Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 78-79 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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i fjr. 78/79, 28 IX, 1934 ץךיל־י- IftftsJI SrnMiäi ,י־ ■חי ». \ _ t ו ן! ■ן 1 .j . Wl (w—feA—״1 M hli(h! < ־■״R.iSf; jini tjti.j! g var .ן׳)!!,),' מ! ■ ,ן״ mul! 1,111(?u. ן גי 11\ m! feil vcr, )5h Ahrr j iv^ru l)f 1 abc Jrj) 1 *rbi ׳ sin, j ,ז 1 tmiiu•! 1c Stadt I! tfliillt : i «11״ «l«j { müssen, j cm nur 5 sei! sie > h dabei! «CT. und j ו stund j r Stadt, '! 11. «md | in, und 1 J chlagrn : j I fuhrt, i | Nieder, j t. Kein J fe siel! i vorhin f ikclheit; I s Voll. } ״. Wie ' j Arbeit! ־ »ich | >1! sieh f ick zur 1 ite und I jl.Hurte, j 11, war j sit an \ ntcinrn J ז liegt i d lieh, i;er die | 1. Und 1 1. Und I - nicht | «gen I 1er. Hauer wieder nicht ad!“ dem '1% 1 ict ist, mciclijr vor Aber raufen j Korps,; tic er I . f4 einen!; aid n mich n als , neincr; :lg™• isiclit,: mich Bier, ־ nach artete!י I gern f II ein . zum ־ in e ז , vcr• Art ,unter ' ן an• 1 : und j eines 1 einer 1 ihrem i tzten, I sich, 1 ihm ן I eines , r l->| renrt p 1 tim! | nt:«״־« I itte11,| tadle I A’ürts i den g!יחסו• fl halt« | älter ־i önen »I wirb!״cnl s! aften Fi m«'י1־ eiteן | ״?end | ו dtg« I j von ו t) ' Der Schriftsteller, der cs nach mir dereinst unternehmen ״jrd, das bedeutsame (jesclidinis einer Landnahme dnr/u• ,teilen, uh״ die IC» '11 er als einfacher Chronist berichte, ״jf(l es leichter bähen als ich. Iimvischcn wird, was hier ״(scliali, vorn Schleier der Lebende und von der Patina 3״ Attcrtumlichkeit umlmllt sein; und die Personen dieses £rci£11isscs werden zu I leiden einer Sage werden, die im geheimnisvollen Nebel der Vergangenheit verschwimmt. Ich ,!,er, ein Kind der Gegenwart, vor dessen Augen sich die historischen Begebnisse abgespielt haben, kann mir getreulich vbfdcrgebon, was sich wirklich /!!getragen hat. Lrst in einer viel spateren Darstellung werden die P.dclstoinc auf dem Tempclvorliang leuchten und die golddurchwirkfen Thora• jtinntclclicn scliiminern, welche fromme jiidischc Trauen heim Klang uralten I,sal111cnsa11ges /u Uhren der im Neuland von Tonikinsville errichteten S.vnagoge stickten. Vergib denn, Heber Leser, dem Chronisten die nüchterne Schilderung.... In» Jahre 19(16 verließ ein Manu mit Namen Moritz. Silberberg sein russisches (lehnrtsstädtclien, wo die luden ebenso wie im ganzen Gouvernement, zu dem der Ort gehärte, schwere Zeiten mitzumnclicii hatten. Fr ließ sieh zu- ,atmnen mit seiner Trat! und seinen drei Kindern in der großen Stadt New York nieder. Dort hoffte er vor allen Leiden geborgen zu sein und in Frieden von seiner Hände Arbeit leben zu können. In seiner Heimatstadt hatte Silberberg, ein Mann guter Herkunft, ein ehrsames Oewerhe ausgeiilit -- er verfertigte Gamaschen. In New York braucht jedoch niemand Gamaschen, und so wurde Siiherhcrg, was viele seiner Landsleute werden, wenn sie in das große Land Amerika koimiien, — PI älter in einer Hcnideiiinainif.