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Jüdische Rundschau · 1934-09-14 · Heft 74 (14.9.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 74 (14.9.1934)
Date
1934-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kr 74,!4. IX. 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 3 ita j *m ' Ht :ine ' ein, •:;:ז ״",' i;:tr.; di’n ' die; US5; tmd 1״Iß m,11 und Iah• den Und :im• : nietv : Ige* *ich mh •די י der vird. : die Und : *!־ad : ikhi 1 ihm ׳ i ,Vo j Re- :renz i hirdi ׳• eben : Uajjc dein; : mW Kr• , urallen; alten, I die , daß und löten irbdt Ikh Ver. ■ eine itu. 'ehen, ■llimj n 1זח iRioit : sich ettipo reiten is r.t ׳ ein• . Diese ־ Ujdef' ״An• lllllil ר ilgcn•!wrrcft ׳ •r rief uiiikrt rl der n d i n die diese! ahimet ,1 ulten AIgie'1 Fr»״• C 11»״• irxtsü• k «ul• ■diilul n H'j .1 un« Zum 100. Cxcburisiag Heinrich von Treitschkes (geboren 15. September 18jt) Pie Ab״ei|:״"ß führender deutscher Historiker gesell den . Ii5rl,1״ Anteil am deutschen Knltursdialfen oder ihre aritiil Affekte' 1111 allgemeinen kommen bis zum heutigen ״,׳meistens nur versteckt oder gelegentlich hervor. Ms ist der Ton der etwa Liluard Meyers, des grollen Lehrers 11 er ' tikai Geschichte an der Bahner Universit.-.t ״Geschichte 1.r ן iitsulinng des Christentums" zu einem ,.antisemitischen•* \V״k hei «Heil Verdiensten macht. Und andere, heute noch yjitcr uns iveilende Historiker inadien in ihren der reinen (,irsdiuuf׳ dieiH'inien Arbeiten aus ihrer anti-jüdischen Hai-; wenn jüdische Fragen auch aus abgelegenen Zeiten und!yiüiiit׳!! ihren Weg kreuzen, kein llelil. Das war auch vor |t/)J so. Per einzige deutsche Historiker grollen Formats, der in ,einem llauptsverk die judisch-deutsche Frage irontal anpackt . nl mi olieiiem Visier das hallende Wort: ״Die Juden sind m״r imgiuek" aiisgesprix'iien und ausführlich begründet hat, ״sr Heinrich von I r e i t s c 11 k c, der Berliner I iistoriker, 1 Jcf vor tu Jahren, im Jahre 1871, *L c op o Ul von Ranke 1 w dir Funktion abldste, der grollte Gcscnichtslchrcr der deut-; K|!en akademischen Jugend /u sein. ״Man kann seine Wirkung 1 jy polihsdi-historiscncr Lehrer der üeneration, die zwischen 's |jd limi iS'ki akademische Bildung genoß und in das! miitisehe Leben hinaustrat, kaum hoch genug ansehlagen", i |;!1r1d) Friedrich Mein ecke im Jahre l')H in seinem bc• . j [Junten I rcitschke-Autsatz lur das Jiibiläiiinswcrk ״Hundert l ijiire clcutsdier Utirschenselialt“. Die Stellung Trcitschkcs zu :jj j1״ Juden ist von Antang an aus einem Guß, ohne Bruch und ׳; d!11e inneren Widerspruch, gleich weit entfernt von Chauvi- : j .'[»Dilis oder Rassenhaß w ie von Blindheit lur die Rangortl• S s •ung der Weite, namentlich der Persönlichkeit und der : [(,,Hing. In den beiden grollen Kapiteln seiner ״Deutschen; i (nicliiente im 1״• Jahrhundert“ <in! 9. Kapitel des III. Bandes S:j und im ז. des IV. Bandes) ist den grollen Fragen des Lin• es jiidiselien Wesens auf den deutschen (Jeist Raum und jminiMii.illhelie Aiiteiliialime gewahrt, wie cs in dieser Aus• J;| dtliiiiing und lodernden Limlringliehkeit beispiellos in der bis• 11 jungen (leseluehtsehreilnmg geblichen