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Jüdische Rundschau · 1934-10-05 · Heft 80 (5.10.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 80 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr■ 80, 5■ X,!934 Die Boykottpropapauda der Revisionisten war von keinem Er- ,folp gekrönt. Die Registrierung der Wähler ergab eine große Steigerung der Zahl der jüdischen Wählet seit der letzten Wahl, Nachdem die Revisionisten sich überzeugt haben, daß ihre Propaganda nicht die erwünschte» Früchte getragen hat, haben sie auf einmal ihre frühere Stellung auf gegeben und eine eigene Liste aufgestellt. Zuerst haben die Rcvisionisten versucht, andere ünippcn lieranzti/iehcrt und so die vereinig(,; jüdische front zu spalten. Trotz־, der Bereitschaft, sich auch mit der kleinsten Vertretung zu begnügen, ist cs ihnen weder gelungen, die Agudas Jisrocl noch die Sc* fardim zu veranlassen, sich mit ihnen zu verbinden. Daraufhin sind die Revisionisten isoliert mit ihrer eigene» Liste gegen die vereinigte Liste aller anderen jüdischen Parteien aufgetreten. Trotz skrupelloser Wahlpropaganda haben sie keinen Kandidaten durchgebracht. Die Revisionisten waren nicht die einzigen, die die vereinigte Front gebrochen haben, im letzten Augenblick sind auch drei Kandidaten erschienen, hinter denen keine politische (irnpj)icrimg stellt, und die mir als individuelle Interessenten in den Wahlkampf eingclrctei! sind. Einer dieser Kandidaten ist am vorletzten Tage niriiekgctreten, zwei haben sicli jedoch entschloss en, den Wahlkampf auszukämpfen. Das ganze Bild war keineswegs erfreulich. Allerdings muß in Betracht gezogen werden, dal! die Zusammensetzung der Jerusalemer Wählerschaft für Palästina keineswegs cliarakteristisch ist. Die große Anzahl orientalischer Juden und anderer jüdischer Oruppen, denen es an jeder politischen Erziehung mangelt, die Ignoranz einer großen Anzahl von Wählern konnte sich keineswegs günstig auswirkeii. Dazu kommt der hohe Steuerbeitrag, der erforderlich ist, um das Wahlrecht zu erlangen, und der die Arhciterschiclitcn fast gänzlich von der Teilnahme an den Wahlen ausschliclit. Trotzdem fiat sich die Einheitsliste durchgcsctzt und alle ihre Kandidaten wurden gewählt. Die Arbeit der neuen Stadt- Verwaltung wird zeigen, wie weit die Ergebnisse der Wahlen die Entwicklung der Hauptstadt und die Verwaltung ihrer Angelegenheiten beeinflussen werden. Tel Awiw hat 100000 Einwohner Wie ״Palcor“ mitfcilt, betrug nach zuverlässigen Schäfzungen dic Zahl der EinwohncrTcI-Awiwsam 1.Scptember 102 000. Da die Einwohnerzahl jedoch von Monat zu Monat Infolge der Einwanderung steigt, so Ist jede Zitternangabc *dir bald bereits überholt. Jerusalem hatte nach dem Zensus von 19.51 90 509 Einwohner, hat also jetzt sicherlich auch bereits die 100 ÜÖO-Circnzc überschritten, da allein die jüdische Bevölkerung Jerusalems seitdem um etwa 13 000 Köpfe zugenommen hat. Mit Jaffa zusammen Ist Tcl-Awlw die weitaus größte Stadt im Lande. ♦ Jerusalem (Pakor), Nach den letzten Berechnungen über das Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas ergibt sich, dal! am I. September d. J. der Jischuw rund 2SJWK} Personen zählte. Hiervon befinden sieh ca. 222 000 Juilen, d. h. 78,8 ״>, in den Städten, und zwar in Jerusalem 61 000, in Tel-Awiw 102 000, in Jaffa und Bajit wc-Cian 14 000, in