Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 68 (24.8.1934)
- Date
- 1934-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 68- 24.1934 ■ז1רג JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 u 1׳ t :;t i 1!e *. >1t ]״!.<! i ,!ז I ׳-, 0. i, t 4:• i. :1 u. II t! 10י n f. tur Jv>r- »!111 I! ils Vl.t. tt h t f h f Cf n< *.;er |!!cn war;m• fllltg |mv, fi־״r• . Kr- (iicn Herr ■vor• Her Irnig liliur Mei•׳ Inner die aber Ihers «H'IIS I inv fi «•״ , tV’s t lut 111.1 h Vlc |v h'a iS™» bc• ו ein «iche . bei $scn« •הוו | die Jude den (11 ßc• |i$- ,eiien, viele;ibcri,, vor* die X «a I in of׳c< irfe. zun» ׳׳pas Wunder auf dem $i w׳ie cs ein Engländer von heute sieht Wer von clciiiseiii-n Juden jm Laufe des verflossenen ahics einmal in Loiulo״ war - mul ״ihre Zahl ist LegionI“, jjjrcii die englischen Juden der ging sicht rlicl» zuerst zu dcm grollen Ilause in Wolmrii Place, wo freundliche!dciisclii'ii den rallosen Ankömmlingen ,mit hilfsbereiten Wcijungen bei/udehen nicht müde wurden; oder er stellte sieh in dcr drc.it litis seil Street ,ein, wo dicht neben dem Britischen ,Museum, der Schat/k;immer der Jahrhunderte, die zionistischen freunde ihr Zelt aufgosclilageii haben. Dann aber — sofern jhm cige»« Schicksal mul eigene Not noch einen Gedanken übrig heb - enimerte er sieh mit hoher Wahrscheinlichkeit (einer eigeiu'ii gebildeten Lrzielumg ,und wanderte aus tler 1(\i in die I wigkeit; iiebenau im lhi11 sehen Museum lagern (ich die I*ar< 11 cHon-Sk 11 lpturen, die .ewig schönen Tauschwc• stcrn, liiihcku 111 niert um alles Leid des kleinen Linzehneiiscbcn. Und nicht weit davon winkt die National Gallery, die viele besuchten, nicht nur, weil sie so herrlich am Trafalgar Square!;egt, sondern auch, weil sie dem Fremden den lebendigsten fiinlrm'k von der Kunst des Landes vermittelt, das ihn so fjdfreiitidlich aufnahm. Dort aber wartete seiner ein sonderbares Lrlehnis. Oder ist es nicht sonderbar, wenn nun dort, im Vorraum des stattlichen (iebaiides, der Besucher geradezu eingcladeu wird, die gesamte neueste englische Literatur und ihre Vcrtretet und Vertreterinnen mit Füßen zu treten?! — Dies ist des Rätsels Lösung; Seit neuester Zeit hat min da« Treppen• |1ans - vielmehr die Treppen selbst, oder die Plattform (fikhcii der linieren und der oberen Treppenhälfte — mit einem Mosaik-Gemälde geschmückt, über das 111111 ein jeder Itinwcgdcigeit 11111I5, der zum Obergeschoß will. Das Gemälde stellt eine״ imieiiglischeii Parnaß dar, einen Musenhof, dem ein bchränzlcr Jüngling, etwa ctu neuer Apoll, als Anführer bcigcscllt ist. Alle die Gestalten aber, die um die Tafel herum• siurti oder aufgesprungen sind, geben, wie man hörte, in portratm.iBigcr Genauigkeit die Ziige der modernen eng- Ihclicn Dichter mul Dichterinnen wieder. Dort finden wir Virginia Woolf und ihre Freundin Victoria Sackville-Wcst; timl der Apoll und Anführer der ganzen Weihe ist niemand iiulcrs als t) s 11 c r t Sit w c 11, der berühmte Dichter und Essayist, der mit seinen beiden Geschwistern Edith und Sachcvcrcll Sitwell nicht bloß ein ein vier ältesten Geschlechter des Landes entstammt, sondern unter der neuen Jugend eine Zfitlang mit solcher ansteckenden Begeisterung begrüßt wurde, daß man in gewissen Kreisen geradezu vom ״Sitwcllismtis“ sprach — einer ähnlichen Strömung, wie sic in der deutschen Vergangenheit etwa der junge Kicliendorff mit seiner Parole ,Krieg den Philistern!