Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 75 (18.9.1934)
- Date
- 1934-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Raselri zu Roschltascliana 28 a unter •(התוקע לשיו tasdilid* D״ Taschlichbrauch scheint jüngere״ Datums zu ״in Cr wird weder im Talmud noch in der Literatur der jiäoniin oder der der ersten großen Divisoren (O’pDID) er- «1I10L Sogar die im Mittelalter bekannteste Machsor-Samm- ,״״״, die Sititeha heil Samuel ans Vitri (um IHM») angelegt lum’iiKl die daher ״Maelisor-Vitii“ genannt wird, kennt diesen {traue 11 noch nicht. Auch dem Verfasser des ״Schibbole ha- |(4־t״, R, Zidkija 11. Abraham aus Rom (13, jahrli.), ist idic Sitte unbekannt geblieben. Der im 11. Jahrhundert lebende j' jakob 11. Moses llalevi (Maharil) erwähnt sic schon, hebt jjitr hervor, dall man den I iselten keinerlei Nahrung zu- «orlcii soll, län sp.derer Konimenlator, der II,11-1׳ lalwnsch, |11' 11:1ו!זי'" Taschlichbratich mit der I)arbnngung Isaaks zu- I (jmnten (Oraeh Chajini § wobei er an die Midrasch* evllc n'amlmma zu Wajaa § 22) ankmipft. In ilieser Stelle )(ißt cs: Als Abraham unterwegs war, seinen Sohn Isaak (1ar/11hri1u:e11, .stellte Satan sich ihm in Form eines reificmlen Flusses entgegen. Abraham lieb sieb aber nicht ahschrct'keii, fondern stieg mit seinen Begleitern in den Flnfi hinein. Das 'u'asser wurde aber immer mächtiger mul reilk'iider und stieg ihnen bald bis an den Hals. Da rief Abraham: ״Hilf mir, 0(!oft, denn das Wasser geht mir bis an die Seele!“ Darauf fthric (init die Quelle an. der Fluli 1r״cknetc aus lind sic jUmlrn im Trockenen. Wenn also Israel am Tage des (Jeficlils an einen Fluh geht, so erinnert sieh Gott der Tat i Abralwms und erhört es. Der berühmte R. Jesaja II 11 r w i 1z ftun 101׳O), der khloh Ita-Kad״sch, nimmt g e g c n die Sitte des Tascheniiiilccrens heim Tasclilich, als ob man mit diesem Akt die bimdcn a bs e 11 ü 11 e I n wollte, Stellung, und lic/ciclnict das als eine F 111 w e i 1111 11 g Gottes, Fr meint, man gelte mir deshalb am Nc11jahrst.1־<:e zu einen Fluh, in dem Fische leben, "eil die Menschen den lebenden Fischen zu vergleichen!,ml, die in ein Nelz (bei den Menschen symbolisch: das Netz der Sunde) geraten sind. Im übrigen ist die Vorstellung, dal! de Smuk'ii vom Wasser oder von den darin lebenden isclicn fiufgt'iragen werden, schon bei den alten Babyloniern belegt. Heim Debet tun Reinigung von den Sünden bat der fhln Ionier die Sünde, die er symbolhaft in einen materiellen Gesicnst;nul verkörpert bat, ins Wasser geworfen (vgl. Ja-!׳rem, Religion der Assvrcr tisw., II, S. 01 ff.). hilerrssaiil ist noch in diesem Zusammenhang die Sitte, die R.iMlii (Sabbat 81h zu האי פרסיסא) erwähnt, und die uns schon zu einem anderen Brauch hilifülirt. 15 oder 22 Tage w dem Neujahrsfest, lieiht cs da, machte sieh jede Familie soviel Palnihlütterkorbe, als Personen in der Familie da waren. Hirse Körbe wurden mit F.rde und Viehdiinger gefüllt und darin wurde eine lirbsc oder eine Holme gesät. (Dies nannte nun פרפיפא ein mit Freie gefüllter Korb.) Am Vorabend te Neujahrsfestes nahm jede Person ihren Korb, drehte ihn im Kreise siebenmal um den Kopf und sprach dabei: ״Dieser statt dem, dieser sei meine Stellvertretung, dieser siall mir.