Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1934)
- Date
- 1934-08-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCH E RUNDSCHAU Seite 7 4 nti '){ » |n’11 l'fr• "יין IS len Jn.111 fei- (!1111 id'*• 1 | ״״׳■ ן IiIk'Ii icrcr I ־ 1 ist und ver• :keit »:lic 1 I 1 I? Kr. <59, 28 VIII. 1934 festes Pas ,•!,rttiif stellen auf respektabler Höhe und verdienen Be- ״״((. I״ Zeitschriften und besonderen Banden werden!״unigMiitt״ reichlich Stoff finden. 1״ IV. nie wirkliche Linwurzeliiiig in Er« Israel ist aber nicht ״״, «in ״I..cr11"-I,r״b an. Ls jiitill noch etwas Entscheidendes ״ikoinnicii, ״'»;l11 'k־» R''''t1«c'n Anstrengungen Dauer und 1 Fundament zu verleihen. Wort von R. S c hi 111 con b c 11 Jochai: ״drei ״״״״. . icsrlicnkc hat Gott Israel gegeben, und alle sind ״ r durch leiden verliehe״ worden: f h o r a, 1' r ן ■ו Israel ״nd die kommende Uc 1t“ entspricht einer tiefen iiVislu’it־. Zwischen diesen Nv erten bestellt ein innerer Zu- ',miU'iilia1 .»״: r e z I s r « e I h a t c i n e M i 111 c r s t c 11 u «1 g ',wische״ ß ׳'r Lehre und der Ewigkeit. Auf jene uj unser f and mul unser Leben in ilnn gegründet, und zur LjjAoit fuhrt es uns. Die irdische Aufgabe eines Volkes auf dem ilun gemäßen Boden hat ein festes religiöses Fundament ״ml wird durch seine Lrfüllnng über den Zufall und die Vcrg.'ing!ichkeit liinaiisgcliobcn. Die Erhabenheit dieser drei ^'er'jnliaiiomenc erklärt es, tlafl_ Leiden mit ihrem Erwerb verknüpft sind. Alles Unvergängliche im Werthaften, dali die Ewigkeit hcgiümlet oder mit ihr identisch ist, kann uninöglieh!ms leicht und unversehens zuteil werden. ״Keine Thora jSt wie die Ire/ Israels“, sagten unsere Alten; aber gewiß j8t Er('׳ Israel undenkbar ohne Thora. Diese ganze Erwägung hat nichts mit Politik oder Par• tchvcscn zu tu». Mir ist es klar, dafl das ganze Aufbauwerk um| (las lleiiiiisdiwerdeii vieler Immigranten infolge unserer Armut an Tlnura sich schwer gestaltet. Die Thora bildet nicht das entscheidende Moment unserer geistigen Welt. Wir gissen nicht genug Thora, und aus der geistigen Hinter• lasscnscliaft, die von den Vätern auf uns gekommen ist, versteh‘‘״ wir nicht, die verborgenen Kostbarkeiten hervor*«• rauhem. Nicht wenige beschäftigen sich mit der Lehre, atuT sie sind steril, andere lernten einst und machen auch gelegentlich (jebrauch von ihr. aber nicht um der Thora seihst willen, also nicht um der Basis, Inhalte und Ziele willen, die jener eigentümlich sind; als Ethik, Gottesfurcht, (jotlcsiiehc, Menschenliebe, Demut, Gesetz und Halachnh, religiöse Dichtung. Vielmehr bildet hei nicht wenigen unsere grolle Vergangenheit mir das Quellgebiet des Sprachguts und wird 11111 der Meli/ali willen noch ein wenig wachgehalten; oder jene wird als archäologisches Material (im weitesten Sinne) gewertet. Der Begriff Thora aber er• schöpft sich nicht im Gebiete der Theorie; Thora ist nicht Studium allein, Wissenserwerb und geistige Schöpfung, die noch immer sich erneut. Es gibt auch ein Leben der Thora, Lehen auf (irinul der Gesetze der Thora. Das Reich der Tat umschließt gemeinsam mit dem des Eorschcns den totalen Begriff Thora. Freilich, nicht jeder ist erfüllt von starkem religiösen * Bewußtsein mul von Gottesfurcht, nicht jeder nimmt das ,,Joch der Gehole“ und das ״Joch des Himmclsrciches“ aus tiefem Glauben und religiöser Begeisterung' auf sich. Aber doch