Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 78-79 (28.9.1934)
- Date
- 1934-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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J0O1SCK8 rundschxü EILAGE Nr. 16/19, 28. SEPTEMBER 1*34׳ ir | •1(11. i eriiie! men gen •"iß ein lien Mit pgr Tod Moschehs in Sage und Dichtung f\m Simchalh-Tlinra-Tcsl, ihm wir in iliesrm Jahr ס am nifmlne, Mm 2. Ohtahcr, feiern, wird bekanntlich in frier- Vr Il'ri.v«• das letzte Slitch der Thora und im Anschluß .tn das erste Stück vorgelrsen, Der einjährige 'J'uriuis beendet wul hvginnl uheiler. An ,len harzen Bericht den Tod Moses, der Millelpwilttsgcslall des TilnfseldiefU sich von neuem der Bericht über den ״An- Mt die l.rsehuflnnp, der Welt, Wir hohen 1*»r einem Jahre iMiflich dieses festes die ergreifende tHimmlische Sage Tod Moses zum Abdruck gebracht. Die bedeutende die dieses I hema in der jtiJisehcn V niks phnntasie seit Strebt der Mensch; auch wenn er ein Prophet Ist; auch wenn er rin M 0 s c h e 11 ist. Ans Lehen klammert er sicli noch einmal an. Die Dichter kennen dieses Zurückschaudern des Tapfersten vor der plötzlich in ihnen aufblitzenden Gewißheit de* Todes. So scheut der Befreier der Niederlande (iraf f; g 111 0 n t, wenn es heißt, des Lebens süße freundliche Gewohnheit :1t1,fzugel1ett; und selbst der männlichste der Helden, der Prinz "von Homburg, wird bleich vor (iraurn, da er sein eigenes (irah sich aultun sicht. — Anders (;rundet sich das Zurürkscliaudcrn des Propheten; und doch spricht cs von der tiefen naiven Menschenkunde der Sage, daß auch diese Wurzel der Todesangst hier nicht ganz fehlt. Gewiß ist cs zuerst der Gram, daß er von seinem unvollendeten Werke scheiden muß! der *ein «׳n 1 f, dk, ' bis ml! den halligen Ing gespielt hot, ist der Gegenstand fr, nachstehenden Betrachtung unserer Mitarbeiterin. — lird. Millen in die l'nilcfmide des I lütU-״festcs hinein klingt Ton.•1er Klage. Keine Freude gab cs im alten Israel, der I remle am f este des Wasscrsehcipfcns (am 2. Tage Sukkothfestcs) zu vergleichen war, lautet ein altes Volkswort; alwr die letzten läge des gleichen Festes waren .;Perl der Vollendung der Thora, deren letztes Wort sich -;eich wieder mit dem ersten Worte vereinigte, der Er-;,1111״״ g;111 den Tod des größten Propheten in Israel, ־f״ Tod Mosche 11 s, geweiht, einziger Tod, der ein ein• nt! Leben bcschlotl; ohne Krankheit und ohne Schmerz, jicht gebrochen war die Kraft, nicht verdunkelt das Auge; 1״)er Knd Gottes“ nahm ihn hinweg. Und zwischen Trauer @d Jubel sclnvchcn die volkstümlichen Lieder, die noch jntc an diesem Tage gesungen werden. Da heißt es etwa: ״Mosdieh ist tot — wer wollte nicht sterben? Durch den Kuli des Herrn starb Mosdieh, der Meister...׳* End trustend «endet sicli das Lied dann zum Berge des Todes: ״Heil Dir, Du Berg Abarim, Hoch ragst 1)11 über die Berge, Dir ward das höchste der Gräber: Grab des göttlichen Mannes.“ Die Erzählung vom Tode Mosdichs aber, wie sie karg 0:d gewaltig aut den letzten Blattern des Fiinfbuchcs steht ad wie sie unerschöpflich bunt und bildhaft von der nbh 111 i s c 11 e 11 Sage geformt und ausgcstaltct worden k!. gehört, wie man seit alters erkannt hat, zu den kost• Kirsten Kagenhildcm aus der Schatzkammer unserer Vcrrmgcutieit. Nicht nur weil sie seihst ein ״Muster volkstümiicher I rzahlkunst" darstelit (ürelSinann): sie hat auch im Laufe der Jahrtausende, nach denen unser Schrifttum zu mhtini gewohnt ist, eine Wanderung angetreten, die fast <0 virlhcu egt und scliieksalsrcich 