‘1 Daraufhin warf man den Korb ins Wasser. In dieser zum Teil an das Tasclilich erinnernden Sitte •wobei die Holme oder die Frbse, die im Volksglauben viel- '1111 als I r 11 c 111 b a r k c i t s S }׳ m b OI gilt, sicherlich dem Mmm des Wassers als Beschwichtigwngsmittcl dienen soll) Wien wir wahrscheinlich den Anfang jenes Brauches, der tate noch am Vorabend des Vcrsölinungsfcstes mit dem , MllvcrtriieiHlcn Sülinclmhn geübt wird. Wir meinen damit ct Zeremonie des Umkreisens mit dein Huhn oder wie ihn fa Volksnumd nennt: das Kappoto-Sch lagen. öai Kapporo-Huhn Dir Bra 11111־ des Sühne- oder Kapporo-I luhncs, den wir , י1־ verschiedenen Völkern finden, hat im Judentum ein spe- *ch jüdisches (iepräge bekommen, zumal er mit dem; ’,laubcii Zusammenhang(, dali am Tage des Vcrsöhnungsfestcs; יי‘® besilnck des Menschen hesiegeit wird. Der Mensch, als sündhafte Kreatur, verdient am Tage des (!nichts wegen «!«er Verfehlungen die schärfste Strafe, ja sogar den Tod. Daher wird sinnbildlich das I lulm als Stellvertreter gewählt, / ml das das dom Menschen drohende Unheil übertragen wird; ®aths statt dessen als Kapporo und Sühne in den Tod geht. Der Zeremonie des Kapporo-Scblageiis haften noch jene bir die primitive Vorstelluugswclt typischen Merkmale de» durch schwingende Bewegungen vollbrachten Zaulu'rritual» an. Die Zeremonie selbst ist allbekannt: Am Vorabend des Vrrsöhnimgsfcstes nimmt der A3,um einen Hahn und die Frau eine■ I Iciiih׳ in die 11:11111 und schwingt das Tier dreimal im Kreist• um den Kopf, wobei gewisse (iehetc hergesagt werden. Besonders Gottesfürchtige fegen großes Dcwieht auf einen weißen Halm (Symbol der Reinheit), zumal das Propheten• wort von den Sünden, die da rot sind wie Karmesin, mul weil! wie Sei!tue werden sollen, spricht (Jesaja 1,18). Fi«r eine schwangere Frau, schreibt der im 1(1, Jahrhundert lebende Kommentator R. Moses Isscrles (Oraeh Chajim הלנית י1״כ Ü pflegt mau zwei Hennen und einen Hahn zu nehmen, weil man nicht weiß, welchen (ieschlcchte» das Kind sein wird. 111 manchen Degemlen Osteuropas nimmt noch heute die schwangere Frau eine 1 leime und ein Fi, wobei das Ei, «las ebenfalls unbekannten Geschlechtes ist, für das Kind bestimmt ist. Der Kapporo-Bram li wird bereits von den Daonim (z, B. von ll־n (1:1011 um lDKt n. (dir.) erwähnt. Dennoch scheint er zu Anfang des II. Jahrhunderts nicht überall eingebürgert gewesen zu sein, zumal er verschiedentlich auf harten Widerstand soiicns der rahhinischen Autorilütcn stieß. R. Salomo heu Aderet (tler Rasehba), der im 13. Jahrhundert In Bar• celona lebte, sowie R. Moses bei! Nachniaii (Ramban), der in I r;111 krei 11» ebenfalls im l'l, Jahrhundert lebte, haben diesen Brauch als heidnisch ahgclohnt mul dessen Ausübung ver- Boten, Der in Spanien im Anfang des H. Jahrhunderts lebende R. Jakob bni Ascher (der Rösch) erzählt (Tur Orab Chajim S bbj), daß diese Sille noch nicht überall übernommen ist, und daß mancherorts der Vorbeter oder der Oemeindcdiener die Zeremonie des Dmkrciscns mit dam Huhu um den Kopf vier zu sühnenden Person vollzieht. Das bereits erwähnte Machsor Vitri keimt den Kapporcshrauch in der Provence und in Narhmuc. Vom Verfasser des Schulchnn-Aruch, R. Josef Karo (H!. Jahrli,), wird in den Erstausgaben seines Werke» dieser Brauch als ״ מנהג של שטיתtörichte Sitte“ bezeichnet. Allerdings ist diese Bezeichnung in den späteren Ausgaben von dem Kommentator R. Moses Isscrles, der sich zu dem Der zwölfte Psalm Deutsch von Martin Buber Befreie, DUI denn dahin Ist der Holdmütlge, denn aus ist» mH der Treue unter den Menschenkindern. Lügenwohn reden sic Jedermann mit seinem Genossen, mit glflfter Lippe aus Herz und Aberhcrt reden sie. Ausrotlc ER olle glatten Lippen, die grofvrednerlsche j&ungel .. , 5ie, die sprechen: ׳ י׳ ״Mit unsrer Zunge sind wir überlegen, unsre Uppen sind mH uns, wer ist uns Herr!" * ״Ob der Vergewaltigung der Gebeugten, ob des Scufzcns der Dürftigen Jclzl stehe Ich