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Jüdische Rundschau · 1934-08-28 · Heft 69 (28.8.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 69 (28.8.1934)
Date
1934-08-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 69, 28 VIII. 934ן »*•« ^■־־*s ו ן ךי ■Ja L־־fc4S«44־ Von Dr. Oskar Wollsberg, Jerusalem l־״WT| ודי יי fl ך , 1 ׳11 r?£ \ 1 ־! M \ | 1 W4» ׳ t Dir nachfolgenden Darlegungen sind die gekürzte Wiedergabe eines Referates, das der Verfasser auf 11er Moazah der iliiachduth Oie Germania in Tel-Awiw gehalten hat. Red. I. Die Behandlung dieses Themas setzt eigentlich sehr ein- (Singende Keinliiisse <lcr tatsächlichen Situation in den Kreisen der deutschen Einwanderer voraus: man mußte ein genaues Zahlenmaterial über die wirkliche Schichtung haben, müßte um die hebräischen Vorkcnulnisse und den jüdischen Bildungsgrail, um die übrigen geistigen und seelischen Bedingungen wisstn, wollte man auf völlig verläßlichem Boden hauen, fliese empirische Basis fehlt. Wir kennen eine ganze Zahl von Einzclfällen, kennen Schwierigkeiten aller Art, aber auch (ielingen. Zu einem verläßlichen Gesamturteil reicht dieses JVl.1lcri.1l nicht aus. Die drei großen (i r 11 p p c n, die uns bei der Kulturarbeit in Deutschland eiitgegcntratcn: Assimilanten, Orthodoxe und Zionisten, erscheinen auch hier wieder, svenn auch in einem anderen prozentualen Verhältnis. Von diesen Typen soll 11ns vorwiegend nur der zionistische beschäftigen, weil seine Situation charakteristisch und neuartig ist. Der Zionist, der ernste deutsche Zionist, ist in eine ganz neue, recht sihwere l.agc versetzt. Draußen stand er hei der Erörterung des Kulturproblcms nicht entscheidend vor einer palästinensischen Situation, wenn er nicht ein Chaluz war und sich einer 1 l.ichsctiarnli unttrzog. Ihn beschäftigte im all-!gemeinen — Ausnahmen hat es immer gegeben — eine kulturpolitische Frage mehr als eine kulturelle und, wenn man will, ebenso sehr eine sittliche Aufgabe׳, in ihm waren wirksam der Stolz und der Wille zur Eigenart, die Ablösung von einer fremden Innenwelt, die die Eigner dieser Welt nicht wollen oder nicht mehr wollen. Während draußen ein allgemeiner prinzipieller Standpunkt verhältnismäßig mühelos, d. 11. ohne die Aneignung bedeutender Kenntnisse im besonderen hebräisch-jüdischen Kulturgut gewonnen werden konnte, ändert sich für den dcutsehen Juden die Lage grundlegend, wenn er nach Iirez Israel kommt. Das B c k e n 11111 i s m ä ß i g e vertiert hier nicht seinen Wert, reicht aber nicht im entfernteste 11 aus, um Wurzel schlagen zu lassen. Man kommt in ein Land, in dein das Hebräische noch lange nicht gesichert genug ist, dennoch aber das öffentliche Leben beherrscht und in einigen bedeutenden Menschen bereits auch recht hohe Reife erlangt hat. Jedenfalls ist Literatur, Presse, Theater, das Vortragslcben, ganz, hebraisiert, und dem For• malen der Sprache gesellen sich einige materiale Eigenarten hinzu, die teils aus älteren Schichten, teils aus russischem Boden, teils aber bereits aus dem sieb erneuernden Humus stammen, und deren jede dem Deutschen fremdartig erscheinen. Da mag es denn sein, daß selbst mancher, dessen Erkenntnis ihn in Deutschland bereits an die Pforte der eigenen Kultur geführt hatte, nun zurüekfällt in die alte nichtjüdische Kulturvvelt aus dem Gefühl der Ohnmacht, das ihn beschleicht, wenn er das hebräische Leben beobachtet und feststcllen muß, daß er nicht damit Schritt halten kann. Und nun stellt sich die Paradoxie