Haifa 33 000, in Tiberias 6000, in Safcd 2500. Auf dem Lande befinden sieh ca. 61 000 Juden. — Im November 1031, bei der letzten Volkszählung, gab es in Palästina 174 610 Juden.!1» Oktober 1922, bei der ersten Volkszählung, betrug die jüdische Bevölkerung Palästinas 83 790 Seelen. Italien und die Heiligen Stätten Die den offiziellen italienischen Kolonialkreisen nahestellende Zeitschrift ״Azione Coloniale“ veröffentlicht einen Artikel, der sich mit der Stellung Italiens zum Prob 1 c m der Heiligen Stätten in Palästina befaßt. Der Artikel, dessen Autor, Arniando Ba vaj, sich vor kurzem in Palästina aufgclialteii hat, schließt mit folgenden Ausfülmmgen: ״Italien kann sicti gegenüber der Notwendigkeit zur Losung des Problems der heiligen Stätten in Palästina nicht gleichgültig verhalten. Es ist berechtigt, int Namen der Interessen der katholischen Welt im Zusammenhang mit den Richtlinien der englischen Paliisiinapolitik seine Stimme deutlich vernehmen zu lassen. Italien will keine antizionistisch c Politik treiben, es will auch nicht die Einwanderung der Juden nach Pa* lästina und ihre Fortschritte in diesem Lande stören, cs kann aber auch nicht ein Programm akzeptieren, das darauf hinausgellt, unter Förderung der Fntwicklung der Juden die historischen Positionen der Christen und Katho* likcn m Palästina zu oplern.“ ך־־ז,\- ku_ r "*> 1״* וי־,* י# »* V ■®*ין ץ■*־־■' י״ - t i Wj i J «׳ u רן I A fl v». y ״ Das Pariser Regierungsblatt ״T e in p s“ brachte am 22.!111« 28. September und 2. Oktober umfangreiche Aufsätze seincs Sonderberichterstatters Georges Meyer über die Lage in Palästina. Der Verfasser geht davon ans, dal! zwar I rankreich in Syrien das wirtschaftlich schwierigste Maudnt übernommen habe, aber England in Palästina die dor* nigsten politischen Probleme. Denn der jüdisch-,■irabische Gegensatz, habe bisher jeden dem Sinn des Mandats- Systems und der Entwicklung in den anderen MaudatsI,ändern, entsprechenden Fortschritt z.ur politischen Selbständigkeit uninöglicli gemacht. Zwar sei, in kluger Voraussicht der enormen Schwierigkeiten, der Text des Palästina-Mandates scholl in dieser Hinsicht besonders elastisch formuliert worden; aber die systematische Obstruktion der Araber hätten bisher nicht nur die Errichtung gesetzgebender Körperschaften, sondern .sogar einfacher Volksvertretungen verhindert. Doch während die politische Entwicklung des Landes stitlgrstamleii habe, sei es wirtschaftlich In einer geradezu wunderbaren Weise umgewandelt \vordenf dank der Tatkraft, dem Glauben und dem Kapital der Zionisten. Besonders infolge der jüngsten Ereignisse in Deutschland hätten■ Orte, die Jahrtausende hindurch verfallen waren, heute die Blüte ihrer ruhmreichsten biblischer! Zeit wiedererlangt. Noch vor drei Jahren, als der Zionismus durch die amerikanische Wirtschnftskrise auf das Schwerste getroffen war, habe nicniaml die gewaltige Entwicklung der letzten Zeit voraiisseheu kirnneu; ja Meyer geht sogar so wcit־ zu behaupten, daß die deutsche Wendung von 1933 den Zionismus vor dem nahen Bankerott gerettet habe, indem sie einen gewaltigen Zuström von Menschen und Kapitalien nach Palästina brachte. Aber durch diese stürmische wirtschaftliche Entwicklung des Landes sei die Disparitiit zwischen dem politischen und dem ökonomischen Zustand mir verschärft worden. Die Aktionen