Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 78-79 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ר Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr.?8/79, 28 IX, 10״ tapfer und kriegerisch bewährt. Vielleicht lebte wirklich etwas von dem Wesen dieses alten jüdischen Stammes in den Wormser Juden, die so viele Drangsal mutig über sich ergehen ließen. Ja, jene Wormser Juden waren sehr stob! nicht nur auf ihre Abkunft, sondern auch auf die neue Heimat, die sic• sich geschaffen halten. I s kam einst, so erzählt eine andere Sage, ein Sendschreiben aus Jerusalem zur Zeit Esras, in dem die Wormser Juden aufgefordert wurden, an den W allfahrt sfesten in Jerusalem teilzunchmen; sie aber erwiderten: Sie hätten sich in Deutschland am Rheine ein neues Jerusalem auf gebaut. Schon drängen sich neue Erinnerungen auf. Die Kreuz* Züge, das furchtbarste Erlebnis der westdeutschen Juden* heit, steigen aus ihrer mittelalterlichen Nacht empor und ge* winneu bildhafte Gestalt. ״Die Feinde und Dränger gegen die Juden“, so schreibt Elicscr Bar Nathan in seinem Bericht über die damaligen Ereignisse, ״rissen deren Häuser nieder ... und plünderten. Sic nahmen die heilige Thora, traten sie i!1 den Straßcnschinutz und zerrissen sie... Als ein jüdischer Jüngling namens Simchn, der Priester, sah, daß man ihn in die Kirche zur Taufe führte, schwieg er dazu, bis zu seinem F.inlrilt; dann jedoch zog er aus seiner Tasche ein Messer hervor und erstach damit einen Pursten, einen Enkel des Bischofs. Man zerhieb seinen Körper sogleich in Stücke.“ Der Blick bleibt zufällig am Thorasch rein und der ewigen Lampe halten, wo eine merkwürdige Inschrift wiederum eine Erinnerung an die Kreuzzüge lebendig werden läßt. Vor der heiligen Lade ist eine Lampe, aus der zwei Flammen den Widerschein ihres Lichts aut den Vorhang werfen. Und die Sage weiß hierfür folgende Erklärung: Einst nahte eine wilderregte Volksmenge mit einem Bischof an der Spitze der Synagoge und alles schrie: ״Tod den Juden!“ Mm1 machte ihnen den Vorwurf, daß ein Jude von einem Dach Wasser auf das Kreuz gegossen hatte, «las einer Prozession vorangetragen wurde. Die Gemeinde hatte sich in der Synagoge versammelt und bereitete sich im Gebete auf den nahenden Tod vor. Niemand wußte sieh schuldig, aber cs gab kein Ausweichen vor der wütenden Masse. Schon waren die Scheiterhaufen errichtet und die Gemeinde schickte sich an, sie zu besteigen — da drängten sich plötzlich zwei Männer durch die Menge und schrien mit lauter Stimme: ״Tut den Unschuldigen nichts zuleide; wir sind die Täter!“ Kaum hatten sie es ausgesprochen, da waren sie auch schon von der Menge ergriffen und auf die Scheiterhaufen geworfen. Die Wormser Gemeinde war gerettet. Niemand aber wußte, wer die beiden Männer gewesen sind. Aus Dank* barkeit für diese wunderbare Errettung entzündete die Ge* meindc die zwei Lichter jener Lampe, die nie verlöschen, und darüber steht die schlichte Inschrift ישני אורחים die zwei Fremden. Auf welchen Punkt dieses Ortes das Auge auch trifft, von jedem Stein und jedem Winkel leuchten tausend Erinnerungen auf. Und wie aus einer fernen Welt erscheint cs einem, wenn das vertraute Lechodaudi des Salomo Alkabcz hier nach altem Wormser Minhag nur durch die letzte Strophe vertreten ist; oder wenn zwischen den altvcrtrautcn Gebet* stücken plötzlich besondere Wormser Gebete vorge* tragen werden, die aus irgendeinem Anlaß vor Hunderten von Jahren verfaßt wurden. Schabbath in Worms bleibt ein Schabbath der Erinne* rung. Es will sich keine rechte laute Schabbathfrcude ein- »teilen, lieber aller Freude am Ruhetag lastet diese große und furchtbare Erinnerung. Die Geschichte hört hier auf, ein papierncs Buch zu sein. In Worms reden die Steine. N* «־״׳;;1 p (v ־״/ ך r r־! O 1 «•< ר־׳־י ך~ , ץ c ך־־^ז י c. z •*. 