ein: der Mensch, dessen Sehnen Palästina galt und der Eingliederung in seine Eigenart, auch im Geistigen, hält nun fester als früher an seinem gewohnten Denken, seiner früheren Lektüre, seiner ursprünglichen geistigcit Welt mit ihren Formen und Inhalten fest, verfolgt ängstlich die Presse des Auslandes in deutscher oder auch anderer Sprache und was sonst draußen erscheint. Was für einen guten Hebraisten erwünscht ist, sich mit dem geistigen Geschehen draußen in steter Verbindung zu halten, das wird für den Ungeschälten zur Gefahr. Er bleibt nicht nur dem palästinensischen Geschehen fremd, sondern entfremdet sich immer mehr psychologisch, weil jeder neue Tag, der ihn nicht näher biingt, ihn mehr entfernt. Das Festhalten an den Dcnkformen, an der literarischen Produktion der auftcrpalästincnsischcn Welt bedeutet ein Verbleiben außerhalb der Zone Ercz Israels. Diese Gefahr ist uni so größer, als jetzt viele deutsche Juden, die ins Land gekommen sind, sich meist an wenigen Plätzen konzentrieren — nicht nur in den wenigen Städten, sondern auch in den landwirtschaftlichen Siedlungen. So empfindet der einzelne nicht den Zwang zur radikalen Hebraisicrung, er lebt wie in einer Enklave. Der Weg zu diesem Ziel ist laug und schwer. Njc Wf , wir auf dieser Balm Erfolg habe» ohne ein tiefes Limlri״'? in das Leben der liehraisclien Sprache und ihrer Schopf״,,״'’ Viele bestätigen den Eindruck, daß die deutsche zMijafi großem Fleiß und mit Ausdauer hebräisch lernt. Dennoch"'’! es kein Geheimnis, daß die Fortschritte utibtfr'1*' d i g c 11 d sind. Dafür gibt es viele Ursachen. Die Menschen sind nicht mehr jung genug, um eine ihMn fremde Sprache ganz zu erfassen; man prägt sich in reife,.' Jahren Vokabeln usw. schwerer ein. Wir haben nicht (י,ן3זן matiken und Lclirbikhcr, die etwa den guten lateinischen nr,! griechischen entsprechen, nach denen wir in unserer haben. Die Die kulturelle Eingliederung der neuen Alijah wird dadurch kompliziert, daß wir es mit einer vcrhältnisuiäflig großen Gruppe zu tun haben, die fast gleichzeitig ins Land kam und vorwiegend aus Menschen bestellt, deren seelische Struktur und kulturelle Eigenart recht stabil und prägnant sind. Ihre Umformung begegne! Schwierigkeiten, und doch ist ihre Nülweiidigkeit unabweisbar. Welchem Ziele streben wir bei diesen Bemühungen zu? Es ist wichtig, keinen übertriebenen Hoffnungen sich hinzugclien. ich denke, wir dürfen die Erwartung und Forderung ausspreclieii, daß die Immigranten das schöpferische Leben im jiscliuw anerkennen und bereitwillig sich anpassen. Sic müssen erfassen, was hier im Lehen der Gemeinschaft und in der Wirtschaft sieh gestaltet, gleichzeitig aber den Geist der Nation, der sich verjüngt, begreifen; das aber heißt, daß sie seinem Fundament sich verständnisvoll nähern, der kidturcllcii Basis, die in der Oeistrsgesehieli(« unserer Nullou als Wurzel der Renaissance gegeben ist. Auch das ist unsere lloflmmg, dafl unsere Freunde einen würdigen theoretischen Standpunkt zu behaupten wissen lind erkennen werden, daß liehen der ökonomischen Sicherung des einzelnen in uiiscrm Dasein Raum bleiben muß für unsere nationale Aufgabe; nicht der Gewinn darf also einziger Wegweiser sein. Diese Forderung der politischen Ethik kann nicht von unseren kulturellen Bemühungen abgetrenut werden. Wir werden an kein er* strehenswertes Ziel gelangen, wenn wir die Postulatc geistiger Arbeit nicht auf sittlichem Grunde errichten. Aut Grund sorgfältiger Ucberlegung schalte ich