Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1934-09-07 · Heft 72-73 (7.9.1934) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 72-73 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2651273-2653452-2653520--25728-2682884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHE RUNDSCHAU VON JÜDISCHER MUSIK NR. 72/TJ. 7. SEPTEMBER 1934 Ihr Wesen und ihre Herkunft Von Erich Werner, Saarbrücken der VV’oIil jeder Jlllle׳ tler den Cjoftes Uicust an den Holten ffirrt.ii'Hi einm.il vihht lut, wird durch die liefe Feieri1!־ktil1' *•lie die Gesänge dieser laßt* ilureh/ittcrt, ergriffen ״mJin si'iu. Weit über die sonst bescliehlenc uittsi Mische OestnI*n!וdes hcnraisclieii fextes hinaus geht durch die Weisen dieser Lage ein hoher, der mystischen Kawaiuh .futiiiiilii'Iit'r Trust. Dieses geschlossene mnsikaliselie Pamul auch die Imlieithelikcit der verwendeten Melo* £|" sind Charakteristika jener Tage; sie sind beide Reste allen jmlischen Llhosklire in der Musik. \X te alle alten 'her, so empfand mich das Judentum die Musik |1r?nr״״״l.1h als eine in a gi s c 11 e _ Kunst, dem O.jUlicheii fyJ1is״ untre wie dem i cuHischen. So hat sich iiishcsoiulere [jf die I'islrnnicnte, aber aticlt für einzelne Melodien ein .;rc1l1;es Gesetz, ein Hyclitskamm liern ungebildet, der ihre ,di׳j״>e mul klinische Ü1!Lässigkeit regelte. Wenn z. B. ur- ,»riiiifdielt der scharfe, sinnliche Klan״ des Chalil (Doppel- Oi,of) im Tempel verpönt war oder einzelne Instrumente wie djs Toi (liamlpauke) den Frauen Vorbehalten blieb, so sind jjjiifiir zw eil eilos /!machst ethisch-religiöse Erwägungen maßgebend gewesen. Hierher gehört auch die eigentümliche Bcdcutung,~dTc dem Scliofar an den 1 lohen Feiertagen zukomint. In seiner -- jlit eigentlich musikalischen — Verwendung erkennen wir (cjili.'li die ui •allen vor monotheistischen Vorstellungen vom Jon/n 111' e r“, der noch heute bei primitiven Völkern Müht wird. Die Sage von Orpheus, die der Posaunen von Jericho, die Zauberflöte mul viele Legenden aller Völker Helen hie ri 11 r deutliche^ Parallelen. Noch heute besteht der 0<;ju1li'cho Brauch, zu Schwerkraiiken den Schofar ins Hans ,11 bringen, wohl als Ict/ter Rest der magischen Vorstellung«- »■dt, in dev der Gebrauch des Schofar ■wurzelt. Den 11 ochstcn Sinn aber gewinnt die musikalische Ethoslehre des Judentums erst bei der Auswahl, Aneinanderreihung gart kubischen Verwendung einzelner, ganz bestimmter MeloJiegenote, die oft geradezu den symbolliaftcn Charakter um j riimmings- und Leitmotiven haben. Diese Art von Kompositi׳ "!«praxis in halbstarren melodischen Wendungen, die sich immer wieder auf bekannte Textworte beziehen, ja sehr alt und im Orient noch heute gang und gäbe. Im Juiii■!:(um linden wir dieses Prinzip hei den Psalmen; mk■ von ihnen tragen llebeisclii'iften, die sich auf damals offenbar bekannte Melodiciiamcn beziehen. So etwa Psalm 22 rach der Melodie ״Hindin der Morgenröte“ oder Psalm 60 J'lamed“ (zu lehren) und viele andere. Wir haben uns den Sinn dieser Namen ähnlich zu denken wie die Maqamcn in der heutigen arabischen Musik, wo bestimmte Tonfolgcn ausdrücklich der Religion, andere der Liebe oder dem Kampf bestimmt sind. Diese symbolhafte Bedeutung, die allen Gesängen der Iloliai l eiertage eigen ist, erhellt sich zu ganz besonderer tu ׳!Ile bei den sogen. ״Missmai-(!ehrten“. Man bezeichnet!tut diesem Ausdruck die (icbcte alter Tradition und zentraler Beileiilung, wie ,,Olenii“, 1״ Limeleeli", ״W’hnkolianim“ und vor allem das berühmte ״Kol nidre“. Ts liegt nahe zu ver* niutcii, daß diese so deutlich in den Mittelpunkt des Gottesdiensles gerückten