4 Sä/ Von $. J. A g n o n Das waren garte Tage. Ich »aß abgeschlossen zu Hau« und schrieb an den Begebnissen des Rabbi Adam Baalschein, der von weiser Einsicht war und clngcwciht in die Geheimnisse der göttlichen und der praktischen Kabbalah; mit Dämonen und bösen Geistern, wenn sie sich auf ihren Weg machen, kannte er sich aus, dann verschleierte er ihre Augen, «laß sic keinen Schaden stifteten. Und er wußte Bescheid um «lie Bäume, 01» sic aufwuchsen in Gottes Gnade oder aus den Körpern von Zauberern entstanden warm, tun die Menschen irrczuführcn; dann zerschnitt er sie Stück um Stück, befreite viele von Israel aus der Verstrickung der bösen Geister und stellte 81c wieder auf ihren Ursprung. Und alles dies tat Rabbi Adam durch sein Wort, denn er besaß heilige Schriften der verborgenen Lehre. Und als sein Lude kam, hinzuschcidrn von dieser Welt, verbarg er die Schriften in einen Stein und beschwor ihn. Rieh nicht von »elbst zu ölfnen, «laß nicht ein Unwürdiger von ihnen lernte und die Welt wieder Ins Chaos wandelte. Wie in Visionen sali ich den Steh» und die Schriften in ihm: Budnlabc für Buchslabe, Wort für Wort, Zeile für Zeile, jede Seite und jedes Blatt. Hätten die Schriften zum Urgrund meiner Seele gehört, dann hätte ich sie gelegen wie ein Buch und mir aus ihnen Welten erschlossen, aber ich war nicht gewürdigt, sie zu lesen, sondern «aß und *ah sie an; meine Augen umfingen sic, wie Metall Edelsteine umfängt, die aber bleiben imvcriuischt mit ihnen. Aber wenn ich nicht gewürdigt war, sie zu lesen, so war ich doch gewürdigt, von ihnen zu erzählen. Wenn wir zur Welt kommen, um zu ordnen, was die Geschlechter vor uns zurück gelassen haben, dam! kann ich sagen, daß cs mir in mancher Hinsicht gelang, den Dingen ihre Ordnung zu geben. Aber wie ich mich nun «laranmaclite, «He Oe schichte von «lern Stein zu schreiben, da fürchtete Ich, daß man mich mittendrin unterbrechen könnte. Und obschon ich doch von aller Welt abgesondert saß, bangte ich, cs könnten in dem Augenblick, in «lern ich cindringc in die Dinge und vom Wesen der Sache zu schreiben beginne, Leute kommen und mich stören, denn cs ist die Art tlcr Menschen, nicht da zu sein, wenn man sic braucht, und da zu sein, wenn mau sic nicht braucht. Gleich 11,ihm ich mein Schreibgerät, Tinte. Feder und Papier, mit mir und begab mich in den Wald bei der Stadt unter die Bäume; fand dort einen Stein, bestimmte mir einen Platz und legte meine Schriften auf den Stein; so saß ich mul schrieb. Und wenn Ich mich im Schreiben unterbrach, sah ich auf die Bäume, die Vögel, das Gras und den Fluß, der mitten hindurchgcht, und cs kam eine grolle Freude über mich, hören zu können, wie die Vögel sich vor ihrem Vater im Himmel aussprechen, wie jedes Gras im Felde zu Gott spricht, wie alle Bäume des Waldes sich vor ilun neigen und wie das Wasser im Fluß ruhig dahinfließt und sich mit keiner Welle erhebt. So vergingen viele Tage, bis ich die Geschichte der Schriften des Rabbi Adam Dänischem über die göttliche und die praktische Kabbalah aufgeschrieben hatte: wie er, als der Tag־ seines Dahiiisehcldoiis kam, türch* fete, sein«• Schriften könnten in die Hände