“ verkörperte, (iewiß mag mancher englische Philister dort in der National Gallery mit einer gc«isscn Rachsucht den bekränzten Dichter mit Fußtritten icgalicren -- aber er steht doch immer wieder aufrecht! Welche Kraft des Spottes und des Ernstes in Osbcrt Sitwell steckt, das zeigt uns ein eben erschienenes Buch, das in der verdienstvollen Albatrofl-Bibliothek auch hier in Deutschland leicht zugänglich ist und schon seines Stoffes »egen gerade bei uns Juden besondere Beachtung verdient. ״M i r a c I c on Sinai“ heißt cs (The Albatross, Hainbürg) mul erzählt die merkwürdige Geschichte, wie eine Karawane moderner Luvusrciscnclcr, die in dem prunkvollen Aaron Palace Hotel am Fuße des Dschebel Musa, des alten Sinai, eingekehrt sind, einen Ausflug auf die Spitze des immer von Wolken umhüllten Berges machen und dort... ja, was? erleben: eine Vision? einen Traum? eine Massensuggestion? — Hier ist die Grenze -- in englischen Büchern oft zu spüren, etwa hei Wnlpole und anderen — wo die spöttische Wirklich• Icilssehildcrung der einzelnen Personen, die sich in den ersten Kapiteln gar nicht genug tun kann an satirischen Seiten• blicken auf das heutige Kultur- oder Un-Kiilturleben des eng• tischen Großbiirgcrs, mit einem Male ins Geheimnis niiüiclet. — Unter den Ilöchst verschieden gearteten Mitgliedern dieser ümisk.irawane befindet sich neben dem Zeitungskönig und dem Bischof, dein Soldaten und dem Professor auch ein Jude, Sir Lcvy Lolivgo, mit seiner Tochter Poppv und seinem Sohne, den er ans Begeisterung iiir englische Vergangenheit einst Stuart nannte, der sich aber jetzt russischen Gedankengangen ganz versehriehen hat. Der junge Salonbolsehewist geht sogar so weit, daß er ... zwar nicht auf die Dienste eines Kammerdieners, der ihn auf der Reise begleitet, verzichtet, aber diesen Getreuen doch wenigstens ״Genosse1‘ nennt und (ich ebenso von ihm nennen lallt. Dieser ״große alte Pliilanthrop״, wie ihn die Zeitungen in Schlagzeilen nennen, ist ״un durchaus nicht etwa mit einer Gloriole umgeben; im Gegenteil, alle seine kleinen Eitelkeiten und Widerwärtigleiten — die wir aus dem Bilde des assimilierten Juden in tilcr Welt kennen — werden mit aller Genauigkeit und nicht fl>c;1 mit nachsichtigem Griffel verzeichnet. Und die übliche Ratlosigkeit dem Bilde des modernen Juden gegenüber, slic so oft hei Freund und Feind fanden und die vielleicht einen erheblichen Anteil an der Fremdheit unserer Mitbürger w allen Staaten hat, zeigt sich auch hier. ״Er besaß viele jüdische Freunde“, sagt sich der junge Journalist, der offen- Iw manche Züge des Dichters selbst trägt, ״die er liebte und bewunderte; Menschen, die ein großes Talent zur Lebensfreude W eine fast exotische Liebe zu Kunst und geistiger Unter• ״altimg mit einer gewissen merkwürdigen Herbheit vereinig• י'"•" - Aber ״Sir Lcvy“, den die Witzblätter verspotten, gehört nicht zu diesen Juden; und auf der Suche nach der Lösunfr dieses Kätse1s kommt Sitwell zu ganz absonderlichen ‘0!gerungen: ״Aber Sir Levy gehörte nicht zu dieser Mensehenklassc ""d schien im Addieren wie im Innern aus ganz anderem Blut stammen. Ob sich in ihm etwa der Typus gewisser Ahnen 'fiKörpcrte, die ursprünglich zu den zahlreichen kanaanitischcn , ölkerschaftcn gehörten, die von den Israeliten, als sie sich *ח den Kopf setzten, das Heilige Land zu erobern, erst bczwurigcn, dann bekehrt und endlich aufgesaugt wurden —?'