-iktiii•. Bei dieser Beschäftigung hielt er es ein Jahr lang aus. Aber sie war zu schwer für ihn, er hielt t, nicht aus, zwölf Stunden t,!glich in der dumpfen Werkstatt cingcxclilosscii zu sein, mit der schweren Pliittmaschinc zu hantieren und den Staub der Stärke zu schlucken,, mit der die Leinwand der Hemden appretiert ist. Der neue Beruf untergrub allmählich des Mannes Gesundheit, und immer hudiger klagte Siiherhcrg über Schmerzen in den Knien, im Rucken und in der Lunge. Fr hefragte einen Arzt; der riet ihm, die Arbeit ntifziigeheit, reichlich zu essen, viel Miicii zu trinken und sich in guter Luft anfziili,alten. Diese guten Ratschläge des Arztes vermochte Silbermarm nicht 711 befolgen, denn er batte Frau und Kimlcr zu ernähren. So stand er nach wie vor au der Platt mascbiiic, bis die schwere tückische Krankheit, die wir Lungenschwindsucht nennen, ihn aufs Krankenbett warf. Da erbarmten siel! seiner gute Freunde, die ihn noch von der alten Heimat her als ehrsamen Mann guter Herkunft kannten. Audi hier, in der fremden Stadt, pflegte er Umgang mit ihnen. Die Freunde kauften mm hundert Karten für eine Vorstellung im jüdischen Theater und setzten sie untereinander lind hei Bekannten all. Den Frlös gaben sie Silberbergs Famitic, damit sie für die nächsten Monate versorgt sei. Bin seihst aber schickte man in eine Hei Istätte im warmen Süden der Vereinigten Staaten, wo sich die Lungenleidenden »uihallcn, um Genesung zu finden. Und als Moritz Sillicrbcrg einige Zeit in der Heil• *nslalt weilte, besserte sidi sein Leiden. .Da dachte er voll׳ Sorge daran, daß Frau und Kinder in New York seiner Hilfe bedurften und wollte heinireisen. Docli die Acrz.tc rieten ihm ab, in die große Stadt zurückzukehren, wo er wieder er״ kranken würde. So sann er lange darüber nach, was er tun solle. Fr halte gehört, daß in der Gegend, wo er sich atifhlclt, mir einiges mein• nach dem Süden zu, neue O r t s c h aften entstanden waren. Viele Menschen von schwarzer Hautfarbe — $0 erzählte man — haben sieh dort zusammcngcfimdcn, sie graben die Freie um und bearbeiten den Boden, aber es gibt niemand, der für sie einen Varcnladeii hielte und sie mit Kleidern, Schuhen und allem anderen Notwendigen versähe. Das Land aber ist gut, cs bat immerwährende Sonne und gibt Gesundheit denen, so es bewohnen. Die Acrzte rieten ihm, sich auf/umachcn und in dert guten Lande anziisiedchi. Siiherhcrg aber hatte kein Geld und auch keine Freunde in dieser Gegend, die ihm helfen konnten. Da gab ihm der Arzt der Heilanstalt, in der er sich aufliielt, einen E m p« f eli 111 n g s 11 r i e t an den Pfarrer der nächsten Klein• Stadt. Mit diesem Schreiben sprach Sjibcrberg bei dem Pfarrer vor. Dieser gab ihm einen Brief an clcn Pfarrer einer anderen kleinen Stadt, Tom kinsville genannt, die weit im Süden des Landes liegt. Und ein Komitee, das Personen, die nach dein Süden wandern und sich dort ansiedeln wollen, unter• stutzte, gab Silberberg das Geld, das für die lauge Reise nötig_ war. So machte er sich denn auf, und nach einigen Tagereisen kam er in die kleine Stadt Tonikinsville. Nichts anderes halle Moritz Silberberg, als er in Tom• kinsville ankani, in seinem Besitz als den Brief des einen Pfarrers au den anderen. In dein Brief aber stand geschlichen: ״Ein Kind Abrahams (damit war Silbcrbcrjj gemeint), dessen Lunge angegriffen ist, kommt nach Toinkinsvilie, um dort zu wohnen. So bitte ich denn das Kind Christi (damit ''ar der Pfarrer von Tonikinsville gemeint), es möge dem Kinde Abrahams helfen.