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Jüdische Rundschau · 1934-09-07 · Heft 72-73 (7.9.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 72-73 (7.9.1934)
Date
1934-09-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 ■JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 72/73. 7. IX. hincingcworlene», rheinabtließenden Kräutern alles Unheil des nächsten Jahres mit fortResehwemmt werde. — Dieser scheine alte Brauch, dessen Jakob Grimm in seiner Rede an! Schiller rühmend gedenkt, ist auch bei den deutschen Juden schon lange gang und gäbe. Der Maharil (Jakob ben Moses Mölln), dir im 11, Jahrhundert in Mainz als Rabbiner wirkte und sich besonders lim die Wahrung der Bräuche des westdeutschen Judentums verdient machte, erzählt uns in den Minhagim davon, daß schon zu seiner Zeit die Juden ain ersten Tage des Rösch Haschanah-Fcstcs an ein fließendes Wasser gingen, Brotkrumen liineiuwarfcn und dazu den Vers Micha 7, 19 sprachen: ״der nun riiekkehrend sich unser erbarmt, unsre Verfehlungen niedertritt! — Ja, werfen wirst du all ihre Sünden in die Strudel des Meers.“ *ortkep ישוב יר^מני לנכש,ןמיניוןני ותשליך במצלות;ם כל, Ob cs einer Volksetymologie, die vorn hebräischen Worte ״taselilidi'* ( ׳ werfen wirst du) zu dem deutschen 1,Tasche“ führte, ziizuschreiheii ist, daß die Juden in Deutschland am ersten Tage' des Neujahrsfestes ihre Taschen in ein fließendes Gewässer ausieeren, das mag hier uncrörtert bleiben. . Der Brauch ist früher vielfach angegriffen worden: die offenbar bildlich gemeinte Proplietcustclle sei hier wörtlich lind gröblich verstanden worden, das Ganze sei in da:; Gebiet des Aberglaubens zu verweisen. Und dennoch war die bildhafte Wirkung der alten Sitte so stark, daß sie sieb bis in unsere Zeit erhalten hat. Auch hier in Berlin kann man an den Spreebriiekeu am ersten Tage Rosch Haschanah mittags ein Häuflein Menschen sehen, die ihre Taschen über das Wasser bin aiisscliütteln, vielleicht auch Brotkrumen in den Fluß werfen und dazu die Verse aus Micha sagen. Und für den kleinen Schmarja Levin war der Besitz■ zweier Flusse in dem kleinen Swisiowitz, dem Wohnort seines Großvaters Salomon, eine Quelle großen Stolzes: ״Zwei Flüsse zur Auswahl beim Taschlich! Hatte man Lust, so konnte man die Bcrcsina begünstigen; und verlangte es einen, so ging inan an die Swisla und schleuderte seine Sünden hinein.... in dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie zum fernen Ditjepr, von dort zum Schwarzen Meere getragen und schließlich von den Ozeanen, die die Erdkugel umkreisen, verschlungen werden würden.“ III. Kücftenbräudtc am Rosch Haschanah Auch auf dem Tische des Hauses sieht's nicht ganz so bunt und abwechslungsreich aus wie etwa ain Peßachfesfc — wo die Hausfrauen sich verschworen haben, zu zeigen, was man alles aus Maz/otli her stellen könne. Heute lierrsehen hei den Juden der verschiedenen Länder verschiedene Sp ciscgewolinhcitcu; aber eins haben sie alle miteinander gemciiisam: sie sollen Glück bringen! fliesen glückbringenden Zauber sucht man entweder im Namen der Speise oder in ihrer Art. So ißt man am ersten Abend des Festes in Deutschland einen mit Honig bestrichenen Apfel und spricht dazu die Bcrachah: ״Möge es Dein Wille sein, daß dies neue Jahr ein gutes und süßes Jahr werde!“ In Nordfrankreich wählt man dazu eine besondere Sorte von roten Acpfcln — auch mancherorts in Süddeutsch* land kennt man diese ״Süßäpfel“ —, in Stidfrankrcich aber nimmt man dazu helle Weintrauben. Dem Gedanken des Aufangs, der Erneuerung hängt man nach, wenn man an diesem Abend Früchte genießt, die man in diesem Jahre noch niemals gegessen hat und dazu die alte Danksagung spricht: Dank Dir, Gott unser Herr, daß Du uns diesen Tag erleben licliest! Anderswo ißt man am Neujahrsfeste den Kopf eines Fisches, um an das Bibelwort zu erinnern: ״Zum Kopf will ich Dich machen, nicht zum Schweif!