der arabischen Nationalisten seien in ihren Methoden sehr abwechslungsreich, in ihrem Ziel aber immer gleich; von Indien und Nordafrika bis nach London und Genf setzten sic alle politischen Hebet in Bewegung, um den Widerruf der B a I f o u r- De k I a r a t ion zu erzwingen. Durch die unablässige Hetze ihrer Führer sei die unwissende und bettetarme arabische Bevölkerung zu den blutigen Exzessen von Zum Projekt des Gesetzgebenden Rats In der letzten Zeit wurden von der jüdischen Presse lind der Jüdischen Telegraphen-Agentur eine ganze Reihe von AentSeningen jüdischer Stellen und Persönlichkeiten veröffentlieht, die sich gegen die Bildung eines Gesetz* gehenden Rates nussprcchcn. In einigen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Palästinas wurden Gerüchte kolportiert, wonach bestimmte jüdische Oruppen, z. B. die Pttati/cr oder die Agudas Jisrocl, in der Frage des Legislative Coun* cils eine positivere Haltung cinnchmcii als der übrige Jischuw. Nun hat sowohl der Führer der Pflanzer, Mosche Srni* lansky, als auch der Londoner Sekretär der Agudas Jisrocl, II. A. Gutmann, erklärt, daß sie In dieser Angctcgcnhcit nur in voller UchercinsUmmung mit dem Jischuw handeln würden. Eine ähnliche Erklärung hat in einer Resolution der Uemciiulcrat von Pctach Tikwal! gefaßt. Jerusalem. (Palcor.) In der arabischen Presse verstärkt sich immer mehr die Meinung, daß sich die Araber an dein von der Palästina-Regierung projektierten Legislative Council beteiligen sollen. Die arabischen Zeitungen erklären, daß die Araber jetzt den von ihnen vor 12 Jahren durch Boykott der Wahlen zu in Legislative Council begangenen Felder nicht wiederholen dürfen. Als einen der wichtigsten Beweggründe, die die Araber zu einer positiven Steilung gegenüber dein geplanten Council veranlassen sollten, bezeichnet die arabische Presse die scharfe Gegnerschaft der luden gegen alle projektierten Verfassungsänderungen in Palästina. Eine offizielle Erklärung über thrc Zustimmung zum Projekte des Legislative Council hat vorläufig nur die Oppositionspartei abgegeben. Die Partei des Mufti hat ihre Haltung zu dieser Frage noch nicht bekanntgegeben. Wie berichtet wird, wartet sie die offizielle Mel* düng der Regierung über die Schaffung eines Legislative Council und seine Kompetenzen ab. In wobtinformierten Kreisen behauptet man, daß sich auch die Partei des Mufti entschließen wird, sich am Council zu beteiligen. Welche I laltung die ״I s t a k I a I“ Partei elnnchtncn wird, ist bisher noch nicht völlig klar. Das Blatt ,.Al* Dita", das dieser Gruppe nalicsteht, erklärt sich jedenfalls f ü r eine Beteiligung an dein Council. verleitet worden. Wenn auch alle derartigen Versucht9 Zict verfehlt hätten, so *ei doch dadurch in Palast«1 '״ sogar in den Nachbarländern ein Zustand dumpfer Unz״^ Gcnlit it und gefährlicher Spannung geschalten worden'! den die wichtigste Vorbedingung in der furchtbaren Ar der Fellachen liege, deren Los sich kaum irgendwie besser! habe und jedenfalls In stärkstem Gegensatz w P' Lebensstandard der zionistischen Einwanderer ttchc a Fellachen seien sehr intelligent, aber ganz, unwissend1־ ‘׳ politischen Wünsche seien völlig vage, da sie die Ideen ' Freiheit, Sclbstbcstimimuigsredit usw״ die sie von ag® Führern hörten, bisher kaum begriffen hätten. Vor a||rm JJ5 ihnen jede Disziplin