mibetleuteiider und unwürdiger Menschen fallen, 11n«l zu einem Stein gln£, Ihn öffnete, sein« Schriften in ihm barg und den Stein wieder schloß, ohne daß einer wüßte, wo ihn zu finden. Viel hatte ich schon darüber geschrieben und viel w noch zu schreiben. Da kam gerade jetzt, wo ich im r״M war, «las Ende der Geschichte zu verfassen, «in יי fragte mich, wie man nach der Stadt käme. Ich sah J K: ein alter Mann, der mühsam ging, und dal! cs ein W» ,.V Steine war, zudem war «lie Sonne im Niedergehen, um'*■ wußte nicht, ob cs ihm gelänge, noch heute in die* Stadt kommen. Da ließ ich ab von meinem Schreiben, stützte' £ und brachte ihn bis nahe an die Stadt. ' י Als ich mich von dem Alten getrennt hatte, stand Ich wundert, denn schon naht der heilige Sabbath heran, ich!«5' stehe ,־innerhalb der crlauhkti Grenze; überdies habe ich’diek, um die Ich mich •lie ganze Woche gemüht halte, nlt',1,׳*’ kurz vor ihrem Abschluß liegen lassen, und dann’luh, sie gar noch Winden, Tieren und Vögeln herrenlos über!, 'a Wenn ich schon durch das (iehol, «las Alter zu ehren war, ihm das Geleit zu geben, so hatte ich doch Niederschrift mit mir nehmen und mit ihm in <|je«,? gehen können, dann hätte ich «las Gebot wirklich ganz 1״ und doch meine Niederschrift bewahrt, ohne am Vorabend ö Sabbat bei Dunkelheit in den Wald zunickgclicn zu Trotzdem war in mir nicht Reue noch Kummer, sondern'jL Verwunderung über mich selbst, wie ein Mensch,! hat, wenn er sich über sich selbst wundert, ohne sich iüL zu grämen, *י Währenddessen sank die Sonne, es verblaßte der T» m zusehends begann das Sahbatlicht her.iufmstcigen. Ich u« und wußte nicht, wohin ich geben sollte. Gehe kli zur St*!■ so habe ich die Arbeit von sechs Tagen prclsgrgcüi, *i gehe. ich in «len Wald, so tritt der heilige Sabbat ein, mir ich Jücibc außerhalb. Wie ich das noch erwäge, sclila-~ meine Fidle von selbst den Weg ein, der zum Wald lut* Als Ich in den Wald zurückkam, fand ich meine Kick Schrift auf dem Stein liegen, wie ich sie verlassen batte, IN Wind hatte sic zerstreut, weder Tier noch Vogel hatte׳'• über sie hergemacht. Ohne den Alten, der mich unterbindhalte, und den herciiibrccheiuh-n Sabbat mit seiner fXinkeb wäre ich mit meiner Arbeit fertig geworden und etwas V1׳ kommen cs wäre unter meinen Händen hervorgegangee. ft. schade, daß ich die Stunde so hingebracht und meine Arir einfach hatte liegen lassen. Und wie ich noch darüber nacfulachtc, öffnete sht der Stein, verschluckte die Niederschrift und schloß < wieder. Da ließ ich den Stein und wandte mich zurück t Stadt. Zur seihen Stunde führte Gott den Mond, die Sterne alle ihre Gebilde .־»in Himmel herauf, und alles Land crgUtir׳ und Stein ftir Stein, der mir im Gehen vor Augen kam,*, voller Glanz, und jeder Ritz, jede Falte und jede Fiwt 1■ ihnen lag offen vor mir. Ich umfaßte die Steine mit men Augen, so wie Staub einen Stein umgibt - der aber 11׳ fest darin ■— und Stein für Stein war mir nahe und!1׳ Ich sagte mir, was ist «leim schon an dein Stein, «ler <! Schriften verschlang, anderes als an all diesen Sinnen. V־ auch sic sahen auf mich oder es schien mir doch to. I cs ist schon möglich, daß sie dasselbe sagten wie ich - nie! in meiner Sprache, ,sondern in der ihren. Ans tlom 1 lr!»1 IUmIhn von Dr. (Justav Krojanker, Erinnerungen eines Berliner Juden Von Arthur Eloesser (1. Fortsetzung) I!. Das Erbe Ina Blut — ״Sfmson" Ich bedauere heute, daß ich von meinen Vorfahren kaum' mehr als die beiden Generationen vor mir übersehen