“ — vielleicht auch, weil die Fische von dem segnenden Patriarchen als Sinnbild der Fruchibarkeit bezeichnet werden. Aus der Weit des jüdisch-deutschen Ghettos aber stammen wohl die seitsameu Volks-Etvmologicn in den Kücliengcbräucltcn: daß man ״Möhren‘• ißt, weil cs heißt ״Mehret Luch!" und ״Rühen", weil ihr Name au das hebräische Wort für ״Viel“ (Rab, Rabba) anklingt. Entschieden meidet man aber manche Speisen an diesen Taren: so ißt man keine Nüsse, weil der Znhleriwert des hebräischen Wortes (Agas) der gleiche ist wie bei dem ■Worte ״Sünde", Auch pflegt mau die Speisen nicht mit Essig zii/ultereilen. Nur in manchen Teilen Norddcuisehhnds findet man den Brauch, die Bare 11 cs am Rosch Haschanah und Jom Kippur rund zu gestalten; oh der Kreis, der keinen Anfang und kein Ende hat, au den Kreis des Jahres erinnern soll? - Auch die Flckchkräppel in der Suppe (dreieckige Taschen aus Nudelteig, die mit Fleisch gefüllt werden und nur am Rosch Haschanah, I loschnuah Rahha und merkwürdigerweise auch am Purim gegessen werden), kennt man nicht überall, IV. Die Jisdmwniks In seinen schon mehrfach erwähnten, kulturell außerordentlich reichen Jugcudcriunerungen (deutsch 2 Bande im Rowohlt-Verlag) erzählt Schmarja Levin von einer merkwürdigen Sitte. Zu Rosch Haschanah kamen die Jisclmwniks m die Stadt. Es gibt im Deutschen kein Wort für diese Juden: sie wohnen oder wohnten — draußen Im Dorfe, manchmal in einem einsamen Gehöft, als Fremdlinge in einer fremden Welt. Manchmal vergehen Monate, ohne daß sie einen anderen Juden zu Gesicht bekommen. Aber an den Herbstfeiertagen schließen sie ihre Häuser, lassen ihre Arbeit ruhen und begeben sich in die nächste jüdische Gemeinde, um im Gebet mit der Gemeinschaft vereint zu sein. Die ״Hinterwäldler“, wie Schmarja Lewin sie nennt, werden überall aufs beste aufgenotnmen; man gibt ihnen die Ehrenplät/e an der Misrachwaml in der Synagoge und nimmt sie gastfreundlich im Hause auf. Besonders der Tag vor Jom Kippur war ihnen geweiht: da fanden sie im freundlichen Beisammensein ein wenig Trost für die einsamen Jahre, die sie draußen in der Fremde, fern von ihren Stammcsgenosscn, verlehett mußten. Es waren grobe, bäuerische Menschen, diese Jisdmwniks; halb Juden, halb Bauern, lebten sic wahrend des ganzen Jahres mit den Bauern und nahmen ihre Gewohnheiten mehr oder weniger an, wenn man auch, sobald man es sieb leisten konnte, einen Robben ins Haus nahm, der mit den Kindern lernte. Nur am Rosch Haschanah uuu 10m Kippur fühlten sic sich wieder eins mit ihrer Welt mul ihrem Gott. - - Es will mir scheinen, als ob gerade diese Jisdmwniks und ihr Schicksal zur Quelle vieler ostjüdischen Erzählungen --- von Perez und andern — geworden wären: so etwa, wenn wir von dem jüdischen Jungen hören, der die Schafe hüten mußte und nichts lernen konnte — nur pfeifen konnte er, und am Jom Hakippurim, dem feierlichsten Tage des Jahres, wußte er sich nicht anders zu helfen als durch einen langgezogenen Flötenton, der die Kehillah entsetzte, aber vor den Ohren des Herrn wohlgefällig war wie das andächtigste Gebet. Auch die schöne Pcrez-Novclle von dem Fischer gehört hierher: Der Fischer und sein Weib leben das ganze Jahr hindurch entfernt von aller jüdischen Gemeinschaft, nur am Rosch Haschanah und Jom Kippur gehen sie zur nächsten jüdischen Gemeinde und bringen alljährlich einen Fisch mit, uni den Gast freunden zu lohnen. Aber ein Sturm bricht aus und der Fischer gerät beim Fang des Fisches in Lebensgefahr. Da entsinnt er sich des einen Satzes aus dem Neujahrsgebet.Du bestimmst, wer in Ruhe leben soll und wer in Gefahr״ — und mm singt er diesen Satz mit seiner Melodie, die wir alle kennen, immer vor sich hin — und Gott tut ein Wunder zum Rosch Haut״ Meer wird wieder ruhig, und der Fischer kann in t Fest mit den anderen Juden feiern. ־ V. Chassidhchcs Rosch Haschanah Gemeinschaft der Beter am Rosch Haschanah Jom Kippur: das ist auch eine der Grundform״״U1> 1!