kann und wird mancher Verständige begreifen, dali alle Theorie, die Weit des Gedankens, die Neigung zur Philosophie und das Interesse an ihren Strömungen, daß auch politisches und historisches Verständnis mir Fragmente darsteilcn und keinesfalls einen neuen Volksfrühling heraufführen können. Nur wenn cs zwischen all diesen Gebieten eine Verbindung gibt, darf man auf eine echte Umkehr und Rückkehr lies Einzelnen und der Gesamtheit hoffen. Ein Lehen aut Grund des Formprinzips unserer Ucbcrlicferung — und ein solches Leben wäre mellt zur Versteinerung verurteilt; inam'lics verschwindet von selbst aus dem Brauchtum und manches Neue gliedert sich ein und bekommt Bürgerrecht — erst ein solches Leben führt eine tiefe, vollständige Uniwälzmig herbei, und aus dem Geheimnis, das das Leben der Tat umwittert, und aus der wertvollen Uchuag von Handluugen dieser Sphäre steigen Pfade der Wiedergeburt empor. Denn jeder Minliag und jede spezifische Form, jeder religiöse Akt sind Zeugen und Zeichen eines Ereignisses, das einst in der Geschichte unseres Volkes geschah, oder sie symbolisieren und verdeutlichen einen Gedanken oder eine Tendenz, die die Thora oder die großen Lehrer von Qcschlecht zu Geschlecht in unserer Mitte verankern wollten. Wenn ich dies Problcmgebict hier im Zusammenhänge der Kulturprohleinc unserer neuen Olim in Palästina ein wenig streife, so lenkt mich keine dogmatische Absicht, sondern der Wunsch, diejenigen, welche zum Ursprung unseres nationalen Daseins zuriiekkehren wollen und sich redlich um den Weg midien, gut zu beraten. Mögen sic nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern bis an das Ende gehen. Dann kann cs ihnen gelingen, aus dom Brunnen der UcberFcfcrung alles zu schöpfen, was geeignet ist, unser Leben und unsere Zukunft in l'rez Israel zu bereichern und unseren Bemülum• gen um Einbürgerung im Land und in unserer Kultur den Erfolg zu sichern. Nur diese Besonderheit unserer K>׳ltt1r und unseres nationalen Daseins muß sich allen erschließen, da(i sie ihren Charakter von der Praxis empfängt, und daß deshalb auch die letzte Einsicht in das Wesen unseres *olkes und unserer Schöpfungen erst gelingt, wenn dein Studium sich die Ucbting /!(gesellt, in deren Dienst erst sich das letzte Geheimnis offenbart. Unsere Wurzeln müssen bis weit in das Erdreich der lernen Vergangenheit cingesenkt werden; dann wird unser *erk in ferne Zukunft reichen.!,Der Kuß Im alten Orient“. In der Sitzung der Philo- *npnisch-Mistoriscbcn Klasse der Preußischen Akademie der Wissenschaften sprach (laut DAZ.) Prof. Meißner über den ״Kuß im alten Orient“. Der Kuß, speziell der MundkuB, sc! vielen Völkern des Altertums und der Neuzeit unbekannt, lauge Völker, gerade auch im alten Orient, wie die Aegypter und Inder, gebrauchen dafür den sogenannten Schn ii f f c 1 - kuß, indem sic durch gegenseitiges Beriechen ihre Gefühle *usdriieken. Ob auch der Kuß bei den Babyloniern, Assyrern *jud Israeliten sich aus dem Scliniiffclkuß entwickelt w, lasse sich nicht feststellcn; jedenfalls ist aber bei diesen *olkern der erotische, der Familien-, der Frcundschafts-, dcr yerclirirngs- und der Idolkuß sehr häufig. Es sei nicht unmöglich, daß von hier aus die Sitte des Küssens auch die Anschauungen der Perser, Hetiter und vielleicht sogar der Uricchen beeinflußt hat. Der Rabbi von Greifenberg ~ J ünd eine neu angclcnüpitc