kann, wenn sic ihr Dasein auch in unscheinbarer Mittelmäßigkeit verbracht haben. In «Uesen Blättern und vor einigen Iahren hat ein Kritiker meiner ״Deutschen Literaturgeschichte“ mit freundlicher Schelmerei eine Besinnung auf den großväterlichen Rabbiner vermißt, der doch in der Autobiographie ״Gegen den Strom“ meines Vetters Ludwig Lewisohn, des ausgezeichneten amerikanischen Schriftstellers und Zionisten, auttritt. Aber Ich kann meine Abstammung durch die Berufung aut einen Lehrer oder Weisen in Israel leider nicht interessanter machen, einfach aus dem Grunde, weil er der Erzeuger der zweiten Frau meines Großvaters war, mit der ich verwandtschaftlich nichts zu tun hatte. Mein Großvater in Ostpreußen, Gerber von russischen Fellen, lebte nicht mehr im Ghetto, wußte nichts mehr von Glieder und Talniudstudimii, aber er hatte trotz, wechselnden häuslichen Umständen die alte jüdische Ansicht, daß Kinder so viel wie möglich lernen sollten. So schickte er alle seine Söhne, ungefähr seit den dreißiger Jahren des IQ, Jahrhunderts, in Insterburg aufs Gymnasium. Mein Valcr durfte nur bis zur Obersekunda bleiben, zwei Söhne bis zum Abitnrium, aber nur der jüngste von ihnen hat »tudicrtj als die älteren schon mithclfcn konnten, und der ist schließlich aucli aus der akademischen Laiilmbn gefallen. Ich selbst stamme also von einem Kaufmann, dessen Brüder es auch alle mit dem Handel zu tun bekamen, aber wenn ein künftiger Nekrologist mich aus einer Kaufmannsfamilic hervorgehen lassen wollte, so würde er durchaus falsch gefolgert haben. Mein Vater hatte gar keinen kauf- וזוäiinischcn Unternehmungsgeist, er vermied auch in der schönsten Konjmikturzeit jede Gelegenheit, aus einem guten Sparer ein reicher Mann zu werden, und, weil ich cs olt genug im Judentum bemerkt habe, in seinen Brüdern schien der uns nachgesagte Bemcheningstricb so gut wie erloschen. Sie liebten das Geld nicht genug, und so kam es nicht zu ihnen. Einige ihrer Vellern aber, die ihr Vater nicht ins Gymnasium schicken konnte und die vielleicht mit dein Bündel auf dem Rücken von Hause losgegangen waren, haben es trotz ersten Mißerfolgen (die vielleicht notwendig sind) zum größeren Unternehmer- und Miilionärstum gebracht. Die armen Jungen, so früh In die Weit gestoßen, hatten eben nichts anderes gelernt als reich werden. Mehr von H:\ndlergcist, von Cicnußfreudigkeit, auch von Spiellust, war in der Familic meiner Mutter; wenn mir die Geduld des Lesers so weit folgt, werde ich wahrscheinlich noch auf den Interessantesten von Ihnen kommen, auf Willy Lev In, einen der großherzigsten Berliner Mäzene, besser fcsagt Kunstfreunde und Kiinstlcrkarncraden, dein Richard trauB als dem ״Kommerzienrat“ in seinem ״Intermezzo“ ein Denkmal von Bariton gesetzt hat. Meines Vaters unvollendete, aber doch unvergessene Gymnaslalbttdung geriet dem Sohne zum Unheil; er arbeitete mit mir, weil ich das nie von allein tat, und ich werde nie vergessen, noch welcher Anstrengung und mit welcher Rcsignation er von dieser Quartaner* una Tertianerarbeit abstand, d« er «ich in das Griechische nicht mehr zurückfinden konnte. Während meiner ersten Ferienreise, die ich durchaus durch keine Arbeit entweihen wollte, geriet ich, wahrschein• lieh auf Grund eines Uriasbricfcs, In solche Not zuTiick: ich war zu einem seiner Brüder nach Schlesien geschickt worden, der dort genau noch wie in Hmiptmnnns ״Wehem“ Leinen erzeugte, nur daß dem feinen zarten Manne die Hub* sucht und I larlc des ״Herrn