“ Da berief der Pfarrer von Toinkinsvilie am nächsten ffmitag die Bewohner der Stadt und hielt vor ihnen eine Peile. Und er kündete ihnen die frohe lk;eliafi: ein Kind Ahr,111,!ms sei gekommen, um unter ihnen i 1 Tonikinsville zu 'volmeii: das Kind Abrahams Italic eine schwache Lunge lind hcdurle ihrer lliifc; daher mögen die Kinder Christi ilun freundlich begegnen und ihm helfen, wo sie nur könnten, i omkinsville hatte noch nie ein ״Kind Abrahams“ eigenen Auge«! gesehen. So versammelte c!״u יי' י,״״1׳‘* mit sich denn die und ward gewahr, daß das andere Menschenkinder, ge* sicli betrug und redete wie in Tonikinsville große Vcr* Ranze Stadt, tim zu schauen, [iKind Abrahams“ aussah wie kleidet war wie alle übrigen, 1״rcsgleiclieii. Darob herrschte Zunderung. ,'ic Bank von Tom kinsville gewährte dein »•Kinde Abrahams“ ein kleines Darlehen und ein achtbarer llauslicsitzer vermietete ihm für billiges Geld eine schöne 111! 011 ״ n g und einen geräumigen Laden auf dein Marktplatz der Stadt. Eine fromme Frau nach der anderen kam Ü.JS »Kind Abrahams“ fragen, ob es nicht etwas brauche und P“ cs dessen nur ganz gewiß sei, daß es nicht etwas brauche, vind die Bürger der Stadt machten ihm allerlei Hausrat zum vuschenk, der eine einen Tisch, der andere ein Bett. Emcr ״ullte ihm sogar eine Füll re Stroh zu — und Moritz Silber- ״rR war in ärgster Verlegenheit, was er mit einer rühre "oh anfangen sollte. .. . Dann aber machte er sielt auf und fuhr in die nächste K'were Staeit, Dort besorgte er Ware für seinen Laden. , Am Morgen, als er seinen Laden eröffnete, wurde Silber« 'rK durch die Klänge einer Musikkapelle überrascht. Die a<*dtfeuerwehr gab ihm zu Ehren vor dem Laden JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 f■ 1״ |L>—wail ך׳* "■־""׳*ן ד• י <•״*! ״ i •'v : >4 fcfcX-4 8111111 -4 SaUBiM» Von Schalom Auch (Nachdruck verboten) ein Konzert timl Big Billy, ein gar groß und breit geratenes ״Kind Christi“, aus dein man bequem zehn ״Kinder Abraliaius“ batte machen können, hafte sein Slieriffabzciclien angesteckt mid die ganze Stadt vor Silbcrmanns ״störe“ vcrsammelt, darunter viele Neger mit ihren Frauen und Kindern. Big Billy nl>er trat auf die Schwelle des Ladens, schob seinen Arm in den des neuen Ansässigen lind redete zu den vorwiegend seliwmven Bewohnern von Tonikinsville also: ״Tin Kind Abrahams ist gekommen, um in unserer Mitte zu wulmcn. Das ist von guter Vorbedeutung - Tonikinsville wird wachsen 11ml eine blühende Stadt werden. Demi die Kinder Abrahams sind Glücksbringer. Daher hütet Euer Kind Abrahams wie Euren Augapfeli Beschützet es vor Unheil und betrügt es nichtt Webe dem, der dem Kinde Abralirnns etwas Schlechtes tutl“ Billy hob seine Ricscnfatist ״Fr bat es mit mir zu tun! Ich schütze das Kind Abrahams, der Stadt Toinkinsvilie wegen...