Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 75 (18.9.1934)
- Date
- 1934-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 bewegt. Da befahl der Flirst, ihn mit Gewalt zu bringen. Der I nrst warf ihn( vor, datt er sein gegebenes Vcrsprechen nicht eingclöst Ik,Ih\ I>;1rm1f antwortete der fromme H. Amnon: Ich will mein Urteil selbst sprechen: Die Zunge, die gegen dich 1 rtlsdics uiul lügenhaftes ausgesprochen hat, die muß hcrausgrschnittcn werden. R, Amnon wollte damit den Namen des Heiligen, gcbcnedeict sei Er, heiligen, indem er für seine ausgesprochenen Worte des Zweifelns die verdiente Strafe erleiden wollte. Per Fürst antwortete ihm aber: Nicht doch, Amnon, nicht die Zunge werde ich dir heratissclincideu, sondern ich werde dir die Fülk, die nicht gekommen sind, wie du es versprochen hattest, abhauen und deinen übrigen Körper werde ich züchtigen lassen. Und 10 geschah es auch. Aut Befehl des Fürsten wurden ihm ]ÜDISCH E RUNDSCHAU Nr. 75. die Finger der Hände und die Zehen der Fülle ahgehaticn. Danach wurde R, Amnon auf eine Tragbahre gelegt, neben״ ihn die ahgchauemn Glieder, und nach Hanse gebracht, R. Amnon aber ertrug bi Zerknirschung und In Reue den Schiller/ und hielt an seinem Glauben fest. Er bewahrheitete seinen Namen Amnon (Olaubcr), denn er bekundete somit den Glauben au seinen Gott. Bald darauf nahte der Tag des Neujahrsfestes heran um! R. Amnon Hell sich in die Synagoge tragen, wo er sich neben den Vorbelcr hinstellcn ilefl. Als dieser bei Wiederbolung des Mussafgchctcs die Heiligung Gottes, die Kedusch«, anstimmen wollte, sprach zu ihm R. Amnon:‘ Warte eine Weile, denn siche, Ich will vorerst den ehrftirchtgebictenden Namen Gottes und seine Herrlichkeit preisen. Und *s re»? **ף | ך»«-יך־-יץ 1 j 11 | j f 1; 11 te $«0 W9' «״״Ä1 x—■* Jom ׳• Kippur-Cingang Es ist neun Uhr morgens am Erew Jom Kippur; ich bin aut dem Wege zur Klageinaucr, um den Wunsch eines Glau• bigen aus der Diaspora zu erfüllen. Die alte tief,abwärts führende Davidstralle, das lärmende Treiben des engen Basars, der durch das Strömen der Juden zur Klagemauer noch enger geworden zu sein scheint, lind die morschen Altstadt• gehäude mit ihrem Moder• tincl F.iulnisgcructi, bieten das• selbe unverändert traurige Gcsautthild wie vor Jahr und Tag. Nur der unmittelbare Zugang zur Klageinaucr, wo die Armen und Siechen des jüdischen Jerusalem zu sitzen pflegten und den Besuchern die Hände um ein Almosen entgegenstreckten, ist jetzt infolge einer neuen Verordnung ganz leer geworden. Grolle scliw arzbraune und rötliche Flecken an den uralten Quadern künden dem Besucher von ferne den Versuch Un« bekannter an, die Jahrhunderte alten hebräischen Namens- Inschriften mit europäischen chemischen Flüssigkeiten wegzuwasdien, Auf «lens engen Platz vor der Mauer stehen rechts alte ascltkcnasischc Juden und sagen die Psalmen dos Tages her. Anders als sonst klingen die Psalmen am Eingang des ״Hciligen Tags“; kein Schreien und keine Tränen in den Augen, sondern stärkstes Elchen, tiefste Inbrunst und eine Furcht, die jeder wahrhaft Fromme vor der Ungewißheit des himin• tischen Gerichtes an diesem Tage empfindet! Links drängen sich dicht allein,ander orientalische und aschkenasischc Frauen, lesen laut ans dem ״Maane-Lasclion“ und den ״Schaarc- Dem.iolh“ die vorgeselinehcuen Gebete oder bringen persönliehe Wünsche vor, schlagen die Häupter an die Quadern, weinen und jammern verzweifelt. Sdiadiarith in der Judengasse A# der