Dreißiger“ völlig abging. Das Unternehmen war schon sehr gebrechlich geworden, aber er vergaß alle Sorgen und wurde ein geradezu verklärter Mensch, wenn er mit mir die unregelmäßigen griechischen Verben konjugieren durfte. Alle diese Leute, wenn ihnen die Wahl frcigcstamlen hätte, würden sich gewiß lieber ein gemächliches Dasein als Amtsrichter, als Oberlehrer vorgestcilt haben, jedenfalls einen Beruf, der sich folgerecht auf der gvm* nasinlcn Vorbildung aufbautc. Wenn mir die außerhalb meiner Liebüngsfächcr gcntkgtc Trägheit die üblichen Verwarmingcu von der Scliule her cinhrachtc, so wurde mir mit der Knut in a n n s I c h r c gedroht als dem einzigen Abschrcckuiigsiiiitk'l, «las sieh für mich erfinden ließ. In diesem Verhalten erkenne ich heute eine ehrwürdige und grolle jüilischc Tradition. Wem Gott gewisse Gaben verliehen hat, dem ist damit die entsprechende. Verpflichtung aufcrlcgt, eine Schuld der Dankbarkeit, die durch Arbeit und Streben abgetragen werden muß. Aber das Talmudstudlum war für meine Familie schon seit Generationen außer Sicht, und so erhob sie auch nicht die geringsten Einwendungen, als ich weder Arzt noch Anwalt, sondern Historiker oder Philologe zu werden beschloß. Ich habe von den Brüdern meines Vaters schon gesagt, daß nur einer von ihnen bis zuin Studium kam uml daß auch dieser jüngste nicht in der akademischen Laufbahn verblieb, lieber ihn kann ich mit einiger Freiheit realen, da seine Nachkommenschaft, nicht zuletzt durch den Krieg, völlig erloschen ist; außerdem hat ihn mein Vetter Ludwig L c w i s o 11 n, «ler mit acht Jahren aus Berlin auswaiulcrte, in seinen Erinnerungen mit vieler Anhänglichkeit betreut, darin auch ein Töchierclien cingeschlosscn, das, um mit Gcrhart Hatiplinann zu reden, einen Heiligenschein von Flachs und Seiden trug. Aber als der zehn Jahre filtere war ich ihm mit solcher Frühncignng schon zuvorgekommen. Dieser Verwandle, dom König Ludwig von Bayern sehr ähnlich und vielleicht nicht weniger schön, war der Simsen seines Geschlechts. ״Simson“ hatte als junger Shnlcnt den Krieg 1866, daun als Referendar, oder wie cs damals noch hieß, als Auskullator den von 1870 mitgcniaclit. Aus beiden kam er unver- »ehrt zurück, aus dem deutsch-französischen mit «lern «lamals noch selteneren E. K. I., aber er kam spät und dann auch noch nicht zu den Schic«, da er v«m der Okkupationsarmee unmittelbar auf eine östliche preußische Festung spediert wurde. Der jähzornige Siinson hatte sich an seinem Feldwcbel wegen einer Anspielung, an die er sonst nicht gcwölmt war, vor versammelter Mannschaft vergriffen. Das wurde mit dreizehn Jahren geahndet, und zwar Festungshaft, da man ihn wohl als Offizicrsaspirantcn behandelte. Nach zwei Jahren aber kam er frei, gerade an dem Tage der Waffeniat, die ihm das Kreuz eingchracht hatte. Die Töchter des Kommandanten, der ihn zu seinem Lehrer des Billardspicls befördert hatte, stickten ihm zum Abschied eine Börse. Aus seiner kriegerischen Bewährung hat sich für mich noch ein kleines Nachspiel, eine ,,Komödie der Irrungen“ ergeben. Vor einigen zwanzig Jahren entdeckte ich den nolstcinischen Dichter Timm Kröger als einen leinen Nachfahren seines Landsmanns Theodor Storni tmd fühlte mich schuldig, einem viel zu wenig beachteten Schriftsteller In der ״Vosslschcn Zeitung* einen ülückwunsciinrtikcl zu widmen. Der Jubilar erinnerte mich in einem Dankschreiben, wie wir beide mit anderen Freiwilligen die Kirehhofsmauer, ich glaube von Le Bourget, erstürmt