ist. Die Thesen der 11 jii.jtdelinteii Abschnitte sind in den letzten SO Jahren seit 11!;!um erstmaligen Lrselieiiien von den Juden ebenso hart- Miki.; »nheaclitet beiseite gelegt worden wie sie von der tMiuation, die später die deutsche führende Schicht stellte, aufs tiefste eingesogen wurden. Die deutschen Juden hielten <׳tl1 lur vollkoininen verteidigt und bestätigt durch Theodor Mom in s e 11 s ältere Strei,schritt gegen seinen Fakultiitskollegor. ״Audi ein Wort über unser Judentum", worin Monunsen Jicilsdikes ähnlich betiteltem Aufsatz aus den ״Preußischer! Jihrlwtlicrn" eiitgcgentrat. Die deutschen Juden selbst beschrankten sich darauf zu befeuern, daß sic sich in der Lriiil.iiu; ihrer staatsbürgerlichen RflichU'ii von keinem ihrer scitijiHlisclicn Mitbürger übertrclfcn ficlicn. Was sprach Treitschke in seinem gewichtigen Hauptwerk in ״Deutschen Geschichte“ (mit einer ganz anderen, tieferen Kil nachhaltigeren Wirkung als in jener älteren Staub aufnebelnden Flugschrift) über die (jefahren des jiidiselien üinles aus? Wir finden hier in der wirkungsvollsten Form J Bf jene (icdanken wieder, die uns in den fetzten Jahren :י;:läufig geworden sind. 111 dem heute noch so stark wie jn ersten Tag wirkenden Abschnitt ״Das junge Deutschland" Hißt der Verfasser auf ein enthusiasti- «cs aut echtem Miterlcben beruhendes Bekenntnis zur idca- Is'ihIicii deutschen klassischen Philosophie, namentlich zu «an Bild ruhiger Majestät und Düte, das ihm aus dem Lebens- »cg des alten üoetlic und aus dem zweiten Teil des ״Faust“!״!grgeiislrahlt, die grau in grau aufgetragene Zustandsclilikruiig der naclmickcndeii jungen üeneration seit 183h Haftarch für Sonnabend, den 15. September (6. Tisdirt) Kehre um, Jifsrocl, hin zu IHM deinem (50111 über deinen Fehl ja bist du gestrauchelt. Nehmet Worte mit euch und kehret um zu 1HMI Sprechet zu ihm: ״Alles an Fehl trog davon und ein Gutes nimm an, dofr wir dlcFnrren mit unsern Lippen zahlen{ Assyrien knurr uns nicht befreln, auf Rossen wollen wir nidit reiten, nicht sprechen wir mehr: Unser Goftl zu dem Gemacht unsrer Hände, da doch In dir der Verwaiste Erbarmen findet.״ — Ich werde Ihre Abkehrung hellen, werde sie au* eigner Wllllgung lieben, Ja, mein Zorn kehrt sich von Ihm ab. Wie der Tau werde Ich tflr Jlfsrac! sein, blOhn solls wie die Rotoncmone, Wurzeln schlagen wie der Llbononwold. Seine Schößlinge gehen weithin, wie des Oclbaum* ist sein Glanz, es hat einen Duft wie der Llbononwald. Hclmgekchrt, die heimisch sind Ihm Im lassen nulleben sie dos Gelrcld, [Schaffen, selber blühn wie die Rebe sie auf, sein Ruhm Ist wie des libononweins. Etrajlm, die ,Doppclfruchf", was hatte nun noch er gemein mit den Ich blns, der wlltlohrt hot [Puppen 1 und der auf ihn blicken wird: Ich bin wie die Immergrüne Zypresse, von mir her wird dein Fruchten erlangt. ifmdwA, 14, t /P VerdeutuUi von MARTIN MMER ״Längst stand diesem neu Fierauikoimnendcn Geschlecht H dall die burschikosen Witze von Heines Harzrcisc mehr k'ikutilen als Goethes Italienische Reise." Heine und Börne *erden das Vorbild der Jungen, die so tief von den! fremden 1׳c!st angefressen waren, ״dal) sic den