Gebete auch in ilircr Musik überall auf dieselbe Weise gesungen werden. Dem ist aber durchaus nicht so. yielmelir werden die genannten Texte nur bei den Asehkenasim in Atitlel- und Osteuropa nach eien uns vertränten und so ergreifenden Melodien gesungen. Bei den meiden Sefurdim werden hierfür ganz andere Melodien heniit/l oder manche Gebete, z. B. das ״Kol nidre“ werden irbeilimipt mir einfach rezitiert. (Uebrigcns sei darauf hingewiesen, daß n,•uh Idelsolms und anderer Gelehrter Forschlingen das ״Kol nidre" nicht, wie man früher irrtümlich augcnoinmen hatte, aus der spanisch-jüdischen Epoche stammt, sondern schon im <). Jahrhundert in Babylonien rezitiert wurde, Mahari! im 15. Jahrhundert kannte noch keine hestimmte Melodie dafür; aber zu Linde des 16. Jahrhunderts iri. die uns geläufige Melodie schon allgemein bekannt. Sie durfte wahrscheinlich im westlichen Rheinland entstanden sein.) Die Selbständigkeit der nschkcnasischen Melodien herecht ißt nun zu einigen Schlüssen auf deren Alter und Herkunft. Wahrscheinlich liegt trotz aller Verschiedenheit zwischon asrhkenasiselien und sef,irdischen Weisen doch eine gemeinsame musikalische Urtraditioii zugrunde, die bis ins fünfte iinclichristliclie Jahrhundert verfolgt werden kann, aber sie tritt doch sehr stark in den Hintergrund vor den viel jüngeren -- meist fremden— musikalischen Bestandteilen. Der grollte Teil der Missin,liwcisen stammt aus der Zeit zwischen dem elften und dem sechzehnten Jahrhundert und ist zweifellos s ii d w e s t d c 111 s c h e r Herkunft. Viele musikalische Motive daraus sind in der Welt der Minnesänger, der Meistersinger, des protestantischen Kirchenliedes zu Ilause. Es liegt hier eine ganz ähnliche, durchaus eigenartige deutsch-jiielisehc Stiimisclumg auf den» Gebiet der Musik vor, wie wir sic in 8 p r a c h 11 c 11 e n Bezirken im alten Jiddisch finden. Uralte, langst vergessene Minnesangs- 11ml Volksweisen tauchen ganz überraschend in unser!» Gcsängen auf, meist derart hineiuverwoben in ganz orientalische Weisen und ihrem frei kantillicrendcn Stil so völlig angepaßt, daß sic nur bei eingehender Analyse ihr Inkognito lüften. Einige Beispiele mögen wenigstens die interessante steil Falle belegen: Notcnbelspie! 1. Das feierlich Inngge/ogcne Bora eh U scheint bereits zur Zeit der Kalonymidcn im Mainz des 12. Jahrhunderts bekannt gewesen zu sein. Das eharakteristi- *ehe Koplmotiv ist identisch mit einem, dem Paulus Diakonits /!!geschriebenen IIminus ״Iste ccmfessor“ aus dem 7. Jahrhundert, Es ist aber Liiini an/imehmcn, daß dieses Motiv von den Chasanitu einfach übernommen worden ist; Vielmehr dürften die heulen ähnlichen Melodien auf eine gemeinsame, wahrscheinlich frühchristliche Urtradition zu* rückgchcn, Daß sieh dasselbe Köpft Bema im deutschen Clio* ral ״Komm, heiliger Geist, llerre Gott“ in Eeiscntrits Gesang* buch 1507 wiederfindet, sei 11■ int unsere Annahme zu bestätigen. Notenbeispiel 2. Im Knddbch und Seh'ma des Schach,irisgebetes finden sich Motive, die einzelnen Wendungen aus der Melodik der _Troubadours Intel Minnesänger stark ähneln. Wir gehen hier zum Vergleich ein von Dietmar von Aist bearbeitetes Trotibadoinhed. Von einer wörtlichen Ucber- Kahme durch die Juden kann auch in diesem Falt keine Rede sein; wir ersehen lediglich, daß die Melodik, die zur Zeit der Krcu/./ügc in Frankreich und Iknitschland heimisch war, auch an den Juden nicht eindrucksvoll vemibergegangen ist. Weit ,ntiffallender ist Beispiel 3. liier handelt cs sich um Motive, die den ganzen M;1 a r i w - Ci o 11 e s d i e n s t des Erew Jom Kippur durdi/ichcn; diese Wendungen haben ausgesprochene