hatten, wogegen ich die Verwechslung mit dem Onkel Slmson ein wenden mußte. Auf die Pr hall das aber nichts; der alte Herr setzte «len Nelfen »i« fiir den Onkel ein und cröffnclc ilic folgenden Bride r anders als mit der Anrede: ״Lieber alter Kriegskamerad! Ich spreche von diesem Onkel Siinson als von dstarkslcn Beispiel an Assiitiilicnmg, das mir je begegnet: aber nicht von einer gewollte״, dienstbaren, sclimt! krischen; dazu war er zu stolz, zu freimütig, zu rci/har! allem, und er hätte auch seine Vater nie verleugnet. L aus einer ostpreuflischen Art konnte er ebensowohl rs■ wie saufen, uml als Angehöriger eines Königsberger Ko׳: was damals für seinesgleichen mu h möglich war, hatte! die Disziplin und die Gesinnung seiner Korporation als 0 Wcrtkodce angenommen, außerhalb dessen zu denken und urkilen ihm überhaupt nicht mehr möglich war. \V יו r trotz meiner Vorliebe für seine ritterliche Art schon! Jungen In Erstaunen setzte, «las w ar die Bewunderung in«־ 80 anders gcarieten Verwandten, für Leistungen oder Li schäften, die sic selbst, Iriedlicli und mäßig in jeder Hin5 für sich selbst durchaus nicht erstrebten. Wie ich ״ ' seihst noch überzeugen konnte, gab es kein Qnaiiln«! ׳״' mit dein mein Onkel Simson nicht fertig w urde. Obgleich וח Ritterart meistens in Schulden, die aber «lie so anders g«J1_ Familie dem schönen und liebenswürdigen Kraftmenschen;1": nachsah uml abnalim, schenkte er mir zum Ahiturium t' Paar sehr kostbare Paradcsclil.iger; aber daß ich spater n־ Floret überging, wobei ich auch Franz Oppenheim* als einen eleganten Fechter begegnete, hätte er mir nit ziehen. Wahrscheinlich auch nicht, daß ich so eint L Journalist wurde, anstatt mir als Professor oder Staalsbou■j in der wcllllchcn Hierarchie eine deutliche Stellung weisen zu lassen. Obgleich nach seiner Festungshaft * Abbruch des Studiums in «lie kaufmännische Abteilung ] großen Verlags verschlagen, konnte er sich nie Schätzung «kr merkwürdigen Leute nötigen, die in ץ' eigenen Auftrag, sozusagen als ihre eigenen Vurgcsctf■ Gedanken, Urteile, Vorschläge zu Papier brachten u«w!u dann, meistens nicht ohne Eile, das Zeilenhonorar v«# 1 abholtcn. Wenn ich diese Ausnahme eines Siinson- oder «>_ Makkahäcr-Tcinneraiticnls abrccliiie, der Zustand meiner iniiie in «len siebziger und achtziger Jahren des vcr1!a״~f . Jahrhunderts wird sich durch viele Beispiele im da״»•«, Judentum vervielfachen lassen. Alle Männer hatten Mein unter bescheidenen Verhältnissen in der Provinz angcl»"^; einige waren noch als wirkliche ״fHeureiter“ am als sich die Eisenbahnen um die kleinen östlichen noch nicht bemühten; einige, die durchaus nicht vor״ kamen, wurden, wie das jüdische Familienart ist, v* ,ןי Bcsscrgcstclltcn mit dtirchgcschlcppt, mit steigender BCT 1 lichkcit lebten alle, weil die Zeit an sich FrMff r.f,,j und die Lebensansprüche wachsen ließ. Man forsch«. *׳^ geworden, nach dein Erbe im Blut, tim den uns״ t Ausdruck ״biologische Erbmasse“ zu vermeiden, una , Juden haben ja heute besondere Veranlassung. 1 ״ nächste wenn auch bescheidene Vergangenheit festzt1. wenn wir zu unserer großen Vergangenheit f״r״, ci-d gen wollen. Innerhalb der umfassenderen schic*»»1יי Erbschaft von Stamm und Rasse stellt die Familie ein«11!־r von Möglichkeiten, von Eigenheiten, Energien, Fal״K* oder Unfähigkeiten dar, wobei gewöhnlich nicht beachtet wird, daß ein Mensch, wenn er eine *c׳®• Entwicklung erfährt, sich auch über die Erbschaften entscheiden kann. (Fortsetzung 01י*