'wurde, wie der Wander• «cg des Volkes, dem sie entstammte. Nicht nur in d<־r reingischen Literatur spielte sic eine bedeutsame Rolle: die Moh a in in e d a 11 c r griffen sie auf; der Kirchenvater Grcforius v on N y s s n liebt sie und bildet sic weiter. Und Hihilcni sie aus biblischer, hellenistisch-jüdischer, rabbini• scher, nciiplatonisclicr und kabbalistischer Auffassung geferm! worden ist, nehmen sie in neuer Zeit die tiefsten Geister der deutschen Welt wieder auf und lassen sic *uts nette erstehen, Herder entdeckt die rahbinisrlic Sage Md bevundert sie so sehr, daß er sie in seinen ״Jüdischen Dichlimg« 1 und Fabeln“ ausführlich neu erzählt. Und für Goethe wird die Sage vom Tode Mosdichs, die er zufrst als eine ״alberne Judcnfabcl“ verspottet hat (an Maler Müller, I7SI) allmählich so wichtig und lebensnahe, daß er immer wieder zu ihr /uriickkclirt. Wir alle kennen den Beweis kr diese Rückkehr: der Tod seines Faust ist — das hat Btirdscb wold unwiderleglich gezeigt -- nach dem Vor• bilde der Sagen vom Tode Moschclis geformt. * Im leben fast eines jeden Menschen kommt wohl einmal üe Stunde, da ilun mit der Gewalt eines Blitzschlags die Trag« 11 rdigktit des eigenen Daseins und der eigenen Arbeit - ji mehr noch: die Fragwürdigkeit des menschlichen Daseins überhaupt aufgeht. Dann ruft der Mensch den Tod. 1'it Bibel, die in allen Kammern der menschlichen Seele ״ihciiii ist, hat uns diese Siiuuk׳ im Lehen der Propheten erhr als einmal miteileben lassen. ״Nimm mein Leben von ״ur; denn besser ist mir der Tod...“ fleht Jona, vier intlrinsclite 11ml Verdrossene, der Gottes Gedanken noch' Sicht fassen kann, ob er auch selbst aus dem Innern fe Meeres errettet worden ist. Die klassische Szene dieser ubcnsuiiidigkcit des Golteskiiuders spielt sich im kampf• fwnlinteu Lehen des Propheten Elijahu ab, unter dem *Khnlclerhiisrh in der Wüste. ״Fs ist genug, Herr! Nimm K5in Lehen hin: ich bin ja nicht besser als meine Väter!“ -- b spricht von der tiefen Menschenkunde dieser Stelle, daß!!״ spater Erbe der Propheten, der Philosoph Hermann -olieri, diese Flijahu-Stelle, zumal in der Begleitung durch «t Mcmlrlssnhnsclic Musik, in welcher er altjüdisches Erb• Öt ni finden glaubte־, besonders liebte. In seinen Briefen hat (ז diese ״Elias-Stelle“ (er zitiert liier das Oratorium, nicht "1י Bibel!) geradezu wie ein eigenes Erlebnis verzeichnet ־™ fg'denkt ihrer, wenn auch ihn der Ueberdruß am Leben M seine Enttäuschung überfällt. m den prophetischen Genossen aber hat wie es scheint, sein Lehen fortwerfen verwurzelt erscheint er mit dem Dasein Menschen -- mit seinem Ir de. Ais sein Volk, das ״Geschlecht Im Gegensatz. "osclieh niemals, ,ollen: zu fest Jod seinen Verpflichtungen für den ,״k a״f der Erde. V«tc״, in Wahn und Verblendung, kaum daß es die 'ifnhanmg am Sinai empfing, das Goldene Kalb aubetet, *«׳bricht er wold die Tafeln in seinem Zorne — aber er N ist nicht mit ihnen zerbrochen. Als die wankcl- ,.,״״gen Volksgenossen, der Mär von den Kiesen im Lande an.!,!״ glaubend, in blasser Angst umkehren wollen nach K.vpten,... auch da ist er weit davon entfernt, an ihnen ן a a״ Sl'i״em Werk zu verzweifeln; im Gegenteil, er bittet 1; .s,c• daß Gott den Irrenden noch einmal verzeihe. (.יי “״'enn dieser Mann einmal als höchste Steigerung seiner ™ lur die Sünder zu Gott sagt (Ex. 32, 32) ״wenn Du rj. verzeihen willst, so streiche mich aus dem Buche, das , gesell riehen hast“, so will er damit — nach Raschi auf ל" vv°hi auf sein Amt und seine Berufung, nicht aber ״ *c,n Dasein verzichten. Und gerade zu diesem Manne, der t f;a״/cs Wesen auf Verwirklichung gerichtet ist, kommt n1(J°d״nd sagt; Halt ein! Noch mehr; er kommt tingcd«, .1.