und Emordnungsgabe. — Aul jinlKA* Seite habe mau ziemlich bald begriffen, daß man dje tische Arbeit zunächst zugunsten der wirtschaftlichen zurr stellen müsse, um die Zeit selbst wirken zu lassen. Durch t' letzten Ereignisse sei aber das politische Problem wieder" voller Scharte aufgeträrii. Unter diesen Umstanden verdi״, die Entwicklung in Palästina, das dank der zionktiJ- Initiative und der klugen Politik Englands offenbar 'S stimmt sei, zu einem Zentrum des gesamten OrienthandVw zu werden, die Aufmerksamkeit aller Mächte, die wie Frank reich den Wunsch und die Kraft hatten, im Orient 6«, führende Rolle zu spielen, In dem abschließenden Artikel schildert dann «er IW richterstatter des ״Temps“ die vorbereitenden Schritte Arthur Waurhopes zur Errichtung eines Legislativ•' Council (Gesetzgebenden Rat in Palästina). Er meint M trotz aller Schwierigkeiten eine v c r s t ä n d i g u n g sberej. t e r e Atmosphäre in Palästina herrscht. Der Tod von M •״ Kasim Pascha und die londoner Reise von Emir Atxk'y, hätten zu einer Entspannung beigetragen. Sir Arthur WM, chopc habe durch seine Gerechtigkeit und Unparteilich)«( das Vertrauen der ganzen palästinensischen Bevölkerung Wonnen. Zwar lehnen gegenwärtig sowohl Juden als »ן;״ Araber Wauchoncs Projekt des Gesetzgebenden Rates ab, tn« müsse aber holten, dal! seit! neues Projekt nicht zu neu« Verwirrungen führen wird, wenn cs erst einmal konkret vorlicgt. a. P. Palästinas Eisen- und Stahleinfuhr Die ״Deutsche Bergwerkszeitung“, Essen, vom 13, Septk I schreibt über die Eisen- und Stahlei״ fuhr Pi• | lästinas und Syriens; ״ln den letzten Jahren tu bä sowohl Palästina wie Syrien ihre Einfuhr von Eisen- •jri | Staldwarcn bedeutend vermctirt. Palästina führte TOI 26000 Mctcrtonncn Eisen- und Stahlwaren ein; in diese* I Ziffer sind die Einfuhren der Irak Petroleum Compim sowie Werkzeuge und Maschinen nicht cingesehlosscn, TO! betrug die Einfuhr '52 80G t. Für tf> S! liegen endgültige Zahl«! noch nicht vor; eine Schätzung gibt die Einfuhr für 1931 Bit rund 70 000 t an. Eine Ausfuhr von Eisen- und Stahlcrrwj• nissen bestellt so gut wie gar nicht. Kennzeichnend tu I Palästina ist der hohe Verbrauch an Eisen- und Stahlcrzctignixscn infolge des Mangels an geeigneten Mittel I zur Rostbekämpfimg. In Syrien betrug die Einfuhr 1« | Eisen* und Stahlwarcn 20800 1 im Jahre 1928, 41000 1929, 44000 t 1930, 46 800 t 1932 und 51 600 t 1933. Japanische Waren in Palästina Der ״Eildienst für Auflcnhandel und Auslandswirliclifl, Berlin“, berichtet aus Haifa; In Handelskrciscn wird das Eintreffen eines japitth gehen Schiffs mit Eisen waren lebhaft bcsprochw, um so mehr, als gleichzeitig die Inserate des Handel!'(!• treters japanischer Firmen, beispielsweise der Ncar «4 Far East Trade Comp., deren Leiter ein ungarischer Recht»• anwalt ist, auftallcn, worin diese Firma Untervertreter » allen wichtigen Städten des Landes sucht. Man sieht hin« die Vorboten eines gro Ban gelegten ja pH»• sehen Angriffs auf die Märkte Palästlm! und der Nachbarstaaten, der bereits mehrfach vor• ausgesagt wurde. Die feierliche Einweihung der Pipe Line Moiiul- Haifa, die ursprünglich am 15. September in Haifa stattfinden sollte, wurde auf Jantrar 1935 verschobt« Bis dabin sollen alle Arbeite» beendet sein. Die l;inweiftw| des syrischen Zweiges der Oelleitung in Tripolis durlte ungefähr um dieselbe Zeit stattfinden. Zionistische Lektion Erinnerung an Victor Jacobion Von Hans Rosenkranz fei! war ein wenig aufgeregt, als ich meine Karte im großen Hotel Lutetia am Boulevard Rnspail in Paris abgab: >,pour Monsieur Je docteur Jacobson.