“ Die Musikkapelle schmetterte einen Tlisch und die vorwiegend schwarzen Bewohner von Toinkinsvilie warten die Hüte in die Luft. So feierte Toinkinsvilie den Einzug des ״Kindes Abrahams“. Und Moritz Silberberg wurde in Toinkinsvilie seßhaft, er wie seine Frau, seine- Kinder und all seine Habe. Er lebte mit den Bewohnern der Stadt in Frieden, und sic waren ihm freundlich. Bald aller erfuhren mich andere ״Kinder Abrahams", daß Toinkinsvilie ein Ort des Erwerbes sei. Da folgten sic Moritz Silherbergs Spuren und kanten nach Tonikinsville. Dem ersten von ihnen, seinem eigenen Schwager, half er seihst, sich aii/usicileln. Denn Moritz Silberberg dachte in seinem Herzen: es wäre gut, wenn ein zweiter Jude in Tom• kinsville wohnte. Der Schwager aber hatte einen anderen Scli wag er, der ebenso wie Silhcrbcrg eine schwache I.ungc besaß, Dehcrdics aber war er kundig des Straußf e 11 c r n 11 a n d e 1 s, mit dem er sich in der großen Stadt New York befaßt batte, lind da die Farmer in der Umgebung von Toinkinsvilie Strauße züchteten, ließ Silbcrbcrgs Schwager den kranken Schwager kommen. Der kranke Schwager aber brachte einen Bruder und mich einen Vetter mit, der etwas Geld lies,iß und nach einem lohnenden Erwerb Umschau hielt. Dieser Vetter des Schwagers von Moritz Silberbergs Schwager eröffnete dicht neben Silberbergs Laden ein Geschüft mit Kleidern, Schuhen und Galanteriewaren lür die Neger. Uebenlies aber brachte dieser Vetter auch seinen Neffen mit, der ledigen Standes war und um die Tochter des Oheims freite. Und dieser Neffe ledigen Standes eröffncte in Tonikinsville eine Viktunliontianillung und brachte damit Siiherhcrg um die Hälfte seiner Kunden. Als Moritz Silberberg sehen mußte, wie einer nach dem andere״ sicli nach Tonikinsville anfmnrlite und ihm selbst die Stadt ״entrissen“ wurde, da stieg Verdruß in seinem Herzen auf. Tr sab sicli als das ״erste Kind Abrahams“ in Tonikinsville an, er hatte die Stadt emporgcbraclit. Darob nun entstand Hader unter den ״Kindern Abrahams“ und sic redeten Uehlcs gegeneinander. Und cs merkten die ״Kinder Christi“, daß die ״Kinder Abrahams“ untereinander in Zwist lagen, da sank das Ansehen der ״Kinder Abrahams“ •gar sehr in ihren Augen. Sillicrbcrg aber ging zum Pfarrer der Stadt, dem eilt.■' Juden von Toinkinsvilie *len ehrenden Beinamen ״Jctliro“ gegeben batten (nach dein Priester der Bibel, der den Kindern Israels Gutes getan und dessen Tochtermann Moses geworden war). Vor ״Jcthro“ führte Moritz Silbermann Klage über die ״Kinder Abrahams“, so ״mit ihren Schafen und Rindem gekommen waren und ihn — wie es weiter in der Bibel heißt —■ ״vertrieben von den Brunnen, die er gegraben“ in Tonikinsville. Jetliro alicr erwiderte ihm mit detrt Bibclwort: ״Das Tarnt ist groß und weit und hat Raum für alle. Breiten deine Brüder sich rcchtswärts aus, so breite du dich liiikswärts aus, doch cs soll kein Hader unter euch sein.