eigensten Vorzug der ■:«k'stantischeii deutschen Kultur der Versöhnung von Freik'it 11ml Frömmigkeit gar nicht mehr kannten und schlechter- -■ogs nicht begreifen wollten, wie ein starker Geist religiös anpfimlvn könne". Das laute, ehrfurehlslosc Wesen Heinrich Deines wird auf das Scliuklkouto des zu rasch und unterjettirdsjos emanzipierten jüdischen Stammes gesetzt. Aus dem •knikri.ill Heine leitet Frcitschkc seine generelle deutsche ik'ulturlehrc ab: ״Seit Heine nach Paris!dreigesiedelt war, he-!P«t1 sei״ lyrisches Talent rasch zu versiegen, in dem wüsten, liTilrnileii leben ward sein Herz leerer, sein Gefühl stumpfer, ׳™tiii umfassendes Werk durfte er sich ohnehin nicht wagen;;Du die künstlerische Komposition groben '׳ils gelingt nie ist nur der massiven Kraft "ז Arier." ״U111 sein zerstiicUHes Schaffen zu beschönigen, wliiiitl je er der Welt prahlerisch, dall er sieh berufen fühle, 1 1'«clien der Gesittung der beiden Nachbarvölker zu ver- Htcin, und die deutschen Liberalen glaubten ihm treuherzig.“ j *eiigtcich gebärdete er sich als politischer Flüchtling und ■'*?jach weinerlich von seinem Exil." Heines _ Aufsätze zur »!klicn Philosophie und Religion erfahren in Trcitschkcs; »Dcutselu-r Geschichte“ zum erstenmal die Verurteilung, der »ifte das künstlerische und wissenschaftliche Schaffen der j ««!sehe״ Juden im allgemeinen ausgesetzt ist: Unfruchtbarer, | ״“deutscher Esprit, der mit den Dingen spielt, ohne sie zu;ן “licrrsclicn. Aus dein Farbentopf Trcitschkcs haben seit I ” M״ ״‘״ehr viele Pinsel die immer wieder beliebten Töne 11' ׳'''>cr man staunt, wie bei dem geistesmächtigen deut-;1 Historiker die Farben noch ursprünglich sind, auf intum'r , 1S'-'ncr Kenntnis und einem übermächtigen echten Gefühl •| ״uulicn. Seine Analyse von Heines Stil und Schreibweise soll 1? .!11*fischen Schriftsteller deutscher Zunge überhaupt treffen. ״״ ״. J Cln' w urde der Meister des europäischen Feuillctonsids, «inert* i n,L ™n11c1 träger jener journalistischen Frechheit, die alle ,1 5 ןC" und 'liefen des menschlichen Lebens mit^ einigen Einfällen abtat. Seine internationalen Stammes• T'| j.,rlDSS1’!1• die überall schon, vorerst noch vorsichtig in zweiter י J־)״, ihre Zeituiigsgeschäftc aufsclilugcii, verherrlichten tim ״!'«um nber a||cs M;|ß j,jl)a״s.•*.|n Heine erschien uns v«• »!n e״oh ־B 4t ־'ährt 1 V0W :hricM ,C1״denn1al ein Virtuos der Form’, der nach dem Inhalt I t VV״rlt Rar nicht fragte; ... er besait, was die Juden mit haben, die Anmut des Lasters, die 3 Fi.inzoscn gemein ,, -.*• ״•׳,״.. ״!nras Niederträchligc und F.keihafte für einen Augenblick 11111־Ckllu* Dscliciiien lassen, die geschickte Mache ... Ines 11«deutsch von Grund aus.“ Börtte, Raitel Varn*!!'ixl? k0״״n«» nicht besser weg. ״Die alte Aufklärung glaub e k1!|J: a'\ den ewigen Fortschritt der Menschheit, sic Home IS Ihn a" e1״en Tag des Lichts ... die neue Lehre der Ver- Pich Fleisches verhöhnt alles, was Menschen mensch״ I II nCinartder bindet.“ I tUmJ 1״־1.ני Abschnitt ״Radikalismus und ng «dt || lr!,"״;*'rd, dcr jüdische Einfluß auf das deutsche Geistes* jgend• |j .'