Basareeke, wo man links zur Klageinaucr abbiegt, beginnt die Judeugassc der Altstadt. Niedrige, ebenerdige und Linsiockliäuscltcn mit geschlossenen Läden und vcrricgclteil Haustoren bilden ein schweigendes Ghetto im heiligen Jerusalem 1 Es ist zehn Uhr vormittags, und dennoch״ herrscht überall eine furchtbare Feierlagsstille; nur aus einzelnen Häusern Blickt lüntc einem Feustcrgitter ein Mädchenkopf hervor und hält Au.s.bau, ob schon die Schach,irithpausc begonnen hat. Der grollte Tempel der Altstadt, die ״Chur- Wall des Rabbi Ichuda Haehassid“, ist wohl schön orientalisch geschmückt mul seine gestirnte Kuppel riesig hoch, doch die Zahl der Betenden ist nicht mehr so groll wie in früheren Jahren. Unweit der Cluirwah in einem schmalen Seitengäßchcn befindet sich der Tempel des ״Rabbi Jochanan ben Sakkai“. Durch Stufen gelangt man in dieses unterirdische Tempel• gewölbc, . das an düsteres Mittelalter erinnert. Links am Eingang ist ein in die Wand gehauener Sitz (über den ein Ncr-Tainid hängt) zu sehen, der der Ucbcrlicferung nach als der ,,Thron des Propheten Elijahu“ gilt. An diesen Tempel schließen sich unmittelbar einige andere Bcthäuscr an, in denen durchweg orientalische Juden der Altstadt beten. Während draußen im benachbarten arabischen Basar Lebensmittel feilgcbolen und orientalische Waren gefeilscht werden, flehen diese Judcngemeinden laut zum Allmächtigen, ״der die Herzen der Menschen prüft und die tiefsten Geheimnisse aüfdeekt am Tage des Gerichtes". Breite Arone-Hakodcscli mit kostbaren Parocheth und vielen orientalischen Vermit lauter Stimme setzte er an und rief; Und so «!״, Heiligkeit zu dir auf.-,teigen, dom geheiligt hab1' '11 ״te, Namen, deine Einigkeit und deine Herrschaft, jj,_ן»'5* ״ die Worte, die da beginnen mit ״U 11 ss a 1t e h ״ ץe * der Größe und Heiligkeit des Gerichtstages, tirnTai ','יי mit zu Ende war, gab er seinen Geist auf ן1״,ן * *r 4 ganz den Wicken seiner Umgebung, denn Gott hat sich genommen. * Nach drei Tagen erschien er int Trau zierungen, große Bücherschränke und vereinzelte Teppiche auf den Fußböden mildern ein wenig den traurigen Eindruck dieser unterirdischen Bethäuser. Nindta in der Neusiadi Die wohlhabendste orientalische Gemeinde der Neustadt ist die b u c 11 a r i s c 11 c. ihr Zcntraltempe! ist reich jeschmückt und die Männer, die unterhalb des Taliith einen schillernden Seidenüberwurf tragen, sehen zu Mincha des Jom Kippur exotisch aus. Die hohe Gestalt des Vorbeter« mit der schneeweißen Pelzmütze, die zu Seiten des Aron-Hakodcsch aiigelclmt sitzenden Chachamim mit ihren blassen Gesichtern und grauen Bärten, lassen einstige Priester in ihnen vermuten. Laut, aber gemessen sagten sie die Mincha- Slichoth und schlugen sich in die Brust, daß ״wir vor Dir mit stolzen Augen und dreister Stirne gesündigt haben“. In der kleinen Fraucnabtcihmg saßen die wohlhabenderen Frauen in langen weißen Gewändern und Scldcnschals, manche mit Schmuck geziert, hörten dem Vorbeter zu oder schlummerten augeletmt, ermattet vom Fasttage. Der größere Teil aber der Armen saß draußen vor den Fenstern und wiederholte jedes• mal das Amen. Außer ihrem Zentralteinpcl besitzen die Rucharcn noch einige Bcthäuscr, von denen eines nur für Bachurim bestimmt ist. — Weniger vornehm sieht es bei den Jemeniten aus, die in ihrer Bescheidenheit fast auf dem Fußboden sitzen. Ihr Singsang läßt sic schon von weitem erkennen. Als ich cinlrai, wurde gerade der Minchaabschnitt der Thora