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Jüdische Rundschau · 1934-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 76/77, 21. IX. 1934 Sukkoth - Erlebnisse Von Montdor Sukkoth i׳;t wirklich das Fest unserer Freud c; imn ןו.:ן• vor 50 Jahren, wo wir Kinder noch nicht* von der Fredu'it der J11gc11׳(Uumclc gekannt haben, wie die heutige Jugend. Man^ ging Sonntags, feierlich an gezogen, in enganliegenden Kleidern, deren Schonung einem immer wieder anernplohlcn wurde, brav mit den Ellern spazieren, die aber meistens wenig Lust 711 einer Unterhaltung mit der Jugend zeigten. So war Sukkoth mit dem A11 Uralten u|ul Ausschmiükcn der Sukkah, dem Uereinbriugen des Laubes und den Deeken cm willkommener Anlaß zu freudiger Geschäftigkeit. Die älteste Erinnerung, die den tiefsten Eindruck auf!nein kindlich.religio,1s Gemüt machte, war die sehr große Sukkah meines Großvaters. I)ie,,cr, ein großer Talnmdkcnncr, der sogar mit dem Titel ״Morenu“ ausgezeichnet war, war eine sehr würdige Erscheinung mit einem langen, weihen Bart. Die Sukkah befand sich im sechsten Stock des sehr hohen Hauses, und mein Großvater untersuchte selbst im hohen Alter »och das ganz mit Lulawim gedeckte Dach auf seine rituelle Brauchharkeit. Ein kleiner, aufgeweckter Knabe, der später ein bekannter Lehrer wurde, beobachtete da! in der kolossalen Hohe auf dem Dach der Sukkah sfebenden Greis vom Hofe aus. Er rief den Enden der Nachbarschaft zu: ״Seht mal, da oben steht der liehe Gott!“ Diese Sukkah hatte ein großes Vorzimmer, wo alle Geräte, die nicht auf den Tisch gehörten, abgestellt wurden. Unsere Weisen sagen nämlich, daß man nur schöne Geräte in die Sukkah stellen soll. Darin waren einiqc historische Bilder, die mein lebhaftes Interesse erregten und die heute noch teilweise im Besitz unserer Familie sind. Es waren Bilder aus Frankfurts Franzosenzeit. Die Sukkah stand jedermann zur Verfügung, besonders den Besuchern der im Hause gelegenen Synagoge und den Besuchern der in dieser Straße ahgchaltencn Fruchtbar•;«■, die jeden Montag aus den abgelegenen kleinen Ortschaften kamen. Meine Großmutter, eine sehr tüchtige Frohnatur, war glücklich, wenn sic die Leute bewirten konnte; mein Großvater beriet sic in all ihren religiösen Angelegenheiten. * In meinem Eltern hause vor der Stadt, im jüdischen Viertel, waren fünf Sukkoth in einem Garten und 18 in der Strafte; das war eine große Freude für uns Kinder, von einer Sukkah zur anderen zu laufen, wie cs damals Sitte war. In jeder Sukkah bekamen wir Süßigkeiten mit der Begründung: ״Du mußt auch in unserer Sukkah die Rcracha ,Lcschcw basukkah‘ sagen!“ Wir spielten mit Nüssen in den Gärten zwischen den Sukkoth und trielicn allerhand Unfimg mit Anklopfen mw.; denn an dem Sukkoth-Fest wurde Kindern nichts übel ge* nominen. — Unter den vielen erwachsenen Freunden, welche diese Sukkah benutzten, waren viele Tnlmiidgelebrte, die sich tm1 meinen Vater scharten, der in seinem Hause eine ״Schass- Chewrah“ gegründet hatte; diese noch heute bestehende Lern- Institution vereinigt hauptsächlich Katiflcutc zum Talmud- Studium als Erholung nach des Tages Mühe, Auch andere interessante Gäste kamen und sorgten für Humor, so z. B. eine einfache, sehr kluge und sehr populäre Persönlichkeit, deren ,äußere Erscheinung wenig elegant war. Eines der Kinder fragte einmal; ״Was ist der Unterschied zwischen einem Diplomaten und einem Aristokraten?“ Darauf antwortete ein gerade in der Sukkah anwesender,־ witziger Onkel auf unseren etwas deformiert ausschcnden Gast dentend: ,,Sichst du, Herr X. ist ein großer Di plomat, besonders in seinem Fach, aber cs wird wohl niemand behaupten, daß er ein Aristokrat sei.