״> D. Jahrhundert als verderblich beurteilt. nztla־ p. für jl. .oh" wollte nichts weiter als seine btammesgenossen l pofr li scl^ Bildung gewinnen unter ehrlicher Vertcu I Wnt|£dc8 Glaubens »einer Väter Die emanzipierten und gl * 03 gewordenen Juden des IV. Jahrhunderts mußten gerade in Deutsclilaml zcrsclzcnd, radikal isiereixl tmd au!lösend wirken, weil sielt ihnen nicht wie in den westlichen Nachbar* Staaten ein starkes, selbst verständliches, dtircligcbildctes Natio* nalbewulitsein cntgegenstdllc. l i'ir Trcilsclike war jedoch keineswegs die anders geartete R a s s c das selileddhin zu Dissimilierende; er forderte von den Juden Finordnimg mul restlose Aufgabe ihrer Eigenart. An eine Zurücknahme der Emanzipation dachte der vorbchaltlos auf dem Boden des deutschen Idealismus, der Men• sehenrechte und der freien MciniingdirilScrtmg stehende glühende Patriot in keinem Augenblick. ״Die edleren und erttstereti Männer der deutschen Jiidenschnlt hatten längst eingesellen, »lall ihr Stamm nur dann die bürgerliche Gleichbercchtiguug beanspruchen durfte, wenn er selber seine Sondcrstcllinig aulgehen und ohne Vorbehalt im deutschen!.eben aulgiug.“ ״Wenige Jahr/dinte, naclulem Moses Mendelssohn seinen Weckruf hatte erscheinen lassen, wirkten schon überall in Kunst und Wissenschaft begabte Männer jüdischer Ab• stnmnnmg, getaufte und nngetaiifte, tlie sich ganz als Deutsche fühlten nm| in ihrem Denken durchaus deutsche Züge zeigten: in vier Musik Felix Memlelwnhn-Barthoklv, in der Malerei Veit, in der Theologie der kindlich gläubige Ncamlcr.“ ln der Masse der deutschen Juden verminte Treitschke tlie lebendige Sfaatsgcsimiimg und den konservativen historischen Sinn. Die grollen jüdischen Konservativen — N c a n d e r , Leo, Stahl — nahm er davon aus timl hielt sie den Juden als Muster vor. Im fünften Band der ״Deutschen Geschichte״ spricht er von Julius Stahl als von dem ״tapferen Staatsrechtslehrer der streng konservativen Richtung, viem einzigen großen politischen Kopf unter allen Denkern jüdischen Blutes.“ ״Einem Volk, das seit Jahrhunderten seinen nationalen Staat verloren hatte, mußte die lebendige SJ.iatsgesinming fremd bleiben; seihst die zwei politischen Schuften Spinozas verdankten ihren Ruhm mir ihrer mächtigen dialektischen Kraft, nicht der politischen Einsicht." Trcilschkc sieht die L ii s u n g der deutschen J ti ־ den trage eindeutig in einer restlosen Assimilation; seine Bedingung war, dall die ״israelitischen Mitbürger“ Deutsche werden und ״sich schlicht und recht als Deutsche fühlen", ״unheschadrt ihres Gl.uibens tmd ihrer alten heiligen Er. iuncnmgcn, die uns allen ehrwürdig sind.“ ״Mit vier vollzogenen Fnianzipaliou ist auch der alte Anspruch der Juden, eine Nation für sich zu sein, gänzlich hinfällig geworden. In diesem Jahrhundert der najipnalcu Stnalshilduiigen können die europäischen Juden nur dann eine friedliche und der Gesillimg förilerliehe Rolle spielen, wenn sic sich eiitscldlelicn — soweit Religion, Ueherlieferuiig und Sfammcsart dies erlaubt — in den Kulturvölkern, deren Sprache sic reden, aufzugclien. Jedermann erkennt willig an, dal! ein Teil der deutschen Juden vliescii notwendigen Entschluß längst gefallt hat und da• nach handelt; aber ein anderer, ein sehr einflußreicher Teil unseres Judentums denkt durchaus nicht so.