Vcrwondfochafi Ueber den Rabbi von Greifenberg, meinen Urgroßvater Jonas Si in ס!!, hatte ich ein paar Worte veröffentlicht. Am nächsten fnge schon werde ich aiigeriifcn, ein Fräulein Nathan meldet sich, bestimmt, energisch und doch liehen*• würdig, wie ein Mensch, der an selbständiges Arbeiten gewohnt ist. Sie stammt aus der Jonassehen Familie, sic hat ihren Stammbaum neben dem Telephon nusgchrcilct, liest mir die Generationen rückwärts vor, ״Stopl“ rufe ich: ״Wir haben den Ur-Urgrollvater gemeinsam." ״Wir sind demnach verwandt.“ Idi [rage: ״Also wann sehen wir uns?“ Sie antwortet: ״Kommen Sie morgen vormittag gegen 10 Uhr zu mir. Ich reise nämlich in zwei Tagen für längere Zeit fort." Sie nennt ׳״״,,.di‘־ Straße, beschreibt mir den Weg, Belm Rathaus in Schöneberg; dort stand früher der ״Schwarze Adler“, das Pauklokal meines Vaters, weit draußen vor den Toren der werdenden Großstadt Id1 komme hin, wir begrüßen uns, die Familienähnlichkeit ist trotz der entfernten Verwandtschaft unverkennbar. Blut ist dicker als Wasser, es ist schon etwas Wahres daran, denke ich, wie ich sie aufmerksam betrachte; wir plaudern, sie zeigt mir das alte Haus in Greifenberg, ein einstöckiges Gebäude, das noch unverändert fast, dem Sturm der Zeiten getrotzt hat; noch heute im Besitze Ihrer Familie I ich sitze an dem alten Sekretär, an dem schon unser gemeinsamer Vorfahr gcarbeitet hat. jetzt geht sie zur altertümlichen Vitrine, holt behütsain die kostbare Standuhr heraus, stellt sie auf den Tisch, 17FJ ist mit ungelenker Hand hiiieingcschriehcn, eine richtige stilechte Barockuhr aus Porzellan, in Blau und Gold gehalten, Farben, die damals zu den teuersten gehörten. Andächtig fast betrachte ich den seltenen Schatz, der durch zwei Jahrhunderte gerettet, hier vor mir steht. ״Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ Sie antwortet mit dem Gegenzitat: ״Nur der verdient sieh Freiheit und das Lehen, der täglich cs erwerben muß“, und — setzt sic hinzu — ״jetzt müssen Sie midi einen Augenblick entschuldigen, ich muß nach meiner Arbeit sehen.“ Ich frage erstaunt, beinahe ein wenig ironisch: ״Was, arbeiten tun Sic auch?“ ״Ja, selbstverständlich, aber ich habe cs bequem, ich habe keinen weiten Weg zu meiner Arbeitsstätte,“ Sic öffnet die Tür. ״Bitte,treten Sic näher...Ich befinde mich in einem geräumigen Zimmer, an den Wänden Regale mit Büchern, am Fenster sitzt eine Dame und schreibt auf der Schreibmaschine.... Erstaunt frage ich: ״Was haben Sie eigentlich für einen Beruf?** Jemand, der in der heutigen Zeit noch eine Stenotypistin ״sein eigen nennt“, kommt mir vor, wie ein Mensch mit fast iibcrnati'irlieber M.ichifülle! Sie gibt lachend zur Antwort: ״Ich bin ,Mädchen lür Alles‘, oder, wenn Ihnen das mehr sagt, Oescliäftsfülirerin, der Gesellschaft zur Förderung der Wissensclinft des Judentums. Ich führe die Korrespondenz mit den Gclihih'11, mit den Mitgliedern. Hier z. B, ist ein Brief." Ich überfliege die Zeilen, er ist aus dem Jahre 1924. Der Schreiber teilt mit, er habe als Einzelner, ohne jede Subvention, über eine Million Zeitungsausschnitte gesammelt. Dieses ״Archiv“ enthält Notizen und Rezensionen über alle mehr oder weniger hervorragenden jüdischen Männer und Frauen aller Zeiten, über Gelehrte und Künstler, Schriftsteller und Komponisten, Rabbiner und Schauspieler, Aerzte und Philosophen usw. Jetzt wendet er sieh mit der Bitte um Unterstützung an weitere Kreise. Was damals ohne allgemeines Interesse war, geht heute die Gesamtheit der Juden an! Doch schon stehe ich an den Bücherbrettern, betrachte die Vcrölfentlicluiiigen der Gesellschaft, die übrigens auf ein ganz respektables Alter zuriickhlicken können, denn der älteste Band der Monatsschrift stammt aus dem Jahre 185ö. Das ist die Zeit, wo mein Vater auf dem alten werderschen Gvrn- ,iiasium hcrumtolltc, wo damals, wie heute wieder, die. Turnbewegung Eingang in die Schulen fand. Ich greife willkürlich einen Band der ״Monatsschrift“ heraus, sehr aktuell, ״Der Anteil der jüdischen Freiwilligen an den Befreiung*- kriegen 1813,11“. Dort steht das bekannte Werk von Prof. Ellbogen: ״Der jüdische Gottesdienst in seiner geschiehtliehen Entwicklung“. Da stehen die ״Germania judaica", die die Gesclischalt ebenfalls heransgibt. Dort das jetzt überall zitierte Buch von F r e u d e n 111 a I: ״Leipziger Mellgästc“, Da fällt mein Blick auf Hermann Cohens ״Ethik und Religion*• Philosophie in ihrem Zusammenhänge“. Ich nehme die Schrift heraus; erzähle, wie ich mich noch erinnere, es werden so an die dreißig Jahre her sein, da las I ferm .1111*־ Cohen, von Marburg kommend, die Einleitnng aus den Korrekturbogen im elterlichen Hause in Straßhurg vor. ״Vergriffen“, antwortet Frl. Nathan, ״ebenso wie Haceks ״Das Wesen des Judentums!“ Aber hier will ich ihnen noch etwas Besonderes zeigen. H o f f m 8 n 11 s ״Jacob Abraham und Abraham Ahrahnmson“. Ich nehme den kostbaren Pergamentband zur Hand, sehe mir die Werke der berühmten Medailleure an. Richtig, da ist auch die bekannte Medaille von Moses Mendelsohn, auf der Vorderseite trägt sie sein Bild, auf der Rückseite den Totenschädcl mit dem Schmetterling. Sinnend betrachte ich die künstlerisch vollendete Plakette. Noch ein paar Tage, dann wäre Mendelsoluis 205. Gehurtstag. ״Sie keimen doch die Anekdote von Moses Metidelsoini, der keine glückliche Figur hatte und deswegen dos öfteren roherwcisc aufgezogen wurde: ein junger ״Dachs“, der ihn nicht kannte, fragte ihn boshaft, womit er handele, er wolle ihm etwas abkaufen. Mendelsolin soll erwidert haben, womit ich 11,nudele, das kaufen Sie mir doch nicht ab, ich handele mit Verstand!“ Wie ich noch über die geistvolle Antwort lache, werde ich ernst, und nachdenklich gebe ich zur Antwort: ״Sollten wir Juden nicht tatsächlich in den letzten Jahren etwas zu viel und zu einseitig mit ״Verstand gehandelt“ haben? Sind nicht die heutigen Verhält- 1-is sc, in (lenen wir Juden uns befinden, mit eine Folge davon, daß Moses Mendelsohn als erster mit ״Verstand eil gros“ gehandelt bat? Und daß wir alle dann etwas zu zahlreich in dieser Branche tätig waren?“ Sie lachte und sagt: ״Vielleicht haben Sie so ganz unrecht nicht, aber man soll niemals Gedanken überspitzen.״ Und sie wirft einen vielsagenden Blick auf die Bücherreihen, auf die stille Gelehrten,•irbcit, deren Herausgabe die ״Gesellschaft“ ermöglicht hat. Ich verabschiede mich ״Gute Erholung und gutes Wetter“, ״Danke und auf Wiedersehen, Sie wiedergefundener — Vetter“. Dr. Theodor Simon, Wannsce. üdisdie Komödien der Aufklärung Zum Ncuersdicincn der Komödien van liuchcl und Wol/sohn Von Dr. J. Meitlis, Berlin Wenn wir die hier zu besprechenden zwei Kam lien aus der Wende des 18. Jahrhunderts*) als die ersten jüdischen Komödien bezeichnen, so geschieht das schon im Hinblick darauf, daß wir in den früheren von primitiver Volkskunst etragenen Purim- und sonstigen Spielen nietit die eigentliche oniödic erblicken können, <1,1 sie sowohl in ihrem inneren Aufbau wie in ilircin Wesen alles andere als das sein wollten. Mit Luchels ״R. Henocli“ miil Woltsolms ״Lcichtsii n und Frömmelei" haben wir zweifellos den Anfang des modernen jüdischen Dramas und mil ihm der Komödie anziisct/un. Die Anfänge der Epoche der Aufklärung und Emanzipation erfahren in den beiden Komödien eine interessante und lebendi ge Schilderung. Im Leben der preußischen Judciiheif wird diese Epoche durch zwei sichtbare Tendenzen signalisiert: Erstens durch das im Anstieg begriffene jüdische Bürgertum und zweitens durch den Drang mich Bildung und Wissen, kurzum durch die Tendenz zur Aufklärung. Das innere jüdisclie Leben stand noch im Zeichen einer mittelalterlichen Verfassung und war weit davon entfernt, Verständnis für die Losungen eines aufgeklärten Zeitalters zu haben. Daher stände, die Sachwalter des öffentlichen jüdischen Lebens jeder Regung zur Neuerung mißtrauisch, ja feindselig gegenüber. Im Gotneindclcbcn und in seinen Institutionen war noch die alte nligarchische Vorherrschaft der AcJtcstcn und Habblncr dominicrcml, die am l/cherlieferten zäh tcsthirlten und jeden freieren Gedanken mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterdrücken suchten. Die aufstrebende neue Schicht jüdischer wohlhabender, ja reicher Bürger einerseits, sowie der immer zahlreich werdemlc Stand jüdischer Gebildeten andererseits, die von den Idealen der Aufklärung, den Gedanken der Humanität und Toleranz, durchdrungen waren, haben diese Vorgefundene Lage als unbefriedigend, ja bedrückend und entwürdigend empfumlcn. Sie begannen einen Kampf für die Retorm des innerlieh so crnciieniugshedürftigcn jüdischen Lebens. Der Vorläufer dieses zur inneren Erneuerung strebenden Judentums war bekanntlich Moses Mendelssohn. In treuer Gefolgschaft setzten seine Jünger das Werk ihres Meisters fort, das Werk einer hebräischen Renaissance und des Htmianismus. Noch zu seinen Lebzeiten wurde von ihnen die Schaffung einer neuen nationalen Literatur in der verjüngten Bibcbpraehe in die Wege geleitet. Man wollte durch die erneuerte Bibelspraelic die Gedanken der Bildung und Aufklärimg in das jüdische Haus tragen; dem diente die Zeitschrift ״Hamcasscf“ (״Der Sammler“) seit 178t. Aus diesem Kreise der ״Meassfim“ und Freunde der hebräischen Kultur gingen die Verfasser unserer beiden Kotnödien hervor. Es gelang ihnen, ein getreues und lebendiges Bild ihrer Zeit zu entwerfen, mit all den licht- und Schattenseiten einer ereignisreichen Dcbergangszcit. Isaak oder Itzig Eurhel, der Herausgeber und RedaRteur des bereits erwähnten ״Hnmcasscf“, ist der Verfasser der Komödie ״Reh Henocli oder Was tut man damit“, die etwa in den Jahren 1702.•'03 entstanden sein dürfte. Sie ist ein Tendenzstück und ist auf den Kampf gegen die Orthodoxie und für Aufklärung eingestellt. Mit beißender Ironie schildert Fnchcl den damals bereits einsetzenden Nie- (lergaug der Orthodoxie, die einen Don-Quichottc-Kampt gegen die Aufklärer und ihre Forderung einer Jiidcnreform führte. In seinem weit angelegten Schaustück gelang cs Fliehet, ein paar prachtvolle Gestalten aus dem Leben tcstzuhaltcn. Mit einigen wenigen Federstrichen zeichnet er seine Helden, und schon stehen wir• mitten in der kainplcrfiiilten Atmo- Sphäre der 00-cr Jahre des 18. Jahrhunderts. Da begegnen wir dem reichen, klugen, talmuilktincligen und frommen R. Henoch. Wälirend er den Kampf gegen die Aufklärer führt und seines Erfolges sicher ist, geht cs in seinem eigenen Hause drunter und drüber. Zuerst sind es natürlich die Tochter, die ihn liintcrgclien und sich seinem Einflüsse entziehen. Die ältere und verheiratete Elisabeth (-•־ Elke), hat cs verstanden, aus purer Abneigung zu ihrem Manne, dem Frömmler, der allerlei unsaubere Geschäfte für erlaubt hält, ein Liclicsverhältnis zu dem preußischen Offizier Horn aii/ukniipfen. Die jüngere und leichtsinnige Hedwig ( Hades) bewegt sich in den Kreisen der deutschen vornehmen Welt, führt geistreiche Gespräche und kommt sich sehr gebildet vor. Aber auch um die beiden Söhne des R. Henocli ist es nicht viel besser bestellt. Der ältere llartwig (- Herz), gegen den der Vater besonders eingenommen ist, gerät (vielleicht gerade dadurch, wie der Verfasser entschuldigend cingrcift) auf schiefe Bahn. Die Hoffnung des Vaters und der Liebling der Familie ist der jüngste Sdiniuel, der sich als fromm und züchtig ausgibt. Am Ende entpuppt er sich auch als ein Früchtchen. Um das falsche Spiel einer unreifen Aufklärung sowohl wie einer starren Frömmelei zu demaskieren, scheut Fenchel keine noch so scharte Satire. Als Motto zu seiner Komödie stellt er ein Zitat aus lloraz' Satiren (I, l, 24 —25) voran: Ridentcm diecrc verum quid vclnt? Die einzigen positiv zu wertenden Figuren der Komödie—׳ der aufgeklärte, edle jüdische Ar/t, der reiche Nathan, der Verfechter der Reform und der stille, fleißige und tugendhafte Student Marcus — sind es, gegen die sich der Haß des ortliodoxen Lagers wendet, Euchcl zeigt meisterhaft, wie unterminiert das Haus des frommen R. Hcma.i1 bereits ist. Wihrend er die Aufklärung durch die Tür hinatisjagt, kommt sie durch das Fenster wieder herein, aber dann entstellt, verkrüppclt, verwässert lind verflacht. Daraul kommt cs aber dem Verfasser an zu zeigen: Nicht etwa die echte und wahre Aufklärung, die Aufklärung zur Renaissance und Humanismus im Sinne eines Mendelssohn, entfernt den jüdischen Menschen von seinem Judentum, sondern jene falsche und flache Autklärung, die sich in Leichtsinn verwandelt, wenn init ihr im Bunde, einerlei ob bewußt oder unbewußt, die Frömmelei und Unwahrhaftigkcit stehen. *) ״Die Komödien der Berliner Aufklärung“. די קאנ״״־יעם פון Hcrausgegeben durch das Institut iür ר«ד בערלינער אופקלעווגג jüdisch-proletarische Kultur bei der Allukrainischen Wissenschaftlichcn Akademie, Sektion für Literatur und Kritik. Mit einer litcrar-geschichtlichcn Einleitung von Max Erik versehen, Kiew-Charkow, 4933. 7 77 I׳ k.u i, Sonntag» dsn 2« Septoenbcr 1934, in Derlln, auf dom Stadion a. d.Avus f i n z Kart«״ . ... .... naji Ai% hte r*M «9 cm Im B.Z.V.-Düro, MalnakastraQs 10 s Bor-Koohba-Tannlaplbtza, LaibnlzsfraBa 49-53 / Bar-Kochba* JMIeg! fmir im Vorverkauf ZU BH —»40 PIS RM lt50)_ BQr0 Ma|nakaatPB(Ja 10 , ßoxklub Makkabi, JagowatraBs 6 / Adolf Uokor, Msmhardtitraß* « / Cohn, Zaltungavartrlab, Schönhauaar Allo# 3 / Arbo» und Spor», Berlin - Charlottonburg, Kolaor Frlodrloh-8»r. 50a / Kaufhaus Ooldstsln, Schönhauser All•• 112 ✓ Jwrlabank, DircksanatraBa 27 t Iwriabank, FaeansnstraBa 18