alle großen Erwartungen aus; die Umstellung ist zu schwierig, als daß die Resultate überwältigend sein könnten. Aber beseheklene Ergebnisse dürfen erwartet werden, und gerade diese sind für eins Land und die neuen Immigranten von größtem Wert. Wir brauchen einen soliden geistigen Mittelstand, der zuverlässig mul lernfähig ist. Wenn cs uns gelingt, die neue Alijah zu einer Stufe zu er- 11 c b e 11, die den Namen Publikum verdient, so werden wir Grund haben, uns unserer erzieherischen Arbeit z. u freuen und zu rühmen. Publikuui, natürlich ein hebräisches, zu werden, ist wirklich außerordentlich bedeutsam. Die Funktion des Publikums muß nun näher Umrissen werden. Jeder Redner und jeder, der irgendwie in der Ocffentlichkeit wirkt, weilt, wie sehr er auf das Publikum angewiesen ist. Keine Rede gluckt ohne Teilnahme der Hörerschaft. Diese bildet den stillen Mitwirkendcu, sic reagiert, sic feuert an oder erhebt Einspruch. Das braucht nicht laut zu geschehen; es gibt auch stummen Protest. Diese Beziehung beschränkt «ich nicht auf den Akt und die Dauer des Vortrags; sie wirkt über ihn hinaus. Das Urteil des Publikums kommt auch ohne schriftliche Acußcrimg zum Ausdruck. Jede Unterhai- 11111 g im Salon fixiert das Verhältnis zum Redner, zum Führer, zu allen, die sich der Kritik der Ocffentlichkcit aussetzen. Die Situation des Autors gleicht der des Redners. Der große Kreis der Leser von Büchern und Aufsätzen orientiert sich an den Themen der Werke, 11ml den meisten Gesprächen in Gesellschaften dienen sie und das künstlerische Formproblcm als Grundlage. Unsere Schriftsteller sind schöpferisch und beschenken uns, doch das Echo, das aus dem Publikum zurückschlägt, trägt mit bei zum geistigen Lehen und beeinflußt mehr mittelbar als unmittelbar die künftige Schöpfung. Beide zusammen, die Leistung von Originalität und das Echo, geben jeder Epoche ihren eigentihnliehen, kaum bcschreibbarcn Charakter. Diese Andeutung genügt, um zur Klarheit darüber zu gelangen, was unsere neue Alijah als organisches Publikum im Kulturleben hier zu werden berufen ist. Eine Sorge lastet über dem jüdischen Palästina, die keine Statistik über das Aufblühen von Tel-Awiw, über das Wachstum des Oeschäftsvicrtels von Haifa, über Hotel- und Häuserbau, über Fremdenverkehr lind Fahrikscrüffmingcn, über gute Orangenpreise und über die glänzende Levantemesse verscheuchen kann. Eine Sorge, drc noch quälender ist als die, welche der politische Parteihadcr im Jiscliuw heraiifbeschwört. Bevor Bialik zum letzten Male sein Land verließ, hat er in einer Abschiedsrede dieser Sorge bewegten Ausdruck gegeben: Die cntscheidende jüdische Aufbauarbeit, die B o d c 11 a r l) e 11, wird durch Handel und Industrie zurückgedrängt. ״Ich fahre ins Ausland״, sagte er, ״weil ich krank bin, aber ich fühle, daß auch der Jischmv krank ist. ... In der früheren Periode des Aufbaus hafte uns das Schicksal die Gnade erwiesen, uns jüdische Arbeiter zu geben, die aufs Land gclien und unser L c heu erneuern, indem sic uns wieder mit der Erde verbinden.