auf", spricht ER, ״ln Freiheit setze ich ihn, wider den man schnaubt“ SEINE Sprüche, echte Sprüche slnds, Silber, geschmolzen Im Sdiültofen zur Erde, gcscigert siebenfach. Holten wirst du sie, DU, wirst uns behüten vor diesem Gcschlechte tn Weltzelt, die sich Ircvlerisch ringsum ergehn, da Gemeinheit obenauf kam bei den Menschenkindern. Kapporesbratidi afs zu einer bereits überall cingefiibrtcn und feststehenden Sille positiv bezog, fortgclasscM worden. Wir haben cs hier mit einer alten Sitte zu tun, in der uns noch Pcbcrrcste einer von der andersgläubigen Uniweit übernommenen Zaiiher/creuionic erhalten sind, vermiltcls deren inan das dem Menschen drohende Unheil abwciulen mul an! das Tier übertragen kann. Das Tier wieder- 11m wird an einen entlegenen, meist für Menschen un/ugäng• liehen Ort, oft in die Wüste, verschickt. Dort, wo die Da* nioncii ihre unbcsi!tränkte I lorrschaft ,־nisüben, wird es als wohlgefälliges Opfer statt des Menschen angenommen. (Nur hinweisend wäre hier als Parallele das im allen Palästina am Vcrsiilniiiiigstage geübte Siintlcnbaek-Rituaf hcranzu/ichcn. Vgl. noch III. Buch Moses, 1(1, hilf.) Das Huhn wurde bei vielen Völkern als ein besonders geeignetes Beschwichtigung»• opler fiir die I )atiionei! angesehen. Fs winde hier zu weit führen, wollte man volkskund• liehe Analogien aus dein Leben und aus der Vor* sk'llimgswclt verschiedener Kulturwie primitiver Völker an* fuhren. Debcrall (ritt uns der!;leieln* Volksglaube entgegen: All das Unheil, das tirsprütiglieli dem Menschen bestimmt ist, soll nunmehr ״uf das Tier kommen. Dieses Tier, das als Sulun Opfer auch für ein Maischen-Kollektiv gedacht ist, soll an des Menschen Stelle den Tml erleiden und so die bedrohenden bösen Deisler beschwichtigen. Man will durch die vorg(■nominelle Zeremonie ciuerseiis die Gottheit be* g ii I i g e 11, «mlcTcfseit* siel! gegen das drohende U n heil s e 11 11 t z c 11. Das Judentum, das diesen heidnischen Brauch übernahm, bat ihm Zinn Teil seine magische Beimischung genommen, indem es ihm eine NX' c 11 d 11 ח g ins Ethische und zu* gleich ins Soziale gegeben hat. Das Huhn, das zum Träger des den Menschen bedrohenden Unheils geworden ist, wird hier nicht den dämonischen Kräften der Natur geopfert, sondern wird vornehmlich an Arme als Oes ehe nk verahrciiht. So lauten auch die Vorschriften der rahhinischen Autoritäten über die Verwendung des Kapporo-Huhnes. Das oberste Dehnt ist hier: (Mildtätigkeit üben, die in der jetzt nur noch symbolischen Handlung mit Hem Sühne-Hubs Ihre Erfüllung findet. Die Entstehung des ״Unssanch Tokef* An den beiden Tagen de» Neujahrsfestes wie am Ver• söhntingslage wird beim M11«su|gcbd vor der Keduscha eine liturgische Dichtung eingeschaltet, die überall wegen ihrer Anfangsworte unter dem Namen ״Dnssaiich Tokcf“ weit und breit bekannt, und deren Entstehen sagenumwoben ist. Dieses (ieilkht, das da mit den Worten beginnt: ,,Lasset lins verkünden die Macht und Heiligkeit des Tages, der furchtbar Und voller Schauer ist“, verherrlicht in cindriiig• liehen Worten Oott den Richter. Fs wird seiner Verbreitung und seiner Sprache nach sehr alt sein mul wie Etbogen (jüdischer (iottcsdiensl, S. 5(>i) meint, ״in die ersten Anfänge des Pint hinauircichcn“. In der Tat durltc diese liturgische Komposhion aus der Zeit der Kreuzziigc stammen, wahrsdicinlk'h sogar noch älter sein. Heber den angeblichen Verfasser, den Märtyrer R. Amuon aus Mainz, weiß die Le• g c n d c, der wir bereits int 13. Jahrhundert bei Isaak Or- Sarua aus Wien begegnen, der sic wiederum in den Auf• Zeichnungen des R, L'phraim