vorgelesen. Jeder Satz, wurde zuerst vom Baal• Kore gelesen und dann von einer Schiilergriippe, die auf einem Eußhodcntcnpich saß, so laut und schreiend wiederholt, daß »nein Ohr sich dagegen sträubte. Während die jungen schrien, lasen die Alten leise den Text nach und führten öfters stark riechende grüne Blätter an die Nase, im Gegensatz zu den Aschkcnasim, die sich an ״Tropfen“ erfrischen. — Von den Jemeniten ist cs nicht mehr weit zu den B a g d a d e r n, wo ich mich anfangs in einem asch• kenasisclicn Minjan glaubte. Weder Teppiche noch gepolsterte Sitze, .sondern einfache Bänke und Stühle füllen den Raum des Bethauses, in dem Alte und Junge durcheinander sitzen. Der junge Chasan in seinem langen arabischen Kaftan und dem kurzen europäischen Rock darüber trug mit donnernder Stimme das lange Register der ״ADChet“ vor, während die ganze Gemeinde sich jedesmal reuig in die Brust schlug. Mau merkte es den Bngdadcrn deutlich an, daß sie Vcrgebimg vom Himmel erheischten. ־ - Als die ״Am-Haarazim“ unter den Orientalen sch einen die Kurden zu gelten. Meist jüngere Menschen mit trotzigen Blicken, saßen sic enge aneinander in dem einfachen und kleinen Bethause und lauschten ihrem Vorbeter und Chacham mit dem roten Fez, der ihnen die Minchn-Haftarah vorlas und jeden Satz ins Kaukasische übersetzte. So ward es fast unmöglich, den hebräischen Text der I laftarah wiederzuerkennen. — Das kleinste orientalische Minjan ist das der Aleppo er, in dem auch die Fraiicnabtcilung fehlt, so daß alle Frauen und Kinder draußen vor dem Eingänge sitzen. Ais ich einen alten Aicppoer nach dem Namen des Bcthauscs fragte, argwöhutc er in mir irgendeinen Spion und wies mich dreimal mit der Hand nach einem benachbarten chassldischen Minjau, wo man —• wie er mir zu verstehen gab — ebenfalls 'hn» Nacht dem frommen R. Kalonytnos ben R. Kalony mos, lehrte ihn das Gedieht und befahl ih י־ all dort,'wo Juden wohnen, dieses cinzutuhren ut,amJ “6«י breiten, damit es zum Gedenken und zum Zeugnis Israel sein soll. 8 .-יי. Das Orakel des neuen Jahrei Von jeher ist cs im Judentum üblich gewesen die 11 zahl nicht allein als Jahreszahl /!! nehme״, sondern1‘"1 ihrer Wortbedeutung riachzugdien und dem ztihilligcn Wort eine Parole für das Kunfh/1 15 Kommende zu entnehmen. Wie in fast allen alten So entspricht auch im Hebräischen jeder Buchstabe des y * bets einem Zahlwort, so daß also theoretisch jede 7,1/*; Wort ergehen kann. Es bedarf keines Hinweise! «,»י dieser Möglichkeit in früheren Jahrhunderten, einer ־m* gearteten Weltanschauung und einem anders beschall. Wissen entsprechend, sehr viel gearbeitet worden Dy dart nicht vergessen, daß für den Menschen früherer?►«1 Worte und vielleicht auch Silben eine viel stärkere Kr* kretheit besaßen als für uns, die wir alles zu ahsw;' ren gewohnt sind. Das, was wir heute leichthin als (u glauben abzutun geneigt sind, bedeutete eine echt' i bensbezogenheit für den Menschen anderer Zeiten* Wir glauben nicht mehr an Orakel, an Prophezei!,,,,, und an Deutungen. Wir glauben nicht daran, «laß ay, Wortbildungen über den Inhalt eines Jahres Auskunft *< Voraussicht zu gehen vermöchten. Aber bei aller Skr׳« stutzt man doch einen Augenblick, wenn man *ich 4, Jahreszahlen des vergangenen und de* |״, feil den jüdischen Jahres betrachtet. Das letzte «. disthe fahr 01,יל trägt die hebräische Bezeichnung yj», Dieses Wort *BH wird in! biblischen Hebräisch mit d« Be dciitung ״scheel arischen“ (11. a. im Psalm 