“ ־— Jetzt hingegen tiefen jüdische Arbeiter aus den Dörfern zum städtisehen Leben über, und diese Abwanderung (also nicht bloß die zu geringe Zahl der Zertifikate), sei mitschuldig am Wachstum der fremden Arbeit. Gcrccliterwcise ist zu berücksichtigen, daß diese Sorge auch eine Folge der jüngsten Entwicklung kt Das Aufbau land ist gleichzeitig ein Zuflucht stand geworden. Die Städte entwickeln sich sprunghaft, Flüchtlinge, die keine ans freiem Entschluß nach Palästina strebende Pioniere, aber für die städtischen Berufe des Handels, der Industrie, der Gewerbe gut qualifizierte Einwanderer sind, haben ihre Arbeitsfreude, ihre Fähigkeiten, ihre materiellen Mittel für sich und für das Land genutzt, haben in den Städten soviel Arbeit«- mnglichkeitcn geschaffen, daß nicht nur die ankommenden Arbeitsuchenden in diesen Städten festgehaiten, sondern auch Arbeitende• aus dem Hinterland, unserem Bauernland, hergeholt, licrgclockt werden. Und bei dem gegenwärtigen Stand des Palästina-Werkes giW cs natürlich im werdenden Nationnlhcim viele taugliche, meist sogar dringliche und keinesfalls verächtliche Formen der Betätigung arbeitender Menschen in den Städten. Dem Einwanderer, der in Tel-Awiw eine Garage eröffnet oder Sportartikel vertreibt, in Haifa Handlungsgehilfe oder Vorsichmutgsngcnt wird, in Jerusalem Strümpfe verkauft oder Oeschaftsbücher revidiert, ist bestimmt kein Vorwurf zu machen. 1 .Ab״ ״ocb gestern — es war doch erst gestern, als man in den Emek kam oder nach Obercatil? — war ״Palästinawanderung noch gleichbedeutend mit Umschichtung zu einem jiidirchtn Menschentum, das mit dem Boden verwächat; nt. meist!־,, 112fr! 1 das Ocffnci! der Scholle, die Arbeit auf der Erde, das Leben mit dem Halm, das Warten des Viehs — das war der Quell der Erneuerung, Erziehung einer Generation von Bauern und Pflanzern, die wichtigste Voraussetzung für die Schaffung des Nationalheinis. Die ״Prosperity״, das Gliiek der Prosperity, ist ein Hemmschuh dieser ״Landnahme" Im besten Wortsinn geworden (schon \v> de fruchttragender Boden in Baugrund verwandelt) und schicksalhaft wird die Frage, wie man den Primat der B o d e 11 a r b c i t, des PflanzerUims ii b e r der städtischen (natürlich wichtigen) Siedlung, des landsüssigcn, erdverbundenen arbeitenden jüdischen Menschentums über dem Industricproldariat, Biiromcnschentum, Ochilfcntum des Handels und Gewerbes sichcrstellt. Als jüngst wieder in einer Diskussion, cs war in Luxembürg, diese Frage von einem Chain z aufgeworfen wurde — war ich sehr betroffen. Demi diejenigen, welche auf landwirtschaftlicher Hachscliarah sind, — die dürfen nicht fra« gen; sie, sie allein haben die Möglichkeit, diese Frage zu beantworten. Keiner der ״kompetenten Faktoren“ vermag es. Nicht die Mandatarmaclit, nicht die Jcwish Agcncv, nicht der Zionistenkongreß, nicht die Staatsmänner, nicht die Parteiführer aller Schattierungen vermögen cs, nicht Weizmann und nicht jabotinsky, nicht Bin Gorion und nicht Rabbi Berlin. Und schon gar nklit Partcktrill oder Führerauftrag. Das vermag nur der Wille der Jugend. Wenn cs die ersten hundert jüdischen Jünglinge und Mädchen wollen, nicht auf Grund eines Gnippenbcsclihisses oder eines beweg* ten Aufrufes oder gar einer ״Resolution“, sondern weil jeder und jede für sich die Verantwortung tragt, stumm, entschlossen, und handelt, dann ist Bialiks letzte Sorge verscheucht. Man liest, wieviel Bauarbeiter, ungelernte und qualifizierte Fabrik- Arbeiter, Setzer. Bäcker, Näherinnen, Putzmacherinnen jetzt in Tel-Awiw, Haifa, Jerusalem sofort Beschäftigung fänden? Käme für uns niemals in Frage, auch wenn wir Fachleutc sind. Wir rüsten uns für das Land, wir gehen nur auls Land. Keine־ Propaganda dafür, keine Propaganda gegen die andern, die in die Stadt gehen werden (und gut daran tun), mir heiliger persönlicher Entschluß aus Verantwortung. Wenn erst wieder den ersten Scharen dieser Wille zur Erde aus den Augen leuchtet, wenn