“ Ich war noch nie, so schien mir, in einem Hotel solch internationalen Ausmaßes gewesen, mein Französisch basierte aut den Kenntnissen von {״nt oder sechs Jahren Schulunterricht, war also gleich Null. Paris bedeutete f ir den Zwanzigjährigen den Ausbruch m die Welt; die Leuchlrcklamc der Firma Citroen, die am Abend vom Eiffelturm über die strahlende Stadt hinjauehzte, schien mir erregender, atigreitcndcr und künstlerischer scitxst als das Lächeln der Mona Lisa, Das Leben war bunt, Paris war die Stadt des Lebens, das Cafe du Dome war der Mittelpunkt der Welt.... Und wenn ich ganz ehrlich sein soll: ich war nach Paris ein wenig vor dem Zionismus geflohen. Mehr als fünf Jahre lang war man ״jugendbewegt“ Und zionistisch gewesen; solange man geistig lebte, hatte man Um Judciifrage, Judeiiaulgabe und Judenschicksnl teils ge- Tungen, teils geredet, immer war man eingespannt gewesen in die Strenge der Verpflichtung, die man sich selbst und die einem die Kameraden auferlegtcn, das l eben hatte bisher nur em einziges Thema gehabt, ohne doch seine Weltweite auch nur zu ahnen.... Plötzlich aber war man versetzt in diese verwirrende Stadt Paris, die Mädchen der Rue de tappe und die Maler vom Mout-Parnasse ״hielten nichts von der Judenfrage“, ain 14. Juli tanzte man aut den Straßen, niemand schrie einem ein Schimpfwort zu; ein französischer Bekannter, den ich fragte, zog verwundert die Brauen hoch: ״la qucstion jtuve? eile n'existe pas cn France.“ Schön! Sie existierte nicht, die Judenfrage, man fuhr auf der Seine, auf den Spuren Rodins, des Musters und Meisters, in sein Meudon, man fuhr nach Chartres in die herrlichste der Kathedralen und besang ihre Glocken, man stieg auf die Turme von Notre Dame und ging morgens um vier Uhr J*V . j /*!!?1 י"" * ״!«n ״Bauch von Paris“ zu besichtigen und dabei die großartige Bouilkabaisse zu essen! man ging gelegentlich auch anstandshalber In den Louvre, aber das Leben der Straßen und Plätze, der Jardin Luxembourg und die MonÜn Rouge, waren im Grunde genommen viel wichtiger, man lebte in einer flirrenden Stadt, und — bei Gott — man lebte meistens nicht allein.,.. Aber eines Tages stand men doch im Hotel Lutetia, weil R. W. einem eine Empfehlung mitgegeben hatte und gab seine Karte ab für Seine Exzellenz, den ersten Botschafter des jüdischen Volkes: Dr. Victor Jacobson. Ein bißchen schlechtes Gewissen, weil man seit Monaten sich außerhalb der zionistischen Arhcit hcrumtrieb, ein bißchen seelisches Sodbrennen, weit man, ohne es sich cingcstehcn zu wollen, spürte, daß man im Begriffe war, ״untreu zu werden den Träumen seiner lugend“, verstärkte wohl die Aufregung, als man auf telephonischen Anruf in der Portierloge in den Fahrstuhl befördert und hinaufgclcitct wurde in jene beiden Hotelzimmer, in denen ein wichtiger Teil der Politik des jüdischen Volkes gemacht wurde. Ich weiß noch, daß ich etwas wie eine Entschuldigung stammelte, daß ich die Zeit des Herrn Doktor in Anspruch nähme, und ich höre noch die Entgegnung, mit der er meine Entschuldigungen Abschnitt: ״Sie kommen von R. W,? Wer von ihm kommt, ist mein Freund!