“ Das schallende Gelächter nahm der Gast mit großem Wohlgefallen auf. Soweit meine Kindheitserinncrungcn. Mit 18 fahren verheiratete ich mich nach Karlsruhe in Baden. Wir erwarteten am Sukkoth unser erstes Kind, das natürlich ein Junge sein sollte, so daß man womöglich eine Sukkali-Rrith-Milah haben könnte. Wir setzten alle Hebel in Bewegung, eine Sukkah aufstcllcn zu können, aber cs war nirgends ein unbedeckter Raum da. Fin Hof, in welchem alle möglichen Geschäftsleute ihre Waren und Karren stellen halten, war ganz mit Glas überdeckt. Wir griffen endlich zu dem Ausweg, die Glasscheiben herausnehmen zu lassen. Es war wirklich eine große Mühe, den unerfahrenen Handwerkern den Bau der Sukkah zu erklären, die aller schließlich 50 Jahre hielt. Mau muß zum Lob «1er Mitbewohner des Hofes sagen, daß sie rührend hilfsbereit waren. Am ersten Tag Sukkoth kam zwar nicht der erwartete Junge, aber unser erstes Töcbterchen. Als wir später unsere Wohnung wegen Platzmangel» wechseln mußten, fanden wir in unserer neuen Wohnung eine sehr grolle, festgebaule, mit Ginster gedeckte Sukkah vor. Der Vorbesitzer hatte cs al» Ehrenpflicht angcsehen, eine derartige Sukkah sicli bauen zu lassen. Wir hatten oft Gelegenheit, Gastfreundschaft zu üben, denn cs gab in Karlsruhe wenig Sukkoth. So konnte ich einmal zu meiner großen Freude in meiner Sukkah eine ״Brüh Milalt“ lür Bekannte abhalUn. Nach 15 Jahren mußten wir wieder unsere Wohnung wechseln; wir kamen in ein Haus, wo wir Schwierigkeiten hatten, eine Sukkali nufzustcllen. Im Parterre wohnte der Jnsti/minister v. Dusch, der, al» er uns besuchte, großes Interesse für ,alle jüdischen Bräuche zeigt c. Ir hot uns seinen nach hiuteii gelegenen Garten zum Aufstcllcn der Sukkah an; als wir «her bemerkten, daß das Arbeitszinmier des Ministers direkt am Garten lag, wollten wir doch nicht stören. Wir schlugen unsere ulte ürcttersukkah, die wir 13 Jahre immer verliehen halten, in einem Hole auf, wo alles Vorbeigehen mußte. Sehr freundlich zeigte sich unser Mitbewohner, der JusTtizmiiiister, Er kam ln die Sukkah zu Besuch und ließ sieh alles genau erklären, Einmal bcobachtete er, daß mein Junge es war Sabbat —-, als er anklopfte, nicht gehört wurde. Er sagte lächelnd: ״Ich will lür dich mal klingeln, das darfst du heute ja nicht.“ Wir zogen dann in unser eigenes Häuschen, wo wir uns eine schöne Sukkah Herrichten ■wollten. Das Haus hafte eine Glasveranda, deren Pacli wir uns zum Aufziehen machen ließen. Da kam plötzlich der Krieg. Wir in Karlsruhe horten den Donner der Kanonen, zu uns kauten die ersten Verwundeteii. Und dann kamen die ersten Flieger, die viele Menschvnlebcn vcrnichlcten. Ich hatte die Sukkah gerade fertiggemacht, als plötzlich der Befehl erschien, alle Fenster und sonstigen Lichtquellen stark abzublcnden und zu verdecken. Unsere Sukkah war eine helle Lichtquelle. Was tun? Stoffe konnte man damals nicht kauten; man bekam nur das Allernötigste. Wir halfen uns, indem wir alle möglichen alten Sachen und altes Gerümpel zusamineiiHuclitcn. Wir arbeiteten bis morgens uni •I Uhr, und hatten eine der Sukkah würdige Verkleidung zustande gebracht. Die kleinen Sorgen halfen mir, die großen zu vertreiben. Aber mehrmals sollten uns die Flicgersclireeken den Feiertag zerstören. Z. B. mußten wir am Versölmungstage dreimal aus der Synagoge in den Keller Büchten, um dort den Gottesdienst weiter ahztihalten, ln einem Jahr wurde zur Schonung der Wälder das Sammeln des Laubes für die