“ ״Heb er ttn• s c r c O s t g r c 11 7. c d r i 11 g t Jahr {ü r Jahr aus der unerschöpflichen polnischen wiege eine Schar strebsamer, 111» s c 11 v c r k a ti f c 11 d e r J (i 11 g linge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands R ö r s e n und Zeitungen beherrschen sollen.“ Mit Mommscn verband Treitschke die l/cherzeiiguiig von dem Nutzen einer gesunden Blutsverinisehtmg vier Rassen; nur über das Tempo gab es Mcimmgsverschiedeiiheiten. Trcitschkcs Ansicht war nicht weit von vier Mommscns entfernt, der meinte, ״daß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent Israel bci/11 setzen waren.“ Für das Judentum trat damals Moritz. Lazarus auf mul sagte in seiner Streitschrift: ״Das Judentum ist ganz in demselben Sinne deutsch wie das Glirislentum deutsch ist. Jede Nationalität umfaßt heute mehrere Religionen, wie jede Religion mclircrc Nationalitäten.“ Aber Trcilsclike erwiderte: ״Hier inuli ich rundweg widersprechen“; er vertrat die Woher- Zeugung, daß die Deutschen ein christliches Volk seien, zu ilviii vlie Juden nicht gehörten. Kein Geringerer als ein intimer Freund Freitselikas, der evangelische Baseler Theolöge Franz Overbeck, hat darauf an Treitschke geschriehen: ״Peinlicher noch mul, um ganz, offen zu reden, ab• stoßender ist mir ein anderer Ton, der aus deinen letzten Veröffentlichungen immer unverzagter heratisklingt, ich meine den ,christlichen' ... Die Anrufung des Christentums im gegenwärtigen Judenspektakel kann mich doch wohl nicht anders denken lassen, da es mir vollends mir wie eine der Maskeraden erscheint, fiir welche in moderner Zeit das ('duistentiim nicht fiir zu gut gegolten.“ Overbeck war ohne Zweitel der rigorosen Meinung, daß, wer glaubt, so neben• hei — ohne entsprechende echte christliche Existenzform — sieh als Mittel zum Zweck das Christentum dienstbar machen zu können, zu dessen ärgstem Verräter wird. Genau so leicht wäre vlie Auffassung Trcitschkcs von der Unvereinbarkeit einer eigenen jüdischen Nationalität mit den Forderungen der Gleich• bercchtiguug zu widerlegen. ״Beansprucht das Judentum gar Anerkennung seiner Nationalität, so bricht der Rcchtsboden zusammen, auf dem die Emanzipation ruht. Zur Erfüllung' solcher Wünsche gibt cs mir ein Mittel: uiswanderung, Regriindimg eines jüdischen Staates irgendwo iin Ausland, der dann zuschen mag, ob er sich die Anerkennung anderer Nationen erwirbt.“ In der großen spaniiitiigsreicheii Diskussion von Treitschke, Monimscn, Overbeck, Lazarus — von der wir hier nur einen knappen Ausschnitt geben konnten — fehlte der deutsch• völkische Rassegedanke tmd der zionistische Gedanke. Wären diese Ideen damals in den Köpfen der heiß und kampffroh diskutierenden Männer aufgetaucht, sie wären vor 50 Jahren Gedanken geblieben. Wie beute für eherne Wirklichkeiten ״Gedanken“, ״Ideen“ belanglos sind, so gab cs damals zwar das Hin- und I!erwogen großer und gcisterfiillter entgegengesetzter Ideen, aber es führte von ihnen keine Brücke zur Verwirklichung. ־ Die große Gestalt Treitschkes, die in