״ Jcbusitcrii, Anunoniterii, Kanaanitern (die, wie er ge* ™יז hatte, durch ihre Widerwärtigkeit berüchtigt waren), ■Jethitern oder Pcrisitern ... und er also in Wirklichkeit dnem ga״z andern Volksstamme angehörtc? Oder kam es vielmehr daher, daß die Hebräer als Rasse **niger dazu. ncjgcn, einen Durchschnittstyp zu '״'wickeln, sondern viel eher geneigt sind, ensch en zu erzeugen, die entweder 1'י höher oder viel tiefer stehen als die Urch$cl1nittsbürger in andern Völkern? 1״?äs wHirdc auf der einen Seite die Vorliebe der höheren ״oividuen für Philosophie, Religion und Wissenschaft erklären, Wr* Hingabe an die Pflicht und ihr völliges Vergessen aller weltlichen Berechnungen; und auf der anderen Seite würde cs auch »len absoluten Materialismus solcher Erscheinungen wie Sir Levy verständlich machen.“ Dhnc auf die ein wenig kühnc historische Konstruktion der ersten Annahme Sitwells näher ciuztigchen — es scheint ihm selbst nicht recht ernst damit, und er hat sieh diese Brücke vvolil mir gebaut, um den ihm offenbar am Herzen liegenden zweiten Ieil seiner Judentums־Ansichten vorzutragen — sei doch darauf hingewiesen, daß die von ihm Im Vorübergehen geäußerten Eindrücke von jüdischem Wesen In dieser Zeit sich merkwürdig nahe mit den oft vorgetragenen Anschauungen eines so tiefen Beobachters und Sehers wie Martin Bu her berühren. Was Bulicr einmal die ״Polarität des ׳ jüdischen Volkscliurakters“ nannte, das hat kürzlich noch auf .׳üulemu Gebiete Hugo Rosentlial In einer Studie über den »Jypeiigegensatz in der jüdischen Rcligionsgcscliicbte" auch liMoriscli-hihehvisseiischaftUch durchzuführen gesucht (in dem kürzlich hier gewürdigten Sanimdband von C. O, Jung ,,Wirklichkeit der Seele"); der ״Extravertierte“, dessen ganzes Sinnen auf die Objekte gerichtet ist, stellt dort dem ״liurovertierten“ gegenüber, dessen Schwerpunkt in der Innenwelt liegt. Jakob mul Esati stellen die klassische Formulierung dieses uralten Gegensatzes ׳lar ,., freilich ist’s ein langer Weg ... nicht nur ״nach Tipperary“, somlem von Sir Lcvy Lolivgo mul seinen Reisegenossen auf dem Sinai zu diesen uralten Rätseln jüdischen Volkswesens. Lin Weg immerhin, den auch Sitwell seihst, wie cs scheint, eine Zeitlang gegangen ist ... Als die Karawane ihr berühmtes Picknick auf dem Sinai veranstaltet, vors dem wir oben sprachen, da — hier beginnt der Schalk auf einmal die Maske ahziinelmicn, etwa wie aus dein törichten Narren in ״Was Ihr wollt'* allmählich der weise Narr aus ״Wie cs Huch gefällt“ geworden ist. — Die Wolke steigt und steigt, bis sie den Gipfel des Berges ganz cingchiillt hat. Und plötzlich ist der alte Jude, Sir Lcvy, verschwunden. Man sucht ihn überall — ist er in die Kapelle oder in die Moschee gegangen? Nirgends eine Spur von ihm. Nur ein kleiner Junge, 11 er sich bis jetzt einer altjüngferlichen Erzichcrin nicht erwehren konnte, ruft plötzlich, er habe ihn in die Wolke hincingchen sehen; ״ja, und da sprach er mit jemandem in einer komischen Sprache ,, .