Sukkah verboten. Mein Sohn schickte mir aus dem Feld ein Bild von einer Sukkah, die er sich mit noch einem Kameraden im Unterstand gebaut hatte. * 102-1 kamen wir nach Hamburg. Dort war cs für die meisten Juden selbstverständlich, eine Sukkah zu ha heu. Hier, wo durch die eigenartige Bauart wenig freier Raum war, sah mm! Sukkoth auf Sciiwebcschieucn zwischen zwei Balkons, man sah Sukkoth aus Eierkisten, aus Tabaksrollcn- Verpackungen, andere aus vier, mit Tüchfern iimhiinßtcn!,flocken, viele nahmen über ihren Dachkammern die Ziegel aus dem Dach und verfertigten sich auch so ״koschere Sukkoth“. UeberaU zeigte sieh der Wille zur Festesfreude. 102(1 waren oft Strnßcnkrawallc, weshalb man mir riet, keine Sukkali im Vordergarten aufzustcllcn. Da mußte meine alte Bretlcrsukkah Mieder herhalten; sic wurde auf dem hinteren Balkon aufgestcllt. Im folgenden Jahre baute ich eine neue Sukkali, zu der icii nur eine Wand benötigte, da der Balkon, auf dein sie stand, mit. der Glasveranda die anderen Wände bildete. Gerade in der jetzigen Zeit sollte man die Feste, die uns eigen sind, mit Stolz begehen und unseren Kindern die überlieferten Gebräuche übermitteln. In Jerusalem ist soeben eine Straße nach J es als Press, dem Herausgeber des bekannten Palästina-Handbuche*, benannt worden. Die London Film Company wird den Roman ״Joseph ti n d sei ne B lüde r“ verfilmen. Thomas Mann wird die Tcxtbcarbeitnng, die Ludwig Ifiro besorgt, vom künstleri* sehen Standpunkt aus prüfen und den Filmaufnahmen in London beiwohnen. Aktuelle Geschichte Ein Vcrtammlungihaut In Hannover ' Auf dem Hofe der alten Synagoge in Hannover steht ei* Mauerrest der Irutzbiirg Lauenrode, die die Burger \0! Hannover 1371 zerstört haben. Int Jahre 1609 gestattete der herzogliche Vogt den Juden, an dieser Stelle ein Bet haut zu bauen. Die städtischen Bürger, die dem herzoglichen Voa auch sonst Eigenmächtigkeiten vorwarfen, ergrimmten <J!J, über, dal! auf städtischem Grund und Boden der ״gottlose* Tempel der Juden, wie cs in den Urkunden heißt, errichtet werden sollte. Der Protest geschah in solenner Form, Magistralsbramtcr erschien mit einem Notar und Zeugen und warf einen Stein in den Bau, 11״t novo operi contradiceret notarhnn et teste*". Das Bethaus mußte wieder *bgt. rissen werden und einige Jahre später wurden die Juden aus Hannover ausgewicicn. Sic wandcrtcn nach H11, d c s 11 c i in. Das Ergebnis des 30jährigen Krieges war die Stärkung der Macht der Landesherren, und diese waren der Meinung daß eine intelligente und arbeitsame Bevölkerung wie die Juden zur Hebung der zerrütteten Volkswirtschatt beitragen werde. Den Juden wurde die Rückkehr nach Hannover ge. stattet, und seitdem bestellt die Gemeinde. Der älteste Grab. Stein auf dem alten Friedhof ist 1631 gesetzt worden. Unter ihm schlummert einer der Vorfahren Heinrich Heines, dessen Urgroßvater lind Großvater, Simon und Chaim Bückeburg ebenfalls dort ruhen. *' Der bedeutende Fürst, der damals in Hannover regierte der Herzog, spatere Kurfürst Ernst August, begünstigte die Juden! Seinem Kammeragenten, dem Oberhoffaktor Lefl. mann Behrens Cohen (1611 171t), ist die Festigung der Gemeinde zu verdanken. Er verschaffte ihr das Recht auf den Friedhof, er erwirkte die Einführung des Lanclrabhinats und die Erlaubnis, an der Stelle, an der früher das Bethaus ge. standen hatte, eine Synagoge zu errichten. Im Jahre 1700 wurde die alte Synagoge erbaut. Dort wurde der Gottesdienst ahgclialtcn, bis 1870 für die stark angewachsene Gemeinde die monumentale, von Opplcr erbaute neue Synagoge elageweiht