Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, und Justizrat ßrodnitz, dem Vorsitzenden des Central-Vcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, begründet. Die Vorstellung bot das äußere Bild eines Festabends. Zum Schluß wurden alle mitwirkenden Künstler mit Beifall gefeiert, voran Fritz Wistcn. 1 % Bild Zu Ehren Bialiks. Die palästinensischen Zeitungen veröffentlichen einen Brief des hebräischen Philologen־ Jizchak Awincri, der mitteilt, daß er im Begriffe ist, ein Bialik- Wörterbuch licraiisnigcbcn, in welchem alic Neuerungen, welche Bialik schriftlich und mündlich in der hebräischen Sprache eingefiibrt hat, gesammelt werden sollen. Er wendet sich an alle diejenigen, welche aus dein Munde Bialiks Neubildungen gehört haben, ihm dieselben mitzuteiien. Im ״Dawar“ macht der greise Schriftsteller A. S. Rabinowitz auf die Gefaiir aufmerksam, daß das Haus Bialiks und seine Bibliothek von den Erben verkauft werden könnten. Er fordert die Oeffcntlichkeit auf, Schritte zu unternehmen, um das Haus und die Bibliothek in Nationaibcsitz zu überführen. üp wiMktonmwe# QcmUchU Ui Ut Jluttd&cUau - MöHH&neHi Wir besläiigen Bestellung dem Beschenkten brieflich unter Nennung des Schenkenden Lieferung ob aoforf bis Ende 1034 *= gegen Vorauszahlung von RM «^•“" ׳1