״ Endlich kommt tler Vermißte wieder; seltsam verändert. ״Er steht ja in llaminen!“ ruft tler kleine Junge «us ״Sein Gesichtsatisdruck war völlig verändert — ■und in seiner neuen Haitung erinnerte er an einen Priester ... Außerdem sprach er plötzlich strahlend in einer Sprache, die keines von seinen Kindern verstehen konnte; und er sprach sic wie seine Mutterspräche, all sein Lispeln und Schnüffeln war verschwunden, eine fremde Würde und Höhe umgab ihn Die eigene Tochter wagt sich flicht in seine Nähe, die Rcisegenosscn suchen taktvoll und verlegen die seltsame Krankheit des Zuriickgekchrten schweigend zu vertuschen. Ja — und er selhsl weiß nach kurzer Zeit nicht mehr, was mit ihm geschah; das alte Lispeln und Schnüffeln kehrt zurück. ״Nichts, nichts hab’ ich gesehenI“ beteuerte er auf erschreckte fragen. Der verwandelte Königssohn aus der ״Prinzessin Sabbatli“ ist, wie cs scheint, wieder zum ״Hund“ geworden ... * Was hinterher noch mit der Atisflugsgcscllsehnft auf dem Sinai geschieht, «las bewegt sich auf der schmalen Grenze zwischen Satire und Vision. — Iin ganzen merklich eilttäuschend, weil man das ״heilige Original“ nicht vergessen kann. Donner und Blitze und Erdbeben; ja — und zwei neue Tafeln, auf «lenen jeder das liest, was ihm gerade paßt; der eine liest ״Satety first!“ — Sicherheit zuerst! Der andere ״Buy british!“ — Kauft nur britische Waren! — Aber als der Zcifungskönig, tler auch eine Zeile der neuen Zelm Ge- Bote gelesen hat, die Tafeln holen lassen will, da ... sind sie verschwunden. Und ein erbitterter Streit entsteht um ihren Inhalt, den jeder sich auf seine Weise auslegt. Man streitet, inan rauft sich, mau geht mit de» Fäusten aufeinander los. Aber den Streit tler Abendländer entscheidet auf seine Weise der Araber in seinem grünen Turban — ein moderner Sheriff, «ler Galsworthy liest und nach Vichy zur Kur gellt. Auch er hat die Tafeln gesehen; und ״Allah ist Gott, 111111 Mohaiiimal sein Prophet!" stand tlarnuf. Und well sie die ״Nazarener“ zerstört haben, müssen sie ihm büßen: «lic Männer haben die Wahl zwischen Tod und Islam; die Damen — allesamt Töchter von Hündinnen — werden in seinen! Harem verschwinden. — Nur der Jmle hat ein Einzclschicksal: ihm kann man diese Milde nicht erweisen, ihm ist die Wahl nicht frelgestcllt — er wird zum Tode geführt. Und eine Auktion in London bringt große Summen für die hinterlassencn Briefe der Opfer des ״Aaron Palace Hotel". Nun — diese Mortiiners starben ihrem Dichter sehr gelegen, scheint es. Und auch der Leser scheidet ohne viel Be- «lauern von dieser buntscheckigen Gesellschaft, «Ile offenbar ihrem Autor zulelzt ein wenig über den Kopf gewachsen ist ... Aber uns bleibt die Erinnerung an viel funkelnde Klugheit des Autors; und an einen tiefen Blick eines zufälligen Beobachters in die Seele eines Juden von heute. Dr. Bertha Badt-Strauß. Deutsche Talmud ״Ausgabe Der Jüdische Verlag, Berlin W 50, ersucht uns um Abdruck nachstehender Mitteilung: I) i c vollständige deutsche T a 1111 u d « U e b c r s c t z u n g von Lazarus Goldschmidt, die der jüdische Verlag, Berlin, trotz der für ein Werk dieses Umfangs bestehenden Schwierigkeiten