wurde. Der alte Bau verfiel. Niemand kümmerte sich mehr darum, sind wer noch vor einigen Monaten die Stätte betrat, war Cntsetzt über den Verfall und die Verwahrlosung der geweihten Stätte. Die Gemeinde erinnerte sielt erst wieder daran, als im vorigen Jahre di« Stadt den jüdischen Turnvereinen die Erlaubnis zur Benutzung der städtische« Turnanstaltcn entzog, und sic beschloß, die alte Sy#• agoge zu einer Turnhalle aus-zugcstaltcn. Wenige Tage vor Rösch Haschanalt fand die Einweihung statt. Der Vorkämpfer der jüdischen Turnbewegung in Hanno• ver, Adolf Cohn, *lern von der Gemeinde die Einrichtung übertragen worden war, übergab dm fcrtiggestcllten Raum der Gemeindeverwaltung. Der erste Vorsteher der Gemeinde, Kommerzienrat Berliner, weihte den Raum ein und schlug zum Zeichen, daß er in Zukunft im wesentlichen profanen Zwecken dienen solle, eine Me s u s a an. Der Raum ist wundervoll, in edlem Stil gehalten. Du Mauerwerk erwies sich also so stark, daß keine wesentliche« Veränderungen notwendig waren. Die Akustik ist vorzüglich. Nun hat die Gemeinde ein jüdisch es V o I k 1 h 111 s. Et soll den Turnvereinen als Turnhalle dienen und auch Vet» Sammlungen werden dort abgeh,alten werden. 119 ns Block. Das neueste Heft der ״Zcttsdirilt für die Geschichte der Juden in Deutschland“ ist dem Flcrausgchcr der Zeitschrift, Professor El bogen, zu seinem 60. Geburtstag gewidmet. Es enthält eine Reifte interessanter Beiträge, So untersucht Selma Stern, die bekannte Verfasserin der Untersuchung über J111I -Süß, in einer Arbeit über ,,Die Juden in der Han• ilelspnlitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen“ die Motive der Widersprüche, die sich in der Zulassung von Juden zu Industrie und Handel zeigen. Ein Beitrag von (itiido Kisch befaßt sich an Hand von Fa niilicndokumcttfen mit der Gleichstellung jüdischer Akademiker mit nicht)(Wischen um das Jahr 18(MI. Ein Beitrag von Fritz Aronstein vermittelt die Bekanntschaft mit einer Novelle Grimmelshausens, die eine jüdische Handlung hat. Erwähnenswert ist auch der Aufsatz, von Luitpold Wallach ״lieber Leopold Zum als Historiker“, der bei der geringen Literatur, die wir bisher über Zunz besitzen, nicht unwichtig ist. Hebn au» gt maaci Pro gi Aufd ttaiti Erinnerungen eines Berliner Juden Von Arthur Elocsscr . Der achtzigjährige Goethe, der die Geschichte seiner Jugend schrieb, der in seinen Tag- und Jahresheften täglich und fast stündlich über sielt Buch führte, hat trotz allem das göttlieh leichtsinnige Wort!unterlassen: Was ist Gestern? Gestern ist gar nichts! — Was ist altern? Altern ist mit Gicht, Verkalkung und sonstigen Beschwerden behaftet *ein, aber so oft diese unangenehmen Altersgenossen auch auf treten mögen, Altern bedeutet im wesentlichen: keine Zukunft mehr haben, und wenn der in Jahren Fortgeschrittene sich gern des Gestern und Vorgestern erinnert, wenn er an seiner Lebensreise, ■die oft einer Fahrt ins Blaue glich, nachträglich die Stationsnamen anzubringen sucht, so heißt das wohl «der sollte wohl heißen, daß er nun auch in seiner Vergangenheit seine Zukunft zu entdecken vermag. Wir Juden und gerade wir, die wir uns für sehr assimiliert halten durften, haben trotz allen Schicksalsschlägen die eine Entschädigung gewonnen, und — ich muß das Wort hierher setzen — die eine glückhafte Erhebung erlebt, daß wir uns als Juden entdecken durften, daß wir, auf unsere Vergangenheit, demgemäß auf unsere Bestimmung zurückgewiesen, unser Sein aus sehr vergrabenen Wurzeln wieder erneuern, unsere zerrissene, scheinbar gerade in uns abgerissene Geschichte wieder verknüpfen konnten, die, ob glücklich «der unglücklich, vor allem wieder aktiv und eigengesetzlich werden soll. Als ich vor kurzem in Palästina landete, glaubte ich nach zweitausend Jahren leibhaft zurückztikehrcn an Stelle eines Ahnen, der dort als Bauer gesessen hatte, um dann, mit Griechen oder Römern ziehend, während einer etwas langen Episode in den Wandel eines Händlers, Mittlers, eines Schweitenden zwischen den Völkern gezwungen zu werden. 