diesen Tagen allenthalben herauf beschworen wird, kämpft heute in dem — höchst unthcorctischen —! Kampfe der Geister um Rasse und Volks• tum, um Humanität und deutschen Idealismus, unsichtbar mit. Hier konnte nur an die Positionen vor 50 Jahren «erinnert werden, die von den heutigen zwar grundverschieden sind, die aber in besonderem Maß geeignet sind, unser jüdische־* Geschick begreifen zu lernen, das heute immer noch so vielen unter uns unbegreiflich ist. Ludwig F e u c 111 w a n g e r. Das Oeschichtswerk Treitschkes ist jetzt für jeden, der in diese bedeutsame und kulturhistorisch, geistcsgcschichtlieh so wichtige Gedankenwelt t inhiiek gesvinpen will, leicht zugänglich geworden durch die atisgc/eiiluiet redigierte und gekürzte Ausgabe in ״K r ö ik r s j a s c h c n a u s g a b c n“ (Verlag Alfred Kröner, Leipzig). Der Herausgeber Pr. Heinrieh liefttcr hat das Werk in 1121 Seiten in zwei Bände zusammengefaßt: I. Zusammenbruch und nationale Erhebung, II. Staat tmd Kultur der Friedciiszcitr. (Mit 2f> Abb., M. 3,50 una 4,20.) Der Prager PhiIosophenkongrc$ Per achte internationale Philosoplicnkongrv'ß, der eben in Prag stattgefumlen hat, war im Sinne vier philosophischen Ucbcr/ctigung seines Organisators Prof. Emnmiel Rütli auf Aktualität angelegt. Fur R.idl hat die Philosophie eine eminent praktische Bedeutung, sie ist Dienerin des Lebens, wenn auch, wenn man so sagen dar(, leitende Dienerin, und sic hat nur Wert, weint sie auf vlie Probleme des Lebens Bezug hat. Darum hat R.idl, welcher der souveräne Herr der Kongreßkonzention war, diesen Kongreß so entworfen, daß er den Problemen unserer Zeit tatsächlich sehr nahe stand. Wenn man den Verlauf des Kongresses betrachtet, so kann man sagen, daß, wenn man auch R.idl in seiner allgemeinett Ansicht über die Abhängigkeit des Wertes der l'lülosophic von ihrer Anwendbarkeit nicht recht gehen kamt, inan in diesem besonderen Fall, also was einen Philosophie •Kon• grell betrifft, ohne weiteres zngclten muß, daß seine Konzeption durchaus berechtigt war und in weitem Maße gelungeti ist. Da also die Themen dieses Kongresses infolge ihrer Aktualität Probleme des Feltens, der Religion, der Politik, der Speziahvisscnsehaftcn behandelten, mul) es auch gestattet sein, Verlaut und Ergebnis des Kongresses auch von jener aktuellen Frage aus zu betrachten, welche die unsere ist. Gewiß war die Juden frage seihst kein Programmpunkt des Kongresses, und ich glaube nicht, daß das Problem überhaupt nur irgendwie cxpresMs verl'is erwähnt worden ist; dennoch hat der Kongreß auf diese Frage manche, wenn auch indirekte Antwort gegeben. Man kann im allgemeinen sagen, daß der Kongreß national recht deutlich geschieden war; man spurte wirk- ]ich etwas wie tschechoslowakische, französiselie, italienische, deutsche, emigrations-russisehe Philosophie. Diese n;«tionnlm Philosophien waren nicht nur in der Form, sondern iin Inhalt, nicht nur in der Art der Darstellung, sondern auch in der weltanschaulichen Stimmung voneinander zu unterscheiden; die französiselie etwa rationalistisch, nicht gerade in die tiefste Tiefe gehend, tmtragisch, fortschrittlich, optimistisch, dabei