ben Jakob aus Bonn (12. Jahr• hundert) vorge(11nslcn hat, folgendes zu berichten: Einst lebte in der großen Stadt Mainz, ein hervor• ragender (ielehrter und Weiser, ein OroDcr seines Deschlechtes mit Namen R. Am non. Dieser R. Ammin war von vornehmer Abkunft, schön an Ocstalt, reich an irdischein Dut und am Hofe des Fürsten sehr angesehen und beliebt. Der Fürst und seine hohen Würdenträger suchten ihn aber zu überreden, den Dlauben seiner Väter aufziigebcn und sieh zu ihnen zu bekehren. Allein R. Amtion blich all diesen Bckchrungsversuelten gegenüber standhaft und schenkte den Finflustcruiigcu kein Oeliör. .Als sie aber auf ihn eines Tages besonders stark eiudraugen, da antwortete er, man solle ihm drei Tage Bedenkzeit gehen. Sobald er nur aus dem Hause des Fürsten kam und über seine Worte nachdachte, da regte sich sein Oewisscn und er war tief betrübt, dal) er Worte des Zweifeln« über seine Lippen bringen konnte. Als er aber bei sieh zu Hause angelaugt war, da stieg sein Kummer noch mehr, und er war untröstlich. Auf die Trostworte seiner Freunde mul Verwandten wollte er nicht hören, denn er sprach /u ihnen: Nein, binabsteigen irt die (irnhc werde ich; und er weinte bitterlich und »eine Trauer kannte keine (irenzen. Am drillen Tage ließ ihn der Fürst rufen, er ,־!her wollte nicht zu ihm gehen. Der Fürst sandte darauf andere und höhere Herren seines Hofes, tun ihn zu sich kommen zu lassen, aber K. Aumon blieb un- Gespräch am Jom Kippur Von M a r c c 11 c Blank Ich war so cingehüllt in das inalfc Licht des heiligen ״auscs, daß jn dem Augenblick, als wir die Türe öffneten ™«der Strallcnlärm die Stimmen der Betenden übertonte, mir ״Sonne zu grell schien und meinen Augen weh tat. Aber ״di disharmonischer als dieser Wechsel von Feierlich( in ,,**!'die, von Stimmcnchor in Straßen lärm, berührten mich ®e W0|le meiner Freundin: ״Rh wollte dir doch von meiner Reise erzählen," ■Jetzt?!״ lei! war noch ganz benommen von der ernsten liilikcit des Gottesdienstes. ״Gerade jetzt.“!!V,Wlf D"Ke» zusammen die Straße hinunter. Nach einer *Cllc heg;,״״ sjc.! ״•״ voit der ganzen Reise Jn noch stärkerer Fr- 1 alt’"u :|R die behönlieit der Natur geblichen ist, ist der I Meי,,,*1 '״ 1,1 ״ m'r '״ R r a g begegnete. — Es muß einen I to i 1 D'chologischeii Zusammenhang gehabt haben, daß ich 1 Bifii!* J'rschre1׳ken konnte, als ich ihn sah. War doch wahrhaft (ich * ־•׳rscl'reeke״des an ilun: Weich, wie Seide, schmiegten ־ Sfin?«״ weißes Haar, sein Bart, seine Schläfenlocken 11111 'incr seCS' Gesicht. Der große runde Hut lag über S: Thor« o11' ^'c 1״ic weise schien, heilig, wie der Schrein der ■ Rn ti 1'1'"kerfurclien des Tahnndgclebrtcn zogen sich über licht/״1 יי1',' ״״!״ul seine Augen leuchteten wie Sabbatihrem*״T , . ',R solch stiller Glanz darin. Ich empfand bei 1״׳, . ml'ck die Weihe, wie Fromme sic empfinden mögen, der.!lc» Sahbat-Kcrzen sich nicht nähern wollen, damit kuhf k״■' ^'rcs Mundes die Flamme nicht aus der horizontalen ' '״hveih^' *c*' daclite, durch meine Nähe ein Heiligtum zu daR ״.• Rb erschrak, als er mich wieder ansah, fürchtete, < ütüift 1nc, Betrachtung ihn verletzt haben könnte, —־ ich Straße' , ich etwas Unrechtes ßctan, ich verließ die tftii! ״ .Rmg den ersten besten Weg hinauf, nur um I ״ *ü 8cm, hi der Nacht kam mir eine Begebenheit aus nici- 11 c r K i 1t d heit in den Sinn: Ich sah den gleichen alten Mann im langen Kaftan, mit dem weißen Bart, den Sehläfenlocken, dem runden Hut, Ruhigen Schrittes ging er durch ein ostpreuliisches Dort am Hanse meiner Großeltern vorüber. Kinder machten einen Kreis um ihn, belachten und mntan/ien ihn, und ich, sechsjähriges Mädchen, unwissendes Kind, zum ersten Male in einer östlichen Gegend, zum ersten Male eines solchen wunderlichen Maischen ansichtig, der hilflos und lächerlich aut midi wirkte, weil er nicht den gleichen modischen Rock wie mein Vater trug, — ich machte mit! Erst als die Kinder des Dorfes ״Jucl!