unter großen Opfern weiter fortsetzt, ist bereits bis zum 0. Band gediehen. Das Werk umfaßt 12 Bände mit einem Umfang von 800—1000 Seiten pro Baud. Der vor kurzem erschienene Q. Band enthält den 2. Teil des Traktats Synhcilrin, ferner die Traktate Makkoth, Sehebuoth, Edijoth, Aboila Sara, Abotli und Horajoth. Der 10. Band gelangt noch im Spätherbst 1014 zur Ausgabe, Die beiden Sciilußhämlc erscheinen 1035. Damit wäre das seit über hundert Jahren immer wic-dcr in Angriff genommene, aber noch niemals erreichte Ziel einer vollständigen Talmud-lieber• tragung in eine andere Sprache verwirklicht. Um so bedcutsamer ist die Leistung des Oebcrsctzers Lazarus Gold• schmidt, der die Uebertragung allein durchgeführt hat. Der Verlag gibt dieses Monmnentalwerk ohne fremde Hilfe, insbesondere ohne Subventionierung, heraus. Der Subskrip* tionspreis des Werkes,, von dem Einzelhandel nicht abgegeben werden können, beträgt bis zu seinem Abschluß 18 M. pro Band in Ganzleinen und 22,50 M. pro Band in Halbledcr. Er wird später voraussichtlich erhöht werden müssen. Aus der Haftarah für Sonnabend, den 25. August 1934 Wie ein verlassenes Weib, ein geisfverhärmtes, ruft ER di dt zurück: Dos Weib der Jugendliebe, konns denn verworfen werden? spricht dein Gott, Eine kleine Regung lang höbe ich dich verlassen, ober in groftem Erbarmen hole ich dich wieder ein; ' als der Groll übcrschwoll verbarg ich mein Antlitz eine Regung lang vor dir, ׳ aber in Weltzeit-Huld erbarme ich mich nun dein, spricht dein Auslöser, ER. JcsiJtajahu 54, 6—8 (Ucbenctzung Bubcr• Rosenzweig) Paul Natorp Zum 10. Todestage (17. August) Von Dr. Hugo Bergmann, Jerusalem Paul Natorps an dieser Stelle zu gedenken, ist Pflicht der Dankbarkeit und Liebe. Nicht nur weil Natorp ein treu ergebener Freund und Schüler des größten Philosophen war, den «las Judentum in dieser Zeit hervorgebracht hat, Hermann Co 11 cns, mit dem zusammen er in Marburg gewirkt und «ler Marburgcr Schule vorgesfamlcii hat; somlem auch und vor allem deswegen, weil seine eigene Philosophie in der innigen Verbindung von Idealismus und Praxis die Mitte und Vereinigung zweier Extreme suchte, um deren Vereinigung auch das heutige Judentum ringt. Die große Umwälzung, welche heute durch das Judentum geht, ist die Säkulari* sicrting, die Hinwendung zum Saeetilum, zum irdischen!.eben; sic bedeutet für uns die große Gefahr, «laß wir in dieser Wendung uns selbst verlieren, unser eigenes inneres Wesen. Viele Zeichen gerade in Palästina, wo die Säkularisicrimg sich am entschiedensten vollzieht, sprechen davon, wie ernst diese Gefahr ist. Natorp suchte sein Leben lang jene Mitte, die uns zu finden aufgegeben ist: zwischen «lern ewigen Prozeß, dem ficri und agerc, wie er zu sagen liebte, und «ler Rübe und Ocsnnunclthcit; zwischen den beiden Tendenzen im Leben des Menschen, der ״Objektivierung“ und der ,,Suhjektivicrnng“: der einen Tendenz, die ins Lehen hinausstiiriut und schafft (in beiden Bedeutungen des Wortes); Welten aufhaut, sei cs nun Gegenstände der Wissenschaft oilcr Recht und Staat oder Werke «ler Kunst — und der andern Tendenz, die zur Welt «ler Natur, der Sitte, der Kunst die Gegenseite darstellt, die cntwcltlichte Innen- Wendung auf das Subjekt, «las