“ Da schlossen die ״Kinder Abrahams“ Frieden unteremander. Viele von ihnen taten sich zu gemeinsamem Erwerb ־zusammen, sie ״weideten vereint ihre Herden mul tränkten iiirc Schafe an einem Brunnen“, Andere wieder sahen ein, daß das Land groß und weit war und genug Raum fiir alle hatte — so begruben sie denn ihren Zwist und versöhnten sich. Denn an ihre Obren war das Murren der ״Kinder Christi“ von Toinkinsvilie gedrungen, die also untereinander sprachen: ״Die Kinder Abrahams haben Zwist und Hader In der Stadt gesäet.“ Und es (lauerte nicht lange — der Streit war beendet, die ״Kinder Abrahams“ hatten iiirc Frauen und Kinder koin* 11!en lassen und jeder hatte seinen Hausstand eingerichtet —, da richteten sic Ihren Sinn auf ein Haus Gotte•, in Tonikinsville. Darüber aber ist folgendes zu berichten: Moritz Silberberg betrachtete sich als den Vater von Toinkinsvilie. Als er mit den Siedlern, die nach ilun gekommen waren, Frieden geschlossen hatte, *lachte er an die Gründung eines jüdischen Klubs in Toinkinsvilie. Er berief die ״Kinder Abrahams“ in sein Haus und redete zu ihnen. Doch damit waren die anderen nicht einverstanden. Sie wollten nach alter frommer Sitte ein Bet haus, eine Synagoge haben. Da sprach Moritz Silberberg: ״teil gehe In keine Syn* agoge.“ Die anderen aber erwiderten: ״Schön, dann werden wir eben ohne dich eine Synagoge cinrichtcn.“ Und Moritz Siiherhcrg erkannte, er werde allein und ohne Gefolgschaft bleiben, wenn er seinen Sinn nicht änderte. So mietete er denn den einzigen Saal der Stadt Tomkinsviltc, in dem jeden Dienstag. Mittwoch und Donnerstag Kinovorstellungen stattfanden, jeden Sonntag die Feuerwehr ihr Festkonzert mit Tanz gab und jeden Sonnabend die Youiig-nieii Christian Association, bekannt unter dem abgckürzten Namen YMCA, ihre Veranstaltungen abhiclt. Diesen Saal mietete Moritz Silberberg für den Gottesdienst an den 11 äe 11 st cn 11 o 11 en Feiertagen. Als dies der Schwager seines Schwagers hörte, da tat er einen Schwur, er werde nicht in einer solchen Synagoge beten. Und er fuhr heimlich in die nächste größere Stadt, wo eine jüdische Gemeinde bestand, und brachte von dort eine Tliorarnlle mit. Dem Moritz Sillicrbcrg aber ließ er sagen, er möge den Kinosnal für sich behalten und dort am Rösch 11.1scluin.111 Gottesdienst abhalten. Da entstand Streit i!11 Lager Israels. Die einen standen zu dem ״ersten Kinde Abrahams“, die anderen zu dem ״zweiten Kinde Abrahams“. Aber als ״Jetbro“ solches walirnalim. ließ er beide vor sein Angesicht treten, redete ihnen gütlich zu und stiftete Frieden. Und da keiner von ihnen niiein ein Minjan, die Zehnscliaft für den Gottesdienst, auf bringen konnte, taten sie sich zusammen: Moritz Silbermann stellte den Sasl bei, der Schwager seines Schwagers abec die Thorarolle. Und ziitn ersten Male seit dem Auszug der Kinder Israels aus Aegypten hatte Tonikinsville ein Minjan. Und zum ersten Maie, seit unser Lehrer und Meister Moses auf dem Berge Sinai die Gesetzestafeln empfangen, hörte Tonikinsville Gottes Wort aus einer Thorarolle vorlcscn,.., ״Jetliro" hatte dies in seiner Sonntagspredigt erwähnt, und am Tage des jüdischen Neujahrsfestes strömten die Ein« wolincr von Tonikinsville in Scharen auf den Marktplatz, urrf zu seilen, wie