Lcitmotivlmleutung. Die wörtlich gleieben W e 11 d u n g c tT k o nute ich i m B a m h e r g c r Gesangbuch 1623 ((7 Lamm Gottes unschuldig) und im Köln-Qiientcl-Gcsangbncli Ihl'i wicdereutdecken. Da im 16. Jahrhundert bereits unsere Kol nidre-Melodic bekannt war, zu der die Motive alle gehören, ist hier möglicher* weise eine Beeinflussung durch die jüdische Melodie nicht ganz, von der Hand zu weisen, zumal die Melodik des ״O Lamm Gottes“ Züge aufweist, die sic sonst kaum je in protestantischen Chorälen zu linden sind. Freilich besteht auch hier wieder die Möglichkeit einer gemeinsamen, viel* leicht gregorianischen Quelle. Die Beispiele 4 und 5 zeigen, wie belicht auch bei den Juden einzelne deutsche Volkslieder waren. Das bekannte Adon olam ist identisch mit dem Bauernlied vom ״Papstaustreiben“, mehrere S'lichoth benützen das einst sehr heliebte Volkslied ״Wenn ich des Morgens früh aufsteh“, das auch der berühmte Lieelmeister Heinrich Isaac kunstvoll paraphrasiert hat. Dasselbe Motiv findet sich auch im Jigdal zu Rosch I laschanah. In den Beispielen 6 und 7 endlich wird eine Zusammen- Stellung jener Teiimotive gegeben, die für die Melodik der Hohen Feierlage besonders charakteristisch sind. Sic stammen zürn Teil ans eien alten Thora-, Propheten- und Tefillawcisen, zum andern Teil sind es Wendungen, die sich bei den Minne- Sängern und den deutschen Volksliedern bis ins 17. fahrhundert finden. Beispiel 6a ist ein Marienlied des Minnef) 3 craA**'* f4Uat ftie) Otet) 3 {T Jit &U4* -tnr-r*d J~. 4tc kcv-T-, Jitt ־- h - iCjx. **vtl>| cüh 604* :בש: -2-:. - G—2 Zl—M.—?_—־-־—; - Jfcft. +*%«. r-cC <t- 39"- ntj € •£<r 6t■ ~ 4*)'• t*7t io ~$rvia4fod(d>l dudrA V. /)',et****• W» Q6iCm §L.' fJl —V _ £V qzrrt; mpn " 4־.־־-־—־A״־־־־^■־־-;-11- ׳B«w A4.1 ■Z4» 44«4-«4׳ «*> H*J<r mJL-t*■ t yc-tjrv - dt. m** ■tu» *£4tt.-ieu 3׳^ M.tL9Hxei'4.H* du* IC&C *• Id <r+Th-yü1 ד. ä t 1־־T־־r l) b 45 .״^ * **>**&* *' <***) 6 “ 22 3לa* Di triff u**r4 * Sängers Heinrich von I.auffenhcrg, 6 b ist dem ״Lai de bonne csncrance״ von Guillaunie de Macliaut entnonimcn (man beachte die Scliluliklauscln!), 6c ist die berühmte deutsche I.imlcnschmidtweise (vor 1531), 6d ist der Choral ״lobe Sion, Deinen Herrn“ aus dem Kölner L’saltcr 1633, 6 c stammt aus dein Choral ״Nahet Euch, Brüder“, der gegen zwoHlmiiilort Jahre alt sein soll. Man vergleiche damit die Weisen des Ncila* Knddisch, des Tal und Geschein! Beispiel 7 bringt einige traditionelle jüdische Melodiewendungen, die zum groß* ten Teil dem Tropp der Propheten- und Fsthcr-N'ginoth angchören, also noch palästinensischer Herkunft sind. Nochmals sei betont, daß alles übernommene Musikgut der Missinaigcsiingc mit so hoher Kunst dem jüdischen G c s a 1111 s t i 1 a n g c p n fl t ist, daß sich die fremden Melodien kaum mehr von der Haltung der alten Gesänge unterscheiden. Wenn wir etwa die sehr alte Melodie des ״Olenu“ (sie entsand im 3. Jahr* hundert in Babylonien und findet sich fast genau gleich im Sanctus der IX. Missa Mariae) vergleichen mit der viel jüngeren des Kcal nidre, so werden wir kaum einen wesentlichen stilistischen Unterschied entdecken können. Nur dadurch, daß das Judentum im Mittelalter auch musikalisch seine Eigenart bewahrte, war es mög* lieh, die fremden deutschen Melodien so organisch ein« zugliedern. A (Ido* dujut l Z; r. t \ i ZZ * ■ ־־ zt « _ *** * /} -c—T- (ק) ZU» O3*** tjlru Va) 0. - 5m% v *' _ 0\L -* /** «Ua) Z*. . . .>/ . J -♦ . t ׳ .T / 4 i״ \ . 6'-/*0 U-Atd, J. *JOM* Mi»«* ^jr־• n , ־" י■־״,“ ־־■־־ jfll Pl JU* /zh-, &) W> U21_=J\-,-r (■/ ׳ 0 m I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.