voll von kristallenen Formulierungen, (einen Antithesen und eleganter Lebendigkeit. Auch die tschechische Philosophie zeigte deutlich ihren ernsten mul oplimistisclicn Charakter, Vertrauen in die Vernunft, Abneigung gegen Mystik und Romantik, Liebe zur Klarheit, Freiheit und Ordnung. Die deutsche Philosophie war in der Problematik voll großer Tiefcndiinension und mau spurte den großen Atem der Phänomenologie, des Neukantianismus, der Dialektik, der Theologie und der Lxistential-Pliilosophie. Unter diesen Nation,dphilosophen fehlte etwas, das man linier irgendeinem Titel als jüdische Philosophie bezeichnen könnte, völlig. Nicht, als ob jüdische Repräsentauten tler Philosophie (gefohlt hätten, sic waren int Gegenteil 1'celit offenkundig in der französischen Philosophie vertreten; und schon gar nicht deshalb, weil etwa in der ganzen Thematik des Kongresses jüdisches Gedankengut gefehlt hätte: vlciin die grolle Problematik von Mensch und Gott, wie sie in der ganzen Religioiisphilosoplüc, aber auch in der heutigen Lxistential-Pliilosophie lebt, ist ohne das Gedanken- und (ietuhlsgut der Bibel wohl undenkbar; Und, wenn sic auch nicht anwesend waren, so schwebte der Geist B c r g s ס n s ebenso über der französischen Philosophie, wie der Geist Hermann Coli e n s und E d ti a r d H u s s c r 1 s über der deutschen. Aber ein deutlicher, bewtißt-jiklischer Beitrag zur Philosophie unserer Zeit fehlte vollständig. Das sei konstatiert, ohne daß liier in irgendeiner Weise dazu wertend Stellung genommen wurde. \ So war denn die Juden( rage mehr passiv und verdeckt, sowie in unlöslicher Verbindung mit anderen deutlieber ausgesprochenen Problemen Thema des Kongresses. Drei Probleme seien hier erwähnt, an welchen wir geradezu mit unserer Existenz interessiert sind: 1. das Pronlcm der Freiheit der Wissenschaft, 2. die Frage der Demokratie, 3. die Frage der Rasse, genauer die Bedeutung vlcs biologischen Faktors in Politik, Soziologie lind Wissenschaft überhaupt. Daß die Frage der Freiheit der Wissenschaft in einem Philosoplienkongrcssc iiberhaupt in irgendeiner Form zur Diskussion stellen konnte, ist ein Zeichen der Zeit.!Faß die westlichen Völker, die Französin, Engländer und Amerikaner, daß aber auch die Tschechoslowakei! für die Freiheit der Wissenschaft cintralen, ist erklärlich. Aber auch die Vertreter des italienischen Faschismus betonten die Freiheit der Wissenschaft als obersten Grundsatz. Die Stellungnahme der deutschen Delegierten basierte auf der Theorie vom ״zentralcn Gegenstand“ einer Wissenschaft, welche fielt pach vortnig, mul der Bedeutung der ״Aktualität“, welche sowo' l der Führer der deutschen Delegation l'mge als auch der bedeutendste der deutschen Philosophen dieses Kottgre cs Nicolai Hartmann darlegte. Die Theorie Hellpachs besagt etwa, daß jede Wissenschaft einen zentralen Gegen- Stand habe; sie hat also nicht alles zu untersuchen, was 1 ו ihr Gebiet fällt, sondern nur das, was mit Rücksicht auf de 1 zentralen Gegenstand der Wissenschaft bedeutungsvoll ist. Einen ähnlichen Sinn hat die neue Theorie von der Aktualität,

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