“ Da spürte ich etwas von der Kameradcric der alten zionistischen Kämpfer, etwas von jenem Geist der Gemeinschaff des Werkes, der uns einmal groß gemacht, und dessen Felde1111 ״s heute wieder klein macht und armselig und zersplittert. Dann sprach er mit mir. Niemand vermochte so zu fragen wie er; nach dem ״Blau-Weiß“, aus dem Ich kam, nach meinen schüchternen literarischen versuchen, nach meinem I.chcn in Paris, und immer wieder nach einem: womit er mir behilflich sein könne. Schließlich muß er gespürt haben, daß ich im Begriffe war, zu entgleiten, daß Paria und die Welt und das Leben mich betrunken gemacht hatten, und daß ich, wie ich ihm nach einem Brief zitierte, den ich in jenen Tagen erhalten hatte, ״froh war, die Judenfrage einmal nicht auf den N;igeln brennen zu fühlen“, — Jacobson lächelte: ״Also Ferien von der Judenfrage?" — ich bejahte mit Ungestüm und Ucberzcugung; und dann redete ich von Europa, und davon, daß die Judenfrage eben doch keine Wcltfragc, sondern eine deutsche Frage und viel* leicht noch eine osteuropäische sei, und daß der Zionismus, dein ich jahrelang mich hingegeben batte, mir plötzlich ״sous les ioils de Paris" — als sehr eng erschiene, daß 1״! wie ich eitrig beteuerte, zwar immer Zionist bleiben wärt!■ weil ich Jude sei, dal! es aber doch noch größere und andere Dinge im Leben gäbe, die mich nunmehr verlockten,־ ״״״ last not least — daß doch z. B. in Frankreich und ® dieser wunderschönen Stadt Paris eine Judentrage 01c» existiere. ,. Jacobson lächelte so gütig vor sich hin, wie nur es zu tun vermögen, und er sagte, mehr zu sich selbst! zu mir, etwa folgendes: ״Zwanzig Jahre — zum erste״״ in Paris -- und aus einem assimilierten Haus, da verllucj tigt sich für einige Wochen die zionistische Erziehung. ״ Aber Sie interessieren sich für Geschichte“! fuhr er ״ (ich interessierte mich damals nota bene gar nicht > Geschichte), ״gehen Sie in die Bibliothcquc Nationale, »' Sie über die Affäre Dreylns, über die Rolle des fr,1nz«1scm Konsuls bei der Bhitbcsdiiildigung von Damaskus, ' J־ meinetwegen studieren Sie noch ein wenig die Bewcegn1״- Napoleons bei der Einberufung des Synhcdrion. Erstens * es Ihren französischen Kenntnissen gilt tun, zweitens Bibliothcquc Nationale eine wunderbare Sache und urn! kommen Sie mir nach der Lektüre erzählen, ob *י Frankreich eine Judenfrage gibt.“ Händedruck. ״Schal01׳״ Und draußen war ich.! In die Bibliothcquc Nationale ging ich etwas wütend ״ widerwillig. Aber nach vierzehn Tagen trat ich wieder > Hotel Lutetia an und erklärte: ״Daß cs eine Jmlcnfr»U* ״ 19. Jahrhundert gegeben hat, Herr Doktor, habe ich!!«* Aber heute, nach dem Krieg und in dem werdenden, einigenden Europa?...“ — ״Sie können mich hem« mi'Gg um vier Uhr einmal abliolcn“, unterbrach er Nachmittags fuhr Victor Jacobson mit mir »her j־. Place de la Concorde, und wir verließen den wag«״ Jf( mitten einer riesenhaften Menschenmenge, die sich vor Chambre de Ddputes, dem Parlament, drängte. Zehntau ״ von Menschen vor jenem ״Palais Bourbon“, über das ne! erleuchtet geschrieben hat. Es stürzte an jenem 1»ח'" f0t das Kabinett Herrlot, und ein totgeglaubter Mann wurc1 einem Volk, das sich in schwerer Krise befand. V^, nirück zur Regierung gerufen: Raymond Poincar« »״׳״ ״

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