sic erst wieder von diesem Erdhungcr besessen sind — ja, man wagt es nicht, die Hoffnung ausziisprcchcn — dann könnten sic vielleicht sogar den Parteihader in wunderbar starkem Maße abbauen helfen. Res venit ad Marios. Ott» Abele• gelernt haben. Die Mehrzahl hat nicht die Unbedcnklicfikf. und den Mut, fehlerhaft zu sprechen und daraus zu ץזוחזן' In den Städten und den größeren Kolonien fehlen 0ft 4, Milienbcdin/jiingm. Die Olim untereinander sprechen mek׳ deutsch, und auch die älteren Palästinenser bedienen siel! Irl Gespräche mit neuen Immigranten des Deutschen. 11arj' folgt, daß die neue Alijah ein hebräisches Milieu suchen «r1j mit aller Energie hebräisch sprechen muß. Man darf <j(. Prozeß der H e b r a i s i c r u 11 g n i c h t vertagen!(; wird immer schwerer durchführbar, je lange» man ihn hinim schiebt. Aber noch etwas anderes ergibt sieh daraus; <jl? hebräischen Kurse, die ungeheuer wichtig sind, und deren Bedeutung ich keinesfalls verringern will,!genügen nicht. Man muß sieh nach Protagonisten Hinschauen, <1! e! zu lauge dauern würde, bis durch Unterricht allein ein erfreuliebes Resultat zu erreichen wäre. Die Straße, da» Mßjc1j Theater. Versammlungen und Vorträge usw־. müssen als *ich! h'gc Faktoren hcrniigczogcn werden. Das Ohr soll vjc| IU(_ nehmen. Und gerade das unbeabsichtigte Lernen, der Wissens, erwerb nhnc Plan ist wertvoll. Was die Literatur betrifft, so gellt cs weniger um Literaturgeschichte und Anthologien — die beide nicht entbehrlich sind — als um Einblick in die klassischen Werke, die den Regriff ,,nationale Literatur״ konstituiere!, F.s wird getingen, der Sprache und ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wenn ihre Entwicklung auf Grund von Qucllcnlektüre erkannt wird. Das Programm erweitert sich also zusehends, aber wir haben keine andere Wahl, Wenn wir wirklich 1111s geistig cinbtirgern wollen, können wir uns nicht mit wenig begnügen. Will jemand ernstlich hier Heim.it finden, so muß er das Joch des Studiums wie ein religiöses Gebot aut sich nehmen. Studium bedeutet aber in diesen! Zusammenhang« nicht: wissenschaftliche Forschung. Sind unter den neuen Einum• derern Menschen, deren Streben so weit geht, so ist es gewiß gut. Aber unser allgemeines Programm auf dem Gebiete der Kulturarbeit richtet sich auf ein anderes Ziel: wir wollen wissende Juden hcranbilden, nicht gelehrte. Die Lernmethode ist Angelegenheit der Fachmänner. Ich beschränke mich hier auf wenige Winke. Wichtig ist es, in kleinen Zirkeln zu lerne״ und die Gruppierung nach Vorkenntnissen und Fähigkeiten (das ist nicht dasselbe) vom!• nehmen. Bedeutsam ist das Sprechen, die Konversation. Aber keinesfalls darf Lesen und Schreiben (Aufsatz) vernachlässigt werden. Auch in diesen beiden Denkweisen muß sich der Lernende vervollkommnen. Erst der Zusammenhang aller Wege des Ausdrucks und der Rezeption des Sprachlichen gewährt Herrschaft. Ich will noch auf einen didaktisch ganj• baren Weg hinweisen: bei einer deutschen Rede soll Jedenfalls, ani Schluß ein Resümee in hebräischer Sprache erfolgen, Di der Inhalt schon vorher gegeben ist, so wird das Sprachliche leichter cingchcn. Noch besser wäre es, abschnittweise de» Vortrag deutsch lind hebräisch zu halten. Fs darf nicht iihersehen werden, daß Menschen, deren Erziehung eng mit der Gegenwart und der Moderne ver* blinden ist, zum Leben Ercz Israels nur Zugang finden, wenn für sic eine Annäherung an das W erden im Lande, an 1lc!t Prozeß der Gestaltung möglich sein wird. Sic