die ״Kinder Abrahams“ festlich gekleidet, die Gebetbücher unter dem Arm, in das llethans im Kinosaal gingen. Big Billy steckte sein Slicrilfahzciclicn an und faßte vor dein Fing,mg des Kinosaalcs l’osto, um die Ordnung aufrecht/iterhaltcn, genau so wie hei den großen Festlichkeiten in Tonikinsville am amerikanischen t Inabhangigkeitstage. Billy hatte ursprünglich die Absicht, die Musikkapelle der Feuerwehr vor dem Saale konzertieren zu lassen, die Juden baten Ihn jedoch inständig, 11,1 von ah/iischen -- sic sagten, das verstoße gegen das jüdische ('״•setz. Dies leuchtete Big Billy zwar nicht ein, aber das Gesetz respektierte er. Und es war offenbar, daß die ״Kinder Abrahams“ in der Gegend von Tonikinsville sich stark gemehrt hatten. Am Vor* abend des Neujahrsfestes kamen ihrer viele auch aus den Städtchen.und Dörfern der Umgebung, die es Moritz Silberberg nacligctan und sicli im Distrikt angesiedelt hatten. Am ersten Ncnjalirstage fand sich ein alter Einwohner von Toinkinsvilie zum Gottesdienst ein. Er sagte, er erinnere sich dunkel, da fl er Jude sei sein Vater habe noch die jü« *lischen Bräuche gehalten, er selbst aber habe sic bereits ganz vergessen.... Während des Gottesdienstes trat ein Fremder ein. Niemand wußte, wer er war und woher er kam. In dem sonngebräunten, sorgfältig rasierten Gesicht saß ein blonder, mit weißen Fäden durchzogener Schnurrbart. Der Kopf war weiß. Der Mann halte das Aussehen eines kalifornischen Goldgriibers, eines Menschen, der unter freiem Himmel, in Sonne und Wind oder im Gebirge lebt. Wortlos zog er ein kleines vergilbtes Gebet buch hervor und schaute stumm hinein...• Bei der Thoravorlcsiing leisteten die Juden große Spen« den fiir eine Synagoge in Toinkinsvilie. Jeder wollte den anderen iibcrbictcn und der erste Feiertagsgottescllcnst brachte eine ansehnliche Summe fiir den Ban der Synagoge. Noch einmal hielten die ״Kinder Abrahams“ den Neujahrsgoitesdienst im Kinosaale von Tonikinsville ab. Art nächsten Rösch I la sehn na 11 waren es iiirer bereits ein paar Dutzend und bei der Tlioravorlcsmig wurde so viel fiir die Synagoge gespendet, daß man kurz nach den Feiertagen mit dem flau beginnen konnte. Das Grundstück für die Synagogc wollte die Stadt ihren ״Kindern Abrahams“ in einer der schönsten Straßen, geguiiibcr der Kirche, überlassen. Doch die Juden nahmen das Geschenk nicht an — sie hatten Angst, ohne recht zu wissen, wovor. Sie wählten einen Platz in einer schmalen Seitengasse, wo einige jüdische Familien wohnten, unter ihnen auch Moritz. Siiherhcrg, das erste von den ״Kindern Abrahams“ in Toinkinsvilie. Am nächsten Sonntag aber hielt ״Jetliro“ in der Kirche vor‘den versammelten ״Kindern Christi׳' eine Predigt, in der er die Juden als das Volk der ״Ahnen Jesus“ feierte und der Erwartung Ausdruck gab, daß dank ihrer Ankunft Tomkinsville blühen und gedeihen werde. Die Frauen waren von des Pfarrers Worten zu Tränen gerührt und die alten Former schauten ernst drein. Und jeder brachte eine Gabe für den Bau der Synagoge, einer eine Fuhre Ziegel, ein anderer ein Faß Zement, der einen Balken, jener