י״״ unangekiindigt durch die größer werdende Schwäche Entt:■ 1 ’ cr kommt just in dem Augenblick, da der oft k ־»*!»״ sich am Ziel seines langen Wände rns und Wirden Dahin ist das Geschlecht, dessen Stirne noch bc11״, c,mBel der Knechtschaft trug, aus der sie der Herr ״tit hatte; ' ׳־ bc! :m. die S1MCHATH THORA*) Von Saul Tack crBteilowikt Aua dem HehriiiackeB Bliertrtfta in M. Elk- Statt!• Im Beth-hamidrasch, welch Gewühl, Wie brennt die Hitze, strahlt das Licht! Und voll ist es, wie nie zuvor, Bis zu dem Frauenraum0 dicht. Der Lärm wächst immer stärker an, dm Knaben drängt sich Greis und Mar**, Bis vorne hin zum ״Misrach״, Und Strome /Jehls ergießen sich In jede Ecke, noch so blind, Papiertalerncn, Licht in Blei, ln Scherben, die durchlöchert sind. Und einer ruft: Chasan, fang an! na ' fetzt tritt die Knnbenschar heran, Die kleinen Hellen Juden, Sie gehen langsam, schreiten sacht, Die ersten II ’eghrreitrr, ln Hunden Bonner, Bahn' um Fahn’t Mil Ae ff ein, fröhlich heiter. Die Kerze obendrauf erstrahlt. Sie flackert hin und her und malt Den Glanz au/ die Gesichter. Der Chnsan kämmt, der Cbasan singt, Die ״Helfet" hei ihm singen, Der Gnhhe singt, der Farnes singt, Im ״Aulom" Sang und Klingens Tara, humhum, so weiter fort. Der /Schuster, Schneider, wer noch dort. Selbst der Rabbiner Doktor, Und mit den Thoraroilen kommt Die Trägerschar geschritten. Das strahlt und funkelt. Seid/ und Samt, Und Farbenglanz inmitten. Und auf den Kronen Silbers, Gold Erklingen fröhlich, klingen hold -1 ' Die vielen kleinen Glhcklein, Die Träger schreiten langsam sacht, Umtobt vom frohen Singen, Ahnt drängt sich vor, man hebt di« Band, Sie hin zum Kuß zu bringen, ״Mag’ dieses fahr Euch gut vergehn, Auch Ihr mögt Freud und Glück nur sehn", Alu* hört heul selbst die Mädchen, Die stehen Seit' an Seil’ gedrängt, Die Starken und die Zarten, Auf kleiner Bank, auf sthwankem Pull, Es scheint ein IVundergarinnt Die Augen schwarz, di« Augen blau. Das leuchtet schwarz und blau und grau, Die Wange* frische Aepjel. Das Haus Ist voll von Hits' und Lickt, Von Zneben, jubeln heute: Der spricht, der singt, der klopft1 seid stillt Es strahlen alle Leute. Der Chnsan kommt, nun ist er da: ״Der Armen Helfer, sei uns nahl“ Das Volk gibt fröhlich Antwort, Dies ist der Augenblick, wo der Prophet das Propheten• tum ahlegt und nackt und bloß vor dem Menschen steht —׳ ein Mensch, verzagt wie die anderen alle. Dann aber findet die Sage den Umschwung. Gott der Herr will seinen Knecht nicht ohne seine t imvilliguiig von der Erde fortnehmen; und so geschieht jetzt eine grandiose Unterweisung des Lcbenslitingrigen in der Lehre vom Sterben. Ihm wird Jostia gegcnubcrgeslcllt, der Schiller dem Lehrer, dem cr alles verdankt. Und wie nun mählich eine Krone nach der anderen vom Haupte des Allen fallt und den Jungen ziert: wie die Krone der Ehre fallt und die Krone der Weisheit -- Moschcli steht demütig am Eingänge, und Josua sitzt auf dem Stuhle des Lehrers; Moschcli will den vT orten seiner eigenen Lehre folgen und der Sinn Weiht ihm dunkel — da cmllieh willigt er seihst ein in sein Scheiden. ״In diesem Augenblicke rief cr zu Gott: Herr der Welt! Bis zum heutigen Tage flehte ich Dich um mein Leben an; nun aber ist meine Seele Dein.