1• Der sonderbare Name Ich wurde am 20. März. 1870 in Berlin geboren, also wenige Monate vor Ausbruch des deutsch-französischen Kricges, worauf ich mir als Kind nicht wenig einbildete, als-ob ich noch rechtzeitig zur Welt gekommen wäre, um ein so bedeutendes Ereignis mitzucrleben. Den Sommer nach meiner Geburt verlebten meine Eltern in Pankow, das damals noch als fashionnbel genüg galt; meine Mutter aber, früh verwaist aus Pommern zu Berliner Verwandten übergcsiedclt, war noch in ihren Mädchenjahren nicht anders als Georg Hermanns Jett- Chen Gebert nach Chariottenburg auf Sommerwohnung . Jl gezogen. Mein Vater erzählte mir später von Zuaven oder Turkos, die ihre Kriegsgefangenschaft in Pankow verbrachten und die meinen Kinderwagen, wohl auch die dazugehörige Amme, nicht eben feindselig augriusten. Mein Vater war als junger Kaufmann, wohl im Anfang seiner zwanziger Jahre, mit dein großen östlichen Zuzug nach Berlin gekommen, und zwar ans Ostpreußen, wo seine Familie, soweit ich das später fcststellcn konnte, mindestens seit der Mitte des 10. Jahrhunderts gesessen liabcn muß; :!her es gab in Hinsicht auf diese Herkunft einen kleinen Makel, den er nid 1t ohne einige List und Vorsicht zu verwischen versuchte. In Wahrheit war er, und zwar als einziges von sechs Kindern, im Pose n sch >׳n zur Welt gekommen, wo sein Vater, der in Ortelshurg das ostpreußische Nationalgevverbe der Oerberci betrieb, sich wohl aus geschäftlichen Gründen einmal aufhalten mußte. Das war ein Versehen des Schicksals oder eine fatale Zufälligkeit, die man schon korrigieren durfte. Die* ostpreußischen Juden fühlten sich ihren Posenscltcn Brüdern weit überlegen, glaubten sich in deutsche Kultur und Geistesart tiefer eingewachsen, vor allem mit der Geschichte ihrer Provinz enger verwachsen, die erst als die der Aufklärung dann als die des Liberalismus galt und die, wie man meint e, gegen ihre wohl assimilierten Juden keinen Aniaß mehr zu antisemitischen Aetißcrtiiigcn oder Gesinnungen fand. Man bcrief sich vor allem auf Johann Jacoby, der Königsberg «in preußischen Landtag, in der deutschen Nationalversammlung vertreten und der Friedrich Wilhelm IV. bei der bekannten Audienz das Wort von den Königen cntgegengcschleiidert hatte, die die Wahrheit nicht hören wollen. Diese Säuberung von Vorurteilen durch die Macht der reinen Vernunft, so hofitc man, würde sich auch aul die jüngere preußische Provinz ausbreiten; aber man war vorläufig noch nicht so weit, wo cs auf der einen Seite ein halb polnisches ״ungebildetes“ Wesen, auf der anderen ein noch etwas gliettohaftes, der modernen Kultur noch nicht ganz, aufgeschlossenes Zusammenleben der Juden gab. Aus der entlegeneren Vergangenheit meiner Familie, was ich heute bedauere, hörte icii nicht viel, und cs war wohl auch nichts besonderes zu berichten; man hatte Geschäfte gemacht, gute und schlechte, meistens wohl schlechte, aber man hatte unter allen Umständen Kinder, viele Kinder bekommen. Wenn irgendeine Tradition noch weitcr gegeben wurde, so war cs mehr eine von ostprcullischer als von jüdischer Eigenart. An der Tür unserer alten Wohnung, in der ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbrachte, war eine offene Mctalllnilsc angebracht, die als Inhalt ein Röllchen Papier erkennen ließ. Da ich als Junge meinen Vater nach ihrem Zweck fragte, hielt er sich nicht lange auf mit der flüchtigen oder beiläufigen Erklärung, daß die zehn Oebote darin enfhalten seien.' Die Mesusah ist dann bei unserem ersten Umzug nicht mitangekommen. Wenn ich etwas besonderes an meiner Familie fand, so war cs der N a 111 c, «len außer »ms mir noch einige Brüder oder Vettern meines Vaters in Berlin trugen, die gleich ihm, da sie wohl fast alle mit Textil- «Hier Mamifakfursacheit zu tun hatten, über das nicdcrschlcsisclic Leinengebiej in dir Hauptstadt gerückt waren. Die einzige Frage, die ich wohl über unsere Vergangenheit an meinen Vater gerichtet habe, war die nach der Herkunft unseres sonderbare» Name 11 s. Der Philologe in mir war frühzeitig wach gewof• den; außerdem mußte ich ihn nach jeder neuen Versetzunj oder nach jedem neuen Sitzenbleiben dem Klassenlehrer vor• buchstabieren, der dazu den Kopf schüttelte wie zu cittef Vokabel, aus der kein richtiger Sinn heratiszubekommen wir. Wenn ein Schüler ״mosaischen Glaubens" sich Rosenfelo oder B tum ent ha I nannte, so war alles in Ordnung, um wenn er sieh mit noch leiserer Betonung als Moses he* kannte, so wurde darüber im Klassenbuch mit einem nach.«*״• tigen Lächeln quittiert. In meinem Ausnahmcfall, dem ko״* Assoziation zu Hille kam, schien immer eine Frage diskret unterdrückt zu werden; Leute wie wir hatten eben ihre Eißf״* tümlichkeiten, mitunter fremde und entlegene, die aber dort durcii keine besondere Aufmerksamkeit beehrt zu wertp brauchten. Mein Vater hat mir die Sache so dargestellt; Als die P«*•* Bischen Juden im Jahre 1812 bürgerliche Familiennamen annch• men mußten, sei sein Vater in Insterburg, wo er nach• denklicli und unentschlossen zum Rathaus ging, von einem christlichen Nachbarn namens Elocsscr wegen dieser m* sorgten Miene angehalten worden. — ״Ich habe immer noen keinen richtigen Namen für mich Befunden,“ erklärte ihm Großvater. — ״Zerbrich dir nicht den Kopf, nenn dich einfacn auch Elocsscr, wir sind ja alte Freunde“. — So geschah «• Da ich schon halbwüchsig und, wie gesagt, angehender P״■ lologe war, so hielt ich diese Erklärung lür eine Lege«׳'״ die von späteren Freunden, von Germanisten, von llcbrii*«״, christlichen und jüdischen, als z.icmlich freie Erfindung <* lächelt wurde. Lagen doch andere durcii die Bibel gegen״' Erklärungen viel näher, die man schon in Anbetracht »״;« Alterswürde vorzichcn mußte. Einige wollten in dem geheim* nisvollcn Namen eine Variation von Eli es er entdecken, *0■ raus aber auf dem Wege der Verschlcifung nur ein L e 1 ser oder besser werden könnte; andere und besonders prot«״»״ tische Theologen, die es noch höher mit mir im Sinne hat«״, bestanden auf der Abkunft von EI o 11 i m. Was aber w Esser damit zu tun hatten, getrauten sie sich auch mein » erklären. Ich weiß nicht, ob unsere Namensbelehnung wirklich in netten Art stattfand, wie sie mir mein Vater hinterlassen ״•h jedenialla konnte ich mich durch spätere Begegnung® יי" Naehlort gehabt 1 verteilt, mens, v» hundert nen und «eilen C Ein Jmj arzt ein aber zu bringen, Sinnes t *1• spät litten S Frage | wurde 1 Stellung mens, ן den m* Unversy Fleckcft litauiscl m, w: Wipp 11 3 *.4 j Nenia! leiblich! Schreib einige Abstam den mt spiel a 8*brocl eben v« nschbai meine j B*ßegl »chaft konnte, ihren-| *•* Sch nicht ן htitSW( 11 ־, Jruc ««trag,

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