Bewußtsein, dein jene entsprungen sind. Zwischen diesen beiden Tendenzen suchte Natorp die Mitte zu finden, und er glaubte, sic in seinem letzten posthumen Werke gefunden zu haben. Was Natorp suchte, war die Befreiung vom Getriebe des Lebens. Er wußte: mir Religion könne diese Befreiung geben. Aber wie? Hatte nicht seine eigene und seines Fretmdes Cohen Philosophie gerade dies gelehrt, «laß die Welt ewiges Werden, ewiges Leben ist, unaufhörliches Schaffen, das zu keiner Ruhe kommen k a n n, weil jede Antwort immer wieder zur Frage wird, jede Lösung zum neuen Problcm? Daß Vernunft als theoretische, als praktische, als poictische, als Vernunft «ler Wissenschaft, des Handelns, des freien Schaffens, ihren Gcgenxtaml nicht mir nie erschöpft, sondern bestandbafter Wahrheit auch gar nicht näher kommt, daß vielmehr der Umkreis nicht erkannter Wahrheit, nicht erfüllter Forderung, nicht verwirklichter Schöpfung sich nur ewig erweitert, der Widerstreit, den wir im engen Kreise vielleicht auszuscliließen vermochten, im Umkreis nicht etwa weniger, sondern immer mehr wird und mir um so herber unser spotte(; dal) die offenbare Harmonie immer wieder in offenbaren Widerstreit zuriiekfallt? Wie soll es die Erlösung geben, wie sollen wir aus der Endlichkeit austreten können? Das furchtbare Rad des Ixiou, «ler Menschheit, dreht sich immer weiter, von Geburt zu Tod, von Tod zu neuer Geburt. Wo gibt es da einen Ausweg, «len Religion gewähren könnte? iN'alorp glaubt dennoch, in seinem letzten Buche, den Ausweg gefunden zu haben: gerade indem wir dieses Nimtner-Enilen lies Immcr-Eiitlens erkennen, erheben wir uns über den unendlichen Kreislauf. Indem wir erkennen, daß der Wider- Spruch die Welt ohne Ende immer weiter treibt, indem wir mutig das Schicksal des Endlichen bejahen, verschwindet auf einmal der Widerspruch. Er gehört dem Teile an, wir aber bejahen jetzt «las Ganze. In der reinen, totalen Bcjahung finden wir uns selbst dem Widerspruch entzogen und gewinnen damit «lic letzte Blickeiiistelhuig, für die alles zuvor Bejahte, Endliche sich verneint, alles Verneinte seinen Ja-Sinn zurückerhält. Alles Relative mul Zeitliche wird jetzt gerade in seinem Sterben ein Stuck Offenbarung des Unendliehen, das, eben weil es unendlich ist, sich nur in endloser Zeugung und Vernichtung alles Endlichen offenbaren kann. Di« Wahrheit ist so jenseits aber Spaltungen in ihrem Frieden, jenseits alles Werks in ihrer Ruhe, und vermag so doch gerade allen Spaltungen, allem Werk nicht bloß sein volles Recht zu lassen, sondern es ewig aus sich Herausstellen, um cs ewig in sich znriickzunehnien. ״Und so sind nicht wir der Welt, wohl aber die Welt 1ms wicdcrgcschcnkt, erlöst, geheiligt, freigegeben zu unerschöpflich neuer, immer reicherer Schöpfung“. Das ist der letzte, der echte Tod: der Tod des Todes selbst. Es ist interessant, unter dem Gesichtspunkte ihrer Ein- Stellung zur Religion die beiden Freunde, Cohen und Natorp, zu vergleichen. Bei beiden gelangte in ihren letzten Lebensjahren die religiöse Grundtendenz zur Alleinherrschaft. Cassi* r«r erzählt in seinem Nachruf auf Natorp, wie sich in den älteren Schülern Natorps ״so manches Bedenken geregt hat“, wenn sie seiner letzten Entwicklung zu folgen suchten.' In t. /