“ Noch eine andere Fassung dieser Sage gibt es, die den schwachen Erdrnsohn verbirgt und den Propheten bis zum Schlüsse in seiner Art und in seinem Berufe zeigt: Gott der Herr stellt ihn vor die Wahl, ob er am Leben bleiben wolle, wenn Israel dafür verderben müsse. — Aber mit der großartigen Kühnheit des Gottesst rriters antwortet der Pronhet: ״Herr, Du schmiedest Ranke gegen mich — Du faßtest den Strick an beiden Enden! Mögen Moecheh und tausend seinesgleichen sterben, wenn nur Israel besteht!" Nach diesem großartigen psychologischen Vorspiel beginnt das eigentliche Drama *vom Tode Mo« ichehs. Gott selbst klagt um seinen getreuen Knecht — wie ein König, dessen Weib starb und der einen aufruhreri* sehen Sohn hat; nicht nur sein Weib verlor er, sondern auch den Fürsprech für den Sohn, den trotz alledem geliebten. Und die Welt klagt, daß sie den größten ihrer Sohne missen soll. Die Engel weigern sieh, dem Prophrten die Todes• botschaft auszurichten: Michael und Gabriel, deren Schüler er gewesen ist. Nur der böse Engel Srmael übernimmt die Botschaft. Aber Moschch ergreift seinen Stab, auf dem der Gottesname steht, kämpft mit ihm und besiegt ihn. Und die Seele Moschclis weigert sich, seinen Körper zu verlassen. Da drückt der Herr einen Kuß au!" Moschchs Lippen und nimmt ihm die Seele durch den Hauch seines Mundes. Aber Gott selbst weint und spricht: Wer wird mir wider die Gottlosen beistclien? Himmel und Erde weinen — und Josua sucht seinen Lehrer und findet ihn nicht.... Es ist dieser letzte Teil der Todcs-Sage, der alte und neue Dichtungen am meisten befruchtet hat. Um von vielen anderen Spiegelungen zu schweigen: nur von zwei Gedichten, in welchen dies Motiv wieder auflebt, sei hier gesprochen —- und zwar in einer ganz bestimm* ten Absicht. Denn sie verkörpern eine sehr bezeichnende Wandlung im Empfinden der Zeit und ihrer Dichter. Gerade so wie Ach ad H a a m in seinem schönen Aufsatz über Mosdieh seinen Tod als eine historische Notwendigkeit dar• stellt; erstarb, weil seine Zeit zu Ende war, die Zeit der Idee, und nun die Zeit der Verwirklichung neue Aufgaben stellte und neue Männer brauchte — so heißt in diesen neuen Dichtungen eigentlich nicht mehr Moschch der Held, sondern ... Josua; nicht mehr der Greis, ob seine Kraft auch noch ungebrochen ist, sondern der junge Führer des kom• inenden Geschlechts, ln KarlWolfskehls ״Nebo“ heißt es etwa: ״... die Welt der Wanderung Geht nachtend unter, und ein neu Gesetz Heischt neuen Herrn...“ Aber in Bialiks markigem Gedichte ״Die letzten Toten der Wüste“ vereint sicli der junge Held mit dem alten. Da will Josua vom Berge her dom Volke der Wüste kurz vor der Eroberung der Heimat mit Worten, die wie Flam• men brennen und wie Pfeile treffen, Mut und Kraft in die Adern gießen; und die verlassene Wiistc scheint seinen Ruf widerzutönen: ״Auf, Israel, zuin Kampfe, auf!“ — Aber schon lange sind die Posaunen verstummt, schon stieg der Fürst wieder ins Tal - und noch steht das Volk stumm, unbeweglich, das Antlitz zur Wüste gewandt: ״Was stehn sie so stumm, was harren sie still? Was blicken zu in Berg sic empor? Weh! Jedermann weint um den göttlichen Mann, Um den Führer, den jeder verlor...