“ riefen, ״dreckiger Jml!‘• erschrak ich und ließ die Hände der anderen los. Da ich erkannt hatte, dal) ich mich selbst besudelt hatte, lief ich ihm nach, erfaßte seine Hand, drückte sic an meine Wange uud bat ihn um Verzeihung. Doch in dem Augenblick, — noch die ich die Antwort des Altai vernehmen konnte, schrillte die Stimme meines Fräu-!eins: ״Fi-do11c, ne touchez pa* cc säte vielt juif!“ Das Fräulein kam herbei und nahin mich mit ins Haus, ״Und wir, sind wir nicht auch Juden, Sie und ich?“ ״C'cst bien autre chosc“, gab sic zur Antwort, Und dann erklärte sic mir, daß sic Französin und ich Deutsche sei und daß wir mit diesem polnischen Juden nicht» gemein• sam hätten. Ich hatte die ganzen Jahre nicht mehr an diesen Vortali gedacht. Auch damals nicht, als ich den Lehrstuhl am Lyzeum räumen mußte. Aber in jener Nadit in Prag, nachdem mir tags zuvor der alte Ostjudc begegnet war, lieft mich der Gedanke nicht mehr los: es sei eine Schuld, eine alte Schuld, die mich, das Fräulein und viele andere anging. F.ine Schuld, die Folgen getragen, Sühne gefordert, die Strafe Gottes herbeigerufen hatte, — oder, wenn du es anders nennen willst, das mystische Gesetz vom Hochmut vor dem Fall- Lange lag ich wach in dieser Nacht, und ah ich endlich cingesclilafen war, hatte ich einen Traum. Ich sah den Wcisei! wieder, den ich am Tag gesehen. In der einen Hand hielt er die Bibel und an der anderen führte er einen Mann, der ebenso gekleidet war, wie er mul an der Stirne blutete. Ich sah die mittelalterlichen Häuser, die ich tags zuvor gescheit. Gespenstisch wuchsen sie mir in der Nacht. Und Flammen eines Scheiterhaufens färldai den Himmel rot. Vieles Volk rannte erregt durch die Gassen. Ich war unter ihnen und weinte. Da sah ich, wie jemand auf jene Männer zuschritt mul sic beschwor, das Kreuz anztmehmen, um ihr Lehen vor dem Flammentod zu retten. Die alten Männer aber schüft eiten die Köpfe. Der Weise hielt die Bibel hoch und rief nach mir. Mit hocherhobencn Armen stieg er in die Flammen, einzig bedacht, das heilige Gut zu retten. Ich eilte snit seinen Ruf herbei, da legte er das Buch in meine Hände und mit dein ״Schmäh Ji»racl“ auf den Lippen ging er in den Tod. — Langsam verlöschten die Flammen. Da» Volk hatte den Platz, geräumt. Ich stand allein, die Bibel it» den Händen und wußte nicht, was ich mit ihr beginnen sollte. Sie wurde schwer und schwerer, mit dumpfem Laut licl sie zu Boden. Darauf erwachte ich. Die Sonne fiel ins /immer und durch die Gardinen schimmerten hell und mild die Dächer Prags. Eine tiefe Schnsucht erfaßte mich. Fin Schuldgefühl war aufgedeckt, das jahrelang in meiner Sode geschlummert hatte. Ich dachte an jenen Altai, der mir am Tag zuvor begegnet war. Er und der Händler, den ich als Kind gesehen, wurden eins für mich. Und eins mit ihnen wurden auch die Väter, die im Ghetto ihr Lehen ließen, tun die heiligen Traditionen für uns zu bewahren. Da wußte ich, daß ich zurück mußte, um wieder am Boden das Erbe zu suchen, das mir aus meiner Hand entglitten war." Meine Freundin war zu Ende, Ich Verstand, warum sie heute davon reden mußte. Noch standen wir im Lärm der Straße und in der Mittagshöhe, doch als wir die Türe öffneten, empfing uns wieder feierlich das matte Licht des Tempels.