״ Leben der Chassidlm. An diesen heilmcn T«1. Kt" י kein Cltassid 'daheim bleiben; mit Weib und seinem ganzen Hausstände siedelt er, wem! ihm” möglich ist, zum Zaddik über. Und auch der Zinkm/*"' ist von der Bedeutung dieses ״Ziisariimnisclihisse« ,ן Wi‘! nossen“ überzeugt. ״Alles, was Dir der Zaddik!'! '־' mußt Du tun“, sagt Rabbi Nachman aus Brazlaw י ״״ er Dir verbietet, am Rosch Haschanah m ihm 1״I *'י mußt Du nicht gehorchen.“ Denn an diesen Ti6*0,)״' dem Zaddik, dem Führer der Frommen, eine Rm/\ *f: Gewalt inne. Als Fürsprecher für seine Gemeinde dar! ' Gottes Thron treten; und seine Seele, wenn sic siehtי' * ׳ gar mit dem Herrn vereinigt, hat die Übermensch!!'• Kraft, andere Seelen mit sich emporzutragen, die ״ hängen wie Trauben am Weinstock, Zahlreich Geschichten, die davon erzählen wie etwa der Bcrrdii״! ■ an diesem furchtgebii temlen Tage nicht ruhte, bis », f Verzeihung für sein Volk erkämpft hatte — wie er(*1'‘"'!״ der Hilfe des Höchsten selbst die schon verfallenen c* f'? wieder ״loskauft“. Darum ward auch bei den ctui"’’ aus dem strengen und furchtbaren Tage des Rasch Hisrh ' cm Freudenfest. ״Durch die Freude vereint man <1,״!®’ Gott.“ m *ג Noch eine Steigerung dieser heiligen Freude kenn» < Chnssidim; die Wanderung nach lircz Israel Denn? ersteht ja dem Menschen die zweite Seele, die sundcnD die keine Strafe verdient. Am Vorabend des Rosch H schanah im Jahre 5D9 kam Rabbi Nachman aus Br׳״ in Erez Israel an; und seitdem, pflegte er zu sagen, stmi* alles Leben, das in ihm sei, aus der Zeit seines Aulen!!׳׳״' in Erez Israel. ״Wer in Wahrheit ein Jude seit! will d״' 'i, nach Erez Israel“, lehrte er die Seinen. Und doch kehrte» selbst ins Galutli zurück, weil er seine Schüler nicht »״ lassen wollte. So schlingt sich Volksglaube und Volksbrauch um!«. I weltweiten Tage im Leben des Juden ... und der Gedank« Erez Israel ist auch hier nicht fern. Aber wer sich »m׳J | Vergangenheit und ihrer Schätze in diesen Tagen ben'׳ geworden ist, den führt durch alte Erschütterungen am Tr•1 des Gerichts und alle Kasteiungen am Tage der V> söhrmng ein guter Geist -- bis hin zu jenem ״IucIm'• befreiten Augenblicke des Aufatmens am Ausgang des v!• söhnungstages, da der Engel des Gerichts, den Gott n:, Erde sandte, keinen Sünder mehr fand in Israel, nur Hfb gekehrte.... Daun aber geht der Jude, noch bevor er dm ersten Bissen hinuntergcsehluckt bat, hinaus vor dit Tw,! um den Mond zu grüßen und ciii/uscgncn. Und gleich hinterher muß Nagel und Hammer hcrbcigcholt werden - der erste Nagel für das kommende Fest muß noch heult Ungeschlagen werden. Das aber ist ein Fest der Freude - das Fest der Laubhütten. Bath-HilleL Religiöse Jugcnd-Alijah. Wie uns der Arhcihaussdii! für religiöse Jugcnd-Alijah mitteilt, siedeln Dr. Erich Rosa• blüth und Ismar Jeremias nach Palästina über, um dr! die Leitung einer Jugend,ilijah-üruppe zu übernehmen, i> Arbeitsausschuß wird deshalb seine Arbeit ers! nach de Feiertagen wieder aufnehmen. Die Gcsch.tftsführunj wir;' sich in den Händen von Joseph Walck aus Breslau befinde. Anschrift; Berlin N54, Neue Schönhauser Str. % p. 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