“ Bertha Badt-Strauß. sic liegen — nach der Sage — in den Grä- ס"!, s'e sich mit eigener Hand am 9. Ab jedes Jahres L“ ״“•I«. Und heran wuchs ein neues Geschlecht —־ das 1|־vecht Josuas, furchtlos und beherzt wie HkÄL'T kommt der'Tod'und'sagt':' Du sollst die Ernte *10"״len, um die Du Dich mühtest. Und da,., wider« er. *) Titel des hebräischen Originals: (Umzüge). Widerstreben gegen den deutlich ausgesprochenen Willen Gottes hervorruft; da geht cr, so erzählt die Sage, zum Himmel und zur Erde, zu den Sternen und zu Matatron, dem ״inneren Fürsten“ und bittet jeden von ihnen, sein Für• sprech zu sein, daß Gott ihn am Leben ließe. Vergeblich. Dann aber - mul das ist das menschlich Ergreifendste in diesem Scclcnbiide — sucht cr _ das entfliehende Lehen durch deti Verzicht auf seinen eigensten Beruf zurückzu• halten. Nicht mehr als Prophet — nur als einfacher Mann will er leben; wenn ihm auch das verwehrt sei, dann als Tier, das Kräuter (rißt oder als Vogel, der hierhin und dorthin fliegt - nur leben will er und das Land scheu, das cr sich sein Leben lang erkämpfte. Und kann er’s nicht mehr lebend betreten, dann will er wenigstens als Leiche dorthin gebracht werden, w׳ic ja auch Josephs Gebeine, dem Versprechen der Väter gemäß, von den Söhnen treulich mit ins Land der Heimat gebracht wurden. Aber auch das wird ihm verwehrt. — Da wendet er sich fast mit Bitterkeit an die Kinder Israel, die Gefährten seiner Wiistenwanderung, die nun glücklicher als der Führer, das Ziel erreichen, und erbittet von ihnen eine Grabschrift: ״Und er sprach zu Israel: Gewährt mir die Bitte und ge• denket meiner Gebeine, wenn Ihr ins Land kommt, und sprecht: Wehe dem Sohne Am rami, der wie ein Roß vor uns her rannte vierzig Jahre lang — und dessen Gebeine in der Wüste geblieben sind.“ Schabbath in Worms Das Rasehi-Tor in Worms wölbt sich wie ein Symbol über die Straße, die den Eingang zum früheren Juden• viertel bildet: dunkel, geheimnisvoll blickt es auf den Wanderer herab und kündet von einer uralten Vergangenheit, Düster und melancholisch muten die engen Straßen an, über die man auf holprigem Pilaster, an romantischen Winkeln vorbei, zu jener Statte gelaugt, die seit neun Jahrhun• der ten der Mittelpunkt des jüdischen Lebens in dieser Stadt ist. Die Synagoge gibt in den Grundzügen etwas von der Art wieder, in der sie ursprünglich gebaut gewesen sein muß. Dern Besucher, der am Freitag Abend dieses Haus be• tritt, kommt es gar nicht so sehr auf die architektonische Gestaltung dieses Hauses an. Ein Jude kann nicht in diesen Raum treten wie in irgendeinen Dom, in dem cr sein Hauptatigenmerk aut die künstlerische Wirkung richtet, die aus diesem Gebäude ausstrahlt; die künstlerische Wirkung der Wormser Synagoge ist nichts gegen die Gewalt des Freiburger Münsters oder des Kölner Domes. Was uns an diesem kleinen, aber durch eine lange Geschichte geheiligten Orte packt, das ist das geschichtliche Erleben, das diesen Raum immerfort durchflutet und den in die Geschichte sieh eingebettet wissenden Menschen nicht zur Ruhe kommen läßt. Geschichtliches Erleben ist eine Sache der Kraft. Man muß Geschichte erleben wollen. Aber es gibt doch einige Orte, in denen selbst ganz «!!geschichtlich eingestellte Men• sehen mit ihrem ganzen Fühlen und Denken in die Vcr• gangenheit zurückkchren müssen, einfach weil der Ort cs so will. Und einer solcher Orte ist Worms. Wem hier nicht Vergangenheit lebendig wird, der hat die Gegenwart auch noch nicht erlebt. Schabbath in Worms•,, Mail sitzt in dem alten Gestühl neben dem Almemor und blickt hinaus. Tatsächlich hinaus. Die Wände des Raumes scheinen sich geöffnet zu haben in eine unermeßliche Weite . . , nach rückwärts. Um .lCXX), so erinnert man sich, sind dort die ersten Juden hin• gekommen. Und eine Sage hat sich darum gesponnen. Sie seien, so sagten sic, die Nachkommen des Stammes Benjamin, der soeben in Palästina aufgerieben worden tei. Der; Stamm Benjamin hat sich in unserer Oeschichte als