68, V. ןן gebraucht, so daß die Wortbedeutung des letzten W!,, etwa die ist: Du wurdest scheel angesehen, tn der Tat, das Schicksal hat im letzten Jahre uns vieles gesdwit woraut wir nicht gefaßt waren, und gar oft haben wir meint, daß die waltende Macht der Geschichte ihr üebenla Auge von uns Juden angewandt habe. Ein neues fahr ist nun heraufgezogen, das die Bereich nung חרציה führt, ein Wort, das die Bedeutung von ,Oefallen haben“ besitzt und das wir, etwas frei, ubrtn geil können; Du wirst wohlgefällig betracht» Verachten wir den Zufall nicht, den uns hier der Wette zweier Jahre hinwirft. Gewiß, es braucht keinerlei Re alität in diesen Worten, die ja nur Ausdeutungen sind, n stecken, und es ist gewiß nicht so, daß die Geschichte nach diesem Gesetz ablielc und wir nun meinen durften,« fiele uns ein gutes Jahr in den Schoß. Aber cs gibt Zuliür, in denen so viel tiefe Bedeutung enthalten ist, daß sie zun Schicksal werden können, wenn man dieses ״Orakel“ rech! versteht. Die stärkste Predigt, die in diesem Iaht zu Reel Haschanah gehalten werden konnte, halten uns das ihgelauf« und das neue Jahr selber. Es ist Mahnung und Tr01t zugleich. Der Trost, daß nach den Zeiten der Verlassenheit wt der Not wieder Kräfte lebendig werden können, die aus 11 dem hcrausfiilircn, was uns niedcrdrückt: daß gleichsam r« neue Geschichtsära für uns beginnen wird, lind cs ist tt gleich die Mahnung darin enthalten, für die Wiederkehr de Gunst des Schicksals alle Kräfte einzusetzen. Mincha bete. Simon Mcnczer, Tcl-Awiw. Der Lektor der englischen Sprache an der VUsaryk-Umj versität zu Brünn, Dr. Mann, arbeitet im Auftrag i<!! englischen Bibelgesellschaft an einer Bibelübersetzung i« « I Zigeunersprache. Wanderer aus Polen Eine Erzählung von Max Spanier (Schluß) Sobald sic den ersten Schritt auf dem Hof hörten, ging Joel hinaus, die Lage auszukundszliaften. Er traf mehrere tänncr, die Wasser schöpften, Mägde, die Eimer nach den Ställen trugen. Sic waren nicht verwundert, den fremden Mann zu sehen, nickten stumm einen guten Morgen. Joel schritt nach dem Bauer nliaus, das sich wie eine Burg iibcr «lein Platz erhob. Er zauderte, bevor er au die schwere Holztür klopfte. Ein Bursche öffnete. Joel verlangte den Herrn. Bald kam dieser, in Hemdsärmeln, mit zerzaustem Kopf, Schlaf in «len Augen. Er rief seine Frau herbei, damit sie das Anliegen des Fremdhngs höre. Joel begann zu erzählen, aufrichtig, flehend, weil er ihr Mitleid erwecken wollte. Daß sie von Omsk atifgcbrochen seien, weil eine Bande ihr Haus zerstört habe, daß -..-..ן .,W. V..»- I'UHVIV. 4M( HUtlS I.VI S\U1 \ imiA, tut» sic nach dem Heiligen Land wollten» um sich dort eine neue Heimat zu gründen. Sie hatten ihre Kräfte überschätzt. Sie mußten einen falschen Weg eiugi'schlagen haben, tage• lauf? St'IOH Kit' 1111 Vf/ülfl«' llllilu'r ,rnii-rt In •>* rr>1^1<>( f*h-t ».11«/1 Ui« lang seien sie im Walde uinhcrgcirrt, hungernd, frierend, bis sic ihrem Fuhrmann begegnet seien. Wie ein himmlischer Retter sei er ihnen erschienen, ln der letzten Nacht sei ihnen «tas Schlimmste geschehen. Der Vater sei erkrankt, er liege in der Scheune und fiebere. Er bitte um Aufnahme für seinen kranken Vater und seine Geschwister, bis sic die Wanderung . fortsetzen konnten. Joel erwartete wenig Gutes; alle Menschen, «ienrn er bis jetzt begegnet, hatten ihn ausgenutzt, beschimpft und betrogen, um so freudiger war er überrascht, als der Bauer aufsprang, seine Jacke anzog und hinausstürmend