eine Schachtel Nägel. Ais der Grundstein der Synagoge gelegt wurde, war ganz Tonikinsville, mit ,,Jetliro“ an der Spitze, anwesend. Alle Einwohner führten I lamniersclilägc, um das Haus Abrahams, lsaks und Jakobs bauen zu helfen, Diesmal ließ sich Big Billy durch nichts abhniten, die Feuerwehr samt der Musik• kapcllc ausrücken und auf dem Fcstplatz atifmarschiercn ni lassen. Und als ״Jeihro“ seine Ansprache, in der er abermals der ״Kinder Abrahams“ Erwähnung tat, beendet hatte, gab Big Billy, (las Slieriffabzciclien an der Brust, der Musik ein Zeichen. Ein Tusch erklang schmetternd und die vorwiegend schwarzen Einwohner von Tonikinsville warfen ihre Hute in die Tuft.... Am Abend nach der Feier versammelten sieh sämtliche jüdischen Einwohner bei Moritz Siiherhcrg, dem ״ersten Kinde Abrahams“. An diesem Festtag herrschte eitel Ein• traclit und alle taten dem ersten Juden von Toinkinsvilie gebührende Ehre a!1. Frau Silberberg aber setzte den (iästen liatisgcmaehten Kirsrlicnlikör, Konfitüren und Acpfel vor. Die anderen Frauen hatten mächtige Pakete voll Lebkuchen und riesige Hüten mit Nüssen, Mandeln und Rosinen mitgebracht. Man saß im ״Salon“ beim großen Tisch. Im eisernen Ofen flackerte lustig ein Feuer, um den selten benutzten Raum zu durchwärmen — denn draußen war cs bereits recht winterlich, Die ״Kinder Abrahams", die am Tische versammelt saßen, waren aus allen Weltgegcnden gekommen. Der Kantor und Schlächter, der zugleich fiir den Unterricht der Jugend bcrufen worden war, stammte ans Podolicn. Er war ein kugd• rundes Männchen niit wohlgenährtem Bäuchlein und vollen Wangen, denen onztisclien ‘ war, daß die Hausfrauen von Tonikinsville, bei denen er Freitisch aß, ausgiebig für seinen Magen sorgten. Zum Entzücken aller versammelten Frauen sang er einige Schlager aus den neuesten Singspielen des jüdischen Theaters. Die Männer sprachen von der neuen Synagoge und von der alten I leimat, aus der sic nach Amerika gekommen waren. Der Vetter des Schwagers von Silbermanns Schwager stammte aus Rumänien und erzählte, wie er von dort in die Neue Welt ansgewniulcrt war. Ein anderer, der Antotaxiunternelinicr von Tonikinsville, stammte aus Polen; er erzählte, wie der (iutsbcsi!/er seines Heimatortes, von dem er eine Windmühle gepachtet hatte, ihn mit Weib und Kind in einer kalten Wintcrnacht aus der Miilile gejagt und auf die Landstraße gesetzt hatte. Der Hausherr Moritz Silber« berg, der aus Rußland stammte, erwähnte das Wort ״Kischi« new“ — und alle schwiegen eine Zeitlang. Dann aber unterbrach einer der Anwesenden die drückende Stille, Indem er begann: ״Und wir alle, die wir aus ganz verschiedenen Gegenden stammen, sind hier beisammen, in einem weit entfernten, entlegenen Ort, dessen Namen wir nie vorher gehört haben,— und wir baue« ein Hans dem Gotte Abrahams. Ist das nicht Fügung des Himmels?“ Und eine alte Frau setzte mit einem Seufzer hinzu! ״O lieber Gott, wäre es nur für lange Jahre, für Kinde( und Kindeskinder!“ Alle verharrten in nachdenklichem Schwelge« ... (Autorisierte l/eberlragung aus dem Jiddisch«4 von Siegfried Sehmitt,),