werden in das Lehen unseres Landes nur durch das Tor des neuen Lebens cinzichcn können. Das bedeutet keinesfalls, daß nun unsere reiche geistige Erbschaft vernachlässigen darf. Nur wäre cs mehr als naiv von Menschen, die bis vor kuizcm ganz im modernen Lehenskreis standen und ihren Schwer■ punkt im Aktuellen hatten, zu fordern, daß sie von Stund an alles Bisherige vergessen und in eine Welt cintaiiclicn sollen, die ganz unaktuell ist, deren Wesen im Ucberzeitliclicn wurzelt. Zu den konkreten Fragen gehört das Problem des Lese• stoffs. Was sollen neue Immigranten lesen? Die Mehrrrnl lebt geistig von der Presse und der schönen Lite* ratur mit ihren Ausläufern. Die Zeitung und Belletristik werden auch liier ihre Bedeutung bewahren. Wir stehen nun hier dem Phänomen gegenüber, daß die meisten Olim an der fremden, nichthcbräfschcn Presse und schönen Literatur testhalten. Man sage mir nicht, daß sic mit dem Geschehen und der Schöpfung in Europa in Kontakt bleiben lind ihre Kenn(• nissc ergänzen wollen, ir!1 übrigen aber das hebräische wo» auch im Druck bevorzugen. Das ist durchaus ein Irrtum. IW fremdsprachige Lektüre vervollständigt nicht <lic hebräische, sondern ersetzt sic, verdrängt sie. Der Kreis der Nt־״ cingcw,änderten, die täglich eine hebräische Zeitung lesen, •״ sehr klein. Selbst Menschen mit einigen Vorkeiintnisseii1 ••״ Hebräischen gestehen, daß die hebräische ZcitungslcKture schwer und zeitraubend ist. Die Anhänglichkeit an die ausländische Presse wird ■"•י״ zuweilen sachlich begründet. Tatsächlich sind die Imsn:״׳ Zeitungen weltpolitisch noch nicht auf der wünschenswert«• Höhe, Der Nachrichtendienst vervollkommnet sieh aber יי™ auch die einschlägigen Artikel halten eine ansteigende Tendenz. Die Zeitungen, die in ihren guten Rcpräsentantn'•™ sich durch Verantwortungsgefühl leiten lassen und dcsj zuverlässig sind, eignen sich vorzüglich als Material u™ Unterlage für Lektüre und Diskussionen in kleinen Arbe«• Gemeinschaften. Sic bringen viel Aktuelles, das Anziehung■ kraft ausübt. aber doch bieten sie auch Anspruchsvolleres, ך den Geist des Lesers nicht mir für den Augenblick fessc״• Ls wird dahin kommen, daß die mit Ausdauer 11נ Hebräische Ringenden schließlich die hebräische Zeitung •יי derselben Gewandtheit lesen werden wie ehemals die euro־ päischc. . , Sicherlich muß die hebräische Bildung besser futu»1״ werden, und die Vertrautheit mit der Presse reicht ebenso• wenig aus wie früher. Dem Immigranten fällt aber Trennung von der fremdsprachigen Literatur eben!״ schwer wie von der Presse. Die umfangreichen Bände Romanlitcratur begleiten ihn bis hierher. Man braucht ף’ Chauvinist zu sein, wenn man es für notwendig erachtet, w einige Zeit sich von der fremdsprachigen Belletristik 10»־״ sagen (das gilt natürlich nur, bis der Einwanderer das l•« bräische beherrscht, und gilt nicht fiir Menschen, die guten hebräischen Kenntnissen herkommen). Wiederum wem« sachliche Gründe geltend gemacht Sür die Treue 1ur ««"־ hebräischen Produktion: cs fehle der hebräischen Lite״!״' am großen Roman (ebenso wie am Drama). Tatsache fehlt unseren Autoren jener weite Atem. Die Stärke uns:(« Dichter liegt in der Lyrik und Novcliistik. Der Roman >» aber schließlich nicht die einzige und endgültige Form «״« die epische Breite vieler Autoren kein letztes Ideal: ««« deckt oft nur die Leere der Gedanken, oder die Kraftlos•#«« der Handlung. Novelle und Essay in der neuen bebrai*«״

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