Tief, selbstverständlich seien sie seine Gäste, er rechne cs sich als hohe Ehre an, ihnen sein Haus anzubieten und sic zu bewirten. Das beste Zimmer, in dem sonst der Pope und anderer hoher Besuch übernachteten, überließ er seinen Gästen. Für die Kinder ließ er ein Mahl bereiten; er selbst bereitete für den Kranken einen Tee und nötigte ihn zu trinken, dieser Kräutertee habe bis jetzt jedem geholfen. Immerfort fragte er nach ihren Wünschen, bot ihnen das Beste seines Hauses und seines Kellers an. In dem weichen Bett fühlte sich Schalom wohler, das Fieber wich, und sic besprachen die Fortsetzung ihrer Wanderung. Sic waren weit vom Weg ab• geirrt, viel zu weit ostwärts gegangen. Der Bauer versprach ihnen, sie mit seinem Wagen .und seinen besten Pferden bis zur Grenze zu fahren. Aber in der Nacht stieg das ■Fieber des Kranken und machte alle Pläne ztmiehte. Es mußte eine hartnäckige Krankheit sein, die in den Vater cingcschlichen war. Seine Kinder suchten sich unterdes l™ ™“1*״ ״‘(•.l'ch zu machen. Joel half auf dem Felde, Koset in der Küche und in den Ställen, Elias lehrte der kleb ״,!LwK da*Lfsc"• Sie betrachteten den unfreiwilligen Aufne!1 ״״״ jT1'11",״" mit Kenntnissen und Erfahrungen im Hiuen Land ihr Werk zu beginnen, Petrowltsch war der Eigentümer des Gutes, aber seine beiden Söhne Pawel und llja waren die Gebieter, schlichen wie drohende Gewitter umher. Wenn Pawel sichtbar wurde, flüchteten «lie Knechte in die entferntesten Ställe, um nicht von ihm gesehen zu wer• den. lija vertrieb sich die Zeit mit Vögclscbicßcn; trotzdem waern beide gut zu ihren Gästen. Schalom lag fiebernd im Bett, mit weiten Augen. Zu• weilen stieg ein Leuchten aus seinem Oeslcht, als hinge ein goldhesätcr Himmel über seinen Augen und er brauchte nur ziiziigreifen, um die Goldstücke an sich zu reißen. Sein Geist lief vorwärts und rückwärts, zurück zu seiner Kindheit, dem dunklen Laden in Krakau, aus dem sic weichen mußten, fliehen wie Mörder, weil ein Pogrom drohte. Ein unruhiges gehetztes Leben, voll Not und Gefahren. Er fand ein Weih, das er liebte, Kinder waren gekommen, Not und Sorgen wuchsen. Das Beten und Lernen gab einzig Licht seinem kargen Leben. Gearbeitet hatte er von früh bis spät, kein Weg war ihm zu *weit gewesen, um einen Rubel zu verdienen, und hatte cs doch zu nichts gebracht. Erst der Ruf Gottes hatte ihn erweckt, seinem Leben einen tiefen Sinn gegeben, Nun stand er am Ziel, er sah das gelobte Land, die Türme und Kuppeln der heiligen Stadt, sonnenbegliinzt vor sich liegen. Er schritt durch das Tor, Bekannte und Freunde drängten sich ihm entgegen und be• grüßten Ihn. Endlich war er da, der Schalom Silberstern ans Omsk, er hatte lange auf sich warten lassen; sogar seine Kinder hatte er mitgcbracht, nur seinen Aeltcstcn nicht, der schlief schon lange in den Masurischen Seen. Er ging durch die Straßen, schaute in die Fenster der Häuser und sah überall Freundschaft zwischen den Menschen. Jeder hatte sein Haus, seinen Hof, seinen Acker, war glücklich und zu• frieden. Hinter dem Tor begannen die Felder. Blühende Weizen• fehler, hoch standen die Achreti und glänzten in der Flut gol- «teuer Sonne. Seine Kinder arbeiteten, Joel mähte, Rosel las die Achrcn auf und Elias half beim Bündeln. Vatcrl Vater! Petrowitsch streckte ihm beide Hände entgegen und sein breites Gesicht lachte; Warum willst du weiterwandern? Hier ist Erde genug für dich und deine Kinder. Sie ist frucht• bar und willig. Du wirst viel Freude an ihr erleben, bleib... in den wachen Stunden betete Schalom o«lcr sprach mit Elias. Der Kranke hatte sonderbare Ideen, kramte neuen Inhalt aus den alten Worten, glaubte tiefer ihren Sinn zu lesen als mancher Deuter. Elias sah, wie weit sich der (leist seines Vaters verirrte und widersprach nicht. Warum einem Kranken die Medizin rauben? ln den Stunden tiefster Scliauung sprach Schalom mit Gott, bat ihn um Rat und Hilfe, ihm weitere Botschaft aufzutragen. Vielen Spuren folgte er und viele Stimmen hörte er. Seltsam Immer drängte sich die Ocstalt des Bauern Petrowltsch hervor, Felder über Felder sah er. Er selbst grub den Spaten in die weiche Erde. Wie die E׳de morlte und drängte! wieder zogen die Türme der heiligen Stadt vorüber und eine Stimme sagte,׳ war et die des Bauern Petrowitsch?... oder eines Oottcsboten?... Auch hier ist deine Heimat. Wo gute Menschen sind,!« Gottes Heimat. Diese Erkenntnis machte ihn glücklich. Er ließ m;t Kinder rufen und besprach mit ihnen die Fortsetzung!7! Wanderung. Joel sah, wie sehr ihn das Reden anstreng.t Rosel faßte seine Hände und Elias legte beschütz tsd sf« Hand auf seine Stirn. Er erzählte ihnen, was er in letzten Tagen gedacht, gesehen und geträumt. Hab* tr ״ nicht gut geführt? Es sei heiliges Land das des mb» Petrowitsch. Jede fruchtbare Erde sei von Gott gesegnet, gute Menschen sind, sei ilcs Menschen Heimat. Am Morgen war Schalom tot. , In der Nähe des Bauernhofs, aut einem flachen tw• begruben sie ihn, das Gesicht nach Osten, l’awel hieb eD Stein zurecht und Joel schrieb darauf seinen Namen« י>< der Geburt und des Todes, gestorben auf der Warnlc™^ nach dem Heiligen Land. Auch die vorgeschrifhenc ״יו hielten sic um den Toten, wie das Gesetz es befiehlt. Nun waren sie ratlos, was sie beginnen sollten. 1״ל«*' sie nach dein zerschossenen Haus in Omsk z1)rllclf.k״״l, oder die Wanderung fortsetzen? Pctrowitschs (iasl״eli_;;f schalt konnten sie nicht länger in Anspruch nehmen, tr mehr für sic getan, als sie verlangen konnten. Eins ' dafür, die Wanderung fort/usct/cn; in das alte Elend kehren, sei schlimmer als der Tod. Joel war sprach von der fixen Idee des Vaters, der jcder_ rcJ״p״;k(: gefehlt. Nun er frei war, wollte er von seiner Gebrauch machen. Rosel war unentschlossen, hat nie; Scheidung bis _ zum nächsten Tag /uriick/ustcllcn. ' Grund verschwieg sie. Pawel hatte sie gebeten, zu ״te Als sic gesagt hatte, das sei unmöglich, hatte er 8 , sie cin/uspcrren; seine starke Stimme hatte d>״'cl » und seine Augen sich beschämt gesenkt. •Sic «•ürdc £ bei ihm haben, wie eine Schwester; gefiele es ihr m ,, dem Hof, könne sie jederzeit aufbrechcn. Er nw sagen wollen, der starke, ungelenkige Mann nau rechte Wort nicht gefunden. Rosel versöhnte die streitenden Brüder, s"*e ..*,ז!<! ■ kluge, verständige Tochter Schaloms, Nicht streiten,^ verständigen — liehen. Jeder möge das tun, wozu drängt. Joel will nach Berlin oder Paris, er m(,Re L gelicn, «tu, F.lias, willst des Vaters Willen erfüllen» %,(, und du, riefen Joel und Elias. Ich bleibe hier. Sie , was Pawei sie gefragt und daß sic sich Bedcnkz > gebeten hatte. Verbündete wollte sie sein, wenn 1״fC zueinander begehrten. Am anderen Tag brachen sic auf. Joel zog *3!1 י ן während Elias gegen Osten eilte. Bald zeigten Horizont die Türme einer Stadt. Rastlos drängte י vorwärts, dem ewigen Hader der alten